Der Evangelist Markus und der hl. Petrus

Der heilige Evangelist Markus sitzt auf einer Art Wolke, den rechten Arm aufgestützt auf ein Buch, einen Stift zum Schreiben in der Hand, in der linken Hand hält er eine Schreibrolle; neben ihm sitzt ein geflügelter Löwe

Der Evangelist Markus und der heilige Petrus

Das Markusevangelium ist die Niederschrift der Erzählungen des hl. Petrus

Dem Apostelschüler Markus wird das zweite Evangelium zugeschrieben, und dessen Echtheit darf als unbestritten gelten. Eine sichere, geschichtliche Überlieferung setzt die Entstehung des Evangeliums in ein besonderes Verhältnis zum hl. Petrus. Papias nämlich berichtet: „Der Presbyter (Johannes) sagte auch dies: Markus schrieb, nachdem er der Dolmetscher des Petrus gewesen war, das, was, er von den (durch Petrus aramäisch vorgetragenen und durch ihn ins Griechische übersetzten) Worten oder Taten Jesu im Gedächtnis behalten hatte, sorgfältig, wenn auch ohne (feste, chronologische) Ordnung nieder; denn er selbst hatte ja den Herrn nicht gehört und war auch nicht dessen Jünger gewesen. Später aber, wie gesagt, war er des Petrus Jünger. Dieser gestaltete seine Lehrvorträge den Bedürfnissen entsprechend, nicht wie einer, der es auf eine geordnete Zusammenstellung der Geschichte des Herrn absieht. Somit fehlt Markus nicht, wenn er nur einiges niederschrieb, und zwar so, wie er sic erinnerte. Denn er war einzig darauf bedacht, nichts auszulassen von dem, was er gehört hatte, und nichts Unrichtiges dabei zu sagen.“

Schüler des hl. Petrus

Versuchen wir uns in die Situation zu versetzen, die den „Presbyter“, d.i. wie wir oben sahen, den Apostel Johannes, veranlaßte, das von Papias erwähnte Urteil über Markus abzugeben. Offenbar waren die Kürze des Markusevangeliums im Vergleich zu dem des Matthäus und dem des Lukas, sowie der Mangel einer festen, chronologischen Ordnung den kleinasiatischen Christen, unter denen der Apostel Johannes wirkte, aufgefallen. Es mochte ihnen dabei das Bedenken kommen, ob denn Markus auch wirklich überall sorgfältig zu Werke gegangen sei. Solcherlei Bedenken und Zweifel zerstreut der Apostel und erklärt: Freilich ist das Markusevangelium kurz, und die Taten und Reden des Herrn sind nicht so dargestellt, wie es der Zeitfolge der Ereignisse entspricht. Allein man darf nicht vergessen, daß Markus nicht Augen- und Ohrenzeuge der von ihm berichteten Heils-Tatsachen war; er war kein persönlicher Jünger Jesu, sondern nur der Schüler des hl. Petrus. Was er also in seinem Evangelium geben konnte und wollte, das waren die Vorträge des hl. Petrus; Petrus aber war bei seinen Vorträgen von den Bedürfnissen des Unterrichts geleitet. Markus erstrebte nicht die Vollständigkeit einer Geschichte Jesu, sondern nur die Vollständigkeit dessen, was Petrus besonders hervorgehoben hatte. Auch wollte Markus nicht ein chronologisch geordnetes Leben Jesu schreiben; ein solches hat auch Petrus nicht gegeben. Aber eines muss unbedingt fest gehalten werden: Markus ist sorgfältig zu Werke gegangen und ein Vorwurf kann ihm in dieser Hinsicht nicht gemacht werden; er „hat nicht gefehlt“.

