Heilige Maria Nichte des hl Abraham

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

16. März

Heilige Maria, Büßerin, Nichte des hl. Abraham

(Wachsamkeit)

Kindheit der heiligen Maria

In den Schriften des Kirchenvaters Ephräm, der dreihundert Jahre nach der Zeit der Apostel lebte, findet sich die Lebensgeschichte des hl. Abraham. Dieser war ein Freund des hl. Ephräm und ein ganz außerordentlich gottseliger Mann. Nachdem Ephräm umständlich erzählt hat, welch` ein heiliges und strenges Leben der Einsiedler Abraham geführt habe, fährt er folgender Weise fort: „Der Selige hatte einen einzigen Bruder; der starb und ließ seine Tochter als Waise zurück. Die Verwandten führten sie zu ihrem Oheim (das Mägdlein war erst sieben Jahre alt), und dieser ließ sie in der äußersten Zelle bleiben; denn er wohnte in der inneren. Durch ein kleines Fenster, das zwischen beiden Zellen war, lehrte er sie den Psalmen-Gesang und die übrige heilige Schrift: er wachte und betete mit ihr, und übte sie in der Enthaltsamkeit. Das Mägdlein schritt mit Eifer in dieser strengen Lebensweise vorwärts, und bestrebte sich alle Tugenden vollkommen zu erwerben; denn der Selige flehte sehr oft für sie zu Gott, er möchte ihren Sinn ganz an sich ziehen, damit sie nicht durch die Sorge für zeitliche Dinge gefesselt werde. Ihr Vater hatte ihr nämlich ein großes Vermögen hinterlassen, allein Abraham ließ es auf der Stelle den den Armen austeilen. Die Nichte selbst bat ihren Oheim täglich: „Vater, ich bitte dich inständig, bete doch für mich, daß ich von allen ungeziemenden und bösen Gedanken, und aller Arglist des Widersachers und den mannigfaltigen Schlingen des Teufels errettet werde.“ –

So wandelte sie eifrig den steilen Pfad der Tugendübung nach der Regel ihres Oheims fort und der Anblick ihres schönen Wandels, ihrer Willigkeit, Sanftmut und Gottesliebe machte dem Seligen die größte Freude. Zwanzig Jahre lebte sie auf diese heilige Art bei ihm, wie ein schönes Lämmchen und eine fleckenlose Taube.

Ihr Fall in die Sünde

Das zwanzigste Jahr war zu Ende. Da nun der Teufel, dieser Meister der Arglist, sah, wie die Jungfrau durch die Kraft des Einsiedlerlebens die erhabenste Vollkommenheit errang, und nur mit dem Himmlischen sich beschäftigte, so erglühte er vom heftigsten und verzehrenden Neid und sann auf Ränke, sie in eine Schlinge zu locken, um wo möglich auf diese Art auch den Seligen in Trauer und Kummer zu versetzen, und durch den Gram um ihretwillen seinen Geist von Gott abzulenken. Und wie der in allen Künsten der Bosheit erfahrene Verführer, als er vom Neid gegen die ersten Menschen brannte, ein Tier, die Schlange nämlich, zum Werkzeug fand um die seligen Bewohner des Paradiese in die mit Dornen bedeckte und schwer zu bearbeitende Erde zu vertreiben, ebenso entdeckte sein Scharfblick auch jetzt ein fertiges Werkzeug zum verderben. Es lebte nämlich in der Nähe ein sogenannter Mönch, der unter dem Vorwand mit Abraham umzugehen sehr fleißig zu ihm kam. Dieser hatte einst das gottselige Mädchen durch das Fenster ersehen, und sogleich faßte der Elende den Entschluss sich mit ihr bekannt zu machen. Lange Zeit, ein ganzes Jahr ungefähr, stellte er ihr nach, bis er endlich eine Gelegenheit fand, und sie vom seligen wahrhaft paradiesischen Wandel abbrachte; denn berückt vom Teufel öffnete sie die Türe ihrer Zelle, ging zu ihm heraus und verlor durch Verführung den großen Schatz der gottgefälligen und reinen Jungfrauschaft.

