Der Glaube an den Teufel im Mittelalter

Die wahre Lehre vom Teufel

Der Teufel im Mittelalter

Auf dem gefahrvollen Weg vom fünften zum sechsten Höllenkreis sieht sich Dante genötigt, die Dienste von zehn Teufeln in Anspruch zu nehmen. Sie sehen so garstig aus und betragen sich so unartig, daß sie ihrem Ruf keinen Eintrag tun. Dem Dichter graut; er tröstet sich aber mit dem Sprichwort: In der Kirche mit Heiligen, in der Schenke mit Zechbrüdern. (Dante, Inferno 22, 14 u. 15)…

Wir wissen ja, wie zähe die sogenannte öffentliche Meinung an dem Satz festhält, den der jüngere Fichte in die Worte kleidet: diese höchst gewaltsame Ansicht von einem außermenschlichen bösen Geist, in sich selber so abschreckend, daß sie sich nur durch die dringendsten Tatsachen der Erfahrung rechtfertigen ließe, stütze sich auf lauter Gründe, die auf weiter nichts als auf die rein menschliche, vorüber gehende Natur des Bösen schließen ließen. (J. G. Fichte, Ethik II, 1, 150f)

Solche Machtansprüche verfangen nicht gegen die unleugbare Wirklichkeit. Wer die Welt nimmt, wie sie tatsächlich ist, musste seltsame Anschauungen von ihr haben, wollte er nicht an eine außerweltliche Ursache von so vielem Bösen glauben. Wenn wir manchen, um nicht zu sagen vielen Vorgängen der Geschichte einen bloß menschlichen und nicht vielmehr, bald in größerem, bald in geringerem Umfang, einen außermenschlichen Ursprung zuschreiben, so dürfte jene Verachtung der Menschen kaum zu vermeiden sein, die wir so häufig bei den Vertretern der herkömmlichen Humanitätsidee. Oder sagen wir richtiger, des Humanismus begegnen. Will man nicht, man verzeihe uns das Wort, das wir lieber vermieden, will man nicht die Menschen zu Teufeln machen, so muss man an den Teufel glauben und mit ihm in der Geschichte rechnen. Entweder ein Teufel außerhalb der Menschheit oder Tausende von Teufeln in Menschengestalt. Der christliche Glaube allein rettet auch hier die Ehre der Humanität.

Und doch hat man dem Christentum auch aus seiner Lehre vom Teufel eine Vorwurf gemacht. Diese Lehre, sagt man, habe der ohnehin so großen Neigung des Menschen, die Schuld von sich abzuwälzen, einen bedenklichen Vorschub geleistet. Eine sonderbare Anklage! Als ob es unrecht wäre, eine Wahrheit auszusprechen, die von Übelgesinnten missbraucht werden kann! Gewiß, es ist eine leidige Krankheit des Menschen, ebenso hartnäckig und wohl noch häßlicher als seine krankhafte Neigung zum Bösen, daß er auf alles eher die Urheberschaft seiner bösen Taten zu wälzen sucht, als daß er sich selber dazu bekennte. Wir haben bereits davon gesprochen. Wenn der Mensch Himmel und Erde mit diesem verbrecherischen Versuch nicht verschont, was Wunder, daß er auch das Reich und den Fürsten der Finsternis in Anklagestand versetzt? Das wird aber wohl nicht ein Grund sein, Satan und sein Reich völlig in Abrede zu stellen. Sonst dürfte man sich überhaupt zu keiner Überzeugung mehr bekennen, aus Furcht, es könnte davon eine üble Anwendung gemacht werden. Dann müssten wir folgerichtig Gottesleugner werden, weil feige Verbrecher die Lästerung erfunden haben, Gott sei der Urheber unserer Sünde. Dann müsste man zum vollendeten Zweifler werden und leugnen, daß einer eine Mutter gehabt; dann müsste man mit dem akosmistischen Idealisten die Existenz der Körperwelt in Abrede stellen, auf daß keiner mehr, wie das oft geschieht, die Schuld seiner Verbrechen auf die Mutter, die ihn geboren, oder auf den Körper, auf die Sinnlichkeit schieben könne.

Übrigens ist es unnötig, daß wir in diesem Stück die Verteidigung der Wahrheit auf uns nehmen; sie spricht schon für sich selber.

