Das Dekret „Lamentabili sane exitu“

Das Dekret „Lamentabili sane exitu“ -Übersicht

A. 3 Juli 1907 erging der Erlass der heiligen römischen und allgemeinen Inquisition: Lamentabili sane exitu, heute meist bekannt unter dem Namen: „Der neue Syllabus“ oder „Der Syllabus Pius X.“

Die einleitenden Worte lauten in deutscher Übersetzung: „Ein beklagenswertes Verhängnis ist es fürwahr, daß unsere Zeit, jedes Zügels überdrüssig, in ihrem Streben nach den Höhen der Erkenntnis nicht selten in einer Weise dem Neuen nachjagt, daß sie mit Preisgabe dessen, was als Geisteserbe der Menschheit zu betrachten ist, in die schwersten Irrtümer hinein gerät. Solche Irrtümer müssen aber um so verderblicher sein, wenn es sich um die heiligen Wissenschaften handelt, um die Auslegung der Heiligen Schrift, um die Hauptgeheimnisse des Glaubens. Da ist es überaus betrübend, daß es auch unter den Katholiken nicht wenige Schriftsteller gibt, welche mit Überschreitung der von den Vätern und von der Kirche selbst gezogenen Grenzlinien unter dem Scheine eines tieferen Verständnisses und unter dem Vorwand einer historischen Auffassung einen solchen Fortschritt der Glaubensdogmen suche, der in Wirklichkeit deren Untergrabung gleich kommt.“

„Damit nun Irrtümer dieser Art, wie sie tagtäglich unter den Gläubigen ausgestreut werden, nicht in den Geistern Wurzel fassen und die Reinheit des Glaubens verfälschen, hat Seine Heiligkeit unser Heiliger Vater Papst Pius X. bestimmt, daß durch das Tribunal der heiligen römischen und allgemeinen Inquisition die hauptsächlichsten derselben verzeichnet und verurteilt würden.“

Durch das Motu proprio „Praestantia scripturae sacrae“ vom 18. November 1907 (Acta Sanctae Sedis XL 723-726) machte Pius X. das Dekret des Heiligen Offiziums Lamentabili sane exitu zu dem seinen, und zwar um der Verwegenheit jener Modernisten entgegen zu treten, welche ebenso wohl dem genannten Dekret wie der Enzyklika Pascendi „durch Sophismen und Kunstgriffe aller Art Kraft und Wirksamkeit zu nehmen suchten.“ Dann heißt es: „Mit Unserer apostolischen Autorität wiederholen und bekräftigen wir sowohl jenes Dekret jener höchsten Kongregationen als dieses Unser Rundschreiben und fügen die Strafe der Exkommunikation gegen jene bei, die ihnen widersprechen, und erklären und bestimmen, daß wenn jemand, was Gott verhüten möge, in seiner Verwegenheit so weit geht, daß er irgend einen aus den Sätzen, Meinungen, Lehren verteidigt, die in einem der beiden oben genannten Dokumente verworfen werden, ipso facto von der Zensur betroffen werde, welche im Kapitel Docentes der Konstitution Apostolicae sedis verhängt wird und welche die erste unter den Excommunicationes latae sententiae Romano Pontifici simpliciter reservatae ist.“

Die 65 Sätze, welche als verworfen und verboten zu betrachten sind, lassen sich leicht in folgende Einzelgruppen scheiden:

1. Die Sätze 1-8 richten sich gegen das kirchliche Lehramt und die Verbindlichkeit seiner Lehrentscheidungen. Sie gehen aus von der freieren und fortschrittlichen Bibelkritik und suchen der Wissenschaft eine Unabhängigkeit und Superiorität gegenüber der kirchlichen Lehrautorität zu vindizieren.

2. Satz 9-19 bieten ein klares, scharf umgrenztes Bild der neuen Theorie über die Heilige Schrift: Die göttliche Urheberschaft der heiligen Schriften wird rundweg in Abrede gestellt, die Inspiration entwertet und vernichtet, die Irrtumslosigkeit geleugnet, gegen die Evangelisten sogar mit Strauß der Vorwurf erhoben, sie hätten bewusster Weise die Tatsachen alteriert und umgestaltet, um die Welt zu bekehren.

