Prinzipien der Häretiker bezüglich Liturgiereform

Von der antiliturgischen Häresie und der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts, in ihren Beziehungen zur Liturgie betrachtet.

Die Charakterzüge der antiliturgischen Häresie

1. Der erste Charakter der antiliturgischen Häresie ist der Hass gegen die Tradition in den Formeln des Kultus.
Man muss diesen speziellen Charakter in allen Häresien zugeben, welche wir genannt haben, von Vigilantius an bis zu Calvin. Die Ursache davon ist leicht zu erklären, Jeder Sektierer, welcher eine neue Lehre einführen will, findet sich unfehlbar der Liturgie gegenüber, welche die Tradition in ihrer höchsten Macht ist, und er kann nicht ruhen, bis er diese Stimme zum Schweigen gebracht, bis er die Blätter zerrissen hat, welche den Glauben der vergangenen Jahrhunderte in sich bergen. In der Tat, wie haben sich das Luthertum, der Calvinismus, der Anglikanismus in die Massen eingeführt und in ihnen erhalten? Es bedurfte dazu nur, neue Bücher und neue Formeln den alten Büchern und alten Formeln zu unterschieben, und Alles war vollbracht. Nichts stand den neuen Doktoren mehr im Wege; sie konnten ganz nach Gefallen predigen; der Glaube der Völker war von nun an ohne Schuss. Luther begriff diese Lehre mit einem, unserer Jansenisten würdigen, Scharfsinne, als er in der ersten Periode seiner Neuerungen, zur Zeit, wo er sich genötigt sah, noch einen Teil des äußeren lateinischen Kultus beizubehalten, folgende Anordnung für die reformierte Messe festsetzte: „Wir billigen und bewahren die Introitus der Sonntage und der Feste Jesu Christi, nämlich Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Wir würden gern die ganzen Psalmen, aus denen diese Introitus genommen sind, vorziehen, wie man ehemals tat; aber wir wollen uns dem gegenwärtigen Gebrauch anbequemen. Wir tadeln selbst Jene nicht, welche die Introitus der Apostel, der Jungfrau und der andern Heiligen beizubehalten wünschen sollten, wenn diese Introitus aus den Psalmen und andern Stellen der heiligen Schrift genommen sind.“ (Lebrun. Explications de la Messe. Tom. IV. p. 13.) Er verabscheute zu sehr die von der Kirche selbst, als öffentlicher Ausdruck ihres Glaubens, verfaßten Gesänge. Er fühlte zu sehr in ihnen die Macht der Tradition, welche er verbannen wollte. Wenn er der Kirche das Recht zuerkannte, ihre Stimme bei den heiligen Versammlungen in die Aussprüche der Schriften zu mischen, so setzte er sich grade dadurch der Gefahr aus, Millionen Stimmen seine neuen Dogmen anathematisieren zu hören. Haß also gegen Alles, was in der Liturgie nicht ausschließlich aus den heiligen Schriften gezogen ist.

2. Es ist in der Tat das zweite Prinzip der antiliturgischen Sekte, die Formeln im kirchlichen Stil durch Schriftlesungen zu ersetzen. Sie findet darin zwei Vorteile; erstens den, daß sie damit die Stimme der Tradition verstummen macht, die sie immer fürchtet; sodann ein Mittel, ihre Dogmen auf dem Wege der Negation oder Affirmation zu verbreiten und zu stützen. Auf dem Wege der Negation, indem sie vermittels einer geschickten Wahl diejenigen Texte mit Stillschweigen übergeht, welche die jenen Irrtümern, welchen man Geltung verschaffen will, entgegen gesetzte Lehre ausdrücken; auf dem Wege der Affirmation, indem sie verstümmelte Stellen aushebt, welche, da sie nur Eine Seite der Wahrheit zeigen, die andere den Augen des Volkes verbergen. Man weiß seit vielen Jahrhunderten, daß der Vorzug, welcher von allen Häretikern den heiligen Schriften vor den kirchlichen Bestimmungen gegeben worden ist, keinen andern Grund hatte, als ihre Fertigkeit, das Wort Gottes Alles dasjenige sagen zu lassen, was sie wünschen, indem sie es nach Gutdünken hervortreten lassen oder zurück halten.

