Liberalismus als Feind des Hyperkatholizismus

Der Liberalismus ist noch nicht tot

Der Liberalismus als Feind des Hyperkatholizismus

3. Wo der Liberalismus sich zeigt, da kommen ihm die Herzen entgegen. Wer ein Wort wider ihn spricht, der hat es mit der Mehrzahl verdorben. Die Minderzahl schweigt, um es nicht auch mit dieser großen Menge zu verderben, und findet es störend und wenig vornehm, wenn jemand seine Stimme gegen die öffentliche Meinung erhebt. Und diese öffentliche Meinung, die große Tyrannin der Wahrheit, der Offenheit und des Gewissens, ist eben die Schöpfung des Liberalismus und darum auch seine unbedingte Dienerin, jene unsichtbare Macht, durch die er die Schwachen und die Halben in seine Fesseln schlägt.

5. Das ist eine merkwürdige Erscheinung, dieser Liberalismus, höchst interessant für den Seelenforscher, sehr unangenehm für den, der mit ihm zu schaffen hat. In Lehrfragen nirgends zu fassen, ewig wechselnd, und gleichwohl immer derselbe. Im äußerlichen Verhalten der feinste aller Diplomaten, aber immer die Faust am Degen. Alles verstehend, alle verdrehend, nie verstanden, immer entstellt, von allen ungerecht verfolgt und unerbittlich jeden verfolgend, der ihm in den Weg tritt, fein und schlau, roh und gewalttätig, unter allen Umständen aber despotisch.

Ohne Despotismus könnte der Liberalismus nicht leben, ohne den Despotismus der Phrasen und der Schlagwörter, ohne den Despotismus der Einschüchterung und der Scheltwort, ohne den Despotismus der Parteidisziplin und der gefügig gemachten Presse, ohne den Despotismus der öffentlichen Meinung, die er zu handhaben weiß, daß jeder verfemt ist, der sich ihm entgegen zu stellen wagt…

Ob er auf dem religiösen Gebiet diesen Charakter verleugnet, das möge jeder selber beurteilen, wenn er unseren Untersuchungen folgt.

6. Auch hier ist ein Hauptkennzeichen des Liberalismus die unleidliche Bitterkeit, mit der er alle Widersprüche ersticken will. Kein Wort zur Verteidigung der Wahrheit, in dem er nicht einen bösartigen, erlogenen und ungesitteten Angriff auf sich zu beklagen hätte, in dem er nicht eine Entschuldigung fände, wenn er mit Ausdrücken kämpft, an denen die christliche Liebe ebenso wenig Anteil hat wie der feineTon, mit Entstellungen, mit Unterstellungen und Anklagen, die mitunter klingen, als sei es auf die moralische Vernichtung des Gegners abgesehen.

Eine von jeher mit Vorliebe angewandte und durch den Erfolg bewährte Waffe ist die Anklage auf Übertreibung des Übernatürlichen, des Religiösen, des Theologischen, des Asketischen, des Kirchlichen. Darauf sei es zurückzuführen, warum mit den Gegnern des Liberalismus schlechterdings kein Zusammenleben möglich sei, weniger als mit jenen, die aus dem Liberalismus den baren Radikalismus gemacht haben. Wo diese Hyperkatholiken zum Wort kämen, da sei es um Einheit und Frieden geschehen. Diese Querköpfe und Quertreiber hätten für nichts ein Maß. Scholastischer als Thomas, katholischer als die katholische Kirche, päpstlicher als der Papst rissen sie alle Schranken der gesunden Vernunft und des nüchternen Glaubens nieder. In der Lehre seien sie unzufrieden mit dem, was Päpste und Konzilien ausdrücklich als Glaubenslehren definiert und als Häresie verworfen haben, sondern gingen immer weit, weit darüber hinaus ins „Imaginäre“. Wer nicht auf den Buchstaben der Schrift und der Scholastik schwöre, sei bei ihnen schon verdächtig. In Dingen der Disziplin sei mit ihnen nicht zu reden, da müßte alles römisch und kurial sein, die berechtigten Eigentümlichkeiten im Denken und im Handeln der verschiedenen Länder und Zeiten seien für sie lauter Ketzereien. Das persönliche innere Leben erstickten sie unter dem Übermaß von Sakramentalismus. Ihre Asketik träume noch immer von Zeiten, da die Menschen glaubten, mit Fasten und mit Buße sich der Sorge um das Wohl der Menschheit entschlagen zu können… Die Welt sei für sie das Böse, die Kultur Gefahr für das Seelenheil, was modern klingt, Satansdienst. Für sie gebe es nur einen Maßstab, das Mittelalter, nur einen Gesichtspunkt, den kurialen.

