Religionsverfolgung unter den Seleukiden

Religionsverfolgung unter dem Seleukiden Antiochus IV. Epiphanes

Unter des Seleukus Bruder und Nachfolger (1), dem stolzen und grausamen Antiochus IV, Epiphanes (2), 176 bis 163 v. Chr., ging es weit schlimmer. Simon hatte noch bei Seleukus neue Verleumdungen gegen den Hohenpriester Onias vorgebracht, obwohl dieser kein anderes Interesse als das des Gesetzes des Herrn kannte und rastlos auf das Wohl des Volkes bedacht war (2. Makk. 4). Onias hatte es für notwendig gehalten, sich persönlich beim König zu verantworten. Unterdessen war aber Seleukus gestorben, und Antiochus übertrug das Hohepriestertum dem Jason (3), Bruder des Onias; denn Jason hatte ihm 60 Talente Silbers mehr an Abgaben und 80 Talente aus andern Einkünften, dazu noch 150 Talente (4) für Einführung heidnischer Sitten und Spiele geboten. Onias konnte nun nicht mehr ohne Lebensgefahr nach Jerusalem zurückkehren und blieb zu Daphne, einer Freistätte in der Nähe von Antiochia. Jason aber wurde bald danach von einem gewissen Menelaus verdrängt, der ihn für das Hohepriesteramt um 300 Talente überbot. Wohl wissend, daß Onias der rechtmäßige, beim Volk ungemein beleibte Hohepriester sei und ihm als solcher gefährlich werden könne, ließ er ihn in seiner Freistätte durch einen gedungenen Meuchelmörder aus dem Wege räumen (5). Überdies ließ er durch seinen Bruder den Tempel bestehlen und beging, durch den König geschützt, jede Art von Bosheit.

Das alles war jedoch nur ein Vorspiel des Elendes. Antiochus unternahm seinen zweiten Feldzug nach Ägypten (6). Während desselben sah man in Jerusalem 40 Tage lang Schrecken erregende Erscheinungen in der Luft: Reitermassen, die mit Speeren aufeinander losgingen, eine Menge Gepanzerter mit gezückten Schwertern und Streitern jeder Art. Alles betete, daß diese Erscheinungen etwas Gute bedeuten möchten (7); aber es kam anders. Denn als sich das falsche Gerücht verbreitete, Antiochus sei gestorben, brach Jason, der sich zu den Ammonitern geflüchtet hatte, mit 1000 Mann in die Stadt ein, um seinen Gegner Menelaus zu vertreiben, und mordete schonungslos unter seinen Mitbürgern, ward jedoch zuletzt wieder hinaus geschlagen. Er flüchtete sich wieder ins Land der Ammoniter. Zuletzt setzte ihn Aretas, Herrscher der Araber, ins Gefängnis, um ihn zu töten. Dann flüchtig von Stadt zu Stadt, gehasst von allen als Abtrünniger von den Gesetzen und verabscheut als Verräter des Vaterlandes und der Mitbürger, ward er nach Ägyptenausgeworfen. Er, der viele aus ihrem Vaterland verbannt hatte, starb außerhalb desselben, da er zu den Lazedämoniern gereist war, um daselbst wegen ihrer Verwandtschaft eine Zufluchtsstätte zu erhalten.

Indessen deutete der misstrauische König jenen Vorfall in Jerusalem so, als wollten die Juden von ihm abfallen, kam wutentbrannt aus Ägypten herbei und nahm die Stadt mit gewaffneter Hand. Da entstand ein gräßliches Gemetzel. Die Soldaten machten auf des Königs Befehl alles nieder, was ihnen in den Weg kam: Jünglinge, Greise, Weiber und Kinder; 40000 Menschen wurden in drei Tagen gemordet und ebenso viele in die Sklaverei verkauft. Antiochus selbst drang, von Menelaus geleitet, in den Tempel ein und beraubte ihn seiner heiligen Gefäße des kostbaren Vorhangs vor dem allerheiligsten und der sonstigen Kostbarkeiten (8). Mit diesem Übermaß von Gottlosigkeit und Grausamkeit noch nicht zufrieden, sandte der Wüterich nach zwei Jahren in einem Wutanfall den Feldherrn Apollonius mit 22000 Mann nach Jerusalem. Dieser heuchelte in den ersten Tagen friedliche Gesinnungen, fiel aber am Sabbat über die wehrlosen und nichts Arges ahnenden Einwohner her, richtete ein fruchtbares Blutbad unter ihnen an und sengte und raubte (1. Makk. 1, 33ff). Er ließ dann, um der syrischen Zwingherrschaft einen bleibenden Stützpunkt zu geben, die Stadt Davids (Sion) mit einer starken Mauer und festen Türmen umgeben und legte eine Besatzung hinein. Da flohen die Einwohner Jerusalems; die Stadt ward eine Wohnung für Fremde, das Heiligtum verödete, und alle Festtage und religiösen Gebräuche im öffentlichen Leben hörten auf.