Wir werden anderswo sehen, was die Jansenisten, die nach ihrem Systeme genötigt waren, das äußere Band mit der Kirche zu bewahren, in dieser Art geleistet haben; was die Protestanten betrifft, so haben sie beinahe die ganze Liturgie auf die Lesung der Schrift reduziert, die sie mit Reden begleiten, in denen man sie durch die Vernunft erklärt. Was die Auswahl und die Bestimmung der kanonischen Bücher betrifft, so haben sie damit geendigt, daß sie der Laune des Reformators erlagen, welche in letzter Instanz nicht mehr bloß über den Sinn des Wortes Gottes, sondern über die Tatsache dieses Wortes entscheidet. So findet Martin Luther, daß in seinem Systeme des Pantheismus die Überflüssigkeit der Werke und das Ausreichende des Glaubens als Dogmen aufzustellen seien, und von nun an erklärt er, daß der Brief des heiligen Jakobus eine stroherne Epistel sei, und nicht ein kanonischer Brief, bloß darum, weil man darin die Notwendigkeit der Werke für das Seelenheil lehrt. Zu allen Zeiten und unter allen Formen wird es ebenso gehen; keine kirchlichen Formen; nur einzig die Schrift, aber interpretiert, ausgewählt und vorgelegt von dem oder denen, welche ihren Vorteil in der Neuerung finden. Die Falle ist für die Einfältigen gefährlich, und nur zu spät gewahrt man, daß man getäuscht sei, und daß das Wort Gottes, dieses zweischneidige Schwert, wie der Apostel sagt, große Wunden geschlagen hat, weil es von den Söhnen des Verderbens geführt worden war.

3. Das dritte Prinzip der Häretiker bezüglich der Reform der Liturgie, nachdem sie die kirchlichen Formen verbannt und die absolute Notwendigkeit, bei dem Gottesdienst nur die Worte der Schrift anzuwenden, proklamiert hat, das dritte Prinzip, sagen wir, ist, sobald man sieht, daß die Schrift sich nicht, wie sie es möchten, allen ihren Wünschen fügt, neue Formen zu verfertigen und einzuführen, die voll von Treulosigkeit sind, und durch welche die Völker noch fester an den Irrtum angekettet, und das ganze Gebäude der gottlosen Reform für Jahrhunderte befestigt wird.

4. Man darf sich nicht über den Widerspruch wundern, den die Häresie auf diese Weise in ihren Werken darbietet, wenn man wissen wird, daß das vierte Prinzip, oder, wenn man will, die vierte Notwendigkeit, welche den Sektierern durch die Natur ihres revolutionären Standpunktes selbst aufgelegt wurde, ein steter Widerspruch mit ihren eignen Prinzipien ist. Es muss so sein zu ihrer Beschämung an jenem großen Tage, welcher früher oder später kommt, wo Gott ihre Nacktheit im Angesicht der Völker, die sie verführt haben, enthüllt, und auch deswegen, weil es nicht in der Macht des Menschen steht, konsequent zu sein; die Wahrheit allein vermag es. Auf diese Weise fangen alle Sektierer ohne Ausnahme damit an, die Rechte des Altertums in Anspruch zu nehmen; sie wollen das Christentum von Allem, was der Irrtum und die Leidenschaften der Menschen Falsches und Gottes Unwürdiges damit vermischt haben, befreien; sie wollen nichts als Ursprüngliches, und geben vor, die christliche Einrichtung wieder bei der Wiege aufzunehmen.

Zu diesem Zweck räumen sie weg, löschen sie aus und schneiden sie ab; Alles fällt unter ihren Schlägen, und wenn man den Gottesdienst in seiner ersten Reinheit wieder erscheinen zu sehen vermeint, findet es sich, daß man mit neuen Formen überschüttet wird, die nur von gestern her datieren, unbezweifelbar menschliche sind, weil derjenige, welcher sie verfaßt hat, noch lebt. Jede Sekte unterliegt dieser Notwendigkeit; wir haben es gesehen bei den Monophysiten, bei den Nestorianern; wir finden die nämliche Erscheinung bei allen Zweigen der Protestanten. Ihre Sucht, das Altertum anzupreisen, hat nur dazu geführt, sie in den Stand zu setzen, in die ganze Vergangenheit Bresche zu schießen, und dann haben sie sich vor die verführten Völker hingestellt, und ihnen geschworen, daß Alles wohl stünde; daß die papistischen Überschwänglichkeiten verschwunden, und der Gottesdienst zu seiner ursprünglichen Heiligkeit zurück gekehrt sei. Bemerken wir noch einen weiteren charakteristischen Zug in der Veränderung der Liturgie durch die Häretiker! Sie begnügen sich nämlich bei ihrer Neuerungswut nicht, die Formeln im Kirchenstil, welche sie mit dem Namen Menschenwort brandmarken, auszumerzen, sondern ihre Verwerfung auch sogar auf die Lektionen und Gebete auszudehnen, welche die Kirche der Schrift entlehnt hat; sie verändern, substituieren, indem sie nicht mit der Kirche beten wollen, sich somit selber exkommunizieren, und sich auch vor dem geringsten Teilchen der Orthodoxie fürchten, welches die Wahl dieser Stellen veranlaßt hat.

