Die Bedeutung der Opferung Isaaks

Abraham will auf Geheiß Gottes seinen Sohn Isaak opfern, aber ein Engel hält ihn zurück

Bedeutung der Opferung Isaaks

Es kann gar keine Rede davon sein, daß in dieser Erzählung etwa eine Erinnerung an Kinderopfer durchschimmere, welche die Hebräer einst mit den andern Semiten und den Kaanitern gemeinsam gehabt haben sollen. Dafür läßt sich keine Spur eines Beweises beibringen. (1) Wohl aber hat die Glaubensprobe Abrahams und die Erzählung davon den Zweck, eine Belehrung darüber zu geben, daß Gott nicht das Opfer von Menschen (Kindern) nach Art der Heiden, sondern das Opfer des Herzens verlange; die fromme, gläubige Gesinnung, nicht der Gegenstand, macht den Wert des Opfers aus. Außerdem veranschaulicht sie die Idee, daß das Tieropfer den Menschen vertritt, dem Opfer also symbolischer Charakter inne wohnt. Diese Idee liegt dem Sühnopfer der ganzen alten Welt zu Grunde, ist aber für die Geschichte der Offenbarung, für die Vorbereitung auf die Erlösung von besonderer Wichtigkeit und wird deshalb durch ein tief ins Herz und Leben des Stammvaters eingreifendes Faktum dargestellt und unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben.

Dem modernen Einwand, wie denn Gott überhaupt ein solches aller Heiligkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Humanität Hohn sprechendes Opfer auch nur zur Prüfung verlangen und Abraham glauben konnte, Gott verlange es wirklich, wird durch folgende Erwägung die Spitze abgebrochen: Abraham befand sich in kanaanitischer Umgebung und kannte den kanaanitischen Gebrauch von Menschenopfern (Kindern, Erstgeborenen), der in die älteste historische Zeit hinauf ragt. Die Prüfung bestand also darin, daß Gott etwas zu verlangen schien, was in der Abraham umgebenden Welt nichts Unerhörtes war, wenn es auch als ein großes Opfer erschien, doppelt groß, wo es sich um den einzigen Sohn und Erben der göttlichen Verheißung handelte. Es ist, als ob Gott von Abraham etwas noch Schwereres verlangte, als was die Kanaaniter ihren Göttern gegenüber (bei besonderen Gelegenheiten) zu tun pflegten, indem sie das Liebste, Kostbarste (ein Kind, den Erstgeborenen) opferten.

Abrahams Glaube bestand die Prüfung: er zögerte nicht, wenn Gott es verlangte, sein Liebstes, Einziges zu opfern, wankte aber auch nicht im Glauben an die Verheißung; er erhielt dafür die Erneuerung der Verheißung und die Lehre, daß Gott nicht Menschenopfer, sondern gläubige Hingabe, Gehorsam verlangt. Die Betrachtung des geschichtlichen Milieus vermittelt also das psychologische Verständnis der Versuchung und Bewährung Abrahams. Die Erzählung selbst ist ein „Meisterwerk psychologischer Schilderung“. (2)

Der Glaubensgehorsam Abrahams ist heldenmütig, bewunderungswürdig und vorbildlich. Abraham hoffte erst auf den kommenden Erlöser und war dennoch aus Ehrfurcht und Liebe gegen Gott bis zum schwersten Opfer gehorsam. Zu dir hat sich Gottes Sohn vom Himmel herab gelassen, hat sich in einem Übermaß von Liebe für dich in den Tod dahin gegeben, um dich von Sünde, Tod und Hölle zu erlösen und um dir unzählige Gnaden und das ewige Leben zuzuwenden. Wei erzeigst du deine Liebe? Mit welchen Opfern besiegelst du deinen Gehorsam? Bist du aufrichtig bereit, wenigstens jene böse Neigung und Lust, die dir als Liebling ins Herz gewachsen ist, Gott auf dem Altar der Entsagung zu schlachten?

Isaak ist das leuchtendste Vorbild des Opfers Jesu Christi. Obwohl Isaak der „eingeborene“, innigst geliebte Sohn seines Vaters ist, so schont doch dieser seiner nicht, sobald er den Befehl Gottes vernimmt. So hat Gott „seines eingeborenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“. (3) Isaak trägt selbst das Holz, auf dem er geopfert werden soll, gehorsam und schweigend den Berg Moria hinan. Christus schleppt „gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuz“ (4), „wie ein Lamm, das seinen Mund nicht auftut“, das Kreuzesholz auf eine Höhe desselben Berges. Isaak ließ sich willig binden und auf den Holzstoß legen. Christus „ward geopfert, weil er selbst wollte“ (5), und ließ sich an das Kreuzesholz heften. –

Isaak war indes ein bloßes Vorbild; „als solches erhielt Abraham ihn wieder zurück“ (6); an seiner Statt bietet Gott selbst dem Abraham einen Widder dar. Das Opfer Christi dagegen kommt zur vollkommenen Ausführung; von Gott selbst für uns alle dargegeben, vergießt Christus sein kostbares Blut zur vollkommenen Genugtuung für unsere Sünden. Isaak war aber auch ein Vorbild der Auferstehung Christi von den Toten. Denn wenn er auch nicht, wie Christus, wirklich starb, so war er doch von seinem Vater zum Tode hingegeben und diesem, gemäß seiner zuversichtlichen Hoffnung, wie von en Toten erweckt, zurück gestellt.

Anmerkungen:

(1) Die bei den Nachbarn der Israeliten üblichen, mit dem Götzendienst manchmal importierten Kinderopfer bekämpften das Gesetz und die Propheten als ärgsten heidnischen Gräuel. Wenn Neuere die Erzählung als einen Protest gegen den bis in die Königszeit andauernden und durch das Beispiel der Heiden genährten Wahn, daß Gott die tatsächliche Opferung der Erstgeborenen fordere oder daß ein solches Opfer bei ihm unfehlbar wirksam sei, wenn es in der höchsten Not dargebracht werde (vgl. 4. Kg. 3, 27; 16, 3; 21, 6; Mich. 6, 7), betrachten, so liegt darin etwas Wahres. Falsch ist jedoch die Annahme, die Erzählung sei erst aus dieser Tendenz erwachsen und gebe nicht eine Tatsache aus dem Leben Abrahams wieder.
(2) Gunkel, Genesis 209.
(3) Röm. 8, 32.
(4) Phil. 2, 8.
(5) Is. 53, 7.
(6) Hebr. 11, 19. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 314 – S. 315

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