Die bisherigen Verfolgungen waren unter dem Vorwand geschehen, daß die Juden nur auf Empörung sännen. Bald trat aber ihr eigentlicher Charakter, das Hass gegen die jüdische Religion, hervor (9). Von dem Wahn ergriffen, daß nur diejenigen gute Untertanen seien, die mit dem Regenten äußerlich dieselbe Religion bekennten, gebot Antiochus allen Bewohnern seines Reiches, insbesondere aber den Juden, griechische Religion und Sitten anzunehmen (1. Makk. 1, 43ff; 2. Makk. 1, 33ff). Auf seinen Befehl wurden überall, wo sich Juden befanden, die Gesetzbücher Gottes zerrissen und verbrannt; ja er verbot bei Todesstrafe die Beobachtung des Gesetzes. Im Jahre 167 v. Chr. ließ er den Tempel des Herrn zum Dienst des Zeus, des obersten aller griechischen Götter, einweihen, auf dem Altar ein Götzenbild aufstellen und in allen Städten Judäas Götzenaltäre errichten. Seine Abgesandten zwangen die Juden mit Gewalt, den Götzen zu opfern und gegen das Gesetz Schweinefleisch zu essen. Viele gehorchten aus sündhafter Furcht; viele nahmen auch aus freiem Antrieb an den Schwelgereien und noch gräulicheren Dingen teil, die im Heiligtum des Herrn verübt wurden. Viele andere jedoch blieben standhaft und wollten lieber sterben, als das heilige Gesetz Gottes übertreten.

Das Martyrium des Eleazar

Unter diesen war auch ein ehrwürdiger Greis von 90 Jahren, namens Eleazar, einer der angesehensten Schriftgelehrten. Diesem sperrten sie mit Gewalt den Mund auf, um ihn zum Essen von Schweinefleisch zu zwingen. Er aber wollte lieber rühmlich sterben, als mit Schande leben, und ging daher freiwillig zur Marter.

Die Umstehenden wurden aus Freundschaft zu verkehrtem Mitleid bewegt, nahmen ihn einen Augenblick beiseite und sagten, sie wollten Fleisch bringen lassen, das er essen dürfe; er möge sich nur so stellen, als esse er Schweinefleisch, damit er mit dem Leben davon komme. Eleazar aber erwiderte: „Es steht meinem Alter nicht an, zu heucheln, so daß viele der Jüngeren, in der Meinung, der neunzigjährige Eleazar sei zum Heidentum übergegangen, um meiner Heuchelei und der kurzen Zeit eines vergänglichen Lebens willen auch verführt würden, und ich so einen gräulichen Schandfleck auf mein Alter brächte. Und wenn ich auch jetzt der Marter der Menschen entginge, so kann ich doch der Hand des Allmächtigen weder lebendig noch tot entfliehen. Darum will ich für die teuersten und heiligsten Gesetze starkmütig eines ehrenvollen Todes sterben. So werde ich meines Alters würdig erscheinen und den Jünglingen ein Beispiel der Standhaftigkeit hinterlassen.“ Nach diesen Worten ward er alsbald zur Marter hingeschleppt. Als er nun unter grausamen Martern dem Tod nahe war, seufzte er und sprach: „Herr, du weißt, daß ich diese Schmerzen gern ertrage, weil ich dich fürchte.“ So schied er aus dem Leben und hinterließ durch seinen Tod allen ein herrliches Beispiel des Heldenmutes und der Standhaftigkeit.

Anmerkungen:

(1) Er hatte kein Recht auf den Thron, sondern riss denselben durch List und Bestechung an sich, indem er bewirkte, daß Demetrius, der Sohn seines Bruders Seleukus IV., als Geisel in Rom zurückbehalten wurde.
(2) D. h. der Erlauchte; selbst der heidnische Geschichtsschreiber Polybius (um 150 v. Chr.) nennt ihn Epimanes, d. i. der Rasende. Zur Geschichte der makkabäischen Freiheitskämpfe vgl. Weiß, Judas Makkabäus, ein Lebensbild aus den letzten großen Tagen des israelitischen Volkes, Freiburg 1897.
(3) Er heiß eigentlich Jesus (Josue), hatte aber den ähnlich lautenden griechischen Namen Jason angenommen.
(4) Das attische Silbertalent zu 4680 Mark; die Summe betrug also gegen 1 ½ Millionen Mark.
(5) Dies geschah 170 v. Chr. Und ohne Wissen des Königs durch Andronikus, den Antiochus nach seinem ersten Krieg gegen Ägypten (171) für die Zeit seines Feldzugs gegen Cilicien als Statthalter über Syrien gesetzt hatte. Der Sohn des Onias flüchtete sich nach Ägypten.
(6) 2. Makk. 5; derselbe fällt ins Jahr 169 v. Chr.
(7) Ähnliche Erscheinungen gingen dem Untergang Jerusalems durch die Römer vorher (Josephus, Jüd. Krieg 7, 12), und noch viel schrecklichere werden der Ankunft des Herrn zum Gericht vorher gehen. (Vgl. Mt. 24, 29ff). Sie sollen die Menschen warnen und zur Buße mahnen.
(8) Selbst die goldene und silberne Bekleidung der Wände und Säulen riss er ab; der Raub betrug 1800 Talente, fast 8 ½ Millionen Mark. Der geraubte Vorhang ist wohl derselbe, den Epiphanes als Weihegeschenk für Zeus nach Olympia in Griechenland schickte. Es sich sich nicht, wie vorher, ein wunderbarer Schutz Gottes, weil unterdessen das Volk vielfach durch Teilnahme an den heidnischen Sitten den Zorn Gottes auf sich herab gerufen hatte. (Vgl. 2. Makk. 5, 8ff).
Siehe auch Herders Kommentar: Gräuel der Verwüstung im Alten Bund unter Antiochus Epiphanes
(9) Es war nach dem dritten siegreichen Feldzug des Antiochus gegen Ägypten, 168 v. Chr., der durch das Dazwischentreten der Römer damit endete, daß Antiochus alle Eroberungen herausgeben musste; voll Wut kehrte dieser nach Syrien zurück. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 1032 – S. 1034

Category: Altertum, Schuster
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