Falsche Aufklärung in katholischen Kreisen

Die falsche Aufklärung in katholischen Kreisen

Begünstigung der falschen Aufklärung durch geheime Gesellschaften

Von den geschilderten Vorgängen (siehe den Beitrag: Ursprung der Aufklärung im Protestantismus) konnten die katholischen Gebiete Deutschlands nicht ganz unberührt bleiben. Mehrere Umstände vereinigten sich, um die falsche Aufklärung dort zu begünstigen. Die gallikanisch-staatskirchlichen Grundsätze, welche an den Höfen herrschten, die sittliche Fäulnis des hohen Adels, welcher mit einer äußeren Glätte zugleich den Unglauben und die Frivolität der französischen Salons sich angeeignet hatte, die Verweltlichung eines Teiles des höheren Klerus, und insbesondere die Tätigkeit der geheimen Gesellschaften, wie der Illuminaten, hatten die Gemüter schon hinlänglich für das Gift der falschen Aufklärung empfänglich gemacht. Weniger wurden die mittleren Schichten von derselben berührt; sie richtete ihre Verheerungen mehr unter den Gelehrten und in den Palästen der Fürsten und des Adels an. Die Schriften der protestantischen Aufklärer wurden fleißig studiert, und ihre Vorlesungen auch von katholischen Studenten besucht. Selbst die Orden hielten sich nicht ganz frei von der falschen Zeitströmung. Insbesondere übte die Philosophie von Wolf und noch mehr der Rationalismus von Kant großen Einfluß aus. Einige Benediktiner-Klöster Bayerns sandten sogar talentvolle Novizen nach Königsberg, um unter Kants Leitung Philosophie zu studieren. Die Schriften desselben dienten den meisten Professoren als Leitstern. Wie die Philosophie, so sollte auch die Theologie „vernunftgemäß“ erneuert und von allen „veralteten scholastischen Zusätzen“ gereinigt werden.

Der Zusammenhang mit den großen Theologen des Mittelalters und des 16. und 17. Jahrhunderts wurde zerstört, und anstatt an den Quellen der Konzilien und Kirchenväter zu schöpfen, wandten sich die aufgeklärten Professoren der Theologie nur zu sehr den Pfützen der protestantischen Aufklärer zu, deren seichtes Geschwätz als der Inbegriff aller Weisheit gepriesen ward.

Ungehinderte Verbreitung wegen Aufhebung des Jesuitenordens

Die falschen Ideen konnten sich um so ungehinderter verbreiten, weil durch die Aufhebung des Jesuitenordens eine starke Schutzmauer gegen das Eindringen der falschen Aufklärung durchbrochen war. Sehr traurig sah es in Österreich aus. Die neue Studienordnung des Abtes Rautenstrauch wollte „die Scholastik und jesuitische Kasuistik verbannt, die Polemik gemildert, die Offenbarung an Natur und Vernunft angeschlossen“ haben. Unter den Händen eines Stöger, Royko, Gmeiner und anderer gestaltete sich die Kirchengeschichte zu einem alles Herrliche in der Kirche verunstaltenden Roman voll Schmähungen gegen das Papsttum. Gistschütz und Lauber in Wien, Pittrow in Prag u. A. behandelten im Sinne der Aufklärung die Pastoraltheologie. Die Professoren des Kirchenrechtes, Lackics, Riegger, Pehem, Neupauer, Eybel, ordneten die Kirche dem Staat unter, bestritten die Rechte des Papstes und traten mit dem Dogma der Kirche in schreienden Widerspruch. Ebenso inkorrekt waren die Lehrbücher der Moral von Lauber u. A: Nicht besser sah es in der Erzdiözese Salzburg aus, wo neben einigen gutgesinnten Kantianern auch Professor Danzer seine rationalistischen und pelagianischen Irrtümer vortrug und vom Erzbischof Hieronymus von Colloredo gegen die orthodoxen Professoren in Schutz genommen wurde.

