Warum läßt Gott die Versuchung zu

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

§ 1. Von dem Gebet des Herrn

Erklärung der sechsten Bitte im Vater Unser

Teil 2

Warum läßt Gott zu, daß wir versucht werden?

1. Um uns in der Demut zu erhalten;

Die Versuchung läßt uns erkennen und oft genug aufs tiefste empfinden, wie gebrechlich und hilfsbedürftig wir sind. Wir sehen uns in derselben gleichsam an dem Rande des Abgrundes und werden gewahr, daß nur die Hand Gottes uns vor dem Sturz bewahrt. Und wen sollte diese Wahrnehmung nicht heilsam beschämen, wen nicht zum demutsvollen Wandel vor dem Allerhöchsten auffordern? Der hl. Paulus bekennt von sich selbst (2. Kor. 12, 7): „Damit ich mich nicht der hohen Offenbarungen wegen erhebe, wurde mir ein Stachel in mein Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mir Faustschläge versetze.“ Also auch diesem großen Apostel sollte die Prüfung, die über ihn kam, zur Verdemütigung und Beschämung dienen; denn Faustschläge verursachen, wie Kornelius a Lapide über diesen Text bemerkt, mehr Beschämung als Schmerz, und der hl. Hieronymus schreibt (Brief 25 an Paula): „Dieser mahnende Stachel ist dem Paulus zur Niederhaltung des Stolzes gegeben worden, gleichwie dem auf glänzendem Triumphwagen einher fahrenden Sieger ein Mahner beigegeben wird, der ihm zuflüstert: Gedenke, daß du ein Mensch bist.“ – Gott läßt Versuchungen zu,

2. um unsere Treue zu prüfen oder unsere Untreue zu strafen;

„Im Sturme bewährt sich die Tüchtigkeit des Steuermannes, im Kampfe die Tapferkeit des Kriegers, in der Versuchung die Treue des Christen.“ Dieser Kernspruch des hl. Basilius (Rede über die Geduld) sollte zur Zeit der Versuchung unserm Geist recht gegenwärtig sein. Niemals zeigt es sich in Wahrheit besser, ob wir Gott aufrichtig lieben und ihm mit redlichem Herzen dienen, als beim Andrang schwerer Versuchungen; da gilt es, mit aller Kraft für die Ehre Gottes einzustehen und von dessen heiligstem Gesetz um kein Haarbreit abzuweichen. So erglänzte die Treue des frommen Job erst dann im hellsten Licht, als Gott dem Satan gestattete, seine Hand nach ihm auszustrecken und ihm unsägliches Leid zuzufügen. Wie nun Gott ehemals dem Teufel erlaubte, jenen unvergleichlichen Dulder zu quälen und selbst seine Frau und seine Freunde gegen ihn aufzustacheln, so geschieht es auch heute noch, daß Gott den Mächten der Finsternis gestattet, fromme und gottesfürchtige Christen auf die Probe zu stellen und zu verfolgen. Nicht selten läßt Gott sogar zu, daß die Hölle gegen die hl. Kirche schwere Stürme erregt und namenlose Drangsale über sie bringt. Lassen wir uns aber dadurch nicht verleiten, an der göttlichen Vorsehung oder der Verheißung Christi zu zweifeln, seien wir vielmehr fest überzeugt, Gott lasse dieses zu, damit die Liebe und Treue seiner Auserwählten kund werde. „Der Herr, euer Gott, prüft euch“, sprach Moses in ähnlichen Verhältnissen zum Volke Israel, „damit offenbar werde, ob ihr ihn aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele liebt oder nicht.“ (5. Mos. 13, 3)Gott läßt aber auch öfters Versuchungen über uns kommen zur Strafe für unsere Untreue in Beobachtung seines heiligen Gesetzes, zur Strafe für unsern Stolz, unsern Leichtsinn, unsere Unmäßigkeit und Trägheit, zur Strafe für sündhafte Gewohnheiten, in denen man lebte, für die schlüpfrige Lektüre und die leichtfertigen Unterhaltungen, in denen man sich gefiel, für die frechen Blicke und sonstigen Ausgelassenheiten, die man sich erlaubte. Oft gerät man auch in schwere Versuchungen und unterliegt in denselben, weil man das Gebet vernachlässigt, geringere Sünden nicht achtet, die vielen Gnaden, die Gott spendet, unbenutzt läßt. Durch solche Untreue in seinem Dienst entfernt man nämlich den besondern Schutz und jene Fülle von Gnaden, womit Gott seine getreuen Diener zu beschenken pflegt. Geben wir uns also ernstliche Mühe, in Zukunft die Sünde überhaupt, besonders aber jene Sünden zu meiden, die für uns eine reichhaltige Quelle von Versuchungen geworden. Sollten trotz der Bemühung, uns zu bessern, ja trotz der wirklichen Besserung die Versuchungen gleichsam als Straffolgen der früheren Sünden zurück bleiben, so dürfen wir darum den Mut nicht sinken lassen.Kämpfen wir nur um so entschiedener, rufen wir um so eifriger und inständiger zu Gott um Hilfe; denn „Gott ist getreu; er wird uns nicht über unsere Kräfte versuchen lassen, sondern bei der Versuchung auch den Ausgang (die Gnade) geben, daß wir ausharren können.“ (1. Kor. 10, 13) – Gott läßt die Versuchungen zu,

