Das Zehnte Jahrhundert für die Päpste

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Die Erniedrigung Roms und des Papsttums

Die Erniedrigung Roms und des Papsttums, wie sie mit dem Ausgang des vorigen Jahrhunderts begonnen, findet in diesem ihre traurige Fortsetzung, ja erreicht ihre tiefste Stufe. In der ganzen ersten Hälfte dieses Jahrhunderts schien alles aus den Fugen gewichen, die Kirche dem Verderben preisgegeben und die Disziplin vernichtet zu sein. Das schnöde Weiberregiment hatte sich in Rom fest gesetzt. Die Päpste waren ein Schatten. Sittenlose Weiber bestimmten, welcher ihrer Günstlinge oder Parteigenossen den Stuhl des heiligen Petrus einnehmen sollte. Rom war keine Weltstadt mehr, sondern nur die Stadt eines kleinen Fürstentums und der Papst schien der Hausgeistliche der herrschenden Partei zu sein. Mehrere Päpste wurden gewaltsam beseitigt; einer von diesen wurde von seinem eigenen Hauskaplan ermordet, der nach diesem Verbrechen den päpstlichen Stuhl usurpierte. Unter den Männern, welche während dieses unseligen Regiments der Kirche als Päpste aufgezwungen wurden, befand sich einer, der während seiner Amtsführung manches Gute getan, aber sich einer unwürdigen Rache gegen den verstorbenen Gegner und Vorgänger schuldig gemacht; ein anderer, gegen den in sittlicher Beziehung die schwersten Vorwürfe erhoben wurden, obschon die meisten nicht erwiesen sind. In dieser schreienden Not der Kirche kam Hilfe von Deutschland durch Otto I., den Großen, der dem Unfug ein Ende machte, aber leider seine Verdienste wieder durch die Willkür schmälerte, mit der er gegen alles Recht einen Gegenpapst aufstellte. Zu unserem Trost läßt sich übrigens noch bemerken, daß ungeachtet dieser beklagenswerten Verhältnisse unter den 23 Päpsten, denen wir in diesem Jahrhundert begegnen, nicht wenige wahrhaft edle Männer, ihres Amtes würdig, durch Tugend und Heiligkeit leuchtende Vorbilder waren.

So sehr übrigens dieses Jahrhundert verschrien ist und so große Wirrsale in Italien und in der ganzen damaligen christlichen Welt herrschten, so bewies doch die Kirche auch damals die in ihr wirkende, nach innen umwandelnde, nach außen treibende Kraft des Christentums. Die nach innen wirkende Kraft gab sich in herrlichen Vorbildern der Heiligkeit und Vollkommenheit in der christlichen Welt, namentlich in Deutschland kund. Wir finden da heilige und heiligmäßige Bischöfe, wie die Heiligen Uni von Bremen-Hamburg († 936), Bruno von Köln († 965), Ulrich von Augsburg († 973), Pilgrim von Passau († 991).

Trotz der infolge der stürmischen Zeiten in vielen Klöstern erschlafften Ordenszucht, gab es mustergültige Stifte, die ringsum den religiösen Geist förderten. Es sei nur St. Gallen genannt, das damals weithin den hellsten Glanz verbreitete. König Konrad I. besuchte 813 dieses Kloster und speiste mit den Mönchen. Man bedauerte, daß er nicht anderen Tages gekommen sei, wo es frisches Brot und gute Bohnen gebe. „Was tut`s“, erwiderte er, „Gott erbarmt sich eurer bei altem Brot, wie bei frischem.“ Die keinen Klosterschüler, die bei der Tafel vorgelesen hatten, ließ er zu sich kommen, hob sie zu sich in die Höhe und steckte jedem ein Goldstück in den Mund. Darüber schrie ein Knabe und spie das Goldstück aus. Der König lächelte und sprach: „Ein braver Mönch wird einst aus dir werden.“ Als die Kinder einen Umgang halten sollten, ließ er Äpfel auf den Gang streuen und als nach den lockenden Früchten nicht einmal die Kleinsten die Hände ausstreckten, lobte er höchlich ihre gute Zucht. Zum Lohne bekamen die Kinder drei Spieltage, die in der Klosterschule von St. Gallen viele Jahrhunderte hindurch das Andenken des freundlichen Königs Konrad bewahrt haben. Bischof Adalbert von Augsburg, welcher 908 ins Kloster gekommen war, um die Reliquien des hl. Gallus zu verehren, bezeugte nach seiner Heimkehr: „Ich suchte dort einen Heiligen, und zwar einen verstorbenen, fand aber viele lebende heilige Männer. Es ist erfreulich, ihre Gelehrsamkeit und ihre Tugendübungen zu sehen. In das Jahr 910 fällt die Gründung des Klosters von Cluny, das für das gegenwärtige wie für das folgende Jahrhundert ein Lichtherd wurde. Von da ging eine heilsame Reform für das Ordenswesen und mittelbar für die Kirche und ihre Träger aus. Auch auf dem Thron begegnen wir der Heiligkeit. Wer denkt da nicht an die hl. Mathilde, die Gemahlin Königs Heinrich I., des Finklers, und Mutter Ottos I., des Großen, an die hl. Adelheid, Gemahlin des letzteren? Als Heinrich auf dem Sterbebett lag, sprach er zu Mathilde: „O, du uns immer Treueste und mit Recht Geliebteste! Wir danken Christo, daß wir dich noch lebenskräftig sehen; denn niemand hat sich je mit einem Weibe verbunden, das fester in der Treue und in allem Guten erprobter war. Habe also Dank dafür, daß du uns sorgsam besänftigst im Zorn und erteilst in allem nützlichenRat, uns oftmals von Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit zurück riefest und angelegentlich ermahntest, den Bedrückten Barmherzigkeit zu erweisen. Jetzt empfehlen wir dich und unsere Söhne dem allmächtigen Gott, zugleich mit unserer Seele, welche bald aus dem Körper scheiden soll.“

