Wie sah Europa um das Jahr 1300 aus

Statue von Petrus, dem ersten Papst, mit dem Schlüssel in der Hand, im Hintergrund der auferstandene Christus sowie zwei Heilige

Sieh alles ist neu geworden in Europa

Eintausend dreihundert Jahre haben wir nun an der Hand der Geschichte der Statthalter Jesu Christi durchwandert. Wir haben in diesem langen Zeitraum 194 Päpste in ununterbrochener Reihenfolge auf dem Stuhl des heiligen Petrus sitzen und regieren sehen. Verschieden waren sie in der Abstammung, in den Talenten, im Alter. Viele ragten hervor durch ungewöhnliche Gelehrsamkeit, mehrere waren geborene Herrscher und unbeugsam in ihren Entschlüssen, einige waren die Milde und Güte selbst. Es gab unter diesen 194 Päpsten solche, welche im schönsten Mannesalter den Heiligen Stuhl bestiegen, und solche, welche bereits im Greisenalter standen. Dennoch beseelte sie nur ein Gedanke, ein Wunsch, ein Verlangen: die Menschen durch die Predigt des Evangeliums für Zeit und Ewigkeit glücklich zu machen, ihnen auf Erden den Frieden und in der anderen Welt die Anschauung Gottes zu vermitteln.

Verschieden war die Stellung, welche das Papsttum in den 1300 Jahren eingenommen hat. Am Anfang des 4. Jahrhunderts erschien das leuchtende Kreuz der Freiheit am Himmel. Es brach das Morgenrot einer besseren Zeit an. Die Päpste erhielten ein weites Feld ihrer Tätigkeit im Morgen- und Abendland. Dennoch entfaltete das Papsttum noch nicht seinen vollen Glanz und machte noch nicht seinen mächtigen Einfluß nach allen Seiten geltend. Erst als die Stürme der Völkerwanderung die alte Welt zertrümmerten, erst als das morsche Römerreich im Abendland unter den Schlägen der aus dem Norden vordringenden Völker zusammen brach, das Kaiserreich des Morgenlandes bis in die tiefsten Tiefen erschüttert wurde und das Papsttum allein dastand wie ein unerschütterlicher Fels gegen die Wogen des Meeres, sahen die Völker mit Staunen auf diese göttliche Stiftung. Und Völker, welche nie ihren Nacken unter eine fremde Macht gebeugt hatten, nahmen jetzt von Rom Gesetze und Vorschriften an, folgten als gute Kinder den Missionaren, die vom Grab des heiligen Petrus ausgingen.

Hatten die Völker des Erdkreises schon bisher mit Verwunderung auf das Papsttum gesehen, so wuchs ihre Achtung von jetzt an immer mehr. Die abendländischen Völker zogen, folgsam der Stimme der Päpste, in den heiligen Krieg; Kreuz und Halbmond maßen sich in blutigem Kampf. Das Papsttum aber entfaltete sich während der Kreuzzüge zur höchsten Blüte. Es trat an die Spitze der Welt und regierte die Welt. Und wenn Fürsten es wagten, den Päpsten zu trotzen, so gruben sie sich selbst ihr Grab, wie wir an den Hohenstaufen gesehen haben.

Mit dem Jahre 1300 tritt eine Änderung ein. Der Glanz des Papsttums nimmt nach außen hin ab und der Einfluß wird ein geringerer. Papst Bonifaz VIII. sah im großen Jubiläum die Völker nach Rom eilen, dort im frommem Glaubenseifer am Grab der Apostelfürsten beten. Er konnte einen Augenblick glauben, daß die alte Liebe und Verehrung für den Heiligen Stuhl fortdauerte, aber die Ereignisse nach dem Jubiläum belehrten ihn eines andern. In Wort und Schrift wurden die Päpste geschmäht, es begann eine Zeit tiefer Erniedrigung des Heiligen Stuhles.

Daher machen wir hier einen größeren Abschnitt und benützen die Gelegenheit, um einen Blick auf den christlichen Erdkreis zu werfen. Es ist diese Einteilung in der Geschichte der Kirche begründet. Die Zeit nach Papst Bonifaz ist wesentlich verschieden von jener, die ihm voraus gegangen ist. Es beginnt eine Zeit allgemeiner Eifersucht zwischen den Staaten, welche die Ursache blutiger Kriege wird. In Böhmen und Ungarn erlöschen die alten Königsgeschlechter. Deutschland wird in den Bürgerkrieg verwickelt. Und während dieses im Abendland geschieht, erstarkt im fernen Morgenland die rohe Macht der Türken, welche bald mit Feuer und Schwert verwüstend in das christliche Abendland eindringen.

Wie sieht Europa um das Jahr 1300 aus? Auf Grund der bisherigen Geschichte des Papsttums sind wir imstande einen Vergleich anstellen zu können. Ist die europäische Menschheit in der verflossenen Zeit nicht zum Besseren vorgeschritten, dann haben die Päpste nicht gut gewirkt. Ist sie aber besser und glücklicher geworden, dann war der Einfluß der Päpste ein wohltätiger. Ist durch den Einfluß des Christentums, verbreitet und erhalten durch den Statthalter Jesu Christi, der grauenhafte Götzendienst entfernt und an seine Stelle eine würdige Gottesverehrung getreten, hat die Grausamkeit der Liebe und Barmherzigkeit, die Unsittlichkeit der frommen Zucht, die Sklaverei der Freiheit den Platz geräumt, ist das Verhältnis zwischen Fürst und Untertanen ein besseres geworden, dann wird wohl selbst ein Ungläubiger zugeben müssen, daß das Papsttum von Gott zum Heil der Völker eingesetzt worden ist.

