Pantheismus und das Dogma der Schöpfung

Der Pantheismus führt zur Vermengung des Endlichen und des Unendlichen

Teil 1

Der Pantheismus und das Dogma der Schöpfung

Gott ist das notwendige Prinzip alles Bestehenden; nichts ist, außer durch ihn; Alles ist von ihm; und dennoch ist nichts Gott außer Gott selbst; daher in der Einheit aller Wesen ein notwendiger Dualismus; eine Seite, die sie mit Gott verbindet, und eine Seite, die sie von Gott unterscheidet.

Dieses Geheimnis, welchem wir in der Wurzel eines jeden geschaffenen Daseins begegnen, ist die Grundlage aller Geheimnisse und der Ausgangspunkt aller großen Verirrungen des menschlichen Geistes außerhalb des katholischen Glaubens.
Denn wo er die Ursache der endlichen Wesen in ihrer notwendigen Quelle, dem unendlichen Wesen, sucht, da wird er, weil für ihn die Idee des unendlichen Wesens die Idee des Wesens überhaupt erschöpft, dahin geführt, außer Gott keine andere Realität zu begreifen und als vorhanden anzuerkennen; das Zufällige, das Wandelbare scheint ihm eine bloße Form, ein Phantom; er gelangt zum idealistischen Pantheismus.

Hingegen, wenn er die Erscheinung des Daseins durch die wandelbaren Zustände desselben zu erklären sucht, so verliert er das notwendige Prinzip aus dem Auge: Gott entgeht ihm; er leugnet ihn, und gelangt zum Naturalismus, aus dem er gewöhnlich in den materialistischen Pantheismus zurück fällt.

Der Pantheismus oder der Naturalismus, das im Unendlichen verschwindende Endlich oder das im Endlichen verschwindende Unendliche, das ist das unvermeidliche doppelte Ziel der Forschungen des menschlichen Geistes, wenn er außerhalb der offenbarten Wahrheit von dem Geheimnisse des Daseins sich irgend Rechenschaft geben will.

Auch sehen wir den Pantheismus alle nicht durch die Offenbarung erleuchteten Religionen einnehmen, sei es vor dem Christentum oder nachher, im ganzen alten Orient unter der mystischen und idealistischen Gestalt, im ganzen alten Okzident unter der philosophischen und mythologischen Gestalt, dann seit dem Christentum unter der dogmatischen Gestalt in allen, nach einander ausgebrochenen Häresien. Die Kirche allein in der neuen Zeit und die Synagoge, was ebenfalls nur die Kirche ist, in der alten zeit, die mosaischen Überlieferung, durch das Christentum erfüllt und durch die katholische Überlieferung fort geführt, haben die Lösung des Rätsels allein empfangen und allein bewahrt, das Geheimnis der absoluten Unterscheidung und zugleich der innigen Vereinigung des Unendlichen und des Endlichen, des Übernatürlichen und des Natürlichen, des Göttlichen und des Menschlichen, ohne welche nur Stagnation oder Verwirrung, nur Vernichtung oder chaotische Zerrüttung in den menschlichen Gesellschaften möglich ist.

Das Dogma der Schöpfung

Das große Dogma der Schöpfung beherrscht zunächst die ganze mosaische Tradition, und dieses Dogma bildet die unübersteigliche Scheidewand zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen dem Ewigen und dem Entstandenen, zwischen dem Wesen, welches „der ist, der ist“, und den aus dem Nichts hervor gerufenen Wesen, die nicht sind, sondern existieren (existent). „Im Anfang schuf Gott aus Nichts den Himmel und die Erde.“

Das ist das Hauptdogma, welches eine Kluft, das Nichts, zwischen das Wesen und die Wesen setzt, und welches, indem es das Wesen jenseits stellt vor allen Anfang, jede Vermischung desselben mit uns unmöglich macht.
Auch sind alle Religionen und alle Philosophien des Altertums von der Uroffenbarung nur abgewichen und in den Pantheismus verfallen, indem sie die Kenntnis des Dogmas von der Schöpfung verloren; und in unserer Zeit ist es wiederum die Verneinung dieses Dogmas, welche den Ausgangspunkt aller rationalistischen Systeme bildet.

