Fest der Erwartung der allerseligsten Jungfrau

Ein Engel mit einem Lilienzweig in der Hand steht auf einer Wolke; mit der linken Hand hält er ein Spruchband, auf dem mit schönen großen Buchstaben das Wort Maria steht

Das Fest der Erwartung der allerseligsten Jungfrau – 18. Dezember

Der liebe, allbarmherzige Gott hatte unsern, durch die Sünde gefallenen Stammeltern im Paradies die überaus tröstliche Verheißung gegeben, daß er ihnen und ihren Nachkommen einen Erlöser senden werde. Dieser Erlöser würde von einem Weibe geboren, welche der Schlange den Kopf zertreten werde. Nachdem nämlich der gerechte Gott über die Schlange seinen Fluch ausgestoßen, sprach er zu ihr, oder vielmehr zum Teufel, der die ersten Menschen verführt hatte: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; sie wird deinen Kopf zertreten und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ (1. Mose 3, 15) (siehe den Beitrag: Das Strafurteil über die Schlange)

Unsere ersten Eltern wußten also, daß ein Weib einst kommen und durch Empfängnis und Geburt eines Kindes die Macht des Satans und seines Anhanges gänzlich vernichten, die Menschen von seinem Joch befreien werde. Diese tröstliche Verheißung nahmen sie aus dem Paradies mit und teilten sie ihren Kindern und Nachkommen mit. – Zur Zeit der Patriarchen wiederholte Gott diese Verheißung und die Propheten verkündigten sie laut dem Judenvolk, welches Volk Gottes unter allen Völkern der Erde zum Bewahrer, Träger und Überlieferer dieser Verheißung gemacht hatte. – Beinahe 800 Jahre vor der Ankunft des Erlösers sprach der Prophet Jesaias die merkwürdigen Worte zu Achaz, dem König von Juda: „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen wird man Emmanuel (Gott mit uns) nennen.“

Diese unversehrte Jungfrau, welche den Emmanuel den „Gott mit uns“ gebären sollte (siehe das Adventslied: Komm o komm Emmanuel), ward im Laufe der Zeit von den Juden mit Sehnsucht erwartet. Wer aber diese auserwählte, glückliche Jungfrau sein sollte, das war Niemanden noch geoffenbart. Als aber die Zeit kam, wo der Erlöser erscheinen sollte, da war es eine arme, demütige Jungfrau zu Nazareth, mit Namen Maria, welche auserwählt war, die Verheißung des allbarmherzigen Gottes zu erfüllen und den Erlöser zu empfangen und zur Welt zu bringen; sie sollte jenes Weib sein, aus deren Samen der Schlangentreter, der Überwinder des Satans und seiner Macht hervor gehen sollte. Maria wußte wohl um die Verheißung, sie hatte, im Tempel zu Jerusalem weilend, in den heiligen Büchern davon gelesen, sie teilte die Sehnsucht der ganzen Nation und besonders der Frommen und Gerechten nach der Erfüllung dieser Verheißung: sie flehte inbrünstig mit dem Propheten Jesaias: „Tauet ihr Himmel von oben, die Wolken mögen ihn regnen den Gerechten; die Erde tue sich auf und sprosse den Heiland.“ (Is. 45, 8) (siehe das Adventslied: Tauet Himmel den Gerechten) „Ihre Andacht“, sagt die gottselige Katharina Emmerich in ihren Gesichten, „war eine ununterbrochene Sehnsucht nach der Erfüllung der Verheißung.“ Immer pries sie diejenige zu Voraus selig, welche das heilige Kind gebären sollte, und wünschte nur, ihr als die ärmste Magd dienen zu dürfen. Aber in ihrer Demut gedachte sie nie, daß sie es selbst sein könne. Darum erschrak sie auch heftig, als der Erzengel Gabriel ihr die Botschaft brachte, daß sie zur Mutter des Erlösers auserwählt sei und vom heiligen Geist ihn empfangen werde.