Der ebenso gelehrte als fromme Möhler schreibt: „Wenn man die alte und die neue Zeit miteinander vergleicht, so wird man den freudigen Ausruf nicht unterdrücken können: „Sieh, alles ist neu geworden. Während einst rohe Horden sich gegenseitig bekämpften, und die Hälfte Europas in Wildnis, Sumpf und Finsternis begraben lag, finden wir nun den ganzen Weltteil zum Christentum bekehrt und das heitere Schauspiel wohl bebauter Länder, geordneter Staaten und einen lebendigen Verkehr der verschiedenen Völker untereinander.“

Als der heilige Apostel Petrus im Jahre 42 nach Christi Geburt in Antiochia den Wanderstab ergriff, um in Rom seinen Sitz aufzuschlagen, hatten die heidnischen Götter Jupiter und Juno, Diana und Vesta Altäre und Tempel in Italien; Wodan und Freya und tausend Götter und Göttinnen hatten im Norden ihre Anbeter; nur dem Herrn Himmels und der Erde wurde keine Huldigung dargebracht. Im Süden und Norden schlachtete man Menschen zu Ehren der Götzen; die unglücklichen Heiden beteten Tiere, Bäume und Flüsse an.

Im Jahre 1300 ist alles anders geworden. Die Germanen, die Ungarn, die Franken, die Goten, die Engländer, die Polen, die Preußen, die Normannen hatten ihre Götzentempel zerstört, ihre Götterhaine verlassen, dem Dienst des Teufels den Rücken gekehrt und wandelten im Licht des Glaubens, das vom Himmel herab gestiegen ist „um alle Menschen zu erleuchten, die in diese Welt kommen.“ Der wahre Gott besitzt Millionen von Altären, die falschen Götter haben keinen mehr.
An die Stelle der Jupitertempel und der Wodanaltäre sind die herrlichen Dome getreten. Die tief religiöse Begeisterung, mit welcher das Christentum die europäischen Völker erfüllt hat, flößte ihnen den Gedanken ein, gotische Tempel zu bauen, welche jeden, der sie betritt, mit heiliger Ehrfurcht erfüllen und das Herz nach oben zu ziehen.

Aus dem Glauben wuchs eine Wissenschaft hervor, welche die Herzen beruhigte und befriedigte. Im Altertum bekämpften sich die Gelehrten beständig; denn sie konnten nichts Sicheres bieten. Der römische Gelehrte Cicero studierte alle Werke und Bücher der Alten und kam doch zu dem Schluß: Man wisse nicht einmal mit Sicherheit, ob des Menschen Seele nach dem Tode fortlebe. Gewiß eine trostlose Wissenschaft, nicht wert, daß die Heiden damit ihre Zeit verloren.
In alten Zeiten eilten die Weltweisen in das Morgenland, um dort die Wissenschaften zu erlernen. Seitdem aber der heilige Petrus seinen Sitz im Abendland aufgeschlagen hat, nimmt man auch hierin eine gewaltige Änderung wahr. Die heilige Wissenschaft verläßt ihre alten Sitze im Morgenland, die in Ruinen sinken, und folgt den Spuren des Apostelfürsten. Und bis 1300 Jahre vergingen, musste Asien von Europa lernen. Kunst, Wissenschaft und Bildung haben sich inmitten der Völker Europas niedergelassen. In Rom, Paris, Bologna, Prag, Oxford entstehen herrliche Schulen, in welchen der lernbegierigen Jugend die Geheimnisse der Wissenschaft erschlossen werden. Der heilige Hieronymus verließ noch das Abendland, um in Palästina und Konstantinopel die Gelehrten zu hören. Im 13. Jahrhundert gingen kaum mehr ein paar Lernbegierige dahin; denn Europa hatte Asien überflügelt und in Schatten gestellt.

Das Heidentum, welches der heilige Petrus und seine ersten Nachfolger in Europa, besonders in Rom, antrafen, bildete eine Schule der Unsittlichkeit. Damals war es kaum möglich, der allgemeinen Ansteckung zu entgehen. Die meisten Familien waren zerrüttet.
Unter dem Einfluss des Christentums vollzog sich auch hierin eine auffallende Änderung. Das Christentum schuf ein geordnetes Familienleben. Unerbittlich waren in dieser Beziehung die Päpste, die bei Hohen und Niedern strafend auftraten. Lothar aus dem Hause der Karolinger und Philipp August von Frankreich hatten die Strenge der Päpste kennen gelernt, als sie sich der neuen christlichen Ordnung im Familienleben nicht fügen wollten. Zahllos sind dagegen jene, die im Familienleben sich die Krone der Heiligkeit erworben haben.

Der Heide Seneca hatte seinerzeit geklagt, daß man in Rom die Jungfräulichkeit kaum mehr kenne. Das konnte man um das Jahr 1300 nicht mehr sagen. Es gab um diese Zeit und schon viel früher viele Tausende gläubiger Christen, welche nach dem Beispiel Jesu Christi und seiner jungfräulichen Mutter ein keusches, reines Leben führten. Und je größer der Einfluss des Papsttums geworden ist, desto mehr nahm die Liebe zum jungfräulichen Leben zu. Ganz Europa war mit Klöstern übersät, in denen die Tugend der Keuschheit mit zarter Liebe und Sorgfalt gepflegt wurde. Zahlreich waren die Kongregationen der Benediktiner, Zisterzienser, Kartäuser, Prämonstratenser, Karmeliten, Trinitarier, Dominikaner und Franziskaner. Zahllos war die Schar von Jungfrauen, die lieber sterben, als die Jungfräulichkeit verletzen wollten. Auch die Ritterorden pflegten diese englische Tugend. –
aus: Chrysostomus Stangl, kath. Weltpriester, Die Statthalter Jesu Christi auf Erden, 1907, S. 517 – S. 521

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