5. Nachdem die Reform der Liturgie von den Sektierern zu demselben Zwecke unternommen war, wie die Reform des Dogmas, deren Konsequenz sie ist, so folgte daraus, daß die Protestanten, so wie sie sich von der Einheit trennten, um weniger zu glauben, sich dahin geführt sahen, in dem Kultus alle jene Zeremonien, alle jene Formen zu beseitigen, welche Mysterien ausdrücken. Sie erklärten Alles für Aberglauben, für Abgötterei, was ihnen nicht ganz vernunftgemäß schien, schränkten auf diese Weise die Ausdrücke des Glaubens ein, und verstopften durch den Zweifel, und selbst durch die Verneinung alle Wege, welche nach der übernatürlichen Welt offen stehen. Daher gab es keine Sakramente mehr, außer die Taufe, in Erwartung des Sozinianismus, welcher seine Adepten auch davon befreien wird; keine Sakramentalien, Benediktionen, Bilder, Heiligen-Reliquien, Prozessionen, Wallfahrten u. s. w. mehr. Es gibt keinen Altar mehr, sondern bloß einen Tisch; kein Opfer mehr, wie in jeder Religion, sondern nur ein Abendmahl; keine Kirche mehr, sondern nur einen Tempel, wie bei den Griechen und Römern; keine religiöse Baukunst mehr, weil es an den Geheimnissen fehlt; keine christliche Malerei und Bildhauerei, weil es keine sinnliche Religion mehr gibt; endlich keine Poesie mehr in einem Kultus, welcher weder von der Liebe, noch von dem Glauben befruchtet ist.

6. Die Unterdrückung der geheimnisvollen Dinge in der protestantischen Liturgie musste unfehlbar die gänzliche Erlöschung jenes Gebets-Geistes hervorbringen, welchen man in dem Katholizismus Salbung nennt. Ein empörtes Herz hat keine Liebe, und ein Herz ohne Liebe wird höchstens erträgliche Ausdrücke des Respektes oder der Furcht mit der stolzen Kälte des Pharisäers hervorbringen können; und so ist die protestantische Liturgie beschaffen. Man fühlt, daß derjenige, der sie rezitiert, sich Glück wünscht, nicht zur Zahl jener papistischen Christen zu gehören, welche Gott durch die Vertraulichkeit ihrer gewöhnlichen Sprache bis zu sich herabziehen.

7. Indem sie vornehm mit Gott umgeht, bedarf die protestantische Liturgie keiner geschaffenen Mittelwesen. Sie würde glauben, der schuldigen Achtung gegen das höchste Wesen zu nahe zu treten, wenn sie die Fürsprache der heiligen Jungfrau, den Schutz der Heiligen anriefe. Sie schließt alle diese papistische Abgötterei aus, welche die Kreatur um das bittet, um was man nur Gott allein bitten muss; sie reinigt den Kalender von allen jenen Menschen-Namen, welche die römische Kirche so verwegen neben den Namen Gottes einschreibt; sie verabscheut besonders jene der Mönche und anderer Persönlichkeiten der letzten Zeiten, die man neben den verehrten Namen der Apostel figurieren sieht, die Jesus Christus ausgewählt und durch welche jene ursprüngliche Kirche gegründet wurde; die allein in dem Glauben rein und von jedem Aberglauben in dem Kultus, sowie von jeder Schlaffheit in der Moral frei war.

8. Da die liturgische Reform die Abschaffung der mystischen Akte und Formeln als einen ihrer vorzüglichsten Zwecke ansah, so folgte notwendig, daß ihre Urheber den Gebrauch der Volkssprache für den Gottesdienst wieder in Anspruch nehmen mussten. Dies ist ebenfalls einer der Hauptpunkte in den Augen der Sektierer. Der Kultus, sagen sie, ist nichts Geheimes; das Volk muss verstehen, was es singt. Der Hass gegen die lateinische Sprache ist dem Herzen aller Feinde Roms angeboren; sie sehen in ihr das Band der Katholiken auf dem Erdkreise, das Arsenal der Rechtgläubigkeit gegen alle Subtilitäten des Sektengeistes, die mächtigste Waffe des Papsttums. –
aus: Prosper Gueranger, Geschichte der Liturgie, 1854, S. 410 – S. 415

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