War aber ihre Sehnsucht nach der Ankunft des Erlösers so unbeschreiblich groß, wie groß, wie heiß wird erst ihre Sehnsucht gewesen sein, das heiligste Antlitz des Erlösers wirklich zu schauen, als die Kraft des Allerhöchsten sie überschattet, als sie Emmanuel, den „Gott mit uns“ in ihrem jungfräulichen Schoß empfangen hatte, als sie sagen konnte, ich bin die glückseligste Mutter, ich trage ihn unter meinem Herzen. Welch inniges Verlangen wird ihr Herz erregt haben, nach der seligen Stunde, wo sie das holdeste Antlitz des göttlichen Kindleins sehen, wo sie es in ihre Arme schließen, an ihr herz drücken, ihm alle die zärtlichen Dienste einer Mutter erweisen durfte. War sie schon im Tempel in einer fortwährenden Gebetsentzückung aus Sehnsucht nach der Erfüllung der Verheißung, mit welch flammender Andachtsglut wird sie den verheißenen Heiland und Erlöser der Welt erwartet haben! Diese Erwartung ist der Gegenstand des heutigen, in Spanien zuerst gefeierten Festes. Nach einer Vorschrift des zehnten Konzils von Toledo, wurde das Fest Mariä Verkündigung, welches in der römischen Kirche stets am 25. März wurde, auf den 18. Dezember gesetzt. Als in der Folge die Kirche Spaniens, in der Feier des Festes Mariä Verkündigung sich an die römische anschloss, wurde auf den 18. Dezember ein fest der Erwartung angeordnet, welches von Papst Gregor XIII. (1573) gutgeheißen und durch spätere Päpste auch für andere Bistümer gestattet wurde. Dieses Fest wurde auch Fest der heiligsten Jungfrau von O genannt, weil nämlich in der ersten Vesper die großen Antiphonen (Wechselgesänge) mit O beginnen, so geheißen, weil jede Antiphon mit O anfängt. –

Da diese Antiphonen so ergreifend die Sehnsucht nach der Ankunft des Erlösers und das innige Verlangen der Kirche nach seiner Einkehr in uns ausdrücken, so mögen sie hier eine Stelle finden. Du könntest, christliche Seele, diese Antiphonen betend und betrachtend, mit Maria, unserer teuersten Mutter dich vereinigen, und ebenso innig und gesammelt, so sehnsüchtig und bußfertig, so liebeglühend und dich hinopfernd wie Maria mit ihr in dieser heiligen Adventszeit warten, mit ihre verlangen nach der Ankunft des Heilandes, der vor der Türe deines Herzens stehend, spricht: Ich will bei dir Einkehr nehmen, öffne mir dein Herz!

Die I. Antiphon beginnt mit der Vesper am 17. Dezember.

O Weisheit, die du hervorgingst aus dem Mund des Allerhöchsten, wirkend von einem Ende zum Andern, und mächtig und lieblich anordnend Alles: komme, uns zu lehren den Weg der Klugheit.

II. O Adonai und Heerführer Israels, der du dem Moses erschienest in der Feuerflamme des Dorngesträuchs und ihm gabst auf Sinai das Gesetz: komme uns zu erlösen mit ausgestrecktem Arm.

III. O Wurzel Jesse, die du dastehst zum Zeichen der Völker, vor dem die Könige ihren Mund verschließen, zu dem die Nationen flehen: komme uns zu befreien; zögere nicht!

IV. O Schlüssel Davids und Zepter des Hauses Israel, der du öffnest und Niemand schließet, und der du schließest und Niemand öffnet: komme und führe heraus den Gefangenen aus dem Kerker und den, der das sitzt in Finsternis und im Schatten des Todes.

V. O Aufgang, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit: komme und erleuchte, die sitzen in der Finsternis und im Schatten des Todes.

VI. O König der Völker, ihr Verlangen und Eckstein, der du das Geschiedene einigst: komme und rette den Menschen, den du aus der Erde gebildet!

VII. O Emmanuel, unser König und Gesetzgeber, die Erwartung der Völker, und ihr Erlöser: Komme uns zu erlösen, du unser Herr und Gott!

Zugleich mit dem andächtigen Beten und Betrachten dieser Antiphonen könntest du eine neuntägige Andacht zu Ehren der Menschwerdung des Sohnes Gottes aus Maria, der Jungfrau, halten mit der frommen Meinung, Maria deine gebenedeite Mutter möge dir durch ihre Fürbitte helfen, daß das Christkindlein zu dir komme und dich mit seiner Gnade heimsuche. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Zweiter Teil, 1860, Sp. 2699 – Sp. 2702

Weitere Beiträge zum Thema „Marienfeste“

Am Quatembermittwoch im Advent
Unsere Liebe Frau von der Wache
Menü