Zwei Tatsachen stehen in der Kulturgeschichte unanfechtbar fest, zwei Tatsachen, die besser Zeugnis geben als lange Beweise. Auf den Teufel redet man sich zur eigenen Entschuldigung viel weniger dort aus, wo man den richtigen Glauben über ihn hat, als dort, wo man im Teufelsglauben des Guten zu viel oder zu wenig tut. Dies ist die eine Tatsache. Die andere ist die, daß die abergläubische Furcht vor ihm nicht in den Kreisen herrscht, die vom Glauben durchdrungen sind und nach dem Glauben leben, sondern im gegenteiligen Lager.

Die hl. Teresa mag als Zeuge dafür dienen. Es tut uns immer wohl, de starken Geistern der Welt ein Weib gegenüber stellen zu können. Sie sagt, sie verstehe nicht die Angst jener, die immer schreien: der Feind! Der böse Feind! Der Feind fürchte ja gerade die, die ihn nicht fürchten. Sie selber fürchte viel weniger den Teufel als die, die so übertriebene Angst vor ihm hätten. (Teresa, Leben, Kap. 25)

Damit spricht sie nur die Überzeugung aller echt christlichen Gemüter aus. Darum finden wir denn auch in den Zeiten des Glaubens sehr wenig Teufelsfurcht. Es muss jedem Kenner unserer älteren Literatur auffallen, wie gering im Mittelalter der Respekt vor Satan und seiner Macht war. Man behandelt ihn mit den geringschätzigsten ausdrücken, ja oft geradezu wie eine komische Gestalt. Die herkömmlichen Bezeichnungen wie Höllenmohr (1), Höllenscherge (2), Höllenhund (3), Höllenrüde (4), Höllenbracke (5), Höllenbock (6), Höllenbube (7), Höllengiege (8), d. h. Höllennarr, … der alte Neidhund (9) und so viele ähnliche klingen nicht nach großer Furcht oder Rücksichtnahme. Auch die bildlichen Darstellungen auf den Wänden und Chorgestühlen der Kirchen zeigen den Teufel immer nur als jämmerlich geknechteten, oft als höchst lächerlichen Unhold. Überall drückt sich aus, was der Arme Hartmann ins einem Gedicht vom Glauben sagt:

Da liegt er fest gebunden
Zu tiefst im Höllengrunde,
Mit einer Kette um den Hals,
Mit einem Ring in der Nase,
Der ihn gewaltig niederhält.
Das ist die hehre Gotteskraft,
Die hindert, daß der Teufel schafft
Uns so viel Unfug und Gefahr,
Als er uns gerne täte zwar. (10)
Sind wir mit Glauben gut beladen,
Dann tut der Teufel uns nicht schaden. (11)

Kurz, von jener angeblich so düsteren Teufelsfurcht ist im Mittelalter wenig zu finden. Die moderne Aufklärung verrät trotz, oder besser gesagt, gerade mit der vorgegebenen Leugnung des Teufels viel mehr Furcht vor ihm. Damals verhehlte man sich nicht die Macht und den Einfluss des Geistes der Finsternis. Aber man wußte auch, wie weit sein Arm reiche, und wo der Nerv seiner Gewalt liege, und wie ihm leicht begegnet werden könne. Ein recht sprechendes, ebenso ernstes als nüchternes Beispiel hierfür liefert das schöne Gedicht: Der Richter und der Teufel. (12)

So aber benimmt sich die ganze katholische Literatur der besseren Zeiten. Dante läßt es fürwahr an Ernst in Bezug auf den Glauben an die Macht Satans und an die reiche Ernte, die er hält, nicht fehlen. Dessen ungeachtet behandelt er die Teufel mit einem Humor, der nicht köstlicher sein könnte. (13) Gerade so verhält sich Calderon. Sein Magico prodigioso sprüht von Witz über die Ohnmacht dessen, dem er doch eine große Macht als unbestritten einräumt. Noch weiter geht das berühmte Lustspiel: Der Teufel als Prediger, das bald Belmonte, bald Coello zugeschrieben wird. Die Komik dieses Stückes läßt sich kaum noch überbieten. (14)

Die Form, in der diese und ähnliche Verspottungen Satans gehalten sind, ist den genannten Dichtern eigen. Sonst aber können wir nicht in Abrede stellen, daß sie sich durchaus im Einklang mit der christlichen Anschauung zeigen.

