Das Haupt der heiligen Magdalena

Der auferstandene Jesus mit der Siegesfahne in der linken Hand schaut auf Magdalena, die vor ihm kniet und ihn berühren will; Jesus hält die Hand von Magdalena, damit diese ihn nicht festhalten kann; die Begebenheit spielt sich in dem felsigen Garten ab, im Hintergrund ist die Stadtmauer von Jerusalem zu sehen

Das Haupt der Heiligen Maria Magdalena

(Noli me tangere)

Unter allen Sterblichen ward zuerst gewürdigt den Auferstandenen zu sehen eine Sünderin, die einst verlorene, dann gefundene und nun selbst auferstandene Maria Magdalena. Und unter allen Aposteln ward wieder der gewürdigt den Auferstandenen als der erste zu sehen, welcher sich durch die Verleugnung kurz vorher gegen den Herrn schwer versündigt hatte, Petrus.

In einer alten Reisebeschreibung mit dem Titel „Peregrinus in Jerusalem“ beschreibt der Verfasser Angelicus Maria Myller ebenfalls den Ort, wo die Erscheinung Christi als Gärtner in der heiligen Schrift verehrt wird, und fährt dann fort:

„Ich besah und verehrte zu Saint Maximin in Provence Anno 1715 den 22. Juli die öffentlich ausgesetzten Reliquien der Heiligen Mariae Magdalenae, und beobachtete ganz nahe in dem Angesicht dieser Heiligen, daß zu äußerst der Nase und ober dem linken Augenbrauen eine weiße, gleichsam ganz frische menschliche Haut zu sehen und zu erkennen war; verwunderte mich also höchlich hierüber, daß just an diesen zwei Orten die Haut des Angesichts von der andern so merklich unterschieden; fragte demnach den alldasigen P. Sacristan des Ordens des heiligen Dominici, woher es käme, daß an ermeldten sei Orten die Haut des Angesichts dieser heiligen Büßerin so frisch und gleichsam lebendig anzusehen? Worauf er mir zur Antwort gab: daß fromm geglaubt werde, Christus habe, in Gestalt eines Gärtners erscheinend, die Heilige Maria Magdalena, da sie Ihn umfangen wollte, an ihrem Angesicht mit seiner heiligen Hand angerührt, und mit obangezogenen Worten: noli me tangere: Rühre nicht nicht an! zurück gehalten; welche Antwort nach historischer frommer Relation mir nicht missfallen. So daß leicht zu glauben, daß jene hochheilige Hand Christi (von welcher mit Wahrheit kann gesagt werden: non dabis Sanctum tuum videre corruptionem *) an ermeldeten Orten das Angesicht dieser heiligen Büßerin glorreich berührt, und fürdershin zu ewigem Andenken selbige von Verderbungen absonderlich bewahren wollen.“

*) Du wirst deinen Heiligen nicht schauen lassen die Verwesung. –
aus: Alban Stolz, Besuch bei Sem, Cham und Japhet, 1899, S. 208 – S. 209

Im Jahre 1639 erregte die heimliche Entwendung eines Teiles des noli me tangere (des unverwest gebliebenen Stirnfleischteiles) durch einen Unbekannten das allergrößte Aufsehen. Weil im Konvent zu St. Maximin eine Spaltung Statt fand, aus welchem man die Gascogner entfernt zu sehen wünschte, so fand das Gerücht, der Provinzial der Dominikaner, welcher selbst ein Gascogner war, habe jene Entwendung sich zu Schulden kommen lassen, Glauben. Dieser Diebstahl hatte inzwischen die vorteilhafte Folge, daß die Reliquien einer sachverständigen Untersuchung unterworfen wurden. Sehr zur rechten Zeit erfolgte dieselbe, da Lefevre d’Etaples und Launoy ihre Zweifel über die Einerleiheit der heiligen Magdalena mit der Schwester des Lazarus und der Martha bereits in Umlauf gesetzt hatten. Der Prinz Ludwig von Valois, General-Lieutenant der Provence, nahm sich vor, diesen Zweifeln in ihrem Ursprung entgegen zu treten. Von einem Gefolge gelehrter Männer, unter denen sich auch der berühmte Gassandi befand, umgeben, begab er sich nach St. Maximin. Drei Ärzte begleiteten sie, um die Beschaffenheit des so wunderbar erhaltenen zu begutachten. Nach reiflicher Untersuchung erklärten dieſe Ärzte in einer am 31. August von ihnen ausgestellten Schrift :