3. Satz 20-26 bilden eine kurze Zusammenfassung der neuen Religions-Philosophie, welche die Begriffe von Offenbarung, Glaube und Dogma ummodelt, bis sie ihres ganzen Inhaltes entleert sind. Die Offenbarung ist dieser Theorie keine übernatürliche, göttliche Tat mehr, sondern rein natürliche Entwicklungssstufe in der religiösen Erkenntnis der Menschheit; der Glaube stützt sich auf bloße Probabilitäten; die Dogmen haben bloß einen gewissen praktischen Wert.

4. Satz 27-38 umfassen die modernistische Lehre über Christus (speziell die Christologie von Loisy). Sie leugnet, gestützt auf jene freie und fortgeschrittene Bibelkritik, daß die kirchliche Lehre über Christus in den geschichtlichen Dokumenten begründet sei. Ihr ist die Gottheit Christi eine Erfindung späterer Generationen; der historische Christus steht weit unter dem Bild, das der Glaube von ihm geschaffen, er hatte kein übernatürliches Wissen, er lehrte Irrtümer, die glorreiche Auferstehung ist geschichtlich nicht beglaubigt, die kirchliche Lehre von der stellvertretenden Sühnekraft des Opfertodes Christi ist paulinische Entdeckung.

5. Satz 39-51 erzählen uns, wie nach der neuen Theorie die Sakramente entstanden sind. Diese Theorie läßt einen Luther und Calvin weit hinter sich: Christus hat kein einziges Sakrament eingesetzt, nicht einmal die Taufe und den Abendmahls-Ritus. Alles leere Erinnerungszeichen, von der Kirche geschaffen.

Es erübrigte dem Modernismus noch, mit der Kirche aufzuräumen. Er hat dies versucht in den Sätzen 52-65. Doch können wir hier eine doppelte Gruppe unterscheiden, deren erste sich mit der Kirche überhaupt, die zweite mit ihrer Lehre beschäftigt.

6. Satz 52-56 zeigen uns die neue Theorie von der Kirche und ihrer Entstehung. Der Gedanke, eine Kirche zu gründen, die als Gesellschaft Jahrhunderte auf der Erde dauern sollte, lag dem Geist Christi fern. Die Kirche ist wie die menschliche Gesellschaft steter Entwicklung unterworfen, Dogmen, Hierarchie und Sakramente entstehen durch Entwicklung; das Papsttum verdankt seine Entstehung politischen Umständen.

7. Satz 57-65 skizzieren in stetem Gegensatz zur kirchlichen Doktrin von der Unwandelbarkeit der Glaubenslehre das Programm eines absoluten und unbegrenzten Evolutionismus: Es gibt keine absolute und unwandelbare Wahrheit; es gibt keinen festen Lehrgehalt, der von Christus herrührte; die christliche Lehre, die Anschauungen über die biblische Lehre, der Gehalt des apostolischen Symbolums, alles hat sich tatsächlich geändert; die behauptete Unwandelbarkeit der Lehre trägt die Schuld am Sinken des evangelischen Ideals. Daher müssen entweder alle Hauptpunkte des katholischen Glaubens einer gründlichen Revision unterzogen werden, oder, was besser ist, die Kirche soll einem dogmenlosen Christentum zustimmen.

Mit Recht schrieb der verstorbene P. Eugène Portalié in den Études CXII 411 am Schluss eines Überblicks über den neuen Syllabus die Worte: Im Kampf „zwischen der neuen Schule und dem überlieferten Katholizismus handelt es sich also nicht mehr, wie mehrere sich einbildeten, um Fortschritt in der Schriftforschung, um subtilere Fragen der Exegese oder der Geschichte. Es handelt sich um die Grundlage des ganzen Katholizismus, des ganzen Christentums, man kann sagen aller Religion“.

In den genannten Gruppen von irrigen Sätzen ragen drei Grundgedanken über alle andern Irrtümer empor: die Geringschätzung der kirchlichen Lehrautorität, ja vollständige Leugnung derselben, stolze Selbstüberhebung einer sich souverän und unfehlbar dünkenden Wissenschaft, endlich der Versuch, den naturalistischen Evolutionismus konsequent auf dem Gebiet des katholischen Glaubens durchzuführen. –
aus: Julius Beßmer SJ, Philosophie und Theologie des Modernismus, 1912, S. 104 – S. 108

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