Die der Liturgie feindlichen Sekten

Von der antiliturgischen Häresie und der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts, in ihren Beziehungen zur Liturgie betrachtet.

Die der Liturgie feindlichen Sekten und ihre Häresien

Die Hölle stieß die giftigste Hefe aus ihrem Sumpf hervor, und während der Rationalismus erwachte, fand es sich, daß Satan, gleichsam wie eine diabolische Hilfe, den unreinen Samen, den der Orient in seinem Schoß von Anfang an wahrgenommen hatte, jene Sekte, welche der heilige Paulus das Geheimnis der Gottlosigkeit nennt, die manichäische Häresie auf den Okzident geschleudert hatte. Man weiß, wie sie unter dem falschen Namen der Gnosis die ersten Jahrhunderte des Christentums befleckt; mit welcher Treulosigkeit sie sich, nach den Zeiten, im Schoße der Kirche verborgen hatte, indem sie ihren Anhängern gestattete, mit den Katholiken zu beten, ja sogar zu kommunizieren, und selbst bis nach Rom vordrang, wo es, um sie zu entdecken, des scharfen Auges eines heiligen Leo und Gelasius bedurfte. Diese verabscheuungswürdige Sekte, welche sich unter dem Deckmantel des Spiritualismus allen Ausschweifungen des Fleisches hingegeben hatte, lästerte im Geheimen die heiligsten Gebräuche des äußeren Kultus als grob und allzu materiell. Was der heilige Augustin von ihr uns berichtet, kann man in dem Buche gegen den Manichäer Faustus sehen, welcher den Kultus der Heiligen und ihrer Reliquien als Götzendienst behandelte.

Die Kaiser des Orients hatten diese schändliche Sekte durch die strengsten Gesetze verfolgt, ohne sie jedoch vertilgen zu können. Man findet sie im siebenten Jahrhundert wieder in Armenien, unter der Leitung eines Hauptes Namens Paulus, woher der Name Paulizianer diesen Häretikern im Orient gegeben ward; und sie wurden dort mächtig genug, um Kriege gegen die Kaiser von Konstantinopel zu unterhalten. Petrus von Sizilien, welcher von Basilius, dem Mazedonier, gegen sie gesandt wurde, um einen Austausch von Gefangenen zu bewerkstelligen, hatte Muße, sie kennen zu lernen, und schrieb ein Buch über ihre Irrtümer.

„Er kennzeichnet darin,“ sagt Bossuet, „diese Häretiker durch ihre eigentümlichen Charaktere, durch ihre zwei Prinzipien, durch die Verachtung, welche sie gegen das Alte Testament hegten, durch ihre wunderbare Geschicklichkeit, sich zu verbergen, wann sie wollten, und durch die andern Merkmale, die wir gesehen haben. Er führt deren aber zwei oder drei an, die man nicht vergessen darf, nämlich ihre besondere Abneigung gegen die Bildnisse des Kreuzes, eine natürliche Folge ihres Irrtums, weil sie das Leiden und den Tod des Sohnes Gottes verwarfen; ihre Verachtung gegen die heilige Jungfrau, welche sie nicht für die Mutter Jesu Christi hielten, weil er kein menschliches Fleisch hätte; und besonders ihren Widerwillen gegen die Eucharistie.‘ (Histoire des Variations. Livre XI. § 14) Sie sagten auch, „daß die Katholiken die Heiligen wie Gottheiten verehrten, und daß man aus diesem Grunde den Laien verböte, die heilige Schrift zu lesen, aus Furcht, daß sie darin mehrere ähnliche Irrtümer entdeckten.“ (ibid.)

Dies war schon, wie man sieht, die ganz ausgebildete liturgie-feindliche Häresie. Es fehlte ihr nur an Völkern, die geeignet waren, sie aufzunehmen. Um nach Europa zu gelangen, durchzog die Sekte Bulgarien, wo sie tiefe Wurzeln schlug; und dies ist auch der Grund, warum man in dem Abendland ihren Anhängern den Namen Bulgarer gab. Im Jahre 1017 entdeckte man unter König Robert deren Mehrere zu Orleans, und kurz nachher Andere in der Languedoc, später in Italien, wo sie sich Katharer, d. h. Reine, nennen ließen, endlich sogar mitten in Deutschland. Ihr schändliches Losungswort hatte um sich gefressen, wie der Krebs, (2. Tim. 2, 17) und ihre Lehre war immer dieselbe, gegründet auf den Glauben an die zwei Prinzipien, und auf den Haß gegen den ganzen äußeren Kultus, und verstärkt durch alle gnostischen Verabscheuungswürdigkeiten. Übrigens übten sie eine große Verstellung; mischten sich in der Kirche unter die Rechtgläubigen, und gaben sich lieber zu jeder Art von Meineid her, als daß sie sich verraten hätten, wann sie einmal beschlossen hatten, nicht zu reden. Sie waren im zwölften Jahrhundert im Süden von Frankreich schon sehr mächtig, und man kann nicht zweifeln, daß Peter von Bruis und Heinrich, deren Lehren den heiligen Bernhard und Peter den Ehrwürdigen zu Gegnern hatten, ihre zwei vorzüglichsten Häupter waren. Man sieht sie im Jahre 1160 nach England gehen, wo sie Poplicani oder Publicani genannt wurden. In Frankreich bezeichnete man sie mit dem Namen Albigenser, wegen ihrer Macht in einer unserer Provinzen, und die am Tiefsten in die ekelhaften Mysterien der Sekte Eingeweihten werden Patariner genannt. Man weiß, mit welchem Eifer die katholischen Völker des Mittelalters sich gegen diese Sektierer erhoben; die Kirche glaubte gegen sie den Kreuzzug predigen zu dürfen, und es begann ein Ausrottungskrieg, an welchem, direkt oder indirekt, alle großen Persönlichkeiten der Kirche und des Staates teilnahmen. Man erstickte die Lehre der Albigenser, wenigstens was ihr äußeres Auftreten angeht; sie blieb stumm, als der Same aller Irrtümer, welche im sechzehnten Jahrhundert hervor brechen sollten; und die Doktrinen ihres monströsen Mystizismus pflanzten sich bis auf unsere Tage in der quietistischen Häresie fort, die vielleicht eine gefährlichere Feindin der wahren liturgischen Lehre ist, als der reine Rationalismus selber.

