Die Zukunft des christlichen Abendlandes

Über die Zukunft des christlichen Abendlandes

Donoso Cortés: Rede im spanischen Parlament v. 4. Januar 1849 – Über die politischen Grundsätze der Gegenwart und die Diktatur – Auszug

Die Freiheit ist tot

Aber wir haben keinen Grund, uns vor schrecklichen Worten zu fürchten, wenn diese die Wahrheit verkünden und wenn sie der Wahrheit dienen, und ich wenigstens bin entschlossen, heute und hier diese Wahrheit zu sagen. Ich wiederhole: Die Freiheit ist tot, und sie wird nicht wieder auferstehen – weder am dritten Tage noch im dritten Jahr noch vielleicht im dritten Jahrhundert. Wie, meine Herren, Sie erschrecken schon über die Tyrannei, die Sie heute zu dulden haben? Dann muss ich Ihnen sagen: Sie erschrecken über eine Kleinigkeit. Denn Sie werden noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen. Fürwahr, ich muss Sie jetzt um Ihre besondere Aufmerksamkeit bitten. Ich muss Sie dringend bitten: Prägen Sie es gut Ihrem Gedächtnis ein, was ich Ihnen jetzt sagen will! Denn die Dinge, die ich Ihnen sagen möchte, die Ereignisse, die ich Ihnen für eine nähere oder fernere Zukunft ankündigen will – für eine Zukunft, die keineswegs allzu ferne ist – werden buchstäblich in Erfüllung gehen. (Große Aufmerksamkeit.)

Alle Ihre Irrtümer, meine Herren, erklären sich aus der einfachen Tatsache, daß Sie über die Richtung, die das Denken, Fühlen und Wollen Europas eingeschlagen hat, noch völlig im unklaren geblieben sind. Sie, meine Herren, Sie glauben, daß die Welt jetzt vorwärts marschiere, daß sie unentwegt nach besseren und höheren Zielen strebe, während wir doch in Wirklichkeit bereits einer rückläufigen, einer völlig entgegen gesetzten Bewegung anheim gefallen sind.

Die Despotie des Staates gewinnt  Macht ins Riesenhafte

Ja, schon eilt die Menschheit mit großen Schritten dem sicheren Schicksal der Despotie entgegen, und ich sage Ihnen, meine Herren, diese Despotie wird eine Macht gewinnen, die ans Riesenhafte grenzt, und sie wird eine Kraft der Zerstörung entfalten, die alles übertrifft, was wir bisher erlebt haben. Das, meine Herren, ist das Ziel, dem die Menschheit entgegen strebt.

Schon ist ja der Weg beschritten, der in das furchtbare, in das unsagbare Verhängnis hinein führen muss. Oder wie? Sollten denn unsere Zeitgenossen ihren Sinn etwa verändert, sollten sie ihn denn plötzlich und vollständig verändert haben? Sollten sie wirklich und in vollem Ernst den Entschluss gefaßt haben, auf diesem verhängnisvollen Weg halt zu machen, und so schnell wie möglich wieder umzukehren? Ich glaube es nicht und vermute, in diesem Hause ist niemand bereit, dem heute lebenden Geschlecht ein derartiges Zeugnis auszustellen. Ich brauche kein Prophet zu sein, um solche Schicksale vorherzusagen. Dazu genügt vollauf, daß man den furchtbaren Zusammenhang der Dinge von dem Standpunkt aus betrachtet, der uns einzig und allein dafür gegeben ist: von der Höhe des katholischen Glaubens.

Der Machtbereich der Religion gegen den der Politik

Meine Herren, nur zwei Kräfte sind imstande, bestimmend und entscheidend auf den Menschen einzuwirken: die eine kommt von innen, die andere von außen. Die eine kommt aus dem Machtbereich der Religion, die andere aus dem Machtbereich der Politik. Aber das gegenseitige Verhältnis dieser zwei Kräfte dieser religiösen und dieser politischen Einwirkung auf den Menschen, ist stets ei und dasselbe.