In dem jüdischen Volke war die Kenntnis dieses großen Dogmas durch die geheiligte Überlieferung fest und sicher gewahrt, und vorzüglich durch die Einsetzung des Sabbat und des Sabbatjahres, deren Verpflichtungen und Begünstigungen in der Seele dieser Nation das Andenken der Schöpfung mit dem Gefühl ihrer hohen Bedeutung hervor riefen und wach erhielten. Die Unterweisung in diesem Dogma war die Grundlage und der Ausgangspunkt der religiösen Bildung dieses Volkes; und bis in die letzten Zeiten finden wir ein rührendes Beispiel davon in den Ermahnungen, mit welchen die heldenmütige Mutter der Machabäer ihre zarten Kinder zu dem Märtyrertode ermutigte. „Der Schöpfer der Welt, so sagte sie zu einem der Söhne, der den Menschen bei seiner Erzeugung bildet, und Urheber des Entstehens aller Dinge ist; der wird euch Geist und Leben nach seiner Barmherzigkeit auch wieder geben, wie ihr jetzt euch selbst hingebt, um seines Gesetzes willen.“ – „Mein Sohn, so sprach sie zu dem jüngsten, dem siebenten, der zum Märtyrertod geführt wurde, ich bitte dich, Kind, aufzuschauen und zu erkennen, daß Gott dieses und das menschliche Geschlecht aus Nichts gemacht.“ – (Mach. II, 17)

Diese Unterscheidung zwischen dem Wesen und den Wesen, zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen, entspringend aus dem Dogma der Schöpfung, erneuerte sich in allen Verhältnissen Gottes zu seinem Volke. Dieses fortwährende Zwiegespräch, dieser ununterbrochene Zwist, wenn ich so sagen darf, in den Handlungen wie in den Worten, diese große Persönlichkeit Gottes, welcher lehrt, welcher ermahnt, welcher droht, welcher verzeiht, welcher züchtigt, welcher rettet, welcher nur durch die Freiheit, die er achtet, sein Volk bewegt und führt, und nur durch seine Verantwortlichkeit, welche er immer wach hält, und nur durch seine Persönlichkeit, die er immer hinein zieht: das sind die wirksamsten irgend erdenkbaren Schutzmittel gegen den Pantheismus und Fatalismus. Die Allmacht Gottes und die Freiheit des menschen stehen sich in der jüdischen Religion immerfort, wie zwei Parteien, gegenüber, im Gegensatz zu allen anderen Völkern, wo das Verhängnis und das Dogma des unvermeidlichen Schicksals auf dem menschlichen Dasein lasteten, alle sittliche Willens-Freiheit lähmten, und alle Laster und alle Verbrechen rechtfertigten.

Aber das ist nur eine Seite der Sache. Die Vereinigung des Unendlichen mit dem Endlichen ist nicht minder wichtig, als ihre Unterscheidung, und gerade in dem Einklang dieser Vereinigung und dieser Unterscheidung leidet gewöhnlich die menschliche Vernunft Schiffbruch. Und sie wird unvermeidlich da hinein gezogen. Das Unendliche zieht uns unwillkürlich an. Wir sind dergestalt für Gott geschaffen, daß, wenn wir uns ihm nicht vereinigen können, wir an ihm uns zu Grunde richten; und das sicherste Mittel uns an ihm zu Grunde zu richten, ist der Versuch, uns von ihm abzulösen, weil diese Absonderung uns auf unsere eigene Schwäche zurück führt, welche den Schwindel unserer Größe nicht erträgt. Es gibt nur ein Mittel, uns vor der Macht des Unendlichen zu retten, die Annahme ihrer Hilfe gegen sie selbst; und das ist die Sache de wahren Religion, in welcher der Unendliche uns die Hand reicht, um uns mehr und mehr mit sich zu vereinigen, ohne uns dabei jemals fallen zu lassen.

Fürwahr in dieser Religion allein ist die Vereinigung und die Unterscheidung des Endlichen und des Unendlichen vollkommen gewahrt, und die eine durch die andere gewahrt, die eine in der anderen; denn es wäre keine Einigung möglich ohne Unterscheidung, und die Unterscheidung findet in der Einigung selber statt. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 237 – S. 241

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