Ein neuer Zweig der Sekte, der zwar weniger mystisch und darum den Sitten des Abendlandes entsprechender war, trieb zu, Lyon auf dem nämlichen Stamm des aus dem Morgenland eingeführten Manichäismus in dem nämlichen Augenblick hervor, wo der erste Ast mit einer heftigen Zerstörung bedroht war. Im Jahre 1160 bildete zu Lyon Petrus Waldus, ein Kaufmann, die Sekte jener ungestümen Fanatiker, welche unter dem Namen der Armen von Lyon, besonders aber unter dem der Waldenser, von dem Namen ihres Stifters, bekannt sind. Damals konnte man die Verbindung des Geistes der Sekte mit jenem, dessen erstes Organ bei uns Berengar gewesen war, vorher sagen. Nachdem sie sich bald von den manichäischen Meinungen, die bei uns unpopulär geworden waren, losgesagt hatten, predigen sie besonders die Reform der Kirche, und, um sie auszuführen, untergraben sie keck das Ganze ihres Kultus.

Für sie gibt es erstens keine Priester mehr; jeder Laie ist Priester; der in einer Todsünde befindliche Priester konsekriert nicht mehr; folglich gibt es keine zuverläßige Eucharistie mehr; die Geistlichen können keine irdischen Güter besitzen; man muss die Kirchen, das heilige Chrisma, die Verehrung der heiligen Jungfrau und der Heiligen, das Gebet für die Toten verabscheuen. Man muss bei allen Dingen auf die heilige Schrift zurück kommen u. s. w. Die Waldenser finden die Moral der Kirche wegen ihrer Nachsicht Ärgernis erregend, und stellen sogar eine Strenge in der Aufführung zur Schau, die mit den Ausschweifungen der Albigenser in grellem Widerspruch steht.

Frankreich war indessen nicht allein der Schauplatz dieser heftigen Reaktion gegen die Form in dem Katholizismus. Am Ende des vierzehnten Jahrhunderts erhob sich Wiclif in England, und ließ beinahe alle Blasphemien der Waldenser vernehmen. Da indessen jedes System des Irrtums in der Religion, um einige Dauer zu haben, genötigt ist, sich näher oder entfernter auf den Pantheismus zu stützen, weil der gnostische Mystizismus den Massen, wenigstens bei uns, wie wir es bemerkt haben, nicht zusagen kann, so suchte Wiclif seine auflösenden Doktrinen auf ein fatalistisches System zu basieren, dessen Quelle ein unveränderlicher Wille Gottes war, in welchem sich alle kreatürlichen Willen aufgehoben fänden.

Um dieselbe Zeit dogmatisierte Hus in Deutschland, und bereitete jene unermessliche Revolution vor, welche für Jahrhunderte ganze Nationen von der römischen Gemeinschaft trennen sollte. Auch er stützte sich stark auf übertriebene Konsequenzen aus dem Dogma von der Prädestination, und würdigte, zur Praxis übergehend, das Priestertum vor dem Laientum herab; predigte die Lesung der heiligen Schrift auf Kosten der Tradition, und lehnte sich gegen die höchste Autorität in liturgischer Beziehung durch Reklamationen auf, die er für den Gebrauch des Kelches bei der Laienkommunion ertönen ließ.

Endlich kam Luther, welcher nichts sagte, was nicht schon seine Vorgänger vor ihm gesagt hätten, aber vorgab, den Menschen zu gleicher Zeit von der Sklaverei des Gedankens in Bezug auf die lehrende, und von der Sklaverei des Körpers in Bezug auf die liturgische Gewalt zu befreien. (siehe dazu auch den Beitrag: Luthers Lehre über die Messe vom Teufel) Calvin und Zwingli folgten ihm, und zogen Sozin nach sich, dessen reiner Naturalismus die unmittelbare Folge der seit so vielen Jahrhunderten vorbereiteten Lehren war. Bei Sozin aber macht jeder liturgische Irrtum Halt; die Liturgie, welche immer mehr und mehr verkürzt wurde, gelangt nicht bis zu ihm. Um einen Begriff von den Verwüstungen der liturgiefeindlichen Sekte zu geben, schien es uns jetzt notwendig, den Gang der vorgeblichen Reformatoren des Christentums seit drei Jahrhunderten zu resümieren, und die Gesamtheit ihrer Handlungen und ihrer Lehre über die Reinigung des Gottesdienstes vorzulegen. Es gibt kein Schauspiel, das belehrender und geeigneter wäre, die Ursachen der reißenden Ausbreitung des Protestantismus begreiflich zu machen.
Man wird darin das Werk einer diabolischen Weisheit gewahren, welche sicher zu Werke ging, und unfehlbar ungeheure Resultate herbei führen musste. –
aus: Prosper Gueranger, Geschichte der Liturgie, 1854, S. 406 – S. 410

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