7. Und man begreift insbesondere die drakonischen Maßregeln, durch die der Liberalismus jede Äußerung des Hyperkatholizismus zu unterdrücken und die durch ihn gefährdete Einheit (wie er sein Herrschaftsbereich nennt) zu schützen sucht.

10. Es ist die alte und ewig gleiche Krankheit der Menschen, die hier wieder einmal zum Vorschein kommt. Es war nicht erst Pythagoras, der den Satz erfunden hat, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Dieser Gedanke sitzt zutiefst im gefallenen Menschen, und es gibt keinen, der nicht dagegen zu kämpfen hätte. Nur durch einen langen, langen Kampf gegen sich selber, und nur durch die volle Unterwerfung unter eine höhere Autorität kann einer dieses leidige Erbstück von Adam her los werden. Da nun aber der Mensch im großen und ganzen an den Kampf gegen sich selber so wenig denkt wie an die Unterwerfung unter die Autorität, so hat dieser Hang zur Selbstherrlichkeit und die damit verbundene Tyrannei gegen alles, was von der eigenen Ansicht abweicht, die Herrschaft auf allen Gebieten des Lebens an sich gerissen. Der Liberalismus tut nur etwas besonderes darin, daß er sich selbst zum Maß aller Dinge sogar in Sachen des Glaubens und der Religion macht.
Nun fassen wir leicht, woher dieser Vorwurf des Hyperkatholizismus, von dem der Liberalismus so wenig lassen will, daß man daran allein schon das Vorhandensein des Liberalismus entdecken kann. Denn so unendlich viele Verschiedenheiten und Abstufungen der Liberalismus sonst aufweist, Richtungen, die sich selber oft nicht wenig bekämpfen, so hat er doch als Merkmal in jeder Form dies, daß er alles als Hyperkatholizismus bekämpft – mag er nun einen Namen gebrauchen wie immer – was nicht in seinen Kram paßt, die Theologie der Scholastik, die Mystik der Heiligen, die Askese, die Bußübungen, die heroischen Werke der Diener Gottes, die außerordentlichen Gnaden des Heiligen Geistes, die katholische Erklärung der Heiligen Schrift, die unbedingte Treue gegen den Wunsch und den Geist der Kirche.

11. Hiermit sind wir ganz von selber in das Innere, in die eigentliche Natur des Liberalismus geführt. Was den Liberalismus zum Liberalismus macht, das ist die Selbstherrlichkeit, das Eigenrecht, das Eigenmaß, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, die Autonomie, der Subjektivismus. Selbst wenn er ein Gebot hält, und wäre es ein Gebot Gottes, so hält er es, wie Fichte sagt, nicht weil es Gott gesetzt hat, sondern weil er es selbst halten will. Und auch wenn er eine kirchliche Entscheidung befolgt, so tut er das nach dem Wort von Ockham, nicht weil die Entscheidung so lautet, sondern weil er findet, und insoweit er findet, daß diese mit der katholischen Wahrheit übereinstimmt. Was über seinen Gesichtskreis und über sein eigenes Gutbefinden hinausgeht, das nennt er Hyper oder Ultra, sei es im Dogma, sei es im Eingehen auf das Übernatürliche, sei es im Leben der Heiligen oder im Verhalten der Katholiken. Er ist der Herrenmensch, der Schöpfer, und wenn nicht der Schöpfer, so der Ausleger des Gesetzes, für sich, für andere, für alle Welt und alle Zeit, für die Beurteilung der Geschichte und der römischen Entscheidungen, für die Einrichtung der Gegenwart, der Politik, der Wissenschaft, des Rechts. Er selber ist auch das Maß für das wahrhaft Katholische, was darüber hinausgeht, das ist Hyperkatholizismus. –
aus: Albert Maria Weiß O.P., Liberalismus und Christentum, 1914, S. 11 – S. 19

Gesamter Text: Liberalismus als Feind des Hyperkatholizismus auf: Albert Maria Weiß Über den Liberalismus

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