Notwendigkeit der Pflege des Gewissens

Keine Tugend ohne Gehorsam gegen die Stimme des Gewissens

Warum wir so selten vorwärts kommen, das liegt sehr häufig daran, daß wir zu viele und zu verschiedene Grundsätze verfolgen. Heute lesen wir den, und weil er uns gefällt, so machen wir ihn uns zu eigen, unbekümmert darum, ob er auch für uns und unsere Verhältnisse passe. Morgen hören wir einen andern, und sofort beschließen wir, nach diesem zu leben. Ehe wir ihn aber ausgeführt haben, hat uns schon ein dritter bestochen. So wird keiner ausgeführt, und wir kommen nur über das Versuchen hinaus, oft nicht einmal über das Bewundern schöner Lebensregeln…

Einer kann nicht alle Tugenden üben und nicht alles durchführen, was er an andern Schönes und Edles sieht. Übt er sich aber auf dem Feld der Pflicht und Tugend, das seinem Stand und Charakter entspricht, mit ausdauernder Treue, so wird er bald, wenn nicht vollkommen, so doch in dem, was ihm obliegt, gut und in allen übrigen Stücken wenigstens besser werden.

Das Feld aber, das zu bebauen allen zusteht, ist das Gewissen. Darum gibt es einen Grundsatz, der für alle ohne Ausnahme unter allen Verhältnissen paßt, nach dem alle leben können und leben müssen, sie mögen sonst noch so weit auseinander gehende, besondere Wege wählen. Die erste aller Sittenregeln, nach der die Philosophen so lange vergeblich gesucht haben, lautet: Nichts gegen das Gewissen, immer treu dem Gewissen! Keine Tugend ohne Gehorsam gegen die Stimme des Gewissens!

Das Gewissen entscheidet. Dies ist die Wahrheit, auf die alles ankommt. Leuchtende Taten mögen Ruhm vor den Menschen erwerben, die nicht ins Herz sehen. Aber wenn sie mit Versäumnis anderer, wichtigerer Gewissens-Pflichten verrichtet sind, wird der ewige Richter sie nicht als probehaltig anerkennen. O wie manche große Dinge, von denen die Weltgeschichte berichtet, werden einmal sehr klein, ja nichtig erscheinen, wie viele unbeachtete Pflicht-Erfüllungen und Opfer werden als ruhmvolle Heldentaten glänzen, wenn sie vor aller Welt nach dem Richtmaß gemessen werden, das in der Ewigkeit allein Geltung hat, nach dem Gewissen! Darum, wer alle glänzenden Taten getan und alle Tugenden geübt hätte, er hätte aber sein Gewissen vernachlässigt, er würde wenig Nutzen haben. Erscheint dagegen einer vor dem Gericht mit fast leeren Händen, kann er aber in Wahrheit sagen: Mein Gott, ich bringe wenig mit, wenn du das nicht gelten läßt, daß es stets mein Grundsatz war, zu tun, was mein Gewissen eben von mit verlangte, auch wenn es wenig Schein verbreitete und wenig greifbaren Nutzen stiftete, – fürwahr, er wird für reich und groß erklärt werden und unvergänglichen Lohnes würdig sein.

Und das nach allen Anforderungen der strengsten Gerechtigkeit. Er wollte nichts als gewissenhaft sein und wurde eben dadurch pflichttreu bis zum Kleinsten. Es fiel ihm nicht von fern ein, pharisäischem Hochmut, stoischer Menschen-Verachtung und muckerischer Heuchelei mit den lügnerischen Worten von der Tugend um ihrer selbst willen und von der freien, unabhängigen Moral ein gleißendes Mäntelchen umzuhängen. Und siehe da, gerade er, und er allein, hat reine Moral ohne den ranzigen Beigeschmack der Eigenliebe, er allein freie und unabhängige Sittlichkeit, er allein die Tugend um ihrer selbst willen geübt. Denn indem er einzig nach seinem Gewissen handelte, hat er sein ganzes Tun und Lassen unabhängig gemacht von aller Rücksicht auf Anerkennung oder Verkennung, auf Nutzen und Erfolg, und das errungen, was außer ihm keiner erringt: die Freiheit des Geistes, die Freiheit von den drückendsten aller Fesseln, den Fesseln des Eigennutzes, der Ehrsucht und der so hinderlichen menschlichen Rücksichten. Er lebte nach dem Gewissen und diente der Wahrheit. Er gehorchte nur der inneren Stimme Gottes und wurde darüber, ohne durch künstliche und doch vergebliche Mittel danach zu haschen, das, was die Welt mit Recht so hoch schätzt und selber so wenig hervor bringt: ein durchgebildeter, fester, zuverlässiger Charakter. Er dachte scheinbar nur an sich und rettete gleichwohl in seiner Gewissenhaftigkeit die Ehre der Menschheit.

