Päpste in Avignon Babylonische Gefangenschaft

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Die Päpste in Avignon – Von Klemens V. bis Martin V. (1305 bis 1417)

Diese Periode zeigt uns in betrübender Weise das Sinken der päpstlichen Macht und Autorität. Hatte schon unter Bonifaz VIII. das Ansehen der Päpste durch die List, Verschlagenheit und Gewalttätigkeit Philipps IV., des Schönen, von Frankreich einen gewaltigen Stoß erlitten, so wurde dasselbe noch mehr und dauernd durch den Aufenthalt in Avignon geschädigt. Es wird dieser Aufenthalt die babylonische Gefangenschaft der Päpste genannt, weil es auch wie das Exil der Jude in Babylon 70 Jahre währte. Die Gründe, um derentwillen Avignon so verhängnisvoll für das Papsttum wurde, sind folgende:

1. Wurden dadurch die Päpste von Frankreich mehr oder minder abhängig und dessen Politik dienstbar. Infolge dessen wurde das Ansehen der Päpste tief erschüttert, indem sie oft nicht als Väter der Christenheit, sondern als Vertreter der französischen Krone angesehen wurden. Wenn sie auch frei und selbständig handelten, wurde ihnen nichts desto weniger mit Misstrauen begegnet und in der Person des Papstes auch dessen Amt nicht selten angegriffen. Besonders wurde das Ansehen der Päpste in Italien und Deutschland arg mitgenommen. Die Italiener hatten durch ihre beständigen Parteikämpfe Mitschuld, daß die Päpste sich in Avignon nieder ließen, wo sie ruhiger leben konnten. In Deutschland wurde die Achtung vor den Päpsten ganz besonders durch deren Kampf mit Ludwig dem Bayer geschädigt. Alle unruhigen und dem Papst abgeneigten Elemente traten auf die Seite Ludwigs, unter diesen der Franziskaner Ockham, der sich anheischig machte, mit der Feder für den Kaiser zu kämpfen, wenn dieser ihn mit seinem Schwer schütze. Die Parteigänger Ludwigs suchten durch Flugschriften und Pamphlete das Ansehen des Papstes zu untergraben.

2. Ein weiterer Grund des Niederganges des päpstlichen Ansehens war das große Schisma, das, eine Folge des Aufenthaltes der Päpste in Avignon, gegen 40 Jahre währte und schließlich zum Ärgernis der Welt sogar drei Päpste zu gleicher Zeit aufstellte. Die Partei-Leidenschaften trübten derart den klaren Blick, daß selbst die edelsten Menschen nicht mehr wußten, auf welcher Seite das Recht sich befinde und welcher Papst der rechtmäßige sei. Es hat Heilige gegeben, die dem einen, und solche, die dem anderen Papst gehorchten. Die hl. Katharina von Siena hielt Urban VI., der hl. Vinzenz Ferrerius Klemens VII. für den wahren Papst. Es genügt im Falle einer Doppelwahl oder eines Schismas, daß die Gläubigen den guten Willen haben, dem rechtmäßigen Papst zu gehorchen und sich in diesem Punkt dem Urteil ihrer Bischöfe anschließen. Daß aber infolge dieser Verwirrung das Ansehen des Papstes stark geschädigt wurde, liegt auf der Hand.

3. Ein anderer Nachteil, der aus dem Exil von Avignon und dem folgenden Schisma für das Ansehen der Päpste erwuchs, war die Vermehrung der kirchlichen Abgaben an dieselben. Von jeher hatten die christlichen Völker es als billig und recht anerkannt, daß dem gemeinsamen Vater der Christenheit zu seinem Unterhalt und zur Verwendung für gemeinnützige Zwecke Geldbeiträge entrichtet wurden. Da aber infolge des Aufenthaltes der Päpste in Avignon und der Zerrüttung in Italien der Zufluss von daher ausblieb, mussten sich die Päpste um neue Einnahme-Quellen umsehen. Die Päpste waren um ihrer Existenz willen genötigt, die Güter der Kirche zu besteuern und durch Erteilung von Ablässen, durch Einhebung von Taxen für Dispensen und Gnaden-Erteilungen sich ein Einkommen zu verschaffen. Ferner behielten sich die Päpste das Recht vor, gewisse Pfründen selbst zu verleihen. Diese Pfründen-Vorbehaltungen hießen Reservationen. Auch übergaben die Päpste solche Pfründen bestimmten Personen, die dadurch das Recht erhielten, die Einkünfte zu beziehen, ohne Dienste leisten zu müssen. Solche verliehene Pfründen hießen Kommenden. Diese Maßregeln führten zu vielen berechtigten und noch mehr unberechtigten Klagen.