Schlimm waren die Umstände an den Universitäten

Schlimmer waren die Zustände an den Universitäten der drei rheinische Kurstaaten. In Mainz hatte schon 1773 Isenbiehl rationalistische Irrtümer vorgetragen. Unter Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal dozierten die ungläubigen und unmoralischen Professoren Blau und Dorsch. Ersterer bestritt in seiner anonym erschienenen Geschichte der kirchlichen Unfehlbarkeit dieses Dogma und verteidigte in seinen dogmatischen Vorlesungen die rationalistischen Ideen; Letzterer spendete in seinen philosophischen Kollegien der protestantischen Philosophie großes Lob, während er die herrlichen Leistungen des Mittelalters auf diesem Gebiet sehr wegwerfend beurteilte. Der Ex-Jesuit Jung, früher in Heidelberg, verfocht in seiner Kirchengeschichte die bischöflichen Rechte gegen die „päpstlichen Anmaßungen“, und Becker, Professor der Moral, erbaute sein System auf dem Fundament der neuen Aufklärung. In Trier hatte schon Febronius den Primat auf`s Heftigste angegriffen. Die Universität zählte viele auf protestantischen Hochschulen gebildete Professoren. Sie fanden Unterstützung bei dem geh. Rat La Roche, dem Verfasser der verleumderischen „Briefe über das Mönchtum“. Die Theologen Oehmbs, Haubs, Weber, Conrad bewegten sich ganz in der Atmosphäre der Aufklärung. Die Professoren Werner und Castello priesen alle kirchlich anrüchigen Männer und verunglimpften die orthodoxen Theologen. An der neu errichteten Universität Bonn, deren Kurator der Illuminat Graf Spiegel zum Desenberg war, durften unter dem Schutz des Kurfürsten Maximilian Franz die anstößigsten und mit dem Glauben in offenbarstem Widerspruch stehenden Ansichten vorgetragen werden. Professor Thaddäus v. hl. Adam (Dereser) ahmte in Wort und Schrift die aufgeklärt-rationalistischen Exegeten bis zur Lächerlichkeit nach. Hedderich, Professor des Kirchenrechts, rühmte sich öffentlich der Zensurierung seiner Schriften durch den heiligen Stuhl. Elias van der Schüren legte seinen philosophischen Vorlesungen zuerst Feder, dessen Schriften von mehreren Universitäten als irrig und verderblich bezeichnet worden waren, und später Kant zu Grunde. A. Spitz, Professor der Kirchengeschichte, leugnete sogar die Stiftung der römischen Kirche durch den hl. Petrus. Alle diese Männer wurden an Unglauben und Frivolität noch überboten durch Elogius Schneider, welcher zuletzt als Revolutionsheld auf dem Schafott endete. Die übrigen katholischen Hochschulen waren ebenfalls vom Aufklärungs-Schwindel ergriffen. In Würzburg lehrten Oberthür, Feder, Roßhirt, F. Berg, welche an theologischer Korrektheit Vieles zu wünschen übrig ließen. Die Philosophie Kants verbreitete dort der Benediktiner M. Reuß, welcher den Königsberger Philosophen selbst gehört hatte. – Auch in Kurbayern herrschten ähnliche Zustände. –

Zur Steuer der Wahrheit sei hervorgehoben, daß nicht alle Freunde der Aufklärung der Kirche gleich feindselig waren; viele derselben waren gläubige Männer, welche wirkliche oder vermeintliche Missstände entfernen wollten, freilich ohne die rechten Mittel anzuwenden und etwas Besseres an deren Stelle zu setzen. Andere dagegen waren mit dem Glauben ganz zerfallen, Feinde der Kirche und blinde Nachbeter der Koryphäen der protestantischen Aufklärung. Zu Letzteren gehörte auch der Ex-Benediktiner Werkmeister. Ihre Schriften nehmen manchmal den Schein der Gelehrsamkeit in Anspruch, ihr Inhalt ist jedoch meistens sehr oberflächlich, und der Tin sinkt nicht selten bis zur Gemeinheit herab. Letzteres gilt am meisten von den Produkten der österreichischen „Glaubensfeger“, eines Blumauer u. A.