Ein Bild, eine Metapher mag das etwas deutlicher machen. Geht das religiöse Thermometer in die Höhe, dann sinkt von selbst und eben damit auch das politische Thermometer; fällt aber das religiöse Thermometer, dann steigt sofort und gesetzmäßig auch das politische Thermometer, und dieses kann so hoch empor steigen, bis schließlich das Maß der Tyrannei erreicht ist. Das ist ein Gesetz der Geschichte. Oder sind Sie etwa anderer Meinung, meine Herren? Dann betrachten Sie bitte zunächst einmal die gesellschaftliche Welt, die auf der anderen Seite des Kreuzes liegt. Sagen Sie mir doch: Wie war es denn damals, als die innere Einwirkung fehlte, als der religiöse Einfluss bis auf den Nullpunkt gesunken war? Es war doch so: die damalige Gesellschaft bestand lediglich aus Sklaven und aus Tyrannen. Oder können Sie mir aus jener Epoche etwa ein einziges Volk nennen, das sich nicht aus diesen zwei großen Kategorien von Sklaven und Tyrannen zusammen gesetzt hätte? Das ist eine unbestreitbare, eine völlig evidente Tatsache, eine Tatsache, die gar nicht mehr bestritten wird. Denn die Freiheit, die wahre Freiheit, d. h. die Freiheit aller und für alle, kam auf diese Erde doch erst mit dem Erlöser der Welt! (Sehr richtig! Sehr richtig!) Auch das ist eine unbestrittene Tatsache, und zwar eine Tatsache, die selbst von den Sozialisten nicht bestritten wird…

Geschichtlicher Überblick der Entwicklung der Menschheit

Wir kommen jetzt zum 16. Jahrhundert. In dieses Jahrhundert fällt die große lutherische Reform, dieser große politische, soziale und religiöse Skandal, und gleichzeitig mit dieser religiösen Empörung, gleichzeitig mit dieser geistigen und sittlichen Befreiung der Völker entstand aus der feudalen Monarchie die – absolute. Meine Herren, vermutlich sind Sie mit mir der Auffassung, daß es einer Monarchie nicht gut möglich ist, mehr als absolut zu sein. Kann denn eine Regierung mehr sein als absolut? Trotzdem stieg das Thermometer der politischen Machtentfaltung weiter und immer höher, und zwar deshalb, weil eben auch das religiöse Thermometer das Bestreben zeigte, noch weiter in die Tiefe zu sinken. Worin bestand nun das Neue, das man in dem Augenblick ersann, als das politische Thermometer noch weiter in die Höhe stieg?

Der Staat braucht ein stehendes Heer

Es ist dies, meine Herren. Es ist der Apparat der stehenden Heere! Wissen Sie auch, meine Herren, was stehende Heere sind? Um das zu wissen, genügt es, zu erfahren, was ein Soldat ist. Nun, ein Soldat ist nichts anderes als ein Sklave in Uniform. Sie sehen also, meine Herren: in dem Augenblick, wo der religiöse Einfluss zurück ging, in demselben Augenblick stieg auch die Entwicklung der politischen Gewalt, und zwar bis zum Absolutismus und sogar darüber hinaus. Denn schon genügte es den Regierungen nicht mehr, absolut zu sein. Sie verlangten mehr, und sie gewannen das Privilegium, nicht nur absolut zu sein, sondern auch noch eine Menge Soldaten, eine Million Arme und Fäuste für sich in Bewegung zu setzen.

Der Staat braucht eine Polizei

Aber, meine Herren, das ist nicht alles. Das politische Thermometer musste abermals in die Höhe steigen. Denn nachdem das religiöse Thermometer nochmals herab gedrückt worden war, empfand der Staat sofort das dringende Bedürfnis, neue Vorteile zu gewinnen. Und nun, meine Herren, worin bestand dieses Neue? Die Regierungen erklärten: wir haben zwar eine Million Fäuste, aber diese genügen uns nicht, wir brauchen mehr. Wir brauchen auch noch eine Million Augen, und siehe, da erhielten sie die Polizei, und mit der Polizei eine Million Augen. Aber, meine Herren, das war noch nicht das Ende dieser Entwicklung, denn das religiöse Thermometer war noch weiter gesunken, und so musste denn eben auch das politische Thermometer noch einmal in die Höhe steigen.