4. Ein fernerer Übelstand, der das Ansehen der Päpste in diese Periode schädigte, war die zu häufige Verhängung der kirchlichen Strafen. Jede Autorität bedarf, um Zucht und Ordnung unter den ihr Untergebenen aufrecht zu erhalten, entsprechender Strafmittel. So hat auch die geistliche Autorität das Strafrecht, um Widerspenstige zu bändigen. Soll aber die kirchliche Strafgewalt ihren Zweck erreichen, so darf sie nicht zu oft in Anwendung gebracht werden, überdies muss die Gerechtigkeit der Strafen über jeden Zweifel erhaben sein. Leider wurden damals die Kirchenstrafen zu oft verhängt, und bei dem herrschenden Misstrauen gegen die Päpste wurde die Rechtmäßigkeit der Strafen nicht selten gar arg bestritten. Als infolge des Schismas sich die Päpste gegenseitig mit dem Bann belegten, wurde derselbe vielfach verachtet und damit auch ihre Autorität untergraben.

Diese traurigen Unordnungen hatten nicht bloß das Ansehen der Päpste sondern auch das der Bischöfe und des Klerus überhaupt geschädigt. Die Folge hiervon war der Verfall der kirchlichen Disziplin und Sittenverderbnis im Ordensstand wie unter Klerus und Volk. Aber auch in dieser Periode war der Strom der Heiligkeit in der Kirche nicht versiegt. In den Familien, an den Fürstenhöfen, in Klöstern und auf Bischofsstühlen begegnen wir glänzenden Vorbildern von Tugend und Heiligkeit. Um diese Zeit lebten der hl. Elzear und seine Gemahlin Delphina, die hl. Brigitta und ihre Tochter Katharina, die hl. Katharina von Siena, der hl. Vinzenz Ferrerius, der hl. Andreas Corsini und Johann von Nepomuk, der selige Heinrich Suso, der hl. Johann Bernard Tolomei, der Stifter der Olivetaner, der hl. Johann Colombino, der Stifter der Jesuaten, und viele andere.

5. Das päpstliche Ansehen wurde außerdem durch Ketzereien geschädigt. Die früheren Irrlehrer waren zwar äußerlich unterdrückt, aber nicht ausgerottet, sie wucherten fort und gewannen immer wieder Anhänger. Außerdem traten einzelne neue schwärmerische Sekten auf, die zwar keine große Ausdehnung, nichts desto weniger aber an einzelnen Orten bedeutenden Anhang fanden. Unheilvoller war die Irrlehre Wiclifs in England. Professor an der Universität Oxford und Pfarrer von Lutterworth, benützte Wiclif den Ausbruch des päpstlichen Schismas als günstige Gelegenheit, um unter dem Schein des Eifers für Kirchenzucht den apostolischen Stuhl zu bekämpfen. Unter andern lehrte er, daß die Heilige Schrift alleinige Glaubensquelle sei; dadurch wurde er ein Vorläufer Luthers. Ferner erklärte er, daß alle Gewalt, die geistliche und die weltliche, durch den Stand der Gnade bedingt sei, so daß jeder Obere im Stande der Todsünde seine Autorität verliere, ein Grundsatz, der jede geistliche und weltliche Gewalt gefährdet und die gesellschaftlichen Bande aufzulösen geeignet ist. Die Lehre Wiclifs wurde zwar kirchlich verworfen, er selbst jedoch starb 1384 ohneWiderruf zu leisten. Seine Schriften, obschon zur Vernichtung verurteilt, fanden vielfache Verbreitung, besonders in Böhmen. Daselbst machte sich Johann Hus, Professor an der Universität in Prag und Prediger an der Kapelle Bethlehem, Wiclifs Lehren zu eigen und führte dieselben weiter aus. Da er zugleich den Kampf gegen die Deutschen an der Universität Prag eröffnete, so gewann er das böhmische Volk für sich. Er wurde als Vertreter seiner Nation angesehen und seine Lehre als eine nationale Sache betrachtet. Auch unter dem Adel, der nach den Kirchengütern lüstern war, fand er großen Anhang. Es entstand eine furchtbare Gärung, und die staatliche wie die kirchliche Grundlage wurde ernstlich gefährdet. Wurde diese Irrlehre auch verworfen, namentlich 1414 auf dem Konzil von Konstanz, und Hus selbst als hartnäckiger Ketzer nach den damals geltenden Gesetzen verbrannt, so war das Übel noch nicht beseitigt. Die folgende Periode zeigt uns die schrecklichen Folgen dieser Ketzerei.

6. Die schwerwiegendste Ursache der Untergrabung des päpstlichen Ansehens war die Maßlosigkeit, mit welcher die Päpste angegriffen wurden. Nicht zufrieden, die Schwächen an den Trägern der kirchlichen Autorität, an den Päpsten und ihrem Hof zu tadeln, überbot man sich gegenseitig in ungerechten und gehässigen Schmähungen. Alle Päpste dieser Periode waren sittenrein, so daß keinem einzigen mit Grund diesbezüglich ein Vorwurf gemacht werden konnte. Dabei verloren sie nie den erhabenen Beruf für die Gesamtkirche aus den Augen.

Ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Päpste von Avignon

bildet ihr unermüdlicher Eifer für die Erhaltung, Ausbreitung und Erhöhung des Gottesreiches.

1. Unaufhörlich waren sie trotz aller Enttäuschungen und Misserfolge bemüht, den Orient zu retten und die abendländischen Fürsten zum Kampf gegen die Türken, die das griechische Reich mit dem Untergang bedrohten, zu ermuntern. Sie sammelten Geldmittel und gestatteten auch den Fürsten, für diesen Zweck die Kirchengüter zu besteuern. Dabei war es die unablässige Sorge der Päpste, die Christen des Orients mit der abendländischen Kirche zu vereinigen.

2. Nicht minder lag den Päpsten von Avignon die Ausbreitung des Christentums unter den noch heidnischen Völkern am Herzen, und sie reihten sich dies bezüglich in würdiger weise an die Seite ihrer großen, seeleneifrigen Vorgänger. In den Mitgliedern des Franziskaner- und Dominikaner-Ordens fanden die Päpste die Truppen, welche freudig ihrem Ruf folgten und mit der Fahne des Kreuzes erobernd durch die Welt zogen.
Das Christentum zeigte bei den Tataren schöne Anfänge. Als aber die Tataren 1368 aus China vertrieben wurden und die Dynastie der Ming auf den Thron kam, gestatteten die Chinesen auf lange Zeit christlichen Priestern keinen Zugang mehr. (Siehe Rohrbacher, Bd. 20, Kirchenlexikon Joh. a. M. Corvino. Hergenröther, Bd. 2)

Selbst ein protestantischer Gelehrter zollt dem Eifer dieser Päpste ungeteilte Anerkennung, einem Eifer, der trotz der bedrängten Lage, in welcher sie sich befinden, „die bei den marokkanischen Heiden und in den Feldlagern der Tataren umher irrenden, vereinzelten Christen nicht vergißt, für das ewige Heil der noch Unbekehrten mit gleicher Treue wie für die Errettung der gefährdeten eigenen Kirche denkt.“ (siehe Zitat aus Pertz bei Pastor. Geschichte der Päpste, Band 1, Seite 56)

Glänzend bewiesen ferner die Päpste während dieser unheilvollen Periode ihren Eifer für die Wissenschaft, indem sie die Errichtung und Ausgestaltung der Universitäten auf alle Weise förderten und begünstigten. In diese Zeit fallen die Gründungen der Universitäten von Pavia, Perugia, Grenoble, Prag, Florenz, Krakar, Wien, Fünfkirchen, Leipzig. Die Bulle, welche Johann XXII. in Angelegenheit der Hochschule von Perugia erließ, ist ein beredtes Denkmal von dem Eifer der Päpste für die Wissenschaft. In derselben heißt es unter anderem: „Unter die mannigfachen Sorgen unseres apostolischen Amtes rechnen wir das heftige Verlangen, daß die Gläubigen, denen bereits die Strahlen des wahren Glaubenslichtes leuchten, noch einen Zuwachs durch die herrliche Kenntnis menschlicher Wissenschaft erlangen möchten. Nicht um Gold ist dieses unschätzbare Gut zu erwerben, sondern Gott verleiht es Menschen, die eines guten Willens sind. Ein wünschenswerter und kostbarer Schatz ist fürwahr derjenige, der die Finsternis der Unwissenheit zerstreut, das düstere Gewölk des Irrtums verscheucht und das Leben und Wirken der Studierenden gemäß dem Licht der Wahrheit leitet.“

Nichts desto weniger wurden die Päpste maßlos verunglimpft. Statt das Gute anzuerkennen und mit Ruhe auf die Beseitigung der Übelstände bedacht zu sein, griff man mit Heftigkeit das päpstliche Ansehen an, und selbst Gutgesinnte wurden von diesem Lärm beeinflußt und stellten Grundsätze auf, welche die päpstliche Gewalt ungebührlich beschränkten und geeignet waren, den Primat zu untergraben. Bei dieser allgemeinen Gärung war es ein Wunder, daß das Papsttum nicht unterging und die Kirche nicht auseinander fiel. Der Protestant Gregorovius schreibt: „Jedes weltliche Reich würde darin untergegangen sein, doch so wunderbar war die Organisation des geistlichen Reiches und so unzerstörbar die Idee des Papsttums selbst, daß diese tiefste der Spaltungen nur deren Unteilbarkeit bewies.“ –
aus: Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste, III. Band, 1909, S. 465 – S. 468

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