Dem Papias-Zeugnis fügt Klemens von Alexandrien hinzu: „Zuhörer der Predigt des Petrus in Rom hätten den Markus gebeten, ihnen den Inhalt der Predigten nieder zu schreiben, da er sie vermöge seines langen Umganges mit Petrus auswendig wisse. Markus habe dem Wunsch willfahrt. Als Petrus dies erfahren, habe er den Markus weder gehindert noch ihm zugeredet, aber die Richtigkeit des Geschriebenen anerkannt und dessen Vorlesung in der Kirche erlaubt.“

Programm der petrinischen Heidenpredigt

Die geschichtliche Nachricht, daß Markus im wesentlichen die Predigten des hl. Petrus wieder gegeben und zunächst für die römischen Christen (Heidenchristen) geschrieben habe, wird glänzend bestätigt durch die innere Beschaffenheit unseres zweiten Evangeliums. Wir können uns nämlich auf Grund einer in der Apostelgeschichte überlieferten Predigt, die Petrus einmal vor heidnischen Zuhörern gehalten hat, und auf Grund zahlreicher Bemerkungen in den Evangelien, die uns den Charakter des Apostels zeichnen, ein ziemlich lebendiges Bild machen von dem, was dieser Apostel in Rom verkündet hat, um den Glauben an die Messianität und Gottheit Jesu zu begründen und zu befestigen, und von der Art, wie er wohl alles gesagt und bewiesen hat. Es war vor dem heidnischen Hauptmann Kornelius in Cäsarea und dessen Hausgenossen, als Petrus predigte:

„In Wahrheit erfahre ich, daß Gott nicht auf die Person sieht, sondern daß ihm vielmehr in jedem Volk angenehm ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. Das Wort hat Gott den Kindern Israels gesandt und Frieden verkündet durch Jesus Christus, der aller Herr ist. Ihr wisset, was sich nach der Taufe, die Johannes predigte, zuerst in Galiläa und dann durch ganz Judäa zugetragen, wie Gott Jesus von Nazareth mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, wie dieser umher gewandelt ist, Gutes getan und alle vom Teufel Besessenen geheilt hat; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen von allem, was er im Judenland und zu Jerusalem getan, und daß sie ihn ans Kreuz gehängt und getötet haben. Ihn hat Gott am dritten Tage wieder auferweckt und uns, den von Gott auserlesenen Zeugen, erscheinen lassen, die wir nach seiner Auferstehung mit ihm gegessen und getrunken haben. Und er hat uns aufgetragen, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, daß er der von Gott verordnete Richter der Lebendigen und Toten sei. Ihm geben alle Propheten Zeugnis, daß alle, die an ihn glauben, durch seinen Namen Vergebung der Sünden erlangen.“ (Apg. 10,34-43)

Man hat nicht mit Unrecht diese Rede das „Programm der petrinischen Heidenpredigt“ genannt, und man geht gewiß nicht irre, wenn man annimmt, daß darin auch die Grundzüge der Predigten des Apostels in Rom gegeben sind. Im Verlauf seiner Missionsarbeit aber musste Petrus auch auf einzelnes eingehen, was Jesus „Gutes getan“, und wodurch sich seine Gotteskraft erwiesen hat. Da konnte er aber vor seinem dem Heidentum entstammenden Zuhörerkreis sich nicht so sehr auf die heiligen Schriften des Alten Testamentes berufen; auch jene Lehren, in denen sich Jesus mit dem Gesetz und mit den Gesetzeslehrern auseinander setzte, waren im allgemeinen für das Verständnis heidenchristlicher Anfänger noch zu schwer. Was diesen vor allem vorgeführt werden musste, um sie zum Glauben an die Messianität und Gottheit Jesu zu bringen und in diesem Glauben zu befestigen, das waren die Wunder, gleichsam die Illustration, „wie dieser (Jesus) umher gewandelt ist, Gutes getan und alle vom Teufel Besessenen geheilt hat“; durch die Wunder zeigte sich vor allem, daß „Gott mit ihm war“ und daß Jesus „“aller Herr“ ist. Dabei konnte und musste sich Petrus stets darauf berufen, daß er und die Jünger diese Wunder selbst gesehen und erlebt haben: „Wir sind Zeugen von allem, was er im Judenland und zu Jerusalem getan.“ Gerade die Tatsache aber, daß Petrus als Augenzeuge der geschilderten Ereignisse sprach, musste auch in der Form der Erzählung zum Ausdruck kommen; sein lebhaftes, feuriges Temperament musste allem, was er sagte, ein charakteristisches Gepräge geben.