Die theoretische Aufklärung in der periodischen Literatur

Die periodische Literatur kränkelte ebenso an der falschen Aufklärung. Die „Würzburger gelehrten Anzeigen“, die von Mönchen aus dem Kloster Banz redigierte Zeitschrift „Auserlesene Literatur für das katholische Deutschland“ und die „Oberdeutsche Literaturzeitung“ in Salzburg waren vom geist der Aufklärung beherrscht. Die „Mainzer Monatschrift von geistlichen Dingen“ verherrlichte die Gallikaner und Febronianer, polemisierte gegen die „Ultramontanen“, sprach in der unehrerbietigsten Weise vom apostolischen Stuhl und pries alle irreligiösen Neuerungen. Ihr Chefredakteur war Joh. Kaspar Müller, Präfekt des kurfürstlichen Gymnasiums. Während jene Blätter noch ein wissenschaftliches Gepräge wenigstens scheinbar an sich trugen, boten die „Wiener Kirchenzeitung“ des Abtes Wittola und die von Professor Ruef redigierten „Freiburger Beiträge zur Beförderung des ältesten Christentums und der neuesten Philosophie“ den Auskehricht der Aufklärerei in einer geistlosen und gemeinen Form. Um der Aufklärung noch mehr einflussreiche Freunde und Beförderer zuzuwenden, ersann der Illuminat Phil. Brunner, Pfarrer zu Tiefenbach, den Plan, eine „allgemeine deutsche Akademie“ zu gründen, as deren Präsident er Dalberg, Koadjutor von Mainz, vorschlug. –

Die großen Verheerungen der Aufklärung im kirchlichen Leben

Die Aufklärung blieb nicht auf die Theorie beschränkt, sondern errichtete auch im kirchlichen Leben große Verheerungen an. Recht augenfällig traten dieselben in der Liturgie hervor, die man ihres höheren mystischen Elementes berauben wollte. Die neuen Gesang- und Gebetbücher ließen die echt christlichen und volkstümlichen Andachten vermissen und boten statt der glaubensvollen Gesänge und Gebete verwässerte und langweilige Erzeugnisse der Aufklärung. Auch die lateinische Sprache sollte durch die Muttersprache ersetzt werden. Vermöge der inneren Verwandtschaft zwischen den katholischen und protestantischen Aufklärern eiferten Erstere auch für die religiöse Toleranz, d. h. den Indifferentismus, und gegen die Kontrovers-Predigten. Ein charakteristisches Merkmal der Aufklärer ist ihre Feindschaft gegen das Ordensleben, dem sie durch ihre Reformprojekte den Todesstoß versetzen wollten. Endlich schwärmten dieselben für Nationalkirchen, deren Grenzen mit den einzelnen Territorien zusammen fallen und nur dem Namen nach mit dem heiligen Stuhl, dessen Stellung die Neuerer total verkannten, verbunden sein sollten. –

Leider halfen diejenigen, welche dem Unwesen zu steuern berufen waren, noch mit, die falschen Grundsätze praktisch auszuführen. Außer Kaiser Joseph II. (siehe den Beitrag: Folgen des Josephinismus für Kirche und Staat) waren es die drei rheinischen Kurfürsten und der Erzbischof von Salzburg, welche in offenem Ungehorsam gegen den Papst die sogenannten Reformen in ihren Erzdiözesen einführten und auf dem Emser Kongress die Grundzüge einer deutschen Nationalkirche entwerfen ließen. Zum Glück scheiterte das ganze Unternehmen an der Festigkeit des katholischen Volkes, an der Treue des Klerus und an dem Widerstand, welchen, gleich dem römischen Stuhl, die Domkapitel den Plänen der neuerungssüchtigen Kirchenfürsten entgegen setzten. An der wissenschaftlichen Polemik gegen die Aufklärung beteiligten sich besonders die Ex-Jesuiten, der gewaltige Kontroversist Merz in Augsburg, Stattler in Ingolstadt, Feller in Lüttich, Goldhagen in Mainz, Herausgeber des Religions-Journals, Pfarrer Metternich von St. Remigius in Bonn, Pfarrer Anth in Köln u. A. –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 1, 1882, Sp. 1611 – Sp. 1615

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