Sie hätten an der linken Seite des Stirnbeines ein kleines Stück Fleisch von rötlicher Farbe und den Knochen selbst in dem Zustand angetroffen, worin man die Knochen derer findet, die man trepaniert; das sei der Grund, weshalb dies bisher erhaltene Fleisch im Stande war, den Knochen in seinem natürlichen Zustand zu erhalten. Sie versichern weiter, diese Erscheinung sei auf natürliche Weise nicht zu erklären; sie schreiben deshalb dieselbe, wie es auch gewöhnlich geschehe, der Berührung des Heilandes bei den Worten: noli me tangere zu. Die Universität Aix zensierte 1644 das inzwischen erschienene Werk Launoy’s (Untersuchungen über die Ankunft Magdalenens in Marseille), fand, daß es falsche, verwegene Behauptungen enthalte, den christlichen Glauben des Landes angreife, die Päpste, Könige von Frankreich und Grafen von Provence, so wie deren Andacht zur heiligen Magdalena beleidige, dem Inhalt der Breviere, Liturgien und Überlieferungen der Kirchen in der Provence widerstreite. Deshalb ward das Buch von der Universität verdammt. In der Provence hat es in Folge dessen auch nicht den mindesten Anklang gefunden, wenigstens dauerten sechzig Jahre nach seinem Erscheinen die Wallfahrten nach den Heiligtümern Magdalenens ganz in alter Weise, ohne Verspürung einer Abnahme fort…

Unter Ludwig XV. ward 1716 eine neue Inventarisierung der Reliquien in St. Maximin vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit ward auch nicht ohne große Mühe die mit Staub bedeckt gefundene kristallene Gesichtsmaske vom Haupte der heiligen Magdalena hinweg genommen. Durch ärztliche Untersuchung ward festgestellt, daß von der Stirn linker Hand und am obern Ende der Nase noch zwei Fleischparzellen sich befanden, von denen das an der Stirn sich noch feucht anfühlte. Es ward darüber eine Verhandlung aufgenommen.

Als die Pest, welche 1720 die umliegende Gegend verwüstet, St. Maximin verschont hatte, kam eine jährliche feierliche Prozession nach St. Baume in Vorschlag, aber nicht in Ausführung. Die Abnahme der Andacht und Frömmigkeit in dem von gottlosen Philosophen verführten Frankreich machte sich auch in der Vernachlässigung des Kults der heiligen Magdalena bemerkbar. Betfahrten wurden nur noch von dem gemeinen Volke nach den Heiligtümern der heiligen Magdalena unternommen.

Die Kirche von St. Maximin war, obwohl im Innern seit beinahe zwei Jahrhunderten ausgebaut, immer noch nicht eingeweiht. Die Einweihung geschah endlich 1776 unter Herbeiströmen einer zahlreichen Menge. —

Im Jahre 1780 erfolgte eine neue Inventur der Reliquien. Die wieder sehr bestaubt gefundene Gesichtsmaske ward abgenommen. Bei ärztlicher Untersuchung fand sich das sogenannte noli me tangere vom Stirnknochen abgelöst. Der Arzt versicherte, sogar den Abdruck zweier Finger darauf wahrzunehmen. Das Stück, sagt er, habe bis zur linken Augenhöhle herab gereicht, auf der ganzen Stelle, die es dort eingenommen, waren Unebenheiten und Erhöhungen zu bemerken, welche ein Zusammenschrumpfen der Knochenhaut andeuteten; an einigen Stellen seien noch kleine Stücke dicken Fleisches, endlich sehe man auch ein Stückchen Knorpel am Nasenknochen, das teilweise mit trockener Haut bedeckt sei. Die Einwohner von St. Maximin und dessen Mönche versicherten, daß das Fleischstückchen, welches lose hinter der Maske gefunden worden, bei ungeschickter Eröffnung derselben sich abgelöst,.Ein alter Greis, welcher dieser Zeremonie beigewohnt und den unser Gewährsmann noch selber gesprochen, hat demselben versichert, er habe anfangs noch das Fleisch mit der Stirne verbunden gesehen. Das Gleiche hat auch der ebenfalls anwesende Pater Anton Rostang schriftlich bezeugt. Daß die Abtrennung schon früher Statt gefunden, würde übrigens gar nicht zu verwundern sein. Denn bei dem häufigen Umhertragen bei Prozessionen, und dem oftmaligen Vorzeigen an Fremde, erhielt der Behälter samt dem Haupte so viele Erschütterungen, daß eine Lostrennung leichtlich erfolgen konnte. Die Eintrocknung des Fleisches kann in Bezug auf die allgemein eingerissene Glaubensdürre als symbolische und sympathetische Erscheinung gedeutet werden. —

Bei dieser Gelegenheit genoß das heilige Haupt noch einmal eine stürmische Verehrung Seitens der immerfort zahlreich herbei strömenden Menge, deren Andacht aber einen etwas brutalen Beigeschmack zeigte, in welchem der Kundige eine Vorbedeutung der Bestialitäten ahnen konnte, deren Schauplatz nach einigen Jahren die jetzt noch verehrten heiligen Orte werden sollten. —
aus: Ludwig Clarus, Geschichte des Lebens, der Reliquien und des Cultus der heiligen Geschwister Magdalena, Martha und Lazarus, 1852, S. 310 – S- 311; S. 314 – S. 315

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