Im Grunde sind in dieser Treue gegen das Gewissen alle Tugenden eingeschlossen. Der herrliche Sieg Josephs über die Versuchung, die schweren Kämpfe der jungfräulichen Seelen wider die Lockungen des Fleisches und die Verführungen der Welt, also die höchsten Triumphe der Enthaltsamkeit, sie sind nichts als Treue gegen das Gewissen. Die siegreiche Tapferkeit der Makkabäer, der Heldenmut der Märtyrer inmitten von Scheiterhaufen und Folterqualen, was sind sie anders als die Frucht ihrer Treue gegen das Gewissen? Wenn die Apostel freudig von der Geißelung weg in den Kerker gingen, wenn Tausende von Bekennern gleich ihnen getrost für Pflicht und Recht Verfolgung, Schmach, Beraubung, Bande, Verbannung auf sich nahmen mit jenem Wort, das den Ausdruck der höchsten Gerechtigkeit in sich schließt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg. 5, 29), so war es wieder nur die Gewissenstreue, die sie zu diesem bitteren, oft selbst das Martyrium durch seine Länge und innere Qual übersteigenden Opferleben stärkte. Und was Paulus und so viele Verteidiger des Glaubens und der Wahrheit aufrecht hielt in den schmerzlichsten aller Kämpfe, den Kämpfen gegen Fleisch und Blut, gegen falsche Brüder, gegen die Stammes-Genossen, gegen Freunde und Vertraute, es war einzig die Treue gegen das Gewissen, die ihnen einen undurchdringlichen Schild aus dem Wort machte: Wir können nichts gegen die Wahrheit, aber alles für die Wahrheit. 2. Kor. 13, 8)

Diese Betrachtung gibt uns den Mut, der Welt einen gut gemeinten Vorschlag zu machen. Seit anderthalb Jahrhunderten müht sich die Pädagogik, Menschen zu erziehen, die man brauchen, Menschen, auf die man sich verlassen, Menschen, die man mit Ehren sehen lassen kann. Das Ergebnis war bisher sehr gering und deckte bei weitem nicht die Kosten. Eines zumal wollte ganz und gar nicht gelingen: Charaktere nach den Systemen einer neuen Weltweisheit zu bilden. Im Gegenteil, der Niedergang der Charaktere machte sich seit dieser Zeit erst recht fühlbar. Wie wäre es denn, wenn wir wieder einmal versuchen würden, die Jugend und uns selber mit dem zu bilden, womit man in alten, starken Zeiten so schöne Erfolge errang, das heißt mit dem Gewissen? Es wäre nur um den Versuch zu tun. Naseweise Kinder und ein Geschlecht von zerstreuten, vergeßlichen, unbrauchbaren Vielwissern würde man dabei freilich nicht erzielen. Indes, die Menschheit kann auch ohne solche auskommen. Aber zuverlässige, pflichttreue Menschen, Leute, die nicht wie der Flaum vor jedem Wind tanzen, freie, feste, unabhängige Charaktere, die auch in der Stunde der Gefahr standhaft bleiben und vor einem Opfer für Überzeugung und Pflicht nicht zurück schrecken, sie sind es, woran wir Mangel leiden. Diese werden wir aber erst wieder haben, dessen sind wir gewiß, wenn wir uns entschließen, zur Grundlage aller Bildung und Erziehung statt oberflächlicher Verwirrung des Kopfes die Pflege des Gewissens zu machen. Es wäre eines ernsten Versuches wert. Es würde sich wirklich lohnen. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 132 – S. 137

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