Liberalismus als Enttheologisierung

Das Wesen des Liberalismus

Der Liberalismus als Enttheologisierung

2. Von Tausenden, die über die Theologie absprechen, hat nicht einer ihre Werke gelesen, die meisten wären nicht einmal imstande, sie zu lesen. Eine Unkenntnis, die sich keiner verziehe, wenn es sich um den modernen Roman oder um die läppischen Überbrettstücke handelt, suchen sie nicht einmal zu verbergen. Ein moderner Schriftsteller von Namen findet nichts Beschämendes in der Erklärung, ein Bibelerklärer fahre am besten, wenn ihm die ganze Zeit vom Mittelalter an bis auf unsere Tage herab vollständig unbekannt bliebe. Daß gerade in der Mitte das goldene Zeitalter der katholischen Exegese liegt, davon hat er keine Ahnung. Von der großen Anzahl der damals wirkenden Männer, deren nicht wenige in der Geschichte der Theologie als Gelehrte ersten Ranges gerühmt werden, weiß er vielleicht nicht die Namen. Das aber tut seinem Rufe keinen Eintrag. Denn da die ganze Zeit in der Unwissenheit über die von ihr verachtete Theologie mit ihm gleichen Schritt hält, ist das keine Schande für ihn vor der öffentlichen Meinung.

3. Indes, wenn es sich hier um weiter nichts handelte als bloß um einfache wenn schon gewollte Unkenntnis, also bloß um rein negative Unwissenheit, dann wäre es nicht der Mühe wert, darüber ein Wort zu verlieren. Aber die Dinge stehen anders. Schon in den Worten von Descartes liegt mehr eingeschlossen, nämlich die positive Zurückweisung aller bisherigen theologischen Lehren, und noch mehr, die Behauptung, die Nichtkenntnis der Theologie und ihrer Geschichte sei die unerläßliche Bedingung, wenn man zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen wolle. Und in diesem Sinne handelt auch der Liberalismus zu allen Zeiten. In andern Wissenszweigen glaubt sich ein ehrenhafter Charakter zum Schweigen verpflichtet, wenn er gestehen muss, daß er Laie darin ist. Der Dilettantismus in der Theologie zeichnet sich aber nicht bloß durch jene Dreistigkeit aus, die dem Grade seiner Unwissenhaft entspricht, sondern er ist auch ebenso fruchtbar an laienhaftenVorwürfen wie an aufdringlichen Verbesserungs-Vorschlägen.

Der Kampf gegen die Scholastik

Descartes hat seinen Gedanken vermutlich von Bajus übernommen. Wie dem auch immer sei, die Jansenisten haben ihn mit ihrer ganzen Zähigkeit aufgegriffen, und dabei verharrten sie trotz aller Verwerfungen durch das kirchliche Lehramt. Ihr Kampf galt vielfach weit mehr der Theologie als der katholischen Gnadenlehre. Die Scholastik war für sie der Grund all des angeblich unheilbaren Verderbens in der Christenheit, zu dessen Ausrottungihnen jedes Mittelerlaubt schien, und wäre es die Vernichtung der Kirche und die Ausrottung des Christentums selber. Schließlich kamen sie und ihre Geistesverwandten am Ende des 18. Jahrhunderts dahin, daß sie den Widerspruch gegen die herkömmliche Lehre der Theologie als den vorzüglichsten locus theologicus, als vollgültigen Beweis für die Wahrheit, und daß sie den Gegensatz gegen die Geschichte der kirchlichen Lehre als eine Art von Glaubensregel, jedenfalls als Richtschnur für den Betrieb einer wissenschaftlichen Theologie ansetzten.

Dabei blieb der Liberalismus selbst in den folgenden gemäßigteren Zeiten. Die Erklärungen der Kirche gegen Hermes, Günther, Frohschammer, die Sätze des Syllabus und des Konzils verhallten ungehört, höchstens daß der Widerspruch nach den Erlassen Leos XIII. einige Zeit lang nicht mehr so laut erhoben wurde.

Nunmehr jedoch hat der Modernismus abermals eine Wendung genommen, die deutlich zeigt, daß er im Kampf gegen die „traditionelle“ Theologie, wie er sich ausdrückt, das hauptsächliche Mittel erblickt, um die Glaubenslehren in einer Weise darzustellen und die Bibel derart zu erklären, wie es unsere Welt verlangt, wenn sie uns überhaupt noch eines Blickes würdigen soll.