Der Staat braucht eine zentrale Verwaltung

Meine Herren, den Regierungen war es noch nicht genug, jetzt eine Million Augen zu haben, sie wollten auch eine Million Ohren haben, und diese erhielten sie mit der zentralisierten Verwaltung des Staates, und so erst war es möglich, alle Beschwerden und alle Klagen sicher und schnell bis an das Ohr der Regierung zu bringen. Aber, meine Herren, auch das – selbst das war noch nicht das Ende dieser Entwicklung; denn das religiöse Thermometer war in einem fort weiter gesunken, und so wurde denn jetzt auch das politische Thermometer erneut in die Höhe getrieben. Bis wohin? Nun, eines Tages erklärten die Regierungen: um die Völker zu zügeln, ist alles, was wir bisher an Machtmitteln erhalten haben, völlig unzureichend geworden. Uns genügen weder die Million Fäuste noch die Million Augen, noch die Million Ohren. Wir brauchen mehr. Wir brauchen jetzt jetzt vor allem das Recht, uns an allen Ecken und Enden zur selben Stunde einzufinden und uns überall und gleichzeitig Ansehen und Geltung zu verschaffen. Und siehe – sie erlangten auch dieses Privileg. Denn der Telegraph wurde erfunden. (Großer Beifall)

Der Staat braucht moderne Erfindungen für sich

Meine Herren, das war der Zustand Europas, als der erste Alarmruf der Februarrevolution an unsere Ohren drang und uns die Nachricht brachte, daß Europa aus den Erfahrungen der Vergangenheit nicht nur nichts gelernt habe, sondern entschlossen sei, den begonnen Weg fortzusetzen. Jetzt aber, wo das religiöse Thermometer bereits unter den Nullpunkt gesunken ist, jetzt ist der Augenblick gekommen, wo wir uns für eine der zwei Möglichkeiten entscheiden müssen, die uns heute noch gelassen sind, für die eine oder aber für die andere. Ich habe Ihnen versprochen, meine Herren, mit aller Offenheit zu Ihnen zu sprechen, und ich werde mein Wort halten. (Die Spannung wächst.)

Die letzten Konsequenzen der modernen Entwicklung

Jawohl, meine Herren, jetzt haben wir zu wählen! Von zwei Möglichkeiten – die eine oder die andere. Entweder kommt jetzt der religiöse Aufschwung oder er kommt nicht. Sollte in der Tat die Religion diesen Aufschwung erleben, sollte das religiöse Thermometer jetzt wirklich in die Höhe gehen, dann werden Sie sehr bald sehen, daß auch das politische Thermometer zu fallen beginnt. Ja sofort, meine Herren, sofort werden Sie feststellen können, daß das politisch Thermometer ganz von selbst zu fallen beginnt, ohne daß dazu eine besondere Anstrengung oder eine besondere Unterstützung nötig wäre, etwa die Mithilfe von Regierungen und von Völkern oder die Mithilfe dieser oder jener Privatperson. In der Tat, dann wird das politische Thermometer ganz von selbst soweit hinab gehen, bis es eine mildere Temperatur und ein gemäßigteres Klima anzeigt und endlich den Völkern den Tag ihrer Freiheit verkündet. Sollte indes das Gegenteil eintreten, meine Herren (…); ich sage also: falls das Gegenteil eintritt, wenn also das religiöse Thermometer – so wie bisher – noch weiter in die Tiefe sinkt, so kann niemand mehr sagen, welches Ende, welches Schicksal uns noch beschieden sein mag. Ich, meine Herren, weiß es nicht, und ich zittere, wenn ich nur daran denke.

