Hoch erhebt meine Seele den Herrn Teil 3

Ein mittelalterliches Bild, auf dem Maria und Elisabeth zu sehen sind; Elisabeth trägt eine Art Ordenskleidung, ebenso die Frau, die ganz rechts im Bild zu sehen ist; links ist ein Geistlicher zu sehen, der auf dem Boden kniet; in der Luft sind sechs Engel zu sehen; im Hintergrund sind mittelalterliche Gebäude zu sehen wie z.B. eine Burg

Auslegung des Magnificat

Erster Vers

Lobgesang: Hoch erhebt meine Seele den Herrn

Magnificat anima mea Dominum
Hoch erhebt meine Seele den Herrn. Luk. 1,46

Teil III.

10. Betrachte: indem die seligste Jungfrau Den preisen wollte, welcher sie mit so vielen Gaben reich ausgestattet hatte, konnte sie mit allem Recht sagen: Hoch erhebt meine Seele meinen Sohn; und nichts desto weniger sagte sie: meinen Herrn.

Warum aber dies? Um sich von jedem Schatten eines Eigenlobes fern zu halten. Dies ist die Meinung der Heiligen.

Der Ausdruck: mein Sohn – hätte etwas für sie all zu Ehrenvolles bedeutet; denn sie konnte ihren Sohn nicht nennen, ohne zu gleicher Zeit in Bezug auf sich selbst zu erinnern, daß sie seine Mutter sei. Sie wollte deshalb lieber sagen: meinen Herrn; denn dem Worte Herr konnte kein anderer Name entsprechen und als ihr zukommend gedacht werden, als der Name Magd; weshalb sie auch sprach: „Siehe die Magd des Herrn!“ (Luk. 1, 38)

Dies war aber gerade die Benennung, welche der seligsten Jungfrau mehr als jede andere wohl gefiel. Ja, wenn sie sich freute, daß sie die Mutter des ewigen Wortes geworden, so freute sie sich dessen nicht wegen der Herrschaft, welche ihr dadurch über die ganze Welt zu Teil wurde; sondern sie freute sich dessen wegen der ganz besonderen, zu noch strengerer Pflicht gewordenen Dienstbarkeit, welche sie ihrem hoch gelobten Sohne bezeigen mußte, indem sie ihm ihre Brust reichte, ihn groß zog, ihn bewachte und ihm alle jene unaufhörlichen Dienste leistete, die eine arme Frau ihrem Kinde zu erweisen pflegt, das deren um so mehr bedarf, je zarter es ist.

11. Glücklich deshalb der Mensch, der nichts höher schätzt als den Dienst Gottes. Seiner auserlesensten Liebeserweise im Gebet, seiner Erleuchtungen, der Emporhebungen des Geistes zu ihm, seiner Besuche, und so weiter, sich erfreuen zu dürfen, ist gewiß etwas Wertvolles, aber es ist doch kein gar so großes Gut. Der kleinste Dienst, den man Gott erweist, ist viel mehr wert, als jede Gabe, welche von Gott uns zu Teil wird.

Du also, nachdem du vernommen, wie die seligste Jungfrau sich verhielt, lerne von ihrem so erhabenen Beispiel, daß du an Gott keine andere Eigenschaft mehr liebst als diese: daß Er dein Herr ist. Diese ist es, welche dich stets an deine Pflicht erinnert, dich ganz ihm hinzugeben – ohne Rücksicht auf irgend einen Nutzen, der dir daraus entspringt.

Wenn du Gott dienst, so fern er mächtig, so fern er gütig, so fern er mildtätig ist, so kannst du immerhin fürchten, ob nicht irgend eine verborgene Eigenliebe dich dazu bewegt; dienst du ihm aber, so fern er der Herr ist über dein ganzes Selbst, so bist du vollkommen gesichert, weil du ihm nach dieser Eigenschaft auch dann gleichermaßen dienen müßtest, wann er dir jede Belohnung versagte.

Darum steht das Wort so treffend geschrieben: „Glückselig das Volk, dessen Gott der Herr ist.“ (Ps. 32,12) Denn nicht Alle, welche den wahren Gott anbeten, sind glückselig; glückselig sind nur Jene, welche, indem sie Gott anbeten, ihn auch stets als den behandeln, der Er ist, das heißt, als ihren unbeschränkten Herrn.

12. Bemerke jedoch, daß nicht einmal die seligste Jungfrau sagen wollte: Hoch erhebt meine Seele meinen Herrn; sondern einfach: den Herrn, ohne irgend ein beschränkendes Beiwort; damit man erkenne, daß Gott nicht mehr des Einen oder des Anderen Herr, sondern der gleiche Herr Aller sei. „Einer und derselbe ist Aller Herr“, sagt der Apostel (Röm. 10,22). Und deshalb gibt es Niemand, der nicht verpflichtet wäre, ihm gleichermaßen zu dienen.

Sprich also auch du aus dem innersten deiner Seele zu Gott: „Der Herr Aller bist du“ (2. Mach. 14,35); und zugleich fühle die tiefste Beschämung, indem du bedenkst, daß dieser Herr, der Herr voll unendlicher Majestät, sich so sehr erniedrigte, daß er aus Liebe zu dir sogar Knechtsgestalt annahm: „Er hat sich selbst entäußert, indem er Knechtsgestalt annahm.“ (Philipp. 2,7)

13. Dies war auch der Grund, weshalb die seligste Jungfrau lieber sagen wollte: „Hoch erhebt meine Seele den Herrn“, als daß sie sich in anderer Weise ausgedrückt hätte. Sie wollte nämlich andeuten, daß sie nicht aufhörte, ihren Sohn auch dann als ihren Herrn anzuerkennen, nachdem sie ihn in den Stand eines Knechtes erniedrigt sah.

Nie liest man in der heiligen Schrift, daß irgend ein Engel aus dem Chor der „Herrschaften“ zum Dienst eines Menschen gesendet worden sei; denn, bemerkt der heilige Dionysius, wenn die Herrschaft natureigen ist, für den würde die Dienstbarkeit etwas Gewaltsames sein. Was war es also Großes, daß zum Dienst – nicht eines einfachen Menschen, sondern Aller, auch der Niedrigsten, der gesendet wurde, welchem die Herrschaft nicht bloß natureigen, sondern wesentlich ist, so daß er sie unabhängig und unbeschränkt besitzt, und sie nicht, wie die Engel als Geschenk erhalten hat!

Gewiß konnte ein solches Werk nicht ohne die äußerste Gewaltsamkeit vor sich gehen. Aber es war die Gewaltsamkeit einer unendlichen Liebe.

Es ist daher nicht zu verwundern, daß die seligste Jungfrau, ein solches Übermaß von tiefster Selbsterniedrigung betrachtend, in den lauten Ruf ausbrach: „Hoch erhebt meine Seele den Herrn“. Wenn ein Mensch dann von allen am meisten erhoben zu werden verdient, wann er am meisten sich demütigt; um wieviel mehr verdient dies ein Gott! –
aus: Paul Segneri SJ, Sämtliche Werke 19. Bd. Kleinere Schriften 1858, S. 176 – S. 179

Bildquellen

  • auer-mariae-heimsuchung: Bildrechte beim Autor
Category: Marienpredigten, Segneri
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