Das Markusevangelium

Diesem Bild, das wir uns vernünftiger Weise von der Predigt Petri in Rom nach Inhalt und Form machen müssen, entspricht vollkommen das Markusevangelium. Schon in den Anfangsworten: „Der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus dem Sohne Gottes“, läßt es erkennen, daß es den Zweck verfolgt, Jesus als Messias und Gottessohn zu erweisen; zum Schluß aber sollen alle Leser das Wort des heidnischen Hauptmannes: „Wahrlich, dieser Mann war Gottes Sohn!“ (Mk. 15,39) in echt gläubigem Sinne sprechen. Der Beweis für Jesu Messianität und Gottes-Sohnschaft aber wird erbracht durch die Erzählung einer Reihe seiner Wunder; das Markusevangelium ist geradezu das Evangelium der Wunder. Besonders wird die Macht Jesu über die Dämonen durch die Geschichte der Heilung von Besessenen gezeigt; das erste in diesem Evangelium erzählte Wunder ist eine solche Heilung. Dabei steht Petrus als Augenzeuge immer im Vordergrund. Nach wenigen Worten über Johannes den Täufer, die Taufe und das Fasten Jesu erzählt der Evangelist sofort die Berufung des Simon Petrus und reiht daran Erlebnisse, die dieser im Umgang mit dem Herrn gehabt. Man braucht vielfach nur statt des Namens „Simon“ ein „Ich“ zu setzen, und man hat Worte des Petrus. So erzählt Markus: „Die Schwiegermutter des Simon lag fieberkrank darnieder, und sogleich redeten sie ihm von ihr“ (Mk. 1,29), oder: „Simon folgte ihm nach samt denen, die bei ihm waren.“ (Mk. 1,36) Sicherlich lauteten im Munde des Petrus die Worte: „Meine Schwiegermutter lag fieberkrank darnieder, und sogleich redeten wir ihm von ihr“, und „Ich folge ihm nach samt denen, die bei mir waren.“ Dies läßt sich an vielen Stellen des zweiten Evangeliums durchführen.

Es sei nur noch hervorgehoben die Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk. 5,37); von der Verklärung, wo Markus die Seelenstimmung des Petrus: „Ich wußte nicht, was ich sagte“, in der Sprache des Referenten wiedergibt: „Er wußte nicht, was er sagte“ (Mk. 9,6); von der Veranlassung zur Wiederkunfts-Rede (Mk. 13,3); von der Todesangst am Ölberg (Mk. 14,33). Aber obwohl so häufig von Petrus die Rede ist, wird doch manches verschwiegen, was diesen Apostels besonders auszeichnet und ehrt; so ist die Verheißung des Primates nicht erwähnt, obwohl die Veranlassung dazu berichtet wird (Mk. 8,29 vgl. mit Mt. 16,16-19); auch ist nicht erzählt, wie Petrus an der Hand des Herrn auf dem See wandelt (Mk. 6,47-51 vgl. mit Mt. 14,24-32) und wie der Herr auch für ihn die Tempelsteuer bezahlt (Vgl. Mt. 17,23ff); daß der Mutige, der dem Knecht des Hohenpriesters das Ohr abschlug, Petrus war, erfahren wir nicht durch das zweite, sondern durch das vierte Evangelium (Joh. 18,10 vgl. mit Mk. 14,47: Einer der Umstehenden“) Dagegen wird das Wort nicht verschwiegen: „Weiche zurück hinter mich, Satan!“ das der Heiland zu Petrus gesprochen hat, als dieser ihm ausreden wollte, daß er leiden müsse (Mk. 8, 32f), und die für den Apostel so beschämenden Umstände seiner Verleugnung des Herrn werden im zweiten Evangelium am schärfsten betont (Mk. 14,66).

