Pantheismus führt zur Zerstörung des Rechts

Der Pantheismus führt zur Vermengung des Endlichen und des Unendlichen

Teil 3

Der Pantheismus führt zur Zerstörung des Rechts

Abermals sehen wir hier eine Lösung der großen Aufgabe in Betreff des Verhältnisses des unendlichen Wesens zu den endlichen Wesen, worin der eigentliche Charakter der Religion liegt. Außerhalb der wahren Religion sehen wir im Altertum, wie in den neueren Zeiten, immer, überall, die Religionen, wie die Philosophien diese Lösung vollständig verfehlen, und unabwendbar entweder in den idealistischen Pantheismus auslaufen, in die Verschlingung des Endlichen durch das Unendliche, oder in den materialistischen Pantheismus, in die Verschlingung des Unendlichen durch das Endliche. Der nähere Nachweis würde uns zu weit führen; wir wollen nur einerseits auf die Völker Indiens hinweisen, welche in dem Brahmanismus unbeweglich fest sitzen und gleichsam nieder hucken, der sie in der Natur und der Menschheit nur Formen, Phantome, nur Träume des einzigen Wesens sehen läßt, von dem sie emanieren und zu dem sie zurück kehren, ohne mit irgend einer sie von ihm unterscheidenden Wirklichkeit begabt zu sein; ein Wahn, welcher allen diesen Völkern den Ausdruck des Schlafes und des Traumes gibt; – und andererseits wollen wir nur auf die alten Völker der griechisch-römischen Welt hinblicken, welche einer glänzenden, mächtigen Tätigkeit hingegeben sind, aber jählings in die gräulichste Verderbnis gestürzt werden durch die Vergötterung der Natur und aller menschlichen Leidenschaften und aller tierischen Neigungen, da nach dem Glauben dieser Völker die Natur und die Menschheit durch eben so viele Gottheiten und Schicksals-Mächte beherrscht wurde, wie es heillose Verführungen und böser Begierden gibt. (*)

(*) Es verhielt sich mit den Philosophien wie mit den Religionen; der Pantheismus bildete die Grundlage, weil alle ohne Ausnahme von der Ewigkeit der Materie ausgingen, mithin von der Einheit des Wesens. Die meisten bildeten sich sogar zu einem absoluten Pantheismus aus, wie die Schulen des Pythagoras, des lokrischen Timaeus, des Xenophanes, des Parmenides, des Zeno von Elis und des Stoikers Zeno.

Das Christentum kam und befreite die Welt von diesem doppelten Gräuel, zog sie hervor aus diesen beiden Abgründen, zwischen beiden die Bahn der Sittigung brechend, eine Bahn, welche, wie wir sehen werden, alle diejenigen, die mit der Kirche brachen, verlassen haben, um in die alten Irrtümer zurückzufallen. Es hat uns gerettet aus dem idealistischen Pantheismus des Orients, wo Gott Alles war, wo alle menschliche Tätigkeit in dem unendlichen Wesen unterging, und aus dem materialistischen Pantheismus des Okzidents, wo Alles Gott war, wo das unendliche Wesen in der menschlichen Tätigkeit unterging, und unsere Laster vergöttert wurden.

Man begreift demnach, daß dasjenige, was wir vorzugsweise als die religiöse Aufgabe betrachtet haben, zu gleicher Zeit als die soziale Aufgabe erscheint, ja als die allgemeine Aufgabe aller Wesen, und daß mithin die Lösung dieser Aufgabe auf Alles Anwendung findet. Indem es die Aufgabe des Daseins in Jesus Christus löst, löst das Dogma der Inkarnation dieselbe für die Gesamtheit aller Wesen. Jesus Christus, als das Wort, vertritt ganz Gott, ganz das Unendliche; als Mensch vertritt er die ganze Schöpfung, das ganze Endliche: er ist die Summe desselben, weil er die Summe der Menschheit ist, die wiederum die Summe der ganzen geschaffenen Natur ist. In ihm also vereinigt sich Alles, um sich in dem bewunderungswürdigsten Verhältnis der Unterscheidung und der Vereinigung in Einklang zu setzen. Auch zweifle ich nicht, daß die Formel der Inkarnation sich auf die Wissenschaft von der gesamten Schöpfung anwenden lasse, und zu einer desto tieferen Kenntnis ihrer Gesetze führen werde. Für uns genügt es, sie auf die Wissenschaft der Zivilisation und zur Lösung der sozialen Frage anzuwenden.

