Von Leo XIII zu Pius X Zwei große Päpste

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Von Leo XIII. zu Pius X. – Zwei große Päpste

In frischer Erinnerung steht die noch nicht allzuweit abliegende Zeit, da die Nachrichten vom Sterbelager eines Papstes die zivilisierte Welt in Spannung hielten. Mit bewunderungswerter Frische hatte Leo XIII., der Jubelgreis auf Petri Stuhl, bis dahin über die Gebrechen des Alters obgesiegt. Fast mochte es scheinen, als ob die lebensvolle Energie des hoch betagten Papstes den Tod noch auf Jahre vom Vatikan fern halte. Da, am Freitag den 3. Juli 1903 ergriff eine beängstigende Krankheit den 93jährigen Priestergreis und raffte ihn nach heftigem, zähem Widerringen am Montag den 20. Juli dahin. Die Aufmerksamkeit, mit welcher die Stadien seines Todeskampfes von seinen Zeitgenossen auch außerhalb der Kirche verfolgt wurden, darf als ein Reflex seiner zeitgeschichtlichen Größe angesehen werden.

Mit dramatischer Lebendigkeit hat ein Berichterstatter eines der vornehmsten liberalen Blätter Italiens, des „Giornale d`Italia“, ein Bild von der bewegten Stimmung jener Tage gezeichnet, das auch nachgerade der Bedeutung und des Reizes nicht entbehrt. „Alle diejenigen“, so heißt es dort, „welche bei dieser prächtigen Mondnacht ihre Schritte dem St. Petersplatz zu lenken, um die düstere, schweigende Masse des päpstlichen Palastes zu fragen, gleich als ob diese Steine lebendig wären und sprechen könnten, sagen sich: diese Nacht, wird sie die letzte Leos XIII. sein? Der Kampf, den der wunderbare Greis gegen den Tod führt, wird er sich weiter ausdehnen?… Es scheint, daß er hartnäckig widersteht… Eine große Resignation, von schwachem Lächeln beschienen, liegt auf seinem Antlitz und hält seine Seele aufrecht. Dein Wille geschehe, denkt er bei sich. „Ci avviamo all` eternità“. Wir gehen in die Ewigkeit, spricht er vor sich hin. An diesem Greis ist etwas, vor dem der Tod selbst zurück scheut, eine Schönheit, würdig des Sanges der Dichtkunst, eine Schönheit, gewoben aus Licht, Majestät und Einfachheit, die die Bewunderung jedes rechtfühlenden Menschen heraus fordert, selbst wenn sonst kalter Zweifel oder verzehrende Leidenschaft in ihn eingezogen… Der Papst wird sterben: kein Blick im Vatikan, der dieses nicht verkündete. Der Papst wird sterben: jede Haltung seiner matten Diener offenbart dies. Der Papst wird sterben: dieses Wort geht wie leises Geflüster durch den ganzen Palast von den halb verlassenen Eingangstoren bis zu den einsamen Gärten, die mit ihren schattigen Promenaden dem Greis Zuflucht boten, von den Museen, wo die marmornen Statuen unempfindlich dem Ablauf der Geschichte anwohnen, dis zu der Kapelle, wo die wuchtigen Schöpfungen Michelangelos gegen die Unbilden der Zeit kämpfen. Es scheint, daß in diesen phantastisch aneinander gereihten Gebäulichkeiten nur eine Seele wohnt, gleichsam der Ausdruck der Tausende von Wesen, die einstmals hier gelebt und deren Stimmen zusammen fließen zu dem einen Geflüster: Der Papst wird sterben! … Und in diesem Palast spricht man ganz leise, geht man langsam; man hat Angst, fühlt die Gegenwart eines fremden Gastes: der Eindringling, den niemand sieht, der geheimnisvoll längs der wundervollen Fresken dahin- und in den dunkeln Sälen umher schleicht, den weder die Schweizergarde noch die päpstlichen Gendarmen, noch die heißen Gebete, die zu den Altären steigen, aufzuhalten vermögen, und der vor ihnen schleicht heimtückisch wie eine Schlange, fein wie ein Schatten und mächtiger als alle Potentaten. Er, der hohe Greis aber, unterhält sich nur mit Gott. Auf seinen blutleeren Lippen schwebt das Gebet des Herrn, das ihn, lang ist`s her, seine Mutter gelehrt und das er in den glücklichen Tagen seiner friedsamen Kindheit oft hersagte. Er weiß, daß beim Nahen der letzten Stunde seine arme Seele rein sein muss wie diejenige eines Kindes, das Christus gesagt: Wenn ihr nicht werdet wie diese Kleinen, werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“

