Sechste Betrachtung der Menschwerdung Christi

Die Menschwerdung Christi: Das Jesuskind steht auf einem Holzpodest, an dem ein Holzkreuz ist; das Christuskind hält die beiden Arme ausgebreitet am Kreuz

Neun Betrachtungen über das Geheimnis der Menschwerdung des ewigen Wortes

für die neuntägige Andacht vor Weihnachten

Sechste Betrachtung: Ich bin geworden wie ein Mensch ohne Hilfe, frei unter den Toten. (Psalm 87)

Betrachte, welch ein qualvolles Leben Jesus im Schoß Seiner Mutter zu erdulden hatte, und wie Er 9 Monate lang in einem so engen und so dunklen Gefängnis zubringen musste. Freilich sind auch die anderen Kinder in demselben Zustand, aber sie empfinden nicht die Beschwerden desselben, weil sie sie nicht erkennen. Aber ach, Jesus Christus empfand sie gar wohl, weil Er vom ersten Augenblick Seiner Empfängnis an den vollen Gebrauch der Vernunft besaß. Er hatte die Sinne, aber Er konnte sich nicht benutzen. Er hatte die Augen und konnte nichts sehen; Er hatte die Zunge und konnte nicht reden; Er hatte die Hände und konnte sie nicht ausstrecken; Er hatte die Füße und konnte nicht gehen, und Er musste so neun Monate im Schoß Mariens, gleich wie ein Toter, in einem Grab zubringen. Ich bin geworden wie ein Mensch ohne Hilfe, frei unter den Toten. Jesus war frei, denn freiwillig hatte Er Sich in diesem Gefängnis zu einem Gefangenen der Liebe gemacht; aber die Liebe beraubte Ihn Seiner Freiheit, sie hielt Ihn da so eng in Ketten gebunden, daß Er Sich nicht bewegen konnte, Er war freiwillig unter den Toten. O große Geduld meines Heilandes! rief ein heiliger Ambrosius aus, als er die Leiden Jesu im Schoß Mariens betrachtete. Der Schoß Mariens war also für unseren Heiland ein Gefängnis, das Er freiwillig gewählt hatte, weil es ein Gefängnis der Liebe war, aber dennoch war Er nicht ungerechter Weise in diesem Gefängnis. Freilich war Jesus unschuldig, aber Er selbst hatte Sich angeboten, unsere Schulden zu bezahlen, für unsere Missetaten genug zu tun. Mit Recht hielt Ihn also die göttliche Gerechtigkeit in diesem Gefängnis eingeschlossen, und begann damit, durch solche Peinen, die ihr zukommenden Genugtuungen von Ihm zu fordern. Siehe! geliebte Seele! wozu die Liebe zu den Menschen den Sohn Gottes gebracht hat. Er entsagt Seiner Freiheit, Er legt Sich freiwillig Fesseln an, um uns von den Banden der Hölle los zu reißen. Ach wie groß sollte die Dankbarkeit und Liebe sein, die wir zu unserem Erlöser und Bürgen tragen müssten, der Sich nicht aus Pflicht, sondern allein aus Liebe dargeboten, unsere Schuld zu bezahlen, und der durch das Opfer Seines göttlichen Lebens unsere Schulden und Missetaten getilgt hat. Vergiß also nicht der Wohltat des Bürgen, denn er hat sich selbst für dich dahin gegeben. (Ekkl. 29,20)

Anmutungen und Gebet

Vergiß nicht der Wohltat des Bürgen! Der Prophet hat Recht, o mein Jesu! Wenn er mich ermahnt, ja nicht die unendliche Gnade zu vergessen, die Du mir erwiesen hast. Ich war der Schuldige, ich war der Missetäter, und Du, der Du ganz unschuldig, der Du mein Gott bist, wolltest durch dein Leiden und durch Deinen Tod für meine Sünden genugtun. Dessen ungeachtet habe ich wiederum Deine Gnade und diese Liebe vergessen, als ob Du nicht mein Gebieter wärest, der mich so innig geliebt hat. Aber wenn ich Dich auch bisher vergessen habe, mein geliebter Heiland, so will ich Dich doch nicht wieder vergessen. Deine Schmerzen und Dein Tod sollen meinem Geist fortwährend gegenwärtig sein, denn sie erinnern mich stets an die Liebe, die Du zu mir getragen hast. Ich verwünsche jene Tage, an welchen ich nicht an Dich gedacht, und meine Freiheit so sehr mißbraucht habe. Du hast sie mir gegeben, um Dich zu lieben, und ich habe sie benutzt, um Dich zu verachten. Aber diese Freiheit, welche Du mir verliehen, soll von heute an ganz Dir geweiht sein. Laß nicht zu, daß ich je wieder das Unglück habe, vor Dir getrennt, von neuem ein Sklave des Teufels zu werden. Fessele Du diese meine arme Seele mit Deiner heiligen Liebe an Dich, damit sie sich nie wieder von Dir trenne.

O ewiger Vater! um der Gefangenschaft willen, die das Kindlein Jesus im Schoß Mariens erduldet, befreie mich von den Banden der Sünde und der Hölle; und Du, o Mutter meines Gottes, steh mir bei. Du hast ja in Deinem Schoß den Sohn Deines Gottes gefangen und mit Dir vereinigt gehalten. Weil nun aber Jesus Dein Gefangener ist, so wird Er auch gewiß Alles tun, was Du Ihm sagst. Sage Ihm denn also, daß Er mir verzeihe, daß Er mich heilig mache. O stehe mir bei, meine Mutter, um jener Gnade und Ehre willen, die Jesus Dir erwiesen, da Er neun Monate lang unter Deinem Herzen wohnen wollte. –
aus: Alphons Maria von Liguori, Die Menschwerdung und die Kindheit unsers Herrn Jesu Christi, Ein Gebets- und Betrachtungsbuch für die heilige Adventszeit, 1842, S. 78 – S. 80

Der hl. Alphons Maria von Liguori empfiehlt das folgende Gebet, das man vor einer jeden Betrachtung zum Kindlein Jesu verrichten kann.

Man kann täglich, wenn man dieses Gebet verrichtet, einen Ablass von 300 Tagen gewinnen.

Bildquellen

  • Von Liguori Menschwerdung Christi: Bildrechte beim Autor

Weitere Beiträge von Alfons Maria von Liguori

Weihnacht Gründungstag des Abendlandes
Erklärung der sechsten Bitte im Vater Unser
Menü