Jesus erscheint Magdalena und andern Frauen

Der auferstandene Jesus mit der Siegesfahne in der linken Hand schaut auf Magdalena, die vor ihm kniet und ihn berühren will; Jesus hält die Hand von Magdalena, damit diese ihn nicht festhalten kann; die Begebenheit spielt sich in dem felsigen Garten ab, im Hintergrund ist die Stadtmauer von Jerusalem zu sehen

Jesus erscheint Magdalena und den andern Frauen

Maria Magdalena war sogleich, als sie das Grab geöffnet sah, davongeeilt. Sie kam zu Simon Petrus und dem andern Jünger, den Jesus liebte, und sprach zu ihnen: „Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir (1) wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab. Beide liefen (2) aber zugleich, doch der andere Jünger lief schneller als Petrus und kam zuerst zum Grabe. Und er bückte sich und sah die Linnentücher liegen; er ging jedoch nicht hinein. (3) Da kam Simon Petrus, der ihm folgte, ging in das Grab hinein und sah die Linnen liegen, auch das Tuch, das um sein Haupt gewesen, das aber nicht bei den Linnentüchern lag, sondern abgesondert an einem Ort zusammen gewickelt war. Darum ging auch jener Jünger, der zuerst zum Grabe gekommen, hinein; und er sah und glaubte. (4) Denn sie verstanden noch nicht die Schrift, daß er von den Toten auferstehen müsse. (5) Dann gingen die Jünger wieder fort nach Hause. Petrus verwunderte sich bei sich selbst über das Geschehene. (6)

Maria aber stand am Grab außen weinend. (7) Während sie so weinte, bückte sie sich und blickte in das Grab hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Kleidern da sitzen, wo der Leichnam Jesu hingelegt worden war, den einen zu Häuptern, den andern zu Füßen. Diese sprachen zu ihr: „Weib, was weinest du?“ Sie antwortete: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Als sie dies gesagt hatte, wandte sie sich um (8) und sah Jesus dastehen, wußte aber nicht, daß es Jesus sei. Jesus sprach zu ihr: „Weib, was weinest du? Wen suchest du?“ Sie aber, in der Meinung, es sei der Gärtner, sprach zu ihm: „Herr, wenn du ihn weggenommen hast, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, damit ich ihn holen kann.“ (9) Jesus sprach zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich und sprach zu ihm: „Rabboni!“ (d.i. Meister) (10) Jesus aber sprach zu ihr: „Rühre mich nicht an (11); denn ich bin noch nicht hinaufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (12)
So erschien Jesus, als er des Morgens am ersten Wochentag auferstanden war, zuerst der Maria Magdalena (13), aus der er sieben Teufel ausgetrieben hatte. Diese ging hin (14) und verkündigte den Jüngern, die da trauerten und weinten: „Ich habe den Herrn gesehen, und dies hat er mir gesagt.“ Da sie aber hörten, daß er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht.

Unterdessen hatten die andern Frauen, von Furcht und Freude bewegt, erst unschlüssig, sich endlich doch auf den Weg gemacht, ihren Auftrag auszurichten. (15) Siehe, da kam ihnen Jesus entgegen und sprach: „Seid gegrüßt!“ Sie aber traten hinzu, umfaßten seine Füße und beten ihn an. Da sprach Jesus zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündet meinen Brüdern (16), daß sie nach Galiläa gehen; daselbst werden sie mich sehen.“ Die Frauen taten nach seinem Wort und verkündeten alles, was sie gesehen und gehört, den Elfen und allen übrigen Jüngern. Diese hielten aber ihre Erzählung für ein Märchen und glaubten ihnen nicht. (17)

Als die Frauen weggegangen waren, siehe, da kamen einige von den Wächtern in die Stadt und meldeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war. Da traten diese mit den Ältesten zusammen und hielten Rat (18); dann gaben sie den Soldaten sehr viel Geld und sprachen zu ihnen: „Sagt: Seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. (19) Sollte es aber dem Landpfleger zu Ohren kommen, so werden wir ihn befriedigen und euch sicher stellen.“ (20) Die Soldaten nahmen das Geld und taten, wie sie belehrt worden, und diese Sage wurde unter den Juden verbreitet bis auf den heutigen Tag. (21)