Da nun das Dogma der Inkarnation die einzige Lösung der ohne Vermischung bewirkten Vereinigung des Unendlichen und des Endlichen ist, und da jede andere Lösung zur Trennung oder zur Vermischung des Unendlichen und des Endlichen, zum Naturalismus oder zum Pantheismus, führt: so läßt sich leicht beweisen, daß das christliche Dogma der Inkarnation das höchste soziale Dogma ist.

In der Tat kann das Endliche unmöglich sich selbst genügen; das Unendliche, welches ihm das Dasein gegeben, kann allein ihm dasselbe erhalten, entwickeln, begrenzen und dem Ziel seiner Bestimmung zuführen, welches kein anderes sein kann, als das Unendliche selbst; hierin zeigt sich uns ein erstes Gesetz, welches allgemein durch jenen religiösen Instinkt bezeugt wird, der das menschliche Geschlecht auszeichnet, und ohne dessen Befriedigung dasselbe weder sittlich, noch gesellschaftlich bestehen kann. Das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen ist also eine Notwendigkeit, und der Naturalismus ist eine soziale Unmöglichkeit. (**) –

(**) Wir sprechen nicht von einer absoluten Notwendigkeit, und haben nur den Zustand im Auge, wie Gott die Welt geschaffen, und Christus sie regeneriert hat.

Wenn wir nun in diesem notwendigen Verhältnis des Endlichen zu dem Unendlichen nicht die in der Vereinigung selbst fortdauernde strenge Sonderung wahren, so scheitert unsere Freiheit, welche die Triebfeder unserer Tätigkeit und unserer Vervollkommnung ist; wir werden durch das notwendige Verhängnis verschlungen oder gefesselt, so daß wir nicht umhin können, es zu erfüllen; mit der Freiheit verschwindet die Verantwortlichkeit, und mit beiden die Unterscheidung der sie begrenzenden Gegensätze des Guten und des Bösen, mithin auch der Zivilisation, welche dieFrucht der Freiheit ist.

Wir wollen diese Untersuchung auf ein mehr praktisches Gebiet ausdehnen.
Die ganze menschliche Gesellschaft ruht auf dem Recht und auf der Pflicht, und entwickelt sich durch das Spiel ihrer Beziehungen.

Der Pantheismus führt zur Zerstörung des Rechts

Nun aber, der Pantheismus führt zur Zerstörung des Rechts, – zur Zerstörung der Pflicht, – zum scheußlichen Umsturz der Bedingungen einer jeden Gesellschaft.

Der Pantheismus führt zur Zerstörung des Rechts. – Indem er jede Unterscheidung zwischen dem Übernatürlichen und dem natürlichen verwischt, verwischt er auch jede Unterscheidung in dem Natürlichen selbst. Der Pantheismus ist nur ein Kommunismus zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, der um so mehr einen Kommunismus zwischen allem Endlichen herbei führen muss. Die großen Persönlichkeiten Gottes und der Menschheit haben sich in einander aufgelöst; was soll da aus allen anderen untergeordneten Persönlichkeiten, aus allen geringeren und schwachen Individualitäten werden, die uns von einander unterscheiden, und was also aus allen Rechten, die an ihnen haften, auf ihnen ruhen? Wie könnte irgend eine Sache demjenigen angehören, der sich selbst nicht angehört? Der erste unter allen Besitzen ist der Selbstbesitz; und nur, indem wir uns selbst besitzen, können wir von anderem Besitz ergreifen. Alles Recht schwindet also in dem Pantheismus, weil alle Persönlichkeit schwindet.

Ebenso verschwindet die Pflicht, das ist einleuchtend Wenn wir kein eigenes Dasein haben, so haben wir keine eigene Tätigkeit mehr, wir sind verhängnismäßig, was wir sind, oder vielmehr, was das unendliche Wesen uns sein läßt, dessen bloße Träume und Entwicklungen wir sind. Die Übung der Pflicht besteht in jener Bewegung des freien Willens, welche uns vom Bösen abzieht und dem Guten zuleitet. Nun aber, mit dem Pantheismus besteht kein freier Wille, da er gar keinen eigenen Antrieb kennt; mit ihm besteht kein Unterschied, keine Wahl zwischen Gutem und Bösem, weil gar nichts besteht außerhalb der Einheit des Wesens, welches Alles verschlingt, welches Alles hervor bringt, notwendig, verhängnismäßig. Die Pflicht geht in dieser Weise unter mit ihrem Antrieb und ihrem Ziel sie verschwindet in einer allgemeinen Naturnotwendigkeit.

