Unter dem Zeichen des Darwinismus

Unter dem Zeichen des Darwinismus den Geisteskampf proletarisieren

Die ehemals so aristokratische Wissenschaft hat sich popularisiert und ist auf dem besten Wege, sich zu proletarisieren. Ein Gelehrter, der mit Berufung auf das Vorrecht seines Standes nur mit seinesgleichen nach den alten Formen der Dialektik und Syllogistik den Kampf aufnehmen will, spielt eine Rolle, wie wenn ein Ritter Bayard mit geschlossenem Visier vor ein Armeekorps reiten und den befehlenden General auf Lanzen herausfordern würde. Man bewundert solch vornehme Geister, wie sie sich selber nennen, als seltsame Anachronismen, aber man geht an ihnen vorüber wie an den gepanzerten Puppen im Zeughaus. Wenn wir mit der Zeit verhandeln wollen, so müssen wir es uns schon gefallen lassen, daß uns jetzt ein Sozialist aus der Schneiderwerkstätte heraus und dann ein emanzipierter Blaustrumpf vom Teetisch oder vom Seziertisch weg in die Schranken rufe. Und selbst wenn uns ein Professor vom Katheder herab den Fehde-Handschuh hinwirft, ist das nicht so gemeint, als sollten wir gegen ihn nach den strengen Gesetzen der Wissenschaft fechten. Da kämen wir übel an. Er liest ein ernstes Buch über religiöse Fragen so wenig wie der Handwerksmann. In der Vorlesung oder in einem gelehrten Werk spricht er über sie nur im lakonischen Orakelstil ab, den eigentlichen Kampf führt er im Feuilleton seiner Zeitung oder in kulturhistorischen Romanen. Und da müssen wir bereit sein, mit ihm in einer Viertelstunde alle Wissenschaften durchzusprechen, die Menschen und ihre Vorfahren getrieben haben und ihre Nachfolger treiben werden, angefangen von der Gas- und Eiszeit bis zur künftigen allgemeinen Feuerbestattung. (siehe den Beitrag: Einführung der Leichenverbrennung)

… Alles ist in Frage gestellt, alles in Fluss geraten, alles zu einem unergründlichen Brei von Urschleim durcheinander gerührt.
Auf dem Gebiet der Biologie hat der Darwinismus, der würdige Schüler des theologischen Gnostizismus, alle Knochen zermalmt, alle Glieder verrenkt, alle Wesen in der gleichen Formlosigkeit auf einen Begriff, den der allgemeinen Gallerte, zurück geführt. Wenn heute ein junger Privatdozent mit der Erklärung auftritt, er habe im Gehirn eines Wahnsinnigen den Weisheits-Bazillus entdeckt und in diesem den einheitlichen Keim zu den Entwicklungsreihen, deren Pole Esel, Gans und Stockfisch seien, so hat niemand den Mut, das einen geschmacklosen Scherz zu nennen, sondern alle schweigen ehrerbietig, weil sie es im geheimen für wohl möglich erachten, daß er es unwiderleglich beweisen könne. Und warum auch nicht, wenn wir schon dahin gekommen sind, kalten Blutes die Versicherung hinzunehmen, nach den Forschungen von Traube und Bütschli, von Pasteur, von Sabbattier und von Giglio-Tos sei der Abgrund, der bisher die organische und die anorganische Natur trennte, so gut wie überbrückt, und wir stünden bereits vor der Lösung der Aufgabe, das Leben auf künstlichem Wege herzustellen? Und warum sollen wir das nicht glauben, wenn wir an die ebenso wunderbare als ekelhafte Verjüngungskur von Dr. Brown-Séquard glauben und an die Versicherung von William Kinnear, es sei wohl möglich, das Durchschnittsalter des Menschen auf mindesten 200 Jahre zu erhöhen?

Unter dem Zeichen des Darwinismus steht aber unsere ganze Kultur und Geistesbildung. Alle Schranken scheinen uns gefallen, das Undenkbare scheint uns möglich geworden zu sein. Mit dem bloßen Wort Evolution lösen wir jede Schwierigkeit, überspringen jeden Abgrund, spotten aller physischen wie aller Denkgesetze. In der Logik und in der Psychologie sind wir so weit fortgeschritten, daß wir im Ernst versichern, die Entwicklungslehre lasse uns recht wohl an eine Ausbildung der Denknerven glauben, der zufolge 2mal 2 nicht mehr 4, sondern 3 oder 5 sei. Schmidkunz erwartet von der Suggestion, daß sie die Logik in ungeahnter Weise bereichern und uns eine ganz neue Welt aufschließen werde, was ja mit der Entdeckung der vierten Dimension zum Teil schon geschehen sei. Sourian und Paulhan verheißen uns vom Hypnotismus eine großartige Kunstepoche, und französische Kriegsschriftsteller erörtern die Frage, welche Dienste der Spiritismus im künftigen Weltkrieg leisten könne.

Kurz, wir stehen hier vor einer Geistesrichtung, die alles auf den Kopf zu stellen droht, was bisher für vernünftig, für gewiß und für unmöglich gegolten hat.

Unter diesen Verhältnissen sind es gewiß nicht die unehrlichsten noch die unedelsten Geister, die es satt haben, die Worte Religion und Glaube noch ferner in den Mund zu nehmen, wenn sie denn noch nichts mehr sollen bedeuten dürfen, oder für Christus erheucheltes Wohlwollen zu bezeigen und ihn dann mit Mohammeds und Konfuzius und Buddha auf eine Bank im Hintergrund der „Bühne für modernes Leben“ zu verweisen. Wenn wir die nebelhaften Phrasen über das Dasein Gottes und die Erkennbarkeit einer übersinnlichen Wahrheit im Agnostizismus, wenn wir die Redeblumen über die Religion bei Schleiermacher, die unaufrichtigen Lobsprüche auf Jesus von Nazareth bei Renan und bei Strauß, die gelehrten Zweideutigkeiten über Evangelien und Pentateuch bei der Mehrzahl unserer Bibelkritiker gelesen haben, dann fühlen wir fast eine Art von Achtung vor der rücksichtslosen Derbheit, mit der die Freidenker und die Theologen des Sozialismus alle Glaubenslehren auf dem Amboss in Stücke schlagen.

Infolge dieser Auflösung aller festen Begriffe ist kaum noch ein Stück aus dem Erbe von philosophischen, geschweige von Glaubens- und Sittenlehren übrig geblieben, das nicht wie in der Hexenküche bis zur Unkenntlichkeit verkocht wäre. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 5-12

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