(1) „Wir“ sagt sie, weil sie mit den andern Frauen das Grab geöffnet gesehen.
(2) Der hl. Lukas, der diesen Vorgang nur mit einem Vers berührt, nennt nur Petrus; der hl. Johannes erzählt ausführlicher. Wer faßt die Gefühle, welche die beiden Apostel bewegten! Petrus handelt, als ob er nicht gesündigt hätte; er kennt das Herz Jesu und ist der Verzeihung sicher; was mag er aber empfunden haben, als der auferstandene Meister nachher vor ihm stand!
(3) Wohl von augenblicklicher heiliger Scheu ergriffen. „Er bückte sich“, weil die Türe zum Grab so niedrig war, daß man nur gebückt eintreten konnte.
(4) Der Vorgang Petri hatte ihm Mut gemacht. Aus dem Vorhandensein der Tücher sowie noch mehr daraus, daß sie wohl zusammen gefaltet in Ordnung dalagen, musste er schließen, daß der Leichnam Jesu nicht anders wohin gebracht oder gar geraubt worden sei; im Zusammenhalt mit der Verheißung Jesu ergab sich daraus der Glaube an seine Auferstehung.
(5) Bis jetzt hatten sie es nicht verstanden und erinnerten sich auch nicht an die Verheißung, so deutlich sie ihnen auch wiederholt gegeben war. Es war ihnen so unfaßbar wie die Vorhersagung des Leidens selbst. Gott aber ließ dies zu, damit ihre Schwergläubigkeit unsern Glauben erleichtere und stärke.
(6) Hier sagt der hl. Lukas von Petrus etwas Ähnliches wie von der lieben Mutter Gottes ; allein und für sich erwog er, was er gehört und im Grab gesehen. Das war vielleicht auch der Augenblick, da der Herr ihm erschien.
(7) Joh. 20,11-18. Sie war also den beiden Aposteln gleich wieder nachgeeilt und blieb trauernd und weinend außen stehen. Dich blickte sie, als diese weggegangen waren, wieder ins Grab hinein; sie meinte, sie müsse den Leichnam dort sehen.
(8) Vielleicht durch ein Geräusch aufmerksam gemacht oder in ihrem unruhigen Suchen. Ihr fielen nicht die Engel und überhaupt nichts auf. Ihre liebende Seele war ganz in den Schmerz versenkt, den Leichnam Jesu verloren zu haben, und in das Verlangen, ihn wieder zu finden. Man vergleiche ihr Verhalten in ihrer Trauer um Lazarus.
(9) Sie meint, alle Welt müsse wissen, um was es sich handle; auch ermißt sie nicht ihre Kräfte; sie will um jeden Preis den Leichnam Jesu wieder haben.
(10) Welch Übermaß göttlicher Güte und menschlicher Seligkeit lag in diesen zwei Worten: „Maria!“ „Rabboni!“
(11) So nach der Vulgata: Noli me tangere! Den griechischen Text kann man auch übersetzen: „Halte Mich nicht fest!“ d. h. halte dich jetzt nicht damit auf, meine Füße zu küssen; du kannst mich noch öfters gegenwärtig sehen, da meine Himmelfahrt nicht unmittelbar bevor steht. Gehe vielmehr unverweilt zu meinen Jüngern und überbringe ihnen meine Botschaft. – Diese Übersetzung scheint entsprechender. Denn sonst müsste man annehmen, der Heiland hätte hier Magdalena versagt, was er den frommen Frauen und Thomas gewährte.
(12) Legt alle Traurigkeit ab; denn ich bin nicht bloß auferstanden, sondern werde jetzt auch meine Verheißung, daß ich zu Gott, meinem Vater, heimkehren werde (Joh. 3,13; 6,63; 16, 5 u. 28), erfüllen, also nicht mehr sterben (Röm. 6,9), sondern meine ewige Herrschaft antreten. Und da ihr durch meinen Tod meine Brüder geworden seid, so werdet ihr mir in diese Herrlichkeit nachfolgen, wie ich gleichfalls verheißen habe. (Joh. 14, 2 u.3); 17,22ff).