Kein Christ leugnet die große Gewalt des gefallenen Engels und seines Anhangs. Wenn dieser ehemals, ehe er gefallen war, eine so erhabene Natur, eine Kraft und Einsicht besaß, welche die unsere weit übersteigt, so besitzt er sie noch. (15) Denn die Sünde verwüstet zwar die Natur, zerstört sie aber keineswegs. Es stehen ihm demzufolge auch jetzt noch zur Ausführung seiner finsteren Pläne viel größere natürliche Kräfte zur verfügung als irgend einer andern, noch so hoch begabten, irdischen Macht.

Aber der Anhänger dessen, der den Starken mit noch stärkerer Hand gebunden (Mt. 12, 29) und aus seinem Reich hinaus gejagt hat (Joh. 12, 31), weiß, daß er diesen nicht zu fürchten hat, solange er sich ihm nicht durch eigene Lässigkeit in die Hände liefert. Zwar wird der Feind nie ruhen. Stets geht er umher wie ein Löwe, der nach beute sucht. (1. Petr. 5, 8) Denn nachdem er selber aus seiner Herrlichkeit gefallen ist, will er es nicht dulden, daß der Mensch, an Kräften viel geringer, trotz seiner Schwäche eine Stufe erklimme, auf der er sich selber nicht behauptete. Dennoch ist er nie zu fürchten. Er kann nur drohen. Gerade die vielen Wege und Mittel, die er erschlägt, um seinen Zweck zu erreichen, beweisen seine Machtlosigkeit. (16) Durch Christi Macht ist er gleichwie in Ketten gelegt. (17) Und er wird auch gebunden in Fesseln bleiben bis auf die letzten Zeiten, wo ihm noch einmal Freiheit gelassen wird (Offb. 20 ,3; 9, 11; Malvenda, De Antichristo 1. 12, c. 5 u. 6), um die Scheidung dessen, was bis dahin umgeschieden bliebe, und die Entscheidung des noch Unentschiedenen zu beschleunigen.

Anmerkungen:

(1) Hartmann von Owe, Lied 8, 2, 10; Konrad von Würzburg, Leich 9, (Hagen, Minnesinger II 311). Walther von der Vogelweide (Pfeiffer 111, 7).
(2) Titurel 5481, 4. Bruder Wernher 1, 2 (Hagen a.a.O. III 11). Hartmann von Owe, Gregorius 7, a.
(3) Heinrich von Meißen (Frauenlob), Spr. 16, 3 (Ettmüller 40). Heinzelin von Konstanz 6, 3 (Hagen a.a.O. III 409). Hartmann a.a.O. 163; Leben der hl Elisabeth 1007.
(4) Hugo von Langenstein, Martina 4, 12; 51, 7 (Keller 8, 127)
(5) Ebd. 186, 90 (470)
(6) Ebd. 156, 43; 184, 46 (394 u. 464).
(7) Ebd. 227, 82 (573)
(8) Ebd. 91,91,3 (152).
(9) Seifried Helbling 2, 264.
(10) Hartmann, Vom Glauben 535ff.
(11) Ebd. 957f.
(12) Hagen, Gesamtabenteuer III 387ff; Goedeke, Deutsche Dichtung im Mittelater 849 bis 851.
(13) Besonders Inferno 21 u. 22.
(14) Dohm, Span. Nationallit. 381F; Schack, Dramat. Literatur in Spanien II, 632ff; Ticknor-Julius, Schöne Literatur in Spanien I 684f.
(15) August., De Genesi ad literam 11, 20, 27; 23, 30; Greg. M., Mor. 32, 17.; Thom. 1, q. 63, a. 4; q. 64, a. 1 u. 2; Xant. Mariales, Coel. Amphitheatrum in D. Thom. Quaest. Disput. q. 16, a. 2 u. 6 u. 11 u. 12.
(16) Athanas., Vita S. Antonii 27 u. 28; Marc. Erem., De bapt. (Bibl. Lugd. V 1106, c).
(17) Athanas. a.a.O. 24; Const. Ap. 8, 7; August., Civ. Dei 20, 8; (Prosper) Dimid. temp. 4; (August) Append. s. 37, 4 u. 5 (al. 197 de temp.); Cassian., Coll. 7, 23; Torre, Virt. relig. 2, 2, q. 90, a. 2, d. 11; Delrio, Disquis. mag. 1. 2, q. 30, 3; Brognoli, Manuale exorcist. 64-71 u. 146 u. 150. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. II Humanität und Humanismus, 1908, S. 530 – S. 536

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