3. um unsern Tugendeifer und unsere Verdienste zu vermehren.

„Wie das Gold im Feuerofen von allen schlacken geläutert wird“, sagt der hl. Chrysostomus (Über Isaias, Kap. 4), „so werden auch die in der Tugend bereits Erprobten durch die Versuchungen noch mehr erprobt“, noch mehr geläutert und im Guten gefördert. Blieben wir längere Zeit von Versuchungen frei, so träte sogar die Gefahr ein, daß unser Tugendeifer erschlaffte und wir, statt im Guten fort zu schreiten, Rückschritte machten gleich den Soldaten, die in lang dauernder Friedenszeit weichlich und träg zum Kampfe werden.Die Versuchungen dienen endlich dazu, uns zu größeren Verdiensten und zu einer herrlicheren Siegeskrone zu verhelfen. Sehr treffend sagt hierüber der hl. Augustin (Über Psalm 60): „Niemand kann gekrönt werden, er habe denn gesiegt; niemand kann siegen, wenn er nicht gekämpft, und niemand kann kämpfen, wenn er keine Feinde und Anfechtungen hat.“ Und der hl. Franz von Sales schreibt (Philothea, Bch. 4, Kap. 8): „Sei überzeugt, daß jeder Sieg, den wir über die Feinde unseres Heiles davon getragen, als ein neuer Edelstein in der Krone der Herrlichkeit, die Gott uns in seinem Himmel vorbehält, glänzen wird.“ „Selig (also) der Mann, der die Anfechtung aushält; denn wenn er bewährt worden ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen verheißen hat, die ihn lieben.“ (Jak. 1, 12)

Schon aus dem Gesagten leuchtet es ein, daß die Versuchung an und für sich nicht Sünde ist. Sünde aber ist es, sich leichtsinnig der Versuchung auszusetzen oder in dieselbe einzuwilligen. Wie könnte es auch Sünde sein, versucht zu werden, da nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus (4, 1-11) Christus selbst dem Satan gestattete, ihn zu versuchen? Christus wurde freilich nur von außen versucht; denn er, der Allerheiligste, konnte von keiner unordentlichen innern Regung angefochten werden. Aber die Heiligen, die wir auf den Altären verehren, hatten auch innere Kämpfe zu bestehen und zuweilen sehr heftige; sie waren aber darum Gott nicht minder wohlgefällig, ja sie waren der vielen Siege wegen, die sie in denselben errangen, in seinen Augen nur um so wohlgefälliger. – Sünde ist also die Versuchung nur dann, wenn man sie leichtsinniger Weise veranlaßt, oder wenn man sich unnötig und vorsätzlich in die Gefahr der Sünde begibt, zumal wo diese Gefahr groß ist. Sünde ist vor allem die Einwilligung in die Versuchung, sei es daß man das Böse wirklich tut oder das Verlangen hegt es zu tun, oder auch in Gedanken freiwilliges Wohlgefallen daran hat.

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 3, 1912, S. 442-444

Der erste Teil der Erklärung zur sechsten Bitte im Vater Unser: Und führe uns nicht in Versuchung

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