Menschheitskult Religion der Zukunft

Der Menschheitskult als Religion hat schon begonnen

So leben wir einerseits inmitten eines Verderbens, dessen Umfang zu ermessen die wenigsten imstande sind. Anderseits legen selbst die besser Denkenden angesichts des allgemeinen Unheils eine Blindheit und Halbheit an den Tag, die dem tiefer Blickenden unbegreiflich erscheint, sei es, daß sie selber mehr oder minder von der allgemeinen Zweifelsucht angesteckt sind, sei es daß sie das Übel nicht mit dem rechten Namen wollen nennen noch nennen lassen, um es nicht mit der Welt zu verderben und um nicht ernstlich Stellung für oder gegen nehmen zu müssen.

Die Folge davon ist, daß unter der kleinen Schar von Sehenden oft Bitterkeit, noch öfter Mutlosigkeit überhand nimmt. Wozu, sagt man, eine Gesellschaft retten wollen, die sich selber nicht retten lassen will! Wenn sie durchaus nicht an den Abgrund glauben will, der vor ihren Füßen gähnt, gut, so mag sie hinab stürzen! Wir können ihr doch nicht mit Gewalt helfen. Und ist dem überhaupt noch zu helfen? Wer wird in dem wogenden Strudel der Irrtümer noch so viel festen Grund entdecken, daß man Anker werfen könnte? Ziehen wir uns also zurück und suchen wir wenigstens für uns Glauben und Frömmigkeit zu retten. Die Geister sind dem Christentum bereits zu sehr entfremdet, als daß man hoffen könnte, sie ihm nochmals zugänglich zu machen.

Wie beim Turmbau zu Babel versteht keiner mehr den andern. Jeder hat seine eigene Sprache und wechselt, als ob das noch nicht genug der Verwirrung wäre, täglich die Begriffe, die er mit seinen Worten verbindet. (Weiß, Die religiöse Gefahr, 31, S. 115ff)
Dennoch liegt überall etwas Gemeinsames zu Grunde, das selbst wieder den Keim zu einer neuen Gestaltung der Dinge enthält. Es ist stets der gleiche Geist des Selbstherrschertums, der all diese Verwirrung angerichtet hat. (ebd. S. 415ff)

Daher die Zerfahrenheit der Wissenschaft, weil jeder seinen eigenen Einfällen folgt, so daß man sich vermißt, selbst die Denkgesetze zu ändern. Daher der Krieg aller gegen alle auf dem sozialen Gebiet, die notwendige Folge aus der Souveränität des Individuums. Daher der Libertinismus im sittlichen Leben. Denn die Kantische Lehre, es sei die verwerflichste Unsittlichkeit, einem fremden Gesetz, und wäre es auch das Gesetz Gottes, und nicht ausschließlich der eigenen Überzeugung zu folgen, also die Erhebung des Eigenwillens auf den Lehrstuhl des Gesetzgebers und auf den Thron des Richters ist der Zeit aus dem Innersten des Herzens genommen. Daher endlich die Zerstörung aller wirklichen Religion.

Man redet freilich mehr als je von Religion und brüstet sich, jetzt erste deren Wesen zu kennen. (ebd. S. 87ff; S. 111ff) … Man bringe nur einmal den Menschen zum klaren Bewusstsein von seiner eigenen absoluten Herrlichkeit und Macht, dann werde die frühere Religion von selber verschwinden. (Bebel, Die Frau)

Die Religion der Zukunft werde also nicht mehr Gottesverehrung, sondern Menschenbildung sein. Nicht Gott habe dem Menschen zu erlösen, wie sich das Christentum ausdrückt, sondern der Mensch müsse sich selber von dem Alp erlösen, der unter dem Namen Gott auf ihn laste; dadurch werde er zugleich der Erlöser Gottes. Denn bisher sei die wahre Gottheit schmählich geknechtet und unterdrückt, weil die wenigsten sich zu gestehen wagten, daß sie nichts anderes sei als die Macht und die Majestät des Menschen. Das also sei die Aufgabe, welche Wissenschaft, Erziehung und Bildung zusammen durchführen müssten: die Menschheit so stark, so selbstvertrauend zu machen, daß sie die Gottheit in sich selbst, daß sie in ihrem unbeschränkten Selbstbestimmungs-Recht die Grundlage der echten Sittlichkeit, daß sie in dem Aufblühen der weltlichen Kultur die allein gültige Religion zu erkennen imstande sei.

