Die Buße der heiligen Magdalena

Die heilige Büßerin Magdalena kniet in ihrer Felsenhöhle, die Hände gefaltete zum Gebet; vor ihr liegt ein Kreuz und ein Buch; als Stütze für das Buch ist ein Totenkopf zu sehen; von oben fällt ein Lichtstrahl in die Höhle auf die Heilige

Die Buße der heiligen Magdalena in der Felsenhöhle

Der heiligen Büßerin fielen die Sünden ihrer üppigen Jugend, ihr eitler Putz, mit dem sie die Stadt geärgert und die Jugend verführt hatte, ein, und ihre Augen wurden zwei unerschöpfliche Tränen-Quellen. Sie machte ihren Felsen zu einem Kalvarienberge: dort glaubte sie den Ölgarten, dort das Richthaus des Pilatus, dort die Säule der Geißelung, dort den Stein der Krönung, dort Jesus mit dem schweren Kreuzesstamm beladen, dort auf der Erde die Kreuzigung, dort den Blutfließenden in der Luft am Kreuz hängen und endlich an demselben mit geneigtem Haupt erblassen und sterben zu sehen.

Bei jedem Bilde seines Leidens blieb ihre Seele in tiefe Betrachtung stehen. – Deine Eitelkeit, dein Stolz, dein Hochmut, sagte sie zu sich selbst, drückt dort auf dem Ölberg die traurige Seele deines geliebten Jesus nieder, und füllt seine Brust mit Todesangst; deine Sünden, Magdalena, sind es, die deinen Jesus mit einer solchen Angst, mit einer solchen Furcht quälen, daß sie den heißen Blutschweiß aus allen Gliedern pressen. Siehst du, wie er da liegt und für dich seinen himmlischen Vater bittet, daß der Kelch des Leidens, den du angefüllt hast, von ihm genommen werde? Siehst du, wie in diesem angstvollen Gebet, das er für dich verrichtet, die Blutstropfen von seinem Leibe herab träufeln und auf die Erde fließen? Laß sie mich aufküssen, mein Heiland! Laß mich dein Blut schwitzendes Angesicht abtrocknen; laß dich mit meinen Tränen abwaschen, mein Jesus!

Jetzt meint sie, sie sehe den treulosen Judas Iskariot mit der Schar der Kriegsknechte, der Priester und Schriftgelehrten, mit einem Haufen mutwilligen Gesindels in den Ölgarten hinein brechen; sie sieht den Verräter ihren Heiland umfassen und ihn mit einem Kuß den Feinden verraten; sie sieht seine heiligsten Hände mit Ketten und Stricken fesseln, und zwar auf grausame Weise, weil der Bösewicht ihnen geraten hatte, ihn behutsam zu führen. – Ach! Ich bin es, ruft Magdalena aus; ach! Ich habe dich mit meinen frechen und unerlaubten Küssen verraten; ich, ich habe die Geschöpfe geküßt und meinen Gott verraten; meine Haare, die ich in Netze, in Ketten und Ringe geschlungen habe, sind die Stricke und Ketten, mit denen ich treulose Dalila den Samson gebunden und den Händen der Feinde überliefert habe; ich bin die Treulose! –

Jetzt meint sie, sie sehe ihren gefangenen und gebundenen Jesus zu den ungerechten Richterstühlen des Annas, des Kaiphas, des Herodes, des Pilatus schleppen, überall anklagen, überall verspotten, überall schlagen, stoßen und verspeien, überall falsche Zeugen wider ihn auftreten, ihn lästern, beschuldigen und verdammen. – Ach, meine Sünden, meine schlüpfrigen, meine zweideutigen, meine lügnerischen und betrügerischen Reden, meine falschen Schmeicheleien, mit denen ich die Jugend an mich gelockt, gereizt und verführt, und die ich von ihnen angehört, und mit lächelndem Beifall gebilligt und angenommen habe: diese sind die Anklagen, diese die falschen Zeugnisse, diese die Lästerungen, diese die Verdammungen, dich vor vor den Richterstühlen wider mich, meinen Gott und Heiland, gebraucht habe, um dich zum Tode zu verdammen; denn da ich durch die Sünde meine Seele tötete, habe ich dich zum Tode verdammt. –