4. Dieser Kampf hat eine doppelte Bedeutung, um theologisch zu sprechen, eine formelle und eine materielle:
Zunächst eine formelle Bedeutung. Es handelt sich hierbei um die Geltung oder um die Umstürzung eines Gesetzes, von dem nicht bloß der Betrieb der Theologie, der Apologetik, der Bibelwissenschaft beherrscht werden soll, von dem sogar die Erklärung der Tradition und somit vielfach der Glaube selber beeinflußt ist. (vgl. Scheeben, Dogmatik I, 175f.; Heinrich, Dogmatische Theologie II, 134ff.) Der Liberalismus richtet seine Angriffe immer zuerst und zuletzt auf diesen Gegenstand, weil er fühlt, oft auch weil er recht gut weiß, daß er zuerst die Vormauer niedergeworfen haben muss, ehe er die Hauptwerke nehmen kann. Luther und Hutten wußten, warum sie mit solcher Wut gegen die volle Scholastik losfuhren, die Jansenisten wußten es auch. Erasmus und die Aufklärer hatten vielleicht nicht die volle Einsicht in ihr Treiben, sie haben indes durch ihr Spötteln und Nörgeln noch mehr die Abneigung gegen die Theologie in den Geistern befestigt, als selbst die Reformatoren und ihre Schüler mit ihrem Toben.

Mag die Schuld haben wer immer, sicher ist, daß die Theologie, die sich an die von der Kirche gegebenen Vorschriften hält, zumal jene, die sich auf den Bahnen der alten Scholastik bewegt, wie es die Kirche so oft eingeschärft hat, kurz, daß die kirchlich gesinnte Theologie die öffentliche Meinung allenthalben gegen sich hat, und daß sich einer nicht leicht populärer machen kann, als wenn er gegen sie vorgeht…

Die Aufgabe der Theologie

5. Als wenn nur das zum Glauben und zum Gehorsam verpflichtete, was die Kirche mit dem letzten Aufgebot ihrer Machtmittel unter Bann und Acht befohlen hat. Als ob nicht nach kirchlichem Gesetze die althergebrachte Auslegung der Schrift, als ob nicht die Überlieferung ebenfalls verbände, auch wenn die Kirche darüber keine Entscheidung gegeben hat! Als ob nicht die Lehre der Väter wiederum die Gewissen bände, auch ohne daß die Kirche sie unter den äußersten Strafen eingeschärft hätte! Als ob nicht eben die Theologie im Auftrag und im Dienste der Kirche und unter ihrer Aufsicht die Pflicht hätte, alle diese Glaubensquellen zu untersuchen und darzustellen nach den früheren und vor den späteren Entscheidungen der Kirche! Als ob es nicht Aufgabe der Theologie wäre, zu wachen und vorzubeugen, daß sich keine Irrtümer einschleichen! Als ob es nicht Ehrensache für sie wäre, durch ihre Wachsamkeit der Kirche die Schmach von Verirrungen und Unruhen, und dem Hirtenamt die traurige Notwendigkeit von Verurteilungen und Strafen oder von leidiger Wiederholung früherer Entscheidungen zu ersparen!

6. Somit ist klar, daß dieser locus theologicus von dem Amt der Theologie nicht bloß eine formelle Bedeutung hat, sondern auch eine materielle, d. h. daß auch der Inhalt und die Bedeutung der Glaubenslehre davon beeinflußt wird. Es gibt genug Glaubenssätze, die nie von der Kirche festgesetzt worden sind und wohl auch nie von ihr festgesetzt werden. Dahin gehört das ganze Gebiet der apostolischen Überlieferungen und aller jener Wahrheiten, die durch die Übung, durch die Gebete und durch die Denkmäler der Kirche bezeugt sind. (Dieser Art war z. B. der Glaube an die Berechtigung der Heiligenverehrung vor der Entscheidung des Konzils von Trient.) Und es gibt andere Sätze, die zwar nicht von der Kirche festgesetzt worden sind, die aber von den Vätern und von den Theologen so klar bewiesen werden, daß sie keiner leugnen darf, ohne Verletzung des Glaubens und des Gewissens, und ohne daß er sich der Gefahr einer kirchlichen Verurteilung aussetzt. Und es gibt drittens gar viele Sätze, die keine Glaubensartikel sind, es wohl auch nie sein werden, deren Verletzung aber gleichwohl von der Kirche, wenn es nötig ist, durch mehr oder minder strenge Urteile geahndet wird. Nein, davon kann keine Rede sein, daß der Christ frei wäre zu denken und zu reden nach seinem eigenen Ermessen, wo die Kirche keine ausdrückliche Entscheidung gegeben hat. Das Gebiet des Glaubens und des Gehorsams darauf einschränken, ist ohne Zweifel Minimismus.

Um dieser Gefahr zu entgehen, ist es wohl nötig, den Gesetzen der Theologie etwas mehr Beachtung zu schenken. Es hängt auch an ihnen Glaube und Seelenheil. Wer das bedenkt, dem wird es nicht schwer sein zu begreifen, daß sie denn doch mehr zu bedeuten haben als der Liberalismus meint, und wird sich nicht darüber wundern, daß die Kirche den Widerspruch gegen die sicheren Lehrsätze der Theologie selbst mit einem besonderen Verwerfungs-Urteil, der nota temeritatis, belegt.