(13) Mk. 16,9. Da Markus nur drei Erscheinungen des Auferstandenen erwähnt, so bezieht sich dieses „zuerst“ wohl nur auf die beiden noch mitgeteilten Erscheinungen; wenn aber auf die Erscheinungen überhaupt, so sind sicher nur jene ins Auge gefaßt, die als Zeugnisse nach außen dienen konnten. Denn ein frommer Glaube, den schon der hl. Ambrosius (De virginitate c. 3, n. 14) bezeugt, nimmt an, daß der Heiland zuerst seiner heiligen Mutter erschien, und zwar im Augenblick seiner Auferstehung. Daß keiner der Evangelisten diese Erscheinung erwähnt, läßt sich leicht dadurch erklären, daß es sich für Christen von selbst verstand, auch von Anfang an allgemein bekannt war, während Ungläubigen gegenüber die Mutter nicht wohl als Zeuge für die Auferstehung des Sohnes dienen konnte. Die Kirche gibt der Freude und Seligkeit der lieben Mutter Gottes bei dieser Erscheinung beredten Ausdruck in der Oster-Antiphon: Régina coeli, laetáre etc. Freue dich, du Himmelskönigin etc.
(14) Allein oder, was wahrscheinlicher, mit den andern Frauen, denen sie sich auf ihrem Heimweg wieder zugesellte.
(15) Magdalena war wohl wieder zu ihnen gekommen und hatte sie durch Erzählung dessen, was ihr begegnet war, ermutigt und sie zugleich mit verlangen erfüllt, den Heiland zu sehen.
(16) Jesus nennt am Auferstehungstage zum ersten Mal die Apostel seine Brüder, nicht bloß, um durch diesen Ausdruck der zärtlichsten Liebe ihre verzagten Gemüter aufzurichten, sondern auch, weil sie durch seinen sühnenden und heiligenden Tod als Kinder Gottes und Miterben des Himmels (Röm. 8, 16-17) seine wirklichen Brüder geworden waren. Auch liegt darin eine Hindeutung auf Ps. 21,23; vgl. Hebr. 2,12.
(17) So standen, die Dinge, als zwei Jünger sich nach Emmaus auf den Weg machten.
(18) Ähnlich wie nach der Auferweckung des Lazarus und nach dem feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem.
(19) „O unglückselige Verschlagenheit!“ ruft hierüber der hl. Augustinus aus (Tract. Super Ps. 63,7), „schlafende Zeugen führst du an; wahrlich, du selbst bist eingeschlafen, da du in deinen Gedanken so weit dich verirrte hast!“ Ähnlich bemerkt der hl. Chrysostomus (In Matth. 28,13): „Wie hätten jene Jesus stehlen sollen, die nicht einmal wagten, sie sehen zu lassen? Und wenn sie schon, da sie ihn noch lebendig sahen, flohen, wie hätten sie, da er tot war, die Soldaten nicht fürchten sollen?“
(20) Sie hatten alle Ursache, zu verhindern, daß dem Landpfleger etwas zu Ohren komme; die Wächter hatten das gleiche Interesse aus einem andern Grund, nämlich um nicht in den Verdacht zu kommen, als hätten sie ihre Pflicht nicht getan, was ihnen schwere Strafe zuziehen konnte. Sie wurden bestochen, damit sie gelegentlich, später, dieses Gerücht in Umlauf brächten.
(21) Diese Angabe des Evangelisten Matthäus wird durch den hl. Justinus den Märtyrer bestätigt, der in seinem Dialog mit dem Juden Trypho (c. 108, p. 335; Migne IV 726f) sagt: „Nicht nur habt ihr nicht Buße getan, nachdem ihr erfahren, daß Jesus von den toten auferstanden, sondern ihr habt auch auserlesene Männer gewählt und in die ganze Welt ausgeschickt, um zu verkündigen, daß eine gottlose und gesetzlose Irrlehre von einem gewissen Jesus, einem galiläischen Verführer, gestiftet worden. Diesen (sagten die Ausgesandten) haben wir gekreuzigt; aber seine Jünger haben ihn des Nachts aus dem Grab gestohlen und verführen jetzt die Leute, indem sie sagen, er sei von den Toten auferstanden und in den Himmel hinauf gefahren etc.“ Dasselbe berichtet Tertullian (Apolog. c. 21; vgl. Adv. Iud. c. 13). –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. II, Neues Testament, 1910, S. 586 – S. 590

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