Noch mehr: die allgemein angenommenen Grenzen des Guten und des Bösen sind umgestürzt. Nicht allein gibt es für uns kein Gutes und Böses mehr, wählbar und in sich selbst bestehend, sondern das Böse ist sogar das Gute geworden, und das Gute das Böse. In der Tat ist das Böse uns nur zu natürlich; von Geburt an ist unser Wesen zum Egoismus, zur Trägheit, zur Sinnlichkeit und zu allen daraus entspringenden Leidenschaften geneigt. Nun sagt aber der Pantheismus, daß wir Alles, was wir natürlich sind, notwendig sind, verhängnismäßig, kraft göttlicher Ordnung; es ist dies eben das Wirken, das Leben, die Kundgebung des Wesens. Da der allgemein angenommene Begriff von Pflicht der Natur entgegen geht, also jenen Antrieben des Wesens, so wird er nun ein falscher Begriff; die ganze Organisation der Gesellschaft, auf diesem Begriff ruhend, ist fehlerhaft; die religiösen Glaubenslehren, welche diesen Begriff und diese Organisationen sanktionieren, sind lügenhaft; und da Gott, wie man immer gehört hat, der Urheber und der Ordner des so verfaßten menschlichen Geschlechtes ist, so ist er der große Förderer dieser Unordnung der Natur, und er hat uns nur zu Narren. Mithin muss Alles gerade umgekehrt gegen die jetzige Ordnung neu gemacht werden; die Pflicht, die Gesellschaft, die Religion, Gott, wie man sie immer verstanden hat, dies Alles ist das Übel. Sie umstürzen, um unseren Willen und unsere Verfassung mit unseren Neigungen und unseren Instinkten in Einklang zu setzen, das ist die Pflicht, das ist der Fortschritt, das ist die Vervollkommnung. – Ich übertreibe nichts, ich stelle nichts Paradoxes auf; ich gebe nur die Geschichte; man weiß es nur zu gut, und wir werden es weiter sehen.

Dahin also führt der Pantheismus, die Vermengung des Endlichen und des Unendlichen.

Um diesen Abgrund zu vermeiden, haben wir uns also von dem Unendlichen loszusagen? Sollen wir es liegen lassen, um uns an dem Endlichen zu halten, an den Gesetzen und Bedingungen seines Daseins, wie sie gerade bestehen? Dann fallen wir in einen anderen Abgrund, in den Abgrund des Naturalismus. Das Endliche kann sich des Unendlichen nicht begeben; denn in dem Unendlichen findet es den Grund und das Ziel seines Daseins. Dieses Dasein, des Grundes und des Zieles beraubt, würde alsbald untergehen, und die Gesellschaft wäre aufgelöst. Für die Sittlichkeit und für die Gesellschaft ist der Naturalismus unmöglich. Die Sittlichkeit und die Gesellschaft entnehmen die sämtlichen sie begründenden Prinzipien und die sämtlichen sie bestimmenden Antriebe der Tätigkeit aus den Begriffen des Guten und des Gerechten, und aus der Hingebung an diese beiden Begriffe, welche die beiden Seiten des Unendlichen sind, als Urgesetz und als Endgerechtigkeit. Gott Gesetzgeber, Gott Vergelter, das ist die Grundlage alles Gesetzes und aller Gerechtigkeit; es sind gleichsam die beiden Pole, in welchen die menschlichen Gesellschaften ruhen und umlaufen. Wenn Gott nicht wäre, hat man gesagt, dann müsste er erfunden werden. Ich glaube es wohl; denn wir wären dann auch nicht. Das soziale Dasein unterstellt und bezeugt notwendig das Dasein Gottes und sein Verhältnis zur Gesellschaft. Unsere Beziehung zum Unendlichen abschneiden, das heißt: der Gesellschaft die Lebensluft abschneiden; denn, nach dem schönen und sehr bezeichnenden Ausdruck des heiligen Paulus in seiner Rede an den Areopag, „in Ihm leben wir, in Ihm bewegen wir uns, in Ihm sind wir.“ In ipso vivimus, et movemur, et sumus. Unser sittliches und gesellschaftliches Dasein steigt und sinkt nach Maßgabe unserer Annäherung an das Unendliche, oder unsere Entfernung und unsere völlige Trennung von ihm würde unmittelbar unsere Auflösung und unseren Untergang nach sich ziehen. (***)

(***) Ein schöner Beweis dafür ist Robespierre, der den Glauben an das höchste Wesen in dem Schoß der, wegen Verleugnung desselben sterbenden Gesellschaft zurück ruft, auf die Gefahr hin, selbst das erste Opfer ihrer Wiederbelebung zu sein. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 242 – S. 249

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