Die Widersacher der Theologie

7. Noch mehr. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß hier nicht bloß die Theologie, sondern daß die Kirche selber in Frage gezogen wird. Das theologische Amt ist ja doch kein Privatunternehmen, sondern eine Ausübung des von der Kirche anvertrauten Lehramtes. Nur im Auftrage der Kirche, und nur kraft kirchlicher Sendung und nur in der von ihr verliehenen Vollmacht übt die Theologie ihre Berufsaufgaben.

8. Es ist kein bloß zufälliges Zusammentreffen, daß die Widersacher der Theologie zu allen Zeiten mit der Geschichte ihre liebe Not hatten. Für die Jansenisten begann das unheilbare Verderben der Kirche mit dem Auftreten der Scholastik. Für die strengen Gallikaner schlossen die tröstlichen Zeiten mit dem Ende der Kirchenväter ab; sie erblickten den Anfang alles Unheils in dem größten Schrecken, den sie kannten, in Pseudo-Isidor. Die Anglikaner finden die große Einbruchlinie bereits im Konzil von Nizäa. Den Reformatoren ist die Beendigung des Neuen Testamentes das Ende der christlichen Welt. Alle stimmen darin überein, daß die Tradition längst unterbrochen, zum Stillstand gekommen, im Wüstensande versiegt sei. Was über diese Verwerfungskluft hinaus liege, das sei entweder rein menschliche Entwicklung oder kirchliche Machtwillkür.

Das ist aber die Verleugnung der christlichen Grundlehre von der ununterbrochenen Fortdauer und dem lückenlosen Zusammenhang, wie die Theologie sagt, von der Kontinuität der Tradition. Der Herr hat uns versprochen, daß er bei uns sein werde bis zum Ende der Welt. Er erinnert durch den heiligen Geist nicht bloß die Apostel an alles, was er gesagt hat, sondern auch deren Nachfolger. Wie diese in Nizäa das, was sie entschieden, nicht aus menschlicher Entwicklung entnommen, nicht aus eigener Machtvollkommenheit erfunden, sondern aus der bis zu ihnen fortgeführten apostolischen Tradition geschöpft und erklärt haben, so auch die in Trient und die im Vatikan. Die Kirche ist nicht an die Stelle der Tradition getreten, sie ersetzt nicht die untergegangene Tradition, sie schafft nicht an deren Stelle neue Lehren, sie spricht nur das aus, was sie in der Tradition vorfindet. Die Tradition besteht schon vor der kirchlichen Entscheidung. Ob die Kirche eine Entscheidung trifft oder nicht, das ändert nichts an der Tradition. Auch wenn die Kirche nicht entscheidet, wird die Tradition nicht leer und nicht ihrer verbindlichen Kraft verlustig.

Die glorreiche Aufgabe der Theologie

Immer handelt es sich also um die Frage, ob in diesem oder in jenem Punkt die Tradition verpflichte, und um die weitere Frage, durch welche Mittel sie erkennbar sei. Zu diesen Mitteln – es gibt deren verschiedene – gehörten in alten Zeiten die Väter, nach deren Tagen auch die Theologen. Die Kirche bedient sich der Theologie eben zu dem Zwecke, damit diese unter ihrer Obhut und Aufsicht die Tradition unverrückt aufrecht halte und weiter führe. Das ist die glorreiche Aufgabe der Theologie, im Dienste der Kirche die Wahrerin der Tradition zu sein. Wenn die Theologie und die Schriftauslegung, – denn auch die Exegese ist Theologie – da und dort ihres Ruhmes vergißt, so ist das kein Grund, sie ihrer Würde zu entkleiden, sondern umgekehrt ein Grund, sie an ihre Pflicht zu mahnen.

Nunmehr wird es aber wohl keiner langen Untersuchung mehr bedürfen, auf welchem Boden wir hier stehen. Das ist doch eine höchst volkstümliche und allgemein verständliche Umschreibung dessen, was wir im voraus gehenden als den Grundgedanken des Liberalismus kennen gelernt haben, Minimismus in der Auslegung der Glaubensfragen, Loslösung des Kulturlebens aus den Fesseln des Christentums, daß wir es kurz sagen, Zerreißung des Bandes zwischen der Kirche und der Welt, zwischen dem natürlichen und dem Übernatürlichen.

10. Es ist der Theologie keine geringe Ehre, daß das Streben nach Erreichung dieses Zieles nur über ihre Leiche hinweg gehen kann; der Liberalismus weiß, daß er zuerst an das Werk der Enttheologisierung gehen muss, wenn er sein eigentliches Ziel, die Loslösung dieser Welt und dieses Lebens vom Übernatürlichen, erreichen will. –
aus: Albert Maria Weiß O.Pr., Liberalismus und Christentum, 1914, S. 106 – S. 118

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