Jetzt meint sie, dort sehe sie die von den Juden aufgehetzten Kriegsknechte dem unschuldigen Jesus unbarmherzig mit den Händen die Kleider vom Leibe reißen, den entblößten Heiland mit Stricken an die Säule binden, und grausam mit Ruten und Geißelstreichen das zarte, jungfräuliche Fleisch, fast eben so sehr von Schamhaftigkeit, als von seinem blute gefärbt, zergeißeln, zerreißen und zerfleischen. – Ach, weine, du alle Streiche empfindende Seele! Diese Geißeln und Ruten sind aus den Sünden meines Fleisches gebunden! Ach, wegen meiner und meiner Sünden bist du, mein Jesus, so verwundet worden; weil ich mein sündiges Fleisch so geschminkt, entblößt und verzärtelt habe, deswegen wird es so mit Striemen und Wunden bedeckt, zerrissen und zerfleischt. Sie ergreift die aus Baumwurzeln gebundenen Geißeln, und mit heiligem Eifer zerschlägt sie ihr zartes, gemartertes Fleisch! –

Jetzt glaubt sie, sie sehe, wie die ermüdeten Kriegsknechte ihren zergeißelten Jesus von der Säule losbinden und den erschöpften und aus allen Wunden blutenden Heiland auf einen Stein setzen; eine Krone von langen spitzigen Dornen flechten, dieselbe mit Fäusten, Stäben und Prügeln in das heiligste Haupt treiben; dem Gekrönten einen roten Mantel ums eine verwundeten Schultern hängen, mit ihm Spott und Gaukelspiel treiben, und ihn als einen Afterkönig verspotten, verlästern, verhöhnen, zerraufen, zerschlagen und wie einen Toren verlachen. – Ach, meine stolzen, meine unreinen, meine wollüstigen Gedanken sind an all diesem schuld! Seufzt Magdalena; der Schmuck, die Zierde, die Eitelkeit, womit ich mein Haupt und meine Haare zierte, sind die spitzigen Dornen, die dein heiligstes Haupt durchstechen; die Schminke, mit welcher ich mein Angesicht rötete, ist der häßliche Speichel, der dein heiligstes Angesicht verunehrt; meine Kleiderpracht ist der spöttische Purpur; dort, mein Jesus, wurdest du von mir als ein Afterkönig verspottet und verhöhnt, da ich in deinem Tempel beim Opfer der Priester meine Augen auf die Geschöpfe heftete, da mich die schmeichlerische Jugend als eine Göttin verehrte, und ich selbst in meinen Augen und Sinnen ein Abbild der griechischen Venus war! – Sie trägt Büschel von Disteln und Dornen zusammen, und züchtigt mit denselben ihr Fleisch.

Sie meint zu sehen, wie Pilatus diesen König der Juden in seinem Blute, in dieser höhnischen Verkleidung, mit dieser schmerzenden Krone, mit diesem lächerlichen Zepter, mit diesem staubigen Purpur der ganzen Welt mit den Worten vorstelle: „Seht, welch` ein Mensch! Seht euren König!“ Und sie glaubt, das mörderische Geschrei der Juden: Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Durchdringe ihr Herz und ihre Ohren. – Da wirft sie sich zu den Füßen ihres blutenden Jesus nieder, und ruft zerknirscht aus: Ach, du bist kein Mensch mehr, du bist zertreten wie ein Wurm, du hast keine Gestalt, kein Aussehen wie ein Mensch mehr; wer hat dich so zugerichtet? Meine Sünden haben es getan; um die Wunden meiner Seele zu heilen, bist du mit Blut und Wunden bedeckt!

Plötzlich erschrickt sie; denn sie meint zu sehen, wie Pilatus einen Aufrührer und Mörder an die Seite des unschuldigen Jesus stellt, und zu hören, wie er den rasenden Juden die Wahl, welchen von Beiden sie frei haben wollen, überläßt; und wie er nach deren wütendem Verlangen Barrabas frei spricht und Jesus zum Tode verdammt. – Ach! Das habe ich getan, ruft Magdalena aus; so ungerecht, so rasend und unsinnig habe ich den Mörder meiner Seele, den Räuber meiner Unschuld, den frechen Sünder meinem Heiland, meinem Gott, dem Urheber meines Lebens und meines Heiles, vorgezogen; das Geschöpf mußte in meinem Herzen leben, und den Urheber des Lebens verdammte ich zum Tode!

Nun sieht sie ihren armen Heiland, mit dem scheren Kreuzesstamm beladen, den Kalvarienberg hinauf steigen; sie sieht den matten und kraftlosen Jesus der Last seines Kreuzes erliegen und ohnmächtig zur Erde sinken. – Diese meine Hände, sagt sie, haben dein Kreuz gezimert, die Last meiner Sünden hat dich nieder gedrückt. Ich fühle die schwere, ich sinke unter deinem Kreuze nieder!

Dort meint sie, mit Augen zu sehen, wie man auf Golgotha dem ermüdeten Jesus die in die Wunden gedrückten Kleider vom Leibe zieht, alle Wunder wieder aufreißt, ungestüm ihn auf das Kreuzholz nieder wirft, Hände und Füße an treibt und stumpfe Nägel grausam mit Hammerschlägen durch Hände und Füße bohrt! – Ach, meine Hände, seufzt sie, haben diese Nägel durch deine göttlichen Hände geschlagen, da sie mit sündhaften Werken sich beschäftigten! Meine Füße haben die deinen verwundet, da sie den Weg des Verderbens gelaufen und den Geschöpfen nachgegangen sind. Meine bösen Neigungen, meine Begierden waren diese groben und stumpfen Nägel. –

Nun betrachtet sie auf der Höhe des Felsens bei einem mit ihren Händen errichteten Kreuz Jesus am Kreuz hängend; sie erwägt alle Worte, die er in Schmerzen und in der bittersten Todesangst an demselben gesprochen, und vernimmt noch den Ruf des schmachtenden Jesus am Kreuze: „Mich dürstet!“ – Ach, nach meinem Heil, nach meiner Seele dürstet deine sterbende Seele! Was soll ich dir reichen, mein dürstender Heiland? Alles, was ich habe, selbst meine Tränen sind Essig mit Galle vermischt! – Sie hört den liebreichen Heiland sterbend für seine Spötter, Kreuziger und Mörder zu seinem himmlischen Vater beten; sie hört, wie er dem Mörder zur Rechten seine Sünden vergibt, und ihm die erfreuliche Verheißung zuspricht: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ – Hast du auch für mich, mein Erlöser, deinen Vater um Vergebung gebeten? O so laß mich die erfreulichen Worte hören: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“ – Sie hört ihn mit lauter Stimme rufen: „Mein Gott! mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“ – Ja wohl bist du verlassen, mein gekreuzigter Heiland! Du siehst dich um an deinem Kreuze, ob Niemand zugegen sei, der dich tröste, der sich deiner erbarme! Wer? Die Priester und Schriftgelehrten, die deiner Todesangst spotten und dich lästern? Die Kriegsknechte, die um deine Kleider das Los werfen und sie ausspielen? Deine Freunde und Verwandten, die furchtsam in der Ferne stehen und fast mit der Verzweiflung ringen? Deine jungfräuliche Mutter, deren Herz und Brust das Schwert des Todes durchschneidet? Ich, ich Armselige, die ich die Ursache deines Todes bin? Keines von Allen! Wer also? Dein himmlischer Vater, der deinen Leib den Schmerzen des Todes für das Leben und für die Versöhnung der Sünder überläßt? O mein verlassener Jesus!

Nun dünkt sie, den Sterbenden rufen zu hören: Consummatum est, es ist vollbracht! Ja, dein Leiden ist vollbracht; das Heil ist vollbracht, die Erlösung ist vollbracht. Ich sehe den Schuldbrief an das Kreuz geschlagen: er ist zerrissen, das Werk der Erlösung ist vollendet!

Nun hört sie ihn die letzten Worte sprechen: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“ Er neigt sein Haupt – er stirbt. Sie sieht ihn tot, erblaßt, ohne Geist, ohne Leben am Kreuze hängen. – Jetzt steht sie auf; traurig, unter unaufhörlich fließenden Tränen, nieder geschlagen, beschämt wie ein Mörder und Übeltäter, der einen Totschlag begangen hat, steigt sie von ihrem Kalvarien-Felsen in ihre dunkle und finstere Höhle hinab, und in der Bitterkeit ihrer Seele betrachtet sie das Übel, daß ihre Seele gestiftet, und den Totschlag, welchen dieselbe begangen hat. Sie sieht ihre finstere Höhle für das in den Felsen eingehauene Grab an, in welchem der Leichnam ihres geliebten Heilandes gelegen; ihre Tränen sollen der Balsam sein, mit dem sie den Leichnam einsalbt. In diesem Grab verbirgt sie sich und lebt täglich allen Augen der Menschen entzogen; niemals tritt sie hervor, außer um auf`s Neue ihren Kalvarienberg zu besteigen und ihre Betrachtungen zu erneuern.

Dies sind die täglichen Beschäftigungen der heiligen Büßerin Magdalena auf ihrem Felsen und in ihrer Höhle. Die Betrachtungen des Leidens und Sterbens ihres Erlösers erfüllen ihr Herz mit Mitleiden und Liebe; die Betrachtungen ihrer Sünden, als die Ursache seines Leidens und Todes, erfüllen ihre Seele mit Reue und Buße, und so wird sie ein beständiges Brand- und Schlachtopfer der Liebe und Buße. –
aus: M.F. Jordan Simon, aus dem Eremitenorden des hl. Augustin, Die heilige Büßerin Magdalena In neun Reden, 1851, S. 233 – S. 240

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