Überlegen Sie die Beispiele, die ich angeführt habe, überlegen Sie die Vergleiche, die ich Ihnen vorgelegt habe, überlegen Sie wenigstens das eine: Damals, als die Religion auf ihrem Höhepunkt stand, war eine Regierung noch gar nicht notwendig. Wenn aber die Macht der religiösen Einwirkung – so wie heute – beseitigt und völlig verschwunden ist, dann wird jede Regierung, wird jede Art von Regierung außerstande sein, den gestellten Anforderungen zu genügen. Dann, meine Herren, dann wird selbst der Despotismus versagen; dann wird auch dieser dem wachsenden Sturm nicht mehr gewachsen sein. (Große Bewegung) Damit, meine Herren, habe ich die Todeswunde berührt, an der wir leiden. Damit habe ich die Frage genannt, die entscheidend ist für Spanien, für Europa, für die Menschheit, für die Welt! (Zustimmung.)

Das Heraufkommen der Tyrannei von apokalyptischem Ausmaß

Betrachten Sie bitte noch eines, meine Herren! Die Tyrannei des Altertums war gewiß unbarmherzig und grausam. Sie war sicher weit davon entfernt, vor tyrannischen Maßnahmen zurückzuschrecken. Trotzdem: selbst dieser Tyrannei waren noch gewisse Schranken auferlegt. Alle Staaten waren ja klein, und nähere Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen waren damals (wegen der räumlichen Entfernungen) eine absolute Unmöglichkeit. Es war unmöglich, damals eine Tyrannenherrschaft großen Stiles aufzurichten. Es gab nur eine Ausnahme, und diese Ausnahme war Rom. Aber wie steht es heute? Hat sich denn heute das Antlitz der Welt nicht in der merkwürdigsten Weise verändert?

Jawohl, meine Herren, heute sind die Wege geebnet für eine Tyrannen-Herrschaft von riesenhafter Größe, von kolossalen, von ungeheuren, Welt umspannenden Ausmaßen. Heute sind die Wege geebnet für einen Tyrannen, der überall eingreift und alles an sich reißt. Es ist schon alles für ihn vorbereitet. Beachten Sie das wohl! Der kommende Tyrann wird auf seinem Wege weder moralische noch materielle Widerstände finden.

Alle Widerstände materieller Art sind beseitigt

Alle Widerstände materieller Art sind beseitigt. Die Dampfschiffe und die Eisenbahnen haben die bisherigen Grenzen aufgehoben. Der Telegraph und die elektrische Kraft haben die räumlichen Entfernungen überwunden. Aber in derselben Weise ist jetzt auch die Macht der moralischen Widerstände gebrochen. Die Eintracht der Seelen ist zerrissen, und jede Vaterlandsliebe ist getötet. Sagen Sie mir also, ob ich recht hatte oder nicht, wenn ich mich heute entschlossen habe, auch einmal diese Zukunft ins Auge zu fassen, auch ihr einmal ins Auge zu blicken? Sagen Sie mir, ob ich heute denn nicht die wahre, die eigentliche, die entscheidende Frage behandelt habe, wenn ich es gewagt habe, gerade diese Frage zu behandeln?

Nur ein Mittel vermag die Katastrophe abzuwenden, ein einziges…

Wir werden ihr nur dann entrinnen, wenn wir uns bemühen – jeder an seiner Stelle und jeder nach dem Maße seiner Fähigkeiten -, wenn wir uns bemühen, die religiösen Kräfte neu zu beleben und mit ihnen und für sie einen heilsamen Gegenstoß zu führen…

Ist denn ein derartiger Umschwung überhaupt noch möglich? O ja, meine Herren, er ist möglich. Aber ist er denn auch wahrscheinlich? Und hier, meine Herren, bin ich gezwungen, Ihnen ein Bekenntnis abzulegen, ein Bekenntnis, das meine Seele mit dem tiefsten Schmerz erfüllt. Denn ich muß Ihnen bekennen: Nein, ich glaube nicht an die Wahrscheinlichkeit eines allgemeinen religiösen Umschwungs. Ich habe zwar schon viele Individuen gesehen, die vom Glauben abgefallen waren, aber den verlassenen Heilsweg des Glaubens doch wieder gefunden haben. Aber ich habe noch niemals ein Volk gesehen, das wieder zum Glauben zurück gekehrt wäre, nachdem es ihn preisgegeben hatte. –
aus: Albert Maier (Hrsg), Donoso Cortés, Briefe, Parlamentarische Reden und diplomatische Berichte, 1940, S. 194 – S. 203

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