Wir beobachten ferner, daß das, was in der Geschichte Jesu besonders die Juden anging, im Markusevangelium fehlt oder doch zurück tritt; so fehlt die Berufung auf die heiligen Schriften des Alten Testamentes; die Bergpredigt wird übergangen, und die Weherede gegen die Pharisäer, der bei Matthäus ein ganzes Kapitel gewidmet ist, wird mit drei Versen abgetan (Mk. 12, 38-40 vgl. mit Mt. Kap. 23). Wo aber jüdische Sitten und Einrichtungen besprochen (Mk. 7, 3 u.4; 14,12), oder Ausdrücke, die nichtjüdischen Lesern unbekannt sein mussten, gebraucht werden (Mk. 3,17 u. 22; 5, 41 u.a.), sind Erklärungen beigefügt; so wird der „Tag der ungesäuerten Brote“ noch näher als Tag bezeichnet, „an den man das Passah schlachtete“; „Rüsttag“ wird durch „Vorsabbat“ erklärt; am charakteristischsten ist die Erläuterung über die rituellen Waschungen der Juden (Mk. 7,3f). Die Lage von Orten des Heiligen Landes wird genau angegeben, z.B. „Nazareth in Galiläa“, „Bethanien am Ölberg“, „auf dem Ölberg gegenüber dem Tempel“. Hie und da ist die Sprache lateinisch gefärbt /Latinismen) (Mk. 6,37; 12,14; 5,9). Ja einmal wird sogar einer griechischen Münze die lateinische Bezeichnung hinzu gefügt: „zwei Lepta machen einen Quadrans“ (Mk. 12,42). Beachtenswert ist auch, daß die Person und die amtliche Stellung des Pilatus als bekannt vorausgesetzt wird (Mk. 15,1 u. 44f), und daß die Söhne des Simon von Cyrene, dessen Familie sich in Rom ansässig gemacht zu haben scheint (Röm. 16,13), Erwähnung finden (Mk. 15,21)

Endlich weist uns auch die Form der Darstellung auf den feurigen, lebendigen, von Liebe zum Herrn erfüllten Geist des hl. Petrus hin. Die Erzählung ist nämlich ungemein anschaulich und frei von aller Reflexion; der sprachliche Ausdruck ist überaus lebhaft (am liebsten wird im Präsens erzählt); wir nehmen eine Fülle von kleinen Zügen wahr, die für den Gang der Erzählung an sich bedeutungslos sind, die aber den Eindruck widerspiegeln, den die Dinge auf den Augenzeugen machten. So erfahren wir, daß die Menge sich von der Morgenfrühe an zu Jesus drängte (Mk. 1,37), daß sie sich nieder setzte auf das grüne Gras (Mk. 6,39); daß Jesus auf einem Kissen in dem Schifflein schlief (Mk. 4,38), daß bei der Verklärung sein Kleid so weiß war, wie kein Färber färben kann (Mk. 9.3). Alle diese Eigentümlichkeiten bestätigen die geschichtliche Nachricht, daß das Markusevangelium im wesentlichen die Niederschrift der Erzählungen des hl. Petrus ist und daß es für heidenchristliche, und zwar für römische Leser bestimmt war. Mit Recht erblickt darum Schanz (Kommentar über das Evangelium des hl. Markus 1881 Vorrede) die eigentümliche Würde dieses Evangeliums gerade darin, daß es „Jene Form der apostolischen Lehrverkündigung repräsentiert, welche von dem Haupt des Apostelkollegiums, dem hl. Petrus, zur Verbreitung des Evangeliums außerhalb Palästinas und der Synagoge geschaffen und in der Hauptstadt des römischen Weltreiches von den segensreichsten Folgen begleitet worden ist.“ Bilden aber auch die Vorträge Petri die Hauptquelle für das, was Markus erzählt, so ist damit nicht gesagt, daß jede andere Quelle ausgeschlossen ist; es kann wohl etwa das aramäische Matthäus-Evangelium vom Verfasser des zweiten Evangeliums benutzt worden sein. –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 16 – S. 20

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