Der fremde Eindringling stand am 20. Juli am Krankenlager Leos XIII. In den ersten Stunden des Nachmittags legte er seine eisige Hand auf den zum letzten Atemzug ausholenden Pontifex. Der Papst war tot. Die Leitung der katholischen Kirche ging nun an das Kardinalskollegium über. Denn sobald der Papst stirbt, hören die Befugnisse des Kardinal-Staatssekretärs auf, und die Regierungsgewalt geht an das hl. Kollegium über, das diese durch eine Kommission, bestehend aus dem jeweilig ältesten in Rom anwesenden Kardinalbischof, Kardinalpriester und Kardinaldiakon, ausübt.

Diesmal waren es die Kardinäle Oreglia, Dekan des hl. Kollegiums und Camerlengo, Rampolla in Vertretung des Kardinals Neto von Lissabon, der in Rom nicht anwesend war, und Macchi. Das Hauptgewicht bei der Neuordnung der Dinge und den Vorbereitungen zur nötig gewordenen Papstwahl lag beim Kardinal Oreglia.

Seiner Initiative entsprang zunächst die Erwählung des Sekretärs für das abzuhaltende Konklave. Mgr. Volpini, der durch seine klassische Beherrschung der lateinischen Sprache bekannte Mitarbeiter Leos XIII., ward von diesem unlängst zum Sekretär des zukünftigen Konklave bestellt, brach aber infolge eines Schlaganfalles im Vorzimmer seines erkrankten päpstlichen Herrn sterbend zusammen. Es war einige Tage vor Leos XIII. Ende. Die Pflicht der Schonung für den schwer kranken Papst ließ die Nachricht von dem tragischen Vorfall nicht über die Schwelle seines Sterbezimmers dringen. So gehörte zu den zahlreichen Obliegenheiten des interimistischen Leiters der Regierungsgeschäfte der Kirche, des Kardinals Oreglia auch die Wahl des Konklave-Sekretärs, die allerdings der Gutheißung des hl. Kollegiums bedurfte. Der Eintritt der Kardinäle ins Konklave konnte erst dann beginnen, wenn die hierfür nötigen Dispositionen getroffen und die Beisetzungs-Feierlichkeiten für den für den verstorbenen Papst beendet waren. In diese Zeit der Sedisvakanz fiel naturgemäß ein reger Austausch der auswärtigen Regierungen, die ihr Beileid zu dem Tode Leos XIII. aussprachen und auch jetzt wieder ihrer hohen Bewunderung für den Verblichenen Ausdruck gaben. Von Interesse dürfte der Umstand sein, daß Deutschland die Reihe der Trauer-Kundgebungen zunächst durch eine Depesche des Reichskanzlers Grafen v. Bülow, und sodann durch eine solche des Kaisers in den bewegtesten Worten eröffnete. Der Verfasser der Schrift: „Les derniers jours de Léon XIII. et le conclave par un témoin“, der französische Kurienkardinal Matthieu, dessen Angaben wir folgen, stellt diese Kundgebung in Gegensatz zu dem Verhalten auf französischer Seite, wo der Präsident Loubet sich in tiefes Schweigen hüllte und nur der Minister des Auswärtigen, Delcassé etwas zurückhaltend kondolierte. Worauf es Delcassé beim Tode Leos ankam, war eine Beeinflussung der französischen Kardinäle zugunsten eines bestimmten Kandidaten, den er in seiner Unterredung mit den vier Kardinälen, die seiner Einladung, vor ihrer Abreise nach Rom bei ihm vorbei zu kommen, gefolgt waren, nicht ausdrücklich nannte, aber deutlich genug bezeichnete. Hierbei appellierte er an ihren bekannten Patriotismus mit dem Hinzufügen, sie möchten einen Franzosen freundlichen Papst mit modernen Ideen wählen. Zwei Kardinäle unterließen den Besuch am Quai d`Orsay. –
aus: Alexander Hoch, Papst Pius X. Ein Bild kirchlicher Reformtätigkeit, 1907, S. 1 – S. 4

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