Wann begann die antiliturgische Häresie

Von der antiliturgischen Häresie und der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts, in ihren Beziehungen zur Liturgie betrachtet.

Antiliturgische Häresie in der frühen Kirche

Die Liturgie ist ein zu ausgezeichnetes Gut der Kirche, als daß sie nicht den Angriffen der Häresie ausgesetzt sein sollte. Sowie aber die Autorität der Kirche als Begriff von den Sekten des Orients, die sonst das Symbol in so mannigfacher Weise zerrissen, nicht unmittelbar bekämpft wurde, ebenso wenig hat man in diesem Vaterlande der Geheimnisse den Rationalismus die Formen des Kultus systematisch verfolgen sehen. Unter einander durch heftige Uneinigkeiten gespalten, haben die orientalischen Sekten teils einen verkleideten Pantheismus, teils sogar das Prinzip des Dualismus mit dem Christentum vermählt; bei allem dem aber haben sie das Bedürfnis, zu glauben und christlich zu sein; ihre Liturgie ist der vollendete Ausdruck ihrer Lage. Blasphemien auf die Menschwerdung des Wortes entehren gewisse Formeln; diese Unordnung verhindert aber nicht, daß die traditionellen Begriffe der Liturgie in diesen nämlichen Formeln und den sie begleitenden Riten erhalten find; ja, was noch weit mehr ist, der Glaube, wie entstellt er auch immer sein mag, war beinahe bis auf unsere Tage fruchtbar bei diesen Menschen, welche zwar verkehrt glauben, aber doch glauben wollen, und die Jakobiten und Nestorianer haben bloß bis zum Jahre 1000 mehr liturgische Formeln, Anaphoren z. B., hervorgebracht, als die griechischen Melchiten, deren Bücher seit ihrer Trennung von der römischen Kirche nichts gewonnen haben, wenn man gewisse Hymnen ausnimmt, welche von Personen jeder Art verfaßt und den Büchern der Offizien beigefügt worden sind. Aber auch diese letzte Art von Gebeten hält nicht an dem Fundament der Liturgie fest, wie die Anaphoren, die Benediktionen u. s. w., welche von den neueren Jakobiten und Nestorianern verfaßt wurden, und deren Text oder Anzeige wir in dem Werke Renaudots über die orientalischen Liturgien, oder in der Bibliothek von Assemani finden. Der Leser würde sich aber nichts desto weniger täuschen, wenn er glaubte, daß wir diesen außerordentlichen Überfluss als das Zeichen eines Fortschrittes anzuführen beabsichtigten; das Altertum, die Unveränderlichkeit der Formeln des Altars ist ihr erstes Erfordernis; aber diese Fruchtbarkeit ist wenigstens ein Lebenszeichen, und man kann nicht umhin, anzuerkennen, daß der kirchliche Stil dieser Anaphoren, sogar der neuesten, vollkommen demjenigen entspricht, den die Jahrhunderte geheiligt haben. Was die Überlieferungen bezüglich der Riten und Zeremonien angeht, so haben die orientalischen Sekten sie alle mit einer so seltenen Treue bewahrt, und wenn zuweilen abergläubische Umstände sich eingemischt finden, so bezeugen sie zum Wenigsten einen ursprünglichen Glaubensfond, wie bei uns die zunehmende Verminderung der äußeren Übungen die Gegenwart des geheimen Rationalismus anklagt, der seine Resultate zu Tage fördert.

Die griechische Kirche hat im Allgemeinen mit großer Sorgfalt, wenn nicht den Geist, so doch wenigstens die Formen der Liturgie bewahrt. Wir haben anderswo gesagt, wie sie Gott vorher bestimmt habe, wenigstens eine Zeit lang durch die Unbeweglichkeit ihrer alten Gebräuche ein unverwerfliches Zeugnis für die Reinheit der lateinischen Traditionen abzulegen. Darum scheiterte Cyrillus Lukaris so schimpflich mit seinem Plane, die orientalische Kirche in die Doktrinen des abendländischen Rationalismus einzuweihen. Indessen ist der streitsüchtige und kritisierende Geist eines Markus von Ephesus im Schoße der griechischen Kirche geblieben, und wird seine natürlichen Früchte von dem Augenblick an hervorbringen, wo diese Kirche berufen sein wird, in unsere europäischen Gesellschaften einzudringen. Die griechische Kirche muss unfehlbar durch den Protestantismus hindurch gehen, bevor sie zur Einheit zurück kehrt; und man hat viele Gründe, zu glauben, daß die Revolution bereits in dem Herzen der Bischöfe gemacht ist. In einer ähnlichen Ordnung der Dinge wird die Liturgie, die offizielle Form eines offiziellen Glaubens, stabil bleiben oder wechseln nach dem Gutdünken des Souveräns. Auf diese Weise ist keine liturgische Häresie da möglich, wo das Symbolum schon untergraben ist, wo man nichts mehr findet, als einen Leichnam von Christentum, welchem Spannkräfte oder ein Galvanismus noch einige Bewegungen bis zu dem Augenblick einflößen, wo er, in Verwesung übergehend, ebenso unfähig sein wird, die äußeren Anstöße aufzunehmen, als er es seit langer Zeit ist, die Pulsschläge des Lebens zu fühlen.

Nur in dem Schoße der wahren Kirche kann daher die antiliturgische Häresie gären, d. h, jene, welche sich als die Feindin der Kultformen zeigt. Nur da, wo es etwas zum Zerstören gibt, wird der Geist der Zerstörung dieses tödliche Gift einzuspritzen suchen. Der Orient hat seine Angriffe nur einmal, aber in heftiger Weise, erfahren, nämlich in den Zeiten der Einheit. Eine wütende Sekte erhob sich im achten Jahrhundert, welche, unter dem Vorwand, den Geist von dem Joch der Form zu befreien, die Symbole des Glaubens und der Liebe des Christen zerbrach, zerriß und verbrannte; das Blut floß für die Verteidigung des Bildes des Sohnes Gottes, wie es vier Jahrhunderte früher für den Triumph des wahren Gottes über die Götzen geflossen war. Der okzidentalischen Christenheit war es aber vorbehalten, in ihrem Schoße den längsten, den hartnäckigsten Krieg, der noch dauert, gegen das Ganze der liturgischen Akte sich organisieren zu sehen. Zwei Dinge trugen dazu bei, die okzidentalischen Kirchen in diesem Prüfungszustand zu erhalten; zuerst, wie wir soeben bemerkten, die dem römischen Christentum, welches allein dieses Namens würdig ist, und folglich dasjenige, gegen welches sich alle Mächte des Irrtums richten müssen, eigentümliche Lebenskraft; zweitens der verhältnismäßig materielle Geist der abendländischen Völker, welche, zugleich der Geschmeidigkeit des griechischen Geistes und des orientalischen Mystizismus entbehrend, in Sachen des Glaubens nur zu leugnen, und das, was sie geniert und demütigt, weit von sich wegzuwerfen wissen, und aus diesem doppelten Grunde, gleich den semitischen Völkern, unfähig sind, einer und derselben Häresie Jahrhunderte lang zu folgen. Das ist der Grund, warum bei uns, wenn man einige isolierte Erscheinungen ausnimmt, die Häresie niemals anders voran geschritten ist, als auf dem Wege der Verneinung und Zerstörung. Das ist, wie man gesehen hat, die Tendenz aller Anstrengungen der ungeheuren antiliturgischen Sekte.

Ihr bekannter Ausgangspunkt ist Vigilantius, jener Gallier, der durch die Sarkasmen des heiligen Hieronymus verewigt wurde. Er deklamiert gegen den Pomp der Zeremonien, spottet auf eine grobe Weise ihres Symbolismus, lästert die Reliquien der Heiligen, greift zu gleicher Zeit den Zölibat der geheiligten Diener und die Enthaltsamkeit der Jungfrauen an; Alles, um die Reinheit des Christentums zu erhalten. Wie man sieht, so ist das kein übler Vorgang für einen Gallier des vierten Jahrhunderts. Der Orient, welcher in dieser Art nur die Häresie der Bilderstürmer hervorgebracht hat, schonte wenigstens, wenn auch mit Inkonsequenz, die Riten und Gebräuche der Liturgie, welche keinen unmittelbaren Bezug zu der Verehrung der heiligen Bilder hatten. (siehe den Beitrag: Bilderstreit)

Nach Vigilantius ruhte der Okzident einige Jahrhunderte lang aus; als aber die barbarischen Stämme, welche von der Kirche in die Zivilisation eingeführt worden waren, sich ein wenig mit den Arbeiten des Gedankens vertraut gemacht hatten, so erhoben sich anfangs Menschen, nachher Sekten, welche auf eine plumpe Weise leugneten, was sie nicht verstanden, und behaupteten, daß es dort keine Realität gäbe, wo die Sinne nichts unmittelbar berührten. Die Häresie der Sakramentierer, für immer im Orient unmöglich, begann im elften Jahrhundert im Okzident, in Frankreich, durch die Blasphemien des Archidiakons Berengar. Der Unwille war allgemein in der Kirche gegen eine so monströse Lehre; aber man musste voraussehen, daß der Rationalismus, einmal entfesselt gegen den heiligsten Akt des christlichen Kultus, dabei nicht stehen bleiben würde. Das Geheimnis der wirklichen Gegenwart des göttlichen Wortes unter den eucharistischen Symbolen sollte der Zielpunkt aller Angriffe werden; man musste Gott von dem Menschen entfernen, und um dieses Hauptdogma um so sicherer anzugreifen, musste man alle Zugänge der Liturgie verschließen, welche, wenn man so sagen kann, zu dem eucharistischen Mysterium hinführen.

Berengar hatte nur ein Signal gegeben; sein Angriff sollte in seinem eignen und den folgenden Jahrhunderten verstärkt werden, und es musste daraus für den Katholizismus der längste und furchtbarste Kampf, den er je versucht hat, hervorgehen. Alles begann also nach dem Jahre 1000. „Dies war vielleicht,“ sagt Bossuet, „die Zeit jener furchtbaren Entfesselung Satans, welche nach tausend Jahren in der Apokalypse angekündigt wird; was die äußersten Unordnungen bedeuten kann: tausend Jahre nachdem der starke Bewaffnete, d. h. der siegreiche Satan, durch Jeſus Christus, der in die Welt kam, gefesselt wurde.“ (Histoire des Variations. Livre XI. § 17) –
aus: Prosper Gueranger, Geschichte der Liturgie, 1854, S. 401 – S. 405

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