Neunte Betrachtung der Menschwerdung Christi

Die Menschwerdung Christi: Das Jesuskind steht auf einem Holzpodest, an dem ein Holzkreuz ist; das Christuskind hält die beiden Arme ausgebreitet am Kreuz

Neun Betrachtungen über das Geheimnis der Menschwerdung des ewigen Wortes

für die neuntägige Andacht vor Weihnachten

Neunte Betrachtung: Und es ging auch Joseph hinauf, um mit Maria, seinem verlobten Weib, die schwanger war, sich anzugeben.(Luk. 2,4 u. 5)

Gott hatte es schon beschlossen, daß Sein einziger Sohn nicht im Hause des heil. Joseph, nein, daß Er in einer Höhle, in einem Tierstall, auf die ärmlichste und schmerzlichste Art zur Welt komme, deshalb fügte Er es, daß der Kaiser einen Befehl ausgehen ließ, ein Jeder solle sich in jener Stadt aufschreiben lassen, von der gebürtig war. Als nun auch Joseph diesen Befehl empfing, da ward er unruhig, denn er wußte nicht, ob er die jungfräuliche Mutter mit sich nehmen oder zurücklassen solle, da die Zeit der Geburt schon nahe war. Ach meine geliebte Braut und Königin, sprach er da, einerseits möchte ich dich nicht gern allein lassen, aber andererseits betrübt es mich, daß du auf dieser langen Reise bei so rauher Jahreszeit sehr viele Leiden zu erdulden haben wirst, denn meine Armut erlaubt es mir nicht, die die nötige Bequemlichkeit auf diesem Wege zu verschaffen. Hierauf antwortete Maria, um dem heil. Joseph Mut einzusprechen: Fürchte dich nicht, lieber Joseph! Ich werde mit dir gehen, der Herr wird uns schon beistehen. Sie wußte es schon aus Eingebung Gottes, und weil sie die Weissagung des Propheten Michas kannte, daß das göttliche Kind in Bethlehem geboren werden müßte. Deshalb nahm sie die Windeln und die übrige ärmliche Leinwand, die sie schon zurückgelegt hatte, und reiste mit Joseph ab: Und es ging auch Joseph hinauf, um sich mit Maria anzugeben. Betrachten wir jetzt, welche andächtige und fromme Gespräche diese beiden heiligen Personen während der Reise geführt haben mögen, wie sie von der Barmherzigkeit, von der Güte und Liebe des göttlichen Wortes geredet, welches in so kurzer Zeit geboren werden und zum Heil der Menschen auf Erde erscheinen sollte. Ach welche Lobpreisungen, welche Danksagungen, welche Akte der Demut und Liebe mögen diese beiden erhabenen Wallfahrer Gott auf diesem Wege dargebracht haben. Gewiß hatte diese heilige Jungfrau auf einer so langen Reise im Winter und auf so beschwerlichen Wegen gar vieles zu leiden; aber sie litt, erfüllt von innerer Freude und voll Liebe, und opferte ihr Leiden Gott auf, indem sie es mit dem Leiden Jesu vereinigte, Den sie in ihrem Schoß trug. Vereinigen denn auch wir uns mit ihnen, und machen wir unsere Reise durch dies Leben fortwährend in Begleitung Mariens und Josephs, begleiten wir aber auch mit ihnen den König des Himmels, der in einer Höhle geboren werden will, und der bei Seiner ersten Ankunft auf Erden nicht nur als ein Kind, nein, der als das ärmste und verlassenste Kind erscheinen will, das je unter den Menschen geboren wurde. Bitten wir Jesus, Maria und Joseph, daß sie, um der Verdienste jener Leiden willen, die sie auf dieser Reise erduldet, auch uns auf unserer Reise in die Ewigkeit begleiten wollen. Selig sind wir, wenn wir diese drei erhabene Personen im Leben und im Sterben fortwährend begleiten.

Anmutungen und Gebet

O mein geliebter Heiland, ich weiß es, daß auf Deiner Reise Scharen von Engeln Dich begleiteten, wer begleitet Dich aber hier auf Erden? Kaum hast Du Maria und Joseph bei Dir, die Dich mit sich führen. Lasse es zu, o mein Jesus, daß auch ich Dich begleite. