Fernsehübertragung der heiligen Messe?

Der Priester steht in der heiligen Messe vor dem Hochaltar, hält die nach der Wandlung geweihte Hostie hoch, die Ministranten und das gläubige Volk knien mit gesenktem Haupt

Josef Pieper zur Problematik der Fernseh-Übertragung der hl. Messe

Auf dem Grunde des geschichtlichen Vorgangs, den wir als »Säkularisierung« bezeichnen, geschieht vor allem eine fortschreitende Schwächung der natürlichen religiösen Grundvorstellungen. Es handelt sich um etwas, das fast noch schlimmer und hoffnungsloser ist als »Entchristlichung«, weil sozusagen die Hand zu verdorren droht, mit welcher der Mensch das eigentlich Christliche zu fassen vermag. Weil aber anderseits der Vorgang nicht formell und unmittelbar »Entchristlichung« ist, setzt er sich um so leichter und unmerklicher innerhalb der Christenheit selbst durch.

Der Begriff »Zeichen« im Sinne des Realsymbols ist zum Beispiel zweifellos nicht ein eigentlich und ausschließlich christlicher Begriff; aber niemand, der diesen Begriff nicht lebendig zu vollziehen vermag, kann verstehen und lebendig vollziehen, was ein Sakrament ist. Was aber für den Begriff »Zeichen« gilt, trifft in ähnlichem Sinn zu für den Begriff des »Opfers«, den Thomas dem Bereich des »Naturrechts« zuweist, und für den der »heiligen Handlung«.

Was nun die Fernseh-Übertragung der heiligen Messe betrifft, so scheint sie mir einerseits bereits vorauszusetzen, daß der lebendige Sinn dafür, was eine »heilige Handlung« ist, entscheidend geschwächt ist; anderseits und vor allem wird durch solche Übertragungen diese Schwächung immer weiter, bis zur Unheilbarkeit, voran getrieben.

Zum Wesen der heiligen Handlung gehört die Schranke gegenüber dem profanen Bereich, gegenüber Markt und Straße. Es ist aber gerade diese Schranke, die in der Fernseh-Übertragung der Mysterienfeier durchbrochen und zerstört oder vielmehr als gar nicht vorhanden erklärt wird — so daß der rechte Name für das, was hier geschieht, »Profanierung« ist.

Das gelegentlich angeführte Argument, die heilige Messe könne auch in Tanzlokalen, im Konzentrationslager usw. würdig gefeiert werden, verfehlt den Kern des Sachverhalts; denn in all diesen Fällen verwirklicht sich die »Schranke« durchaus, und sei es durch nichts anderes als durch die schweigende Ehrfurcht der »Umstehenden« und Mitfeiernden.

Im Fall der »Fernsehmesse« aber wird die Schranke auf doppelte Weise zerstört: erstens versetzt die Übertragung das Bild der heiligen Handlung mit unvermeidlicher Wahllosigkeit mitten in den profanen Bereich, auf die Straße und auf den Markt, in ausnahmslos jede Situation des alltäglichsten Lebens; zweitens dringt das Instrumentarium der öffentlichen Neugier und Langeweile in den Raum der heiligen Handlung ein.

Man darf nämlich das Vehikel der Übertragung, eben den Fernseh-Funk, nicht rein abstrakt betrachten — etwa als die bloße Ermöglichung einer optisch-akustischen Übermittlung von einem Ort an viele andere Orte. Konkret soziologisch gesehen ist der Fernseh-Funk ein Instrument der Massenunterhaltung, wodurch der Befund, daß eine Fernseh-Übertragung der heiligen Messe dem Charakter der heiligen Handlung widerstreite, noch mehr Gewicht bekommt. Die Bedenkenlosigkeit, mit welcher [in einem befürwortenden Bericht über die Pariser Übertragungen] von der Vermeidung der »Eintönigkeit« durch Wechsel des »Dekors« gesprochen wird, ist eine äußerst beunruhigende Bestätigung dafür, daß hier völlig sachfremde Kategorien ins Spiel kommen.

Übrigens wird nicht allein die »heilige Handlung« im engeren Sinn der kultischen Feier angetastet. Es gibt auch natürliche »Mysterien«, die der gesunde Sinn durch das Schweigen der Scham und der Ehrfurcht schützt. Wer das Gesicht eines ins Gebet versunkenen Menschen oder gar den Augenblick, da ein Gläubiger den Leib des Herrn empfängt, zu photographieren wagt, und zwar nicht sozusagen zufällig und beiläufig [wie es einmal bei besonderen Anlässen geschehen mag], sondern mit systematischem Vorbedacht; und wer, wie es etwa in der Pariser »Fernseh-Kapelle« gebräuchlich zu sein scheint, den Gläubigen zumutet, sich in solcher Situation der Kamera auszusetzen — der muss bedenken, daß auch damit schon eine Profanierung geschieht, eine Profanierung, die sich nur dem Grade nach unterscheidet von einer etwaigen filmischen Publizierung von Geburt, Sterben und Zeugung.

Dies alles bedeutet jedoch keineswegs, daß die christliche Verkündigung und Missionierung sich nicht aller technischen Mittel, und also auch des Fernsehens, bedienen dürfte; im Gegenteil, sie muss sich ihrer bedienen. Missionierung aber hat wesentlich den Sinn der Hinführung zum Glauben und zum Geheimnis. Niemals jedoch in der Kirchengeschichte ist die unvermittelte Darbietung des Mysteriums selbst auch an die Nicht-Eingeweihten als eine mögliche Form der Missionierung betrachtet worden. Der Fernseh-Funk bietet zweifellos neue Möglichkeiten der Missionierung. Die Übertragung der Messfeier ist keine solche Möglichkeit.

Es ist gesagt worden, es sei von der Fernseh-Messe für die Gläubigen eine »Stärkung des religiösen Sinnes« zu erwarten. Nachdem allenthalben Klarheit darüber besteht, daß eine sakramentliche Teilhabe an der heiligen Messe durch eine Fernseh-Übertragung nicht zustande kommen kann, bleibt nur übrig, eine Erleichterung oder Intensivierung der »intentionalen« Teilhabe anzunehmen.

Diese Annahme aber erscheint höchst problematisch. Platon hat gesagt, schon die Schrift bedeute, obwohl sie ein Mittel der Fixierung und Aufbewahrung sei, dennoch eine Schwächung der menschlichen Erinnerungskraft. Und es ist eine längst erwiesene Tatsache, daß die technische Erleichterung des Sehens sowie die gesteigerte Darbietung von »Seh-Stoff« die Intensität des Sehens in bedrohlichem Maße geschwächt hat, obwohl man zunächst das Gegenteil erwarten möchte. Es ist mehr als fraglich, ob die Fernseh-Übertragung der heiligen Messe in den Zuschauern durchschnittlicher Weise eine Steigerung der inneren Teilnahme bewirkt und ob nicht der Kranke oder der sonst wie Verhinderte, die ja immer wieder als Beispiel angeführt werden, viel intensiver »teilnehmen«, wenn sie durch Lesung der Messgebete oder durch eine wirkliche innere Vergegenwärtigung die heilige Handlung mitvollziehen. Es ist eine vornehmliche Aufgabe der religiösen Erziehung, die Gläubigen zu solchem inneren Mitvollzug fähig zu machen. Von der anscheinenden »Erleichterung«, welche die Fernseh-Messe bedeutet, ist dies Resultat nicht nur nicht zu erwarten; es ist im Gegenteil zu befürchten, daß es gerade vereitelt werden könnte.

Das entscheidende Gegenargument bleibt jedoch das der »Profanierung«. — Es scheint mir eines der überzeugendsten und erfreulichsten Ergebnisse der liturgischen Erneuerungs-Bewegung zu sein, daß sowohl der schlichte Sinn einfacher Menschen als auch, wie ich aus zahlreichen Gesprächen und Diskussionen weiß, die instinktive Antwort vor allem der akademischen Jugend die Fernseh-Übertragung der Messe mit großer Mehrheit ablehnt, und zwar aus diesem Grunde.

aus: Josef Pieper, Weistum Dichtung Sakrament, 1954, S. 271 – S. 275

Bemerkung:

Welche Bedeutung dieser Text hat, geht aus zwei Kommentaren hervor, die sich auf die folgende Internetseite beziehen:

Gläubige richten schöne kleine Hausaltare rund um die Mess-Übertragung ein

Kommentar 1 in: Not macht erfinderisch, aus der auch die Zitate von Josef Piper genommen sind

Kommentar 2 in: „Corona“ bringt es an den Tag

Category: Liturgie
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