Flucht der hl Familie nach Ägypten

Der heilige Joseph und das Jesuskind sägen einen Baumstamm, der auf zwei Holzböcken liegt; Maria die Muttergottes steht beiseite; rechts und links stehen zwei Engel, bei dem linken kniet ein Junge, bei dem rechten steht ein Mädchen; beide Engel zeigen auf die heilige Familie

Die heilige Familie, Jesus, Maria und Joseph auf dem steinigen Weg nach Ägypten; Maria und das Jesuskind werden von einem Esel getragen; der heilige Joseph geht, mit einem Stab und einem Rucksack auf dem Rücken, neben ihnen

Die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten

Als die Weisen weggegangen waren, erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Schlafe und sprach zu ihm: „Stehe auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten (1) und bleibe dort, bis ich es dir sage. Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ (2) Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter noch in der Nacht (3) und zog nach Ägypten und blieb dort bis zum Tode des Herodes, damit erfüllt würde, was vom Herrn gesprochen ward durch den Propheten: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen.“ (4)

Als aber Herodes sah, daß er von den Weisen getäuscht worden, ward er sehr zornig, sandte seine Trabanten aus und ließ alle Knäblein von zwei Jahren und darunter in Bethlehem und der ganzen Umgegend töten (5), gemäß der Zeit, die er von den Weisen ausgeforscht hatte. Da ward erfüllt, was von dem Propheten Jeremias gesagt worden: „Eine Stimme wurde in Rama gehört, viel Weinen und Wehklagen: Rachel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind.“ (6)

Nachdem Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph in Ägypten im Schlaf und sprach: „Stehe auf, nimm das Kind und seine Mutter und ziehe in das Land Israel; denn gestorben sind die (7), welche dem Kinde nach dem Leben strebten.“ (8) Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und kam in das Land Israel. (9) als er aber hörte, daß Archelaus statt seines Vaters Herodes in Judäa herrsche, fürchtete er sich, dahin zu gehen, und nachdem er im Traume belehrt worden, zog er (10) in das Gebiet von Galiläa (11) und ließ sich in Nazareth nieder, damit erfüllt würde, was durch die Propheten (12) gesagt worden ist, daß er ein Nazaräer werde genannt werden. Hier wuchs das Kind heran und erstarkte, war voll Weisheit, und die Gnade Gottes war in ihm. (13)

Anmerkungen:

(1) Von jeher suchten verfolgte Juden eine Zuflucht in Ägypten (vgl. 3. Kg 11, 40; 4. Kg. 25, 26); dorthin konnte man am schnellsten und, da der Weg durch die Wüste führte, am sichersten gelangen. Zur Zeit Christi waren überdies seit den letzten Jahrhunderten zahlreiche Ansiedlungen von Juden in Ägypten, woselbst sie sogar einen Tempel in der Nähe von Heliopolis hatten, der an Pracht mit dem in Jerusalem wetteiferte, und wo sie ganz ungehindert ihre Religion üben und ihrem Gesetz nachleben durften. – Der hl. Joseph konnte die gewöhnliche Straße über Hebron oder auch die über Eleutheropolis nach Gaza nehmen; er konnte aber auch über Jerusalem oder westlich daran vorüber auf die große Heerstraße nach Joppe gehen, wo man wohl die Flüchtigen am wenigsten gesucht hätte.
(2) „Hier machte es Gott“, bemerkt der hl. Chrysostomus (Hom. 8 in Matth.), „wie mit all seinen Heiligen, die er weder Trauer noch Freude beständig haben läßt, deren Leben er vielmehr aus Trübsal und Freude in wunderbarer Mannigfaltigkeit zusammen weht.“ So folgt hier auf die Freude über die Anbetung der Weisen gleich wieder die Trübsal der Flucht. Es war der zweite der sieben großen Schmerzen Mariä.
(3) Welch herrliches Muster vollkommensten Gehorsams! Wie viele Einwendungen konnte Joseph menschlicher Weise gegen den Befehl erheben! Die Gottheit des Kindes, die Allmacht Gottes, die Ohnmacht des Herodes gegen Gott, den weiten beschwerlichen Weg (über 600 km, d. i. wenigstens 150 Reisestunden, zum größten Teil durch eine ganz trostlose, wasserleere Wüste), das heidnische Land, selbst die Ehre des Erlösers, an dessen Gottheit man wegen dieser Flucht zweifeln konnte etc. Allein er gehorcht, weil, und genau so, wie ihm befohlen wurde.
(4) Os. 11, 1. Die Worte des Propheten beziehen sich auf das Volk Israel in Ägypten und seine Befreiung durch Moses („mein Sohn“ = mein Volk öfters im AT, Ex. 4, 22; Ir 31, 9; Dt. 8, 5; 32, 6). Nun aber ist der Messias der Repräsentant und die Blüte des ganzen Volkes. Darum lassen sich bestimmte Ereignisse und Schicksale aus der Geschichte des Volkes Israel (wie hier Israels Aufenthalt in Ägypten und dessen Rückkehr in das Land der Verheißung) auf den Messias übertragen, und Schriftworte, die ihrem nächsten historischen Sinne nach auf Israel gehen, können typisch (vorbildlich) vom Messias verstanden werden.
(5) Man berechnet, daß 12-15, höchstens 20 Knäblein ermordet wurden. (Auf 1000 Einwohner rechnet man 30 Geburten im Jahre, die Hälfte Knaben, die Hälfte Mädchen. Von den 30 Neugeborenen stirbt dann wieder etwa die Hälfte im ersten Jahr.) So gräulich die Tat war, so verschwand sie doch unter den übrigen Verbrechen dieses ebenso grausamen als argwöhnischen Königs, woraus sich zur Genüge erklärt, warum der jüdische Geschichtsschreiber Josephus davon schweigt, zumal er gerade aus dieser Zeit andere Untaten berichtet, in denen diese eingerechnet werden konnte. (Josephus, Jüd. Altert. 17, 2, 4; 15, 10, 4; vgl. auch 17, 6, 5 das zusammen fassende Urteil des Josephus: Der König „wütete gegen Schuldige und Unschuldige mit gleicher Bosheit“.) So ließ er u.a. bald danach, bereits todkrank, nur fünf Tage vor seinem Tode, noch seinen eigenen Sohn Antipater hinrichten, dessen Todesurteil der Kaiser Augustus auf andringen des Herodes zwar bestätigt, den er aber gleichwohl der Milde seines Vaters empfohlen hatte. Makrobius, um 400 n. Chr., erzählt (Sat. 2, 14) diese Untat des Herodes zugleich mit der Ermordung der bethlehemitischen Kinder mit dem Beifügen, daß Augustus auf die Kunde hiervon gesagt habe, es sei besser, ein Schwein (hys) als ein Sohn (hyos) des Herodes zu sein, weil nämlich Herodes als Jude kein Schwein schlachten ließ, aber kein Bedenken trug, seine eigenen Söhne abzuschlachten. Manche wollen dem Zeugnis des Makrobius die Beweiskraft absprechen, weil er den bethlehemitischen Kindermord mit der Hinrichtung des erwachsenen Herodessohnes verknüpft. Allein viel eher könnte man daraus folgern, „daß Makrobius bei seiner Bemerkung nicht dem evangelischen Berichterstatter als seiner Quelle gefolgt ist“, also als eine von Matthäus unabhängige Quelle für die Geschichte des bethlehemitischen Kindermordes gilt. – Die Kirche verehrt diese Kinder als Märtyrer; denn mit „Recht werden sie die Blüten der Märtyrer genannt, die wie die ersten Knospen der Kirche vom Frost der Verfolgung getötet wurden, die nicht bloß für Christus, sondern anstatt Christi ihr Leben ließen“. (S. Aug., Serm. 10 de Sanctis.) In diesem Kindermord erblicken die Väter zugleich den Anfang und das Vorbild der Verfolgungen der Kirche (vgl. Offb. 12, 1ff); aber wie Herodes Jesum nicht zu töten vermochte, so wird auch die Kirche durch Verfolgungen nicht verringert, sondern vergrößert.
(6) Dem Mord der Kinder folgt der Mütter Weinen. Dies erinnert den Evangelisten an ein Wort des Propheten Jeremias (31, 15), das er dem Sinne nach hier wiedergibt und das er nun „erfüllt“ = in vollem Sinne verwirklicht sieht. Der Herr läßt den Propheten im Geist Rachel, eine Stamm-Mutter und Haupt-Repräentantin Israels schauen, wie sie weint und klagt über den Untergang ihres Volkes, das eben bei Rama, nicht gar fern von ihrem Grabe, gesammelt wird, um in die Gefangenschaft nach Babylon abgeführt zu werden. „Rachel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, weil sie dahin sind.“ allein der Untergang des Volkes, über den der Prophet damals Rachel weinen und klagen hört, ist nur ein Vorspiel des Unterganges, dem „ihre Kinder“ jetzt entgegen zu gehen im Begriffe sind, da der Messias schon in der Wiege gemordet werden soll und, um dem Mord zu entrinnen, aus seinem eigenen Volk flüchtig gehen muss. Rachels Weinen von damals also wird jetzt beim Anblick des durch den Kindermord und die Flucht des Messias eingeleiteten Unterganges des Volkes „erfüllt“, auf seinen Höhepunkt gebracht. (Vgl. Knabenbauer, Comm. In Matth. z. d. St.)
(7) Nämlich Herodes selbst und seine Hauptanhänger. Nach dem Tode des Herodes nämlich, während sein Sohn Archelaus nach Rom ging, um seine Bestätigung im Königtum nachzusuchen, brach in Palästina ein gewaltiger Aufstand gegen die herodianische Herrschaft aus, den die Römer nur mit Mühe unterdrückten. Dabei kamen Tausende von Juden, darunter auch viele der Hauptanhänger des Herodes, ums Leben.
(8) Wie oft ist dies seitdem geschehen mit denen, die Christus in seiner Kirche verfolgten! Nachdem sie ihre Wut an der Kirche ausgelassen, sind sie gestorben, die Kirche aber bleibt. Ja, „sie werden zu Grunde gehen, aber du bleibst, du geliebte Braut Jesu Christi“ etc. (Pius IX. in seiner Ansprache an die italienische Jugend am 6. Januar 1873; vgl. Ps. 101, 27)
(9) Wann dies geschehen, deutet der heilige Text insofern an, als Joseph erst unterwegs vernahm, daß Archelaus im Besitz der Herrschaft sei, was etwa sechs Monate nach der Flucht der heiligen Familie der Fall war. (Vgl. Josephus, Jüd. Altert. 17, 9-11)
(10) Manche meinen, er habe den Weg am Meer genommen über Askalon, Joppe, Cäsarea, westlich an Judäa vorüber, am Vorgebirge es Karmel vorbei, dann östlich nach Nazareth.
(11) Wo Antipas herrschte. Archelaus war an Grausamkeit so sehr seinem Vater ähnlich, daß er schon 6 n. Chr. von Augustus abgesetzt und nach Vienne in Gallien (Frankreich) verbannt wurde.
(12) In der Tat haben die Juden, insbesondere jene, die Jesus nicht als Messias anerkannten, ihn den „Nazaräer“ oder „Nazarener“ genannt (z. B. Mt. 26, 71; Mk. 10, 47; Lk. 18, 37 u.a.m.). Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, wie ihnen seine Heimat schon zum Anstoß sei. (Vgl. auch Joh. 1, 46; 7, 41f; 7, 52) Der hl. Matthäus, der eifrigst bemüht ist, seinen judenchristlichen Lesern durch denHinweis auf die Propheten alles zu erklären, was ihrem Empfinden irgendwie befremdlich vorkommen mochte, erblickt auch in dem Aufenthalt Jesu zu Nazareth das Walten der göttlichen Vorsehung und die Erfüllung der Prophetenworte. Gewiß hat er dabei zunächst gedacht an Isaias (11, 1): „Ein Reis wird hervorgehen aus der Wurzel Jesse, und ein Sproß (nézer) wird aus seiner Wurzel wachsen“, und es erscheint ihm von der göttlichen Vorsehung geordnet, daß der Messias, der hier nézer, d. i. kleiner, unscheinbarer Sproß des erniedrigten Hauses David, genannt wird, heranwächst in der Stadt, die von demselben nézer ihren Namen trägt und die als bedeutungslos verachtet war. Wenn aber der Evangelist sich auf die Propheten beruft, so treten vor seinem Geist an die Seite des eben genannten Isaias alle jene Propheten, welche mit dem Wort nézer gleich bedeutende Bezeichnungen vom Messias gebrauchen (z. B. Ez. 17, 22f; Ir. 23, 5; 33, 15; Zach. 3, 8; 6, 12) und so zwar nicht dem Namen, aber doch der Sache nach dasselbe vom Messias aussagen.
(13) Lk. 2, 40. Das Wachstum Jesu bezog sich im eigentlichen Sinne nur auf seine körperliche Entwicklung; darum heißt es hier auch: das Kind war voll Weisheit etc.; denn die Seele Christi erfreute sich vom ersten Augenblick seiner Menschwerdung an wegen der Vereinigung der menschlichen Natur mit der göttlichen zu einer, und zwar göttlichen Person der vollkommenen Erkenntnis Gottes und somit der vollkommenen Erkenntnis aller Wahrheit. (Vgl. Joh. 1, 14; Kol. 2, 3 9.) Wenn später auch von einem Wachstum Jesu „in Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“ geredet wird (Lk. 2, 52), so kann dies, wie auch schon die Stellung der Worte andeutet, nur den Sinn haben, daß Jesus nach den verschiedenen Stufen seines Alters die in ihm wohnende Fülle der Weisheit und Gnade mehr und mehr nach außen offenbarte und auch in dieser Beziehung ein Gegenstand des Wohlgefallens seines himmlischenVaters war, und zugleich die Bewunderung und das Wohlgefallen der Menschen in immer höherem Grade gewann. (Näheres hierüber S. Thom., S. th. 3, q. 7 a. 12; auch Katholik 1872 I 175ff; 1874 I 30 ff; Stimmen aus Maria-Laach XVI 1 12ff 129ff) Ein eigentlicher Fortschritt fand nur statt in Bezug auf jene Erkenntnis, die durch den Gebrauch der Sinnesorgane und der natürlichen Seelenkräfte erworben wird. Doch konnte Jesus vermöge dieser Erkenntnis niemals etwas Neues lernen, sondern nur auf einem neuen Weg das erkennen, was er zuvor schon vermöge der Anschauung Gottes viel besser und vollkommener wußte. –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 131 – S. 134

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