Wie in der inneren Umwandlung des menschlichen Herzens, zeigte die Kirche auch ihre Kraft im Wachstum nach außen. Im Jahre 912 bekehrte sich in Frankreich ein Teil der Normannen, die bisher mit ihren Einfällen Deutschland und Frankreich heimsuchten und schreckliche Verwüstungen anrichteten, unter Herzog Rollo, nachdem er von König Karl dem Einfältigen mit der Normandie belehnt worden war. Als dieser herrliche Mann sich dem König nahte, riefen die Höflinge: „Ha, ein solcher Mann ist des Herzogtums würdig!“ Als Rollo zum Zeichen der Huldigung dem König die Füße küssen sollte, rief er: „No, bi Gott! Ich werde nie vor einem Menschen die Knie beugen und nie einem Menschen die Füße küssen.“ Er winkte einem Krieger, daß er des Königs Füße küsse. Dieser aber greift, statt nieder zu knien, mach des Königs Fuß und zieht ihn in die Höhe, so daß Karl rücklings nieder fällt, was allgemeines Gelächter hervor ruft. Von dem „No bi Gott“ erhielten die Normannen als Menschen ohne Bildung den Spottnamen Bigotte, und als sie später für Gregor VII. entschieden eintraten, erhielt das Wort bigott die Bedeutung: Kirchlicher Eiferer. Die Nachkommen Rollos bestiegen den englischen Thron. Von der Normandie aus zogen Scharen der Normannen nach Unteritalien und gründeten daselbst mehrere Herrschaften. Obschon größtenteils Christen, blieben sie lange Zeit hindurch räuberisch und gewalttätig und waren, wenn auch eine Stütze der Päpste im Kampf gegen kaiserliche Gewalttat, doch nicht selten zweifelhafte Vasallen und gefährliche Nachbarn des Heiligen Stuhles.

In diesem Jahrhundert wurde ferner Böhmen nach schweren Kämpfen mit dem Heidentum, in welchen Ludmilla und Wenzeslaus die Märtyrerkrone erhielten, christlich. Unter den frommen Herzog Boleslau II. wurde das Bistum Prag gegründet, dessen erster Bischof Dietrich, ein Sachse, war; auf ihn folgte der hl. Adalbert, der bei den heidnischen Preußen als Märtyrer den Tod fand (997). Aus Böhmen wurde das Christentum nach Polen verpflanzt. Herzog Mieczyslaus heiratete die böhmische Prinzessin Dubravka, die ihm und seinem Volk den wahren Glauben brachte. Mieczyslaus ließ alle Götzenbilder zerschlagen und ins Wasser werfen: Unter seinem Sohn wurde in Gnesen im Jahre 1000 von Kaiser Otto III. ein Erzbistum errichtet. In Rußland fand das Christentum von Konstantinopel aus Eingang. Die Großfürstin Olga ließ sich 955 in Konstantinopel taufen, aber erst Wladimir, Olgas Enkel, brachte das Christentum zur Herrschaft. Er ließ sich 988 taufen und die Götzenbilder zerstören. Durch den Abfall der Griechen von Rom wurde Rußland leider auch in das Schisma hinein gezogen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts wurden die Ungarn, die ein Jahrhundert lang der Schrecken Deutschlands, selbst Italiens, waren, für das Christentum gewonnen.

König Geisa ließ sich taufen, wurde aber nur ein halber Christ. Er opferte nämlich neben dem wahren Gott noch den Götzen fort, und als ihn einst ein Bischof darüber zur Rede stellte, entgegnete er: „Ich bin reich genug, um beides tun zu können.“ Erst Stephan, Geisas Sohn, der Heilige, 997-1038, erkämpfte dem Christentum den Sieg und wurde der eigentliche Apostel seines Volkes. Als Geisa 997 starb, erregten die Anhänger des Heidentums einen gefährlichen Aufruhr, aber Stephan sammelte rasch ein Heer, schlug die Empörer, zog ihre Güter ein und nötigte das ganze Reich, dem christlichen Glauben zu huldigen. Was Karl der Große für Deutschland, Alfred der Große für England, das wurde Stephan für Ungarn. –
aus: P. Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste II. Band., 1907, S. 290 – S. 292

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