Erklärung der sechsten Bitte im Vater Unser

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

§ 1. Von dem Gebet des Herrn

Katechismus – Erklärung der sechsten Bitte im Vater Unser

„Führe uns nicht in Versuchung“

Teil 1

Was begehren wir in der sechsten Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“?

In der sechsten Bitte begehren wir, daß Gott die Versuchungen zum Bösen von uns abwenden oder doch kräftige Gnade verleihen wolle, denselben zu widerstehen.

Versuchungen sind Anreizungen zur Sünde. Es ist nur einleuchtend, daß Gott, der die Heiligkeit selbst ist, niemand zur Sünde anreizt (Jak. 1,13); wohl aber kann er zulassen, daß wir von anderer Seite zum Bösen versucht werden. Wenn wir also Gott bitten, er möge uns nicht in Versuchung führen, so kann das nur den Sinn haben, Gott wolle in der Zulassung von Versuchungen gnädig mit uns verfahren. Ähnlich sind manche andere Ausdrücke der Hl. Schrift zu verstehen; so z. B. wenn es von Gott heißt: er verhärtete das Herz des Pharao; er verblendete das Herz des Volkes Israel und verstopfte dessen Ohren; er übergab die Heiden ihren schändlichen Lüsten u. dgl. mehr. Damit soll nur gesagt sein, daß Gott alles das zuließ, es nicht verhinderte. Bitten wir nun etwa Gott, er möge gar keine Versuchung über uns kommen lassen? Nein; denn solches wäre nicht ersprießlich für uns. Unsere Bitte geht einfach dahin, Gott wolle in seiner väterlichen Liebe und Vorsehung keine schweren Versuchungen über uns kommen lassen oder, wenn er was immer für eine Versuchung zuläßt, so möge er mit seiner Gnade uns beistehen, damit wir derselben siegreich widerstehen. Wollte Gott alle Versuchungen von uns fern halten, so müsste er für jeden aus uns ein fortwährendes Wunder wirken. Das wird von selbst einleuchten, wenn wir die Quellen der Versuchungen näher ins Auge fassen. Es sind deren namentlich drei: unsere eigene böse Begierlichkeit, die Welt mit ihren bösen Beispielen und der böse Feind.

Die eigene böse Begierlichkeit

Es versucht uns zur Sünde unser eigenes Fleisch oder die böse Begierlichkeit; „denn das Fleisch gelüstet wider den Geist“, sagt der hl. Paulus (Gal. 5,17). Und der hl. Jakobus (1,14) sagt: „Jeder wird versucht, indem er von seiner eigenen bösen Lust gereizt und angelockt wird.“ Die durch die Erbsünde entfesselte Begierlichkeit tritt schmeichelnd an unseren Geist heran wie vormals im Paradies die Schlange an Eva und sucht uns zu betören. Darum hat ein jeder zu kämpfen gegen mancherlei unordentliche Triebe: gegen Aufwallungen des Zornes und der Rachgier, gegen immer wiederkehrende Regungen des Stolzes und Neides, der Eifersucht, der Lieblosigkeit, der Genusssucht und unreinen Sinnlichkeit. Aber nicht nur im Inneren bestürmen uns Feinde, auch von außen dringen solche auf uns ein.

Die Welt mit ihren bösen Beispielen

Es versucht uns die Welt durch ihre eitle Pracht, ihre bösen Beispiele und Grundsätze. Gar leicht werden uns die Güter dieser Welt zu Fallstricken, sie locken unsere sinnlichen Begierden, sie blenden und bestechen uns durch falschen Schimmer, wecken unsere Habsucht, stacheln unseren Ehrgeiz, und indem wir mit verhängtem Zügel ihnen nachjagen, bleibt unser Auge und Herz von den himmlischen Gütern abgewendet. – Noch verführerischer als die Pracht der Welt ist deren böses Beispiel. Manche Sünden erscheinen uns nicht mehr so häßlich, weil wir viele, sogar Leute von Stand und Rang, sie ungescheut verüben sehen, vielleicht gar derselben sich rühmen hören. Nicht umsonst ruft Jesus Christus: „Wehe der Welt um der Ärgernisse willen!“ Sie ist die Mörderin von Millionen durch das Blut des Gottmenschen erlöster Seelen. – Auch die falschen Grundsätze der Welt sind sind Schlingen und Versuchungen für Tausende und abermals Tausende. Die Welt ruft namentlich dem heranwachsenden Geschlecht zu: „Die Jugend muss sich austoben; man muss die Rosen pflücken, ehe sie verwelken; in der Welt muss man mit der Welt leben; man darf kein Sonderling sein.“ Junge Leute hören diese und ähnliche Grundsätze, nehmen sie gerne an und bringen sie ungesäumt in Anwendung; die Folge aber ist, daß sie von Sünde in Sünde, von Laster in Laster geraten.

Der böse Feind

Es versucht uns der Teufel, der „wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen könne“ (1. Petr. 5,8). Aus diesen Worten des Apostelfürsten geht hervor, daß der Geist der Finsternis einen beständigen, höchst erbitterten Krieg gegen uns führt, daß wir nie Frieden, nie Waffenstillstand mit ihm haben können. Keine Zeit, kein Ort, keine Stufe der Tugend und Heiligkeit schützt vor dessen heimtückischen Anfällen. Satan griff die ersten Menschen im Paradies an, fiel über den frommen Job her, stellte den Aposteln nach, ja er wagte es sogar, vor das Angesicht Christi, des Herrn, zu treten und den Heiligen der Heiligen zu drei wiederholten Malen zu versuchen. Deshalb wird er auch in der Hl. Schrift einfachhin „Versucher“ genannt. – Manche wollen an die Versuchungen des Satans nicht glauben, weil sie selbst, wie sie sagen, dergleichen nicht erfahren. „Es ist aber kein Wunder“, antwortet der Römische Katechismus (Bitte 6), „daß solche Menschen vom Teufel nicht angefochten werden, da sie sich demselben von freien Stücken ergeben haben. Solche Leute besitzen keine Frömmigkeit, keine Liebe, keine eines Christen würdigen Tugend; daher sind sie ganz in der Gewalt des Satans, der keiner Versuchung bedarf, sie zugrunde zu richten; er hat ihre Seelen ohnehin schon im Besitz.“ Ganz in demselben Sinn schreibt auch der hl. Laurentius Justiniani: „Die gefährlichste aller Versuchungen ist es, gar nicht versucht zu werden oder nicht zu wissen, daß man versucht wird… Wahre, edle Streiter haben kaum einen Augenblick Ruhe..“ (Von den Wonnen der seligen Gottesliebe, Bd. 7) –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 3, 1912, S. 440 – S. 442

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