Somit birgt sich unter all der Leugnung, Auflösung und Unordnung, die auf den ersten Blick das Merkmal des gegenwärtigen Weltalters zu sein scheint, dennoch ein ganz bestimmter Grundgedanke, der sämtliche Schöpfungen des sogenannten modernen Geistes gleichheitlich durchdringt und zu einem gewaltigen Ganzen von einheitlichem Guss macht. Das ist die Vergötterung des von Gott losgelösten, einzig auf sich selbst bauenden Menschen, es ist das sogenannte freie Menschtum. In diesem Wort haben wir den Inbegriff der modernen Ideen, das Ziel der modernen Kulturbewegung, den Schlüssel zum Verständnis der heutigen Welt. (Vgl. Weiß, Die religiöse Gefahr, S. 427ff)

Die Menschheit mag alles in Abrede stellen, Schöpfung, Sündenfall, Erlösung, Ewigkeit und Unsterblichkeit, sie mag in ihrer Gottentfremdung so weit fortschreiten, daß sie Gott mit Proudhon das Böse, mit Swinburne das höchste Übel nennt, dann glaubt sie erst an eines um so fester, an sich selber. Darum leugnet, lästert, verwünscht sie eben Gott, weil sie an ihm eine unübersteigbare Schranke findet, die sie hindert, bis zur Selbstvergötterung zu schreiten.

So maßlos dieser Menschheitskult ist, er ist uns dennoch wertvoll, weil er uns bezeugt, daß sich das heutige Geschlecht wenigstens einen Glauben nicht nehmen läßt, den Glauben an sich selber. Für die Wahrheit ist es aber gleichgültig, wo sie zu wirken beginnt, wenn sie nur einen Gegenstand findet, von dem sie ausgehen kann. Es gibt ja nur eine Wahrheit wie nur ein menschliches Leben. Entdeckt der Arzt im Ohnmächtigen einen Lebensfunken, so gibt er die Hoffnung auf Rettung nicht auf; er weiß, daß, wenn es ihm gelingt, diesen zu entfachen, das Leben gerettet ist. So sind auch wir schon zufrieden, daß wir nun einmal einen Begriff haben, auf den die Welt etwas gibt und den auch wir zur Grundlage unserer Ausführungen machen können…

Es ist nicht zufällig, daß zu jeder Zeit, da man nur von Humanismus oder von Humanität sprach, fast auf nichts mehr Gewicht gelegt wurde als auf das Leben. Das Glauben wurde verachtet, das Jenseits freigegeben, das Leben im Diesseits, das angeblich einzig menschenwürdige Leben allein für wert der Aufmerksamkeit erklärt, im fünfzehnten Jahrhundert das feine, künstlerische Leben, im achtzehnten das rechtschaffene, im neunzehnten das unabhängige Leben.
Unter der Herrschaft des Humanismus über schwemmten Männer, die selber mit genauer Not der Galeere oder dem Galgen entgangen waren, die Welt mit Anleitungen, die, um mit Villon, einem der leichtsinnigsten aus dieser Gesellschaft, zu sprechen, nichts weiter bezweckten, als Menschen zu bilden, die

Schön singen, schön sprechen,
Durch Feinheit bestechen.

In der Aufklärungszeit schwoll die Flut dieser Literatur noch um vieles an. Die Prediger dieser Epoche, an ihrer spitze Voltaire und Rousseau, behandelten alle einen Satz: der Mensch habe nur die Aufgabe, seinen Ruf als Ehrenmann vor der Welt zu retten; habe er dieses Ziel erreicht, so sei Religion für ihn überflüssig.
Die Neuzeit aber mit ihrer freien Moral und der ethischen Kultur geht noch um einen Schritt weiter und sucht die Welt zu dem Bekenntnis zu bekehren, die einzige Religion sei die religionslose Ethik. Beinahe möchte man denken, die Gottheit, an die unsere Gesellschaft allein noch glaubt, sei die unabhängige Sittlichkeit, so oft tönt dieses Wort an unsere Ohren.

Es liegt aber in der Natur der Dinge. Solange das Menschtum der Mittelpunkt ist, um den sich alle Gedanken drehen, so lange wird das Pochen auf die unverantwortliche Kraft des Menschen, auf die Überlegenheit seiner Intelligenz und auf seine moralische Selbständigkeit nicht verstummen. Für den Menschen, der sich von Gott los gemacht, der sich selbst zu Gott gemacht hat, gibt es nur ein Feldgeschrei: Ersatz der Religion durch etwas Vollkommeneres, durch rein menschliche Tätigkeit, durch rein natürliche Sittlichkeit. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 13 – S. 20

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