Ihre Verzweiflung

Wie aber den ersten Eltern nach dem Genuss der Frucht die Augen aufgingen, ebenso geriet auch das Mädchen nach vollbrachter Sünde vor Entsetzen außer sich und in Verzweiflung, zerriss ihr härenes Gewand, zerschlug sich das Gesicht und wollte sich selbst erwürgen; denn, sagte sie unter einem Sturm von Tränen für sich selbst, ich bin ja doch schon gestorben: mein Leben ist verloren, und mit ihm die Frucht einer strengen Tugend und Enthaltsamkeit, der Gewinn aller meiner Tränen! Gott hab` ich beleidigt, mich selbst getötet, meinen heiligen Oheim in die bitterste Betrübnis versetzt, und bin das Gespött des Teufels geworden. Wozu ich Elende noch leben? Wehe mir, was habe ich getan? Wehe mir, wie ist`s mir ergangen? Wehe mir, wie tief bin ich gefallen: Wie schrecklich ward mein Geist verfinstert! Wie hat der Böse mich betrogen! Ich verstehe gar nicht, wie ich fiel, sehe nicht ein, wie ich ausgleitete, weiß es nicht, wie ich so mich schändete! Welche Wolke überzog denn mein Herz, daß ich nicht überlegte, was ich tat? Wo soll ich mich jetzt bergen? Wohin soll ich fliehen? In welche Grube stürze ich mich? – Wo ist nun die Warnung meines heiligen Oheims? Wo die Belehrung seines Freundes Ephräm, da er mir zusprach: „Habe doch Acht auf dich, und bewahre deine Seele unbefleckt dem unverweslichen und unsterblichen Bräutigam; denn dein Bräutigam ist heilige und eifersüchtig!“ Ich getraue mir nicht zum Himmel aufzublicken; denn ich bin Gott und Menschen abgestorben. Ebenso wenig vermag ich zu jenem Fenster hinzuschauen, wie darf ich Sünderin mit jenem Heiligen wohl reden? Wagte ich es auch zu sprechen, würde nicht Feuer vom Fenster ausfahren und mich verzehren? Es ist viel besser, ich entflieh irgend wohin, wo Niemand mich kennt, weil ich doch einmal im Sündentod bin und keine Hoffnung des Heiles mehr habe.“
„Nun machte sie sich sogleich auf, ging in eine andere Stadt, wechselte ihre Kleidung und hielt sich in einem Wirtshaus auf.“

Was war schuld an diesem fürchterlichen Sturz?

Ich will, bevor ich den hl. Ephräm weiter erzählen lasse, jetzt schon eine Anwendung aus dem Leben der Maria machen. Sie hatte Alles, was den Menschen zur Tugend und Vollkommenheit bringen konnte; von früher Kindheit war sie abgesondert von der Welt und ihrer Lust; sie hatte fortwährend den besten Unterricht in der Gottseligkeit: sie hatte Tag und Nacht das heilige Beispiel ihres Oheims vor Augen; sie war nun schon Jahre lang geübt in strenger Selbstverleugnung. Und dennoch fiel sie in das abscheuliche Laster und wurde so verdorben, daß sie zuletzt in einem schlechten Haus um das Geld sich zu Sünde hergab. Was war schuld an diesem fürchterlichen Sturz von der Höhe christlicher Vollkommenheit in den Abgrund der häßlichsten Todsünde? –

Es war Mangel an Wachsamkeit, d. h. sie hatte keine Besorgnis für ihre Unschuld und fürchtete und mied die Gefahr nicht. Nun sag` aber du Leser oder Leserin: wer steht in größerer Gefahr verdorben zu werden, wer Jahre lang ein strenges frommes Leben geführt, oder wer weltlich und leichtsinnig niemals großen Ernst mit der Tugend gemacht hat? Deshalb hast du selbst für dich und die deinige noch viel größere Wachsamkeit anzuwenden, da du noch viel leichter der Sünde verfällst, als Maria. Du betest jeden Tag: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Führe du dich aber nicht selbst hinein. Ich will einige solche mutwillige Versuchungen aufzählen, wodurch schon Manche in die Sünde geraten sind: Tanzböden besuchen, in leichtsinnige Gesellschaften gehen, Nachts umher laufen, mit einer Person des andern Geschlechts allein sein, in einen Dienst treten, wo Leute sind, die gefährlich werden können, in auswärtigen Ortschaften, wo man nicht mehr unter den Augen seiner Angehörigen ist, sich verdingen, Geschenke annehmen von Leuten, die schlimme Absichten haben können, in Bekanntschaften sich einlassen, wo nicht baldige Verehelichung zu erwarten ist.

Bedenke wohl, wenn du auch den festesten Willen hast, rein zu bleiben und selbst jedes unkeusche Wort schon verabscheust, so bist du dennoch in Gefahr noch ganz schlecht zu werden, wenn du nicht mit Sorgfalt dich vor aller Gelegenheit hütest. Holz oder Stroh oder Pulver braucht oft nur einen Funken um entzündet zu werden; desgleichen braucht es auch nur einen Funken, eine dem Anschein nach unbedeutende Gelegenheit, um ein unreines Feuer in der Seele anzufachen und die Unschuld zu verlieren. Hat aber Jemand seine Unschuld verloren, dann bleibt er sehr oft für immer in der Sünde und geht mit geschändeter Seele in die andere Welt hinüber. Eine wahre Bekehrung von diesem Laster ist schwer und kostet viele Mühe, wie die fernere Geschichte der Sünderin Maria zeigen wird. Der hl. Ephräm erzählt weiter:

Ihr heiliger Oheim Abraham sucht nach ihr

Ihr Oheim flehte anhaltend Tag und Nacht für sie zu Gott. Nach zwei Jahren hörte er, wo sie sich aufhalte und welche Lebensart sie führte; er rief nun einen seiner Bekannten und schickte ihn aus, Alles von ihr genau zu erforschen und sowohl ihren Aufenthaltsort, als auch ihre Lebensweise zu bezeichnen. Der Abgeordnete reiste fort, erforschte Alles genau, ja er sah die Maria selbst. Hernach kehrte er zum Seligen zurück und zeigte ihm sowohl den Ort als ihre Lebensart an. Abraham, einmal überzeugt, daß sie es wirklich sei, ließ sich ein Soldatenleid und ein Pferd bringen, öffnete darauf die Türe seiner Zelle, trat in diesen kriegerischen Anzug, mit einem weiten Hut auf dem Kopf, der das Gesicht tief herab bedeckte, hervor, setzte sich auf das Pferd und ritt mit Geld versehen davon.

Sobald er in dem Ort angelangt war, ging er gleich ins Wirtshaus und nahm dort seine Herberge. Der Heilige erblickte nun hier die Maria im frechen Aufzug und Gewand schlechter Personen; da ward beinahe sein ganzer Körper und sein ganzesWesen zu Tränen; er wußte aber durch Weisheit und Selbstbeherrschung die Wehmut in seinem Herzen zurück zu halten, damit sie nicht etwas merke und davon flöhe. Als er endlich mit ihr allein war, faßte er sie, entblößte sein Haupt und brach unter Tränen in die Worte aus: „Maria, mein Kind, kennst du mich nicht? Bin ich nicht dein Vater Abraham? Kennst du mich denn gar nicht mehr, mein Kind? Bin nicht ich es, der dich aufgezogen? Wo ist denn dieses Engelsbild, das du an dir hattest? Wie bist du doch von der Höhe des Himmels in den Abgrund des Verderbens gestürzt? Warum hast du in völliger Verzweiflung dich dem Teufel übergeben? Warum mich verlassen und in unerträgliche Betrübnis versetzt?!

Die sündige Maria will Buße tun

Maria war vor Bestürzung ganz verstummt, und vermochte nicht ihr Angesicht zu erheben, sondern blieb wie ein Stein sinnlos in seinen Händen, von Scham und Furcht überwältigt. Da fuhr der Selige unter Tränen fort ihr zuzusprechen: „Redest du mir denn nicht, meine Tochter Maria? Bin ich nicht deinetwegen mit Schmerzen hierher gekommen? Ich nehme deine Sünde auf mich, mein Kind; ich werde dich am Gerichtstag bei Gott verteidigen; ich tue Buße für diese deine Sünde.“ – So tröstete und ermunterte er sie bis Mitternacht. Endlich faßte sie ein wenig Mut und sagte zu ihm: „Es ist mir vor lauter Scham unmöglich, dich anzusehen. Wie soll ich ferner den unbefleckten Namen meines Heilandes anrufen, da ich mich mit abscheulicher Unzucht befleckt habe?“ – Der Selige erwiderte ihr: „Ich nehme deine Sünde auf mich, mein Kind; von mir wird Gott die Rechenschaft dafür fordern. Du folge mir nur, laß und wieder in unsere Einöde zurück kehren. Tochter, ich bitte dich, erbarme dich doch meines Alters, trage Mitleid mit meinen grauen Haaren! Mein liebes Kind, ich bitte dich, mache dich auf und folge mir!“ – „Nun so komme ich“, antwortete sie, „wenn Gott meine Buße annimmt; dir aber, mein heiliger Oheim, danke ich auf den Knien, und küsse deine heiligen Fußstapfen dafür, daß du eine solche Zärtlichkeit gegen mich getragen und hierher gereist bist, um mich aus der Schlinge des Teufels zu befreien.“ Zugleich warf sie sich ihm zu Füßen, weinte die ganze Nacht und sagte: „Was soll ich dir für alles dieses vergelten, o Herr!“

Maria geht mit ihrem Oheim zurück in die Einsiedelei

Mit Anbruch des Tages hieß sie der Selige aufstehen, um mit ihm abzureisen. Da sie ihn nun fragte, was sie denn mit einigem Geld und Kleidungsstücken, die sie noch habe, machen solle, riet er ihr, Alles zurück zu lassen, da es doch nur dem Bösen gehöre. Dann brachen sie auf und verließen das Wirtshaus; sie hatte er auf`s Pferd gesetzt, er selbst aber ging voll Freude vor ihr her. Wie ein Hirt das verlorene Schäflein, wann er`s gefunden hat, auf seine schultern nimmt, so zog der Selige mit frohem Herzen einher, und sobald sie bei seinem Aufenthaltsort angelangt waren, verschloss er sie in die hintere Zelle, und er blieb in der äußeren. Hier wirkte sie nun im härenen Gewand, mit Demut und vielen Tränen, mit Nachtwachen und Fasten strenge und eifrige Buße, indem sie zugleich mit anhaltendem Ungestüm zu Gott flehte. Eine solche Bekehrung war wirklich eine wahre, wirklich eine Heilung und Erneuerung der Seele. Mit großer Ausdauer und mühevoller Anstrengung nahte sie unablässig Gott und bat um ein Zeichen, ob wohl etwa ihre Buße ihm gefällig sei. Gott, der unendlich gütige Menschenfreund, verlieh ihr also die Gabe der Heilungen, um sie zu versichern, daß er ihre Buße mit Wohlgefallen aufgenommen habe.

Maria stirbt als heilige Büßerin

Der Selige lebte noch zehn Jahre als Augenzeuge ihrer aufrichtigen Bekehrung und ihres vorzüglichen Eifers, und lobte und pries Gott dafür. Nach dessen Tod lebte seine heilige Nichte noch fünf Jahre, übte die strengsten Bußwerke und betete Tag und Nacht unablässig unter Tränenströmen zu Gott, also daß sehr oft die Vorübergehenden, indem sie ihr Wehklagen hörten, von Mitleiden ergriffen stehen blieben und weinten, und ihrer eigenen Sünden gedenkend beteten und Gott verherrlichten. Beim Hinscheiden der hl. Büßerin aber erschien ihr Angesicht allen, die sie sahen, von überirdischer Schönheit strahlend, so daß wir daraus leicht die freundliche und glorreiche Gegenwart der heiligen Engel abnehmen konnten und Gott priesen, der mit unaussprechlicher Menschenfreundlichkeit jene, die auf ihn hoffen, selig macht in Christo Jesu, unserm Herrn.“ –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 1 Januar bis März, 1872, S. 383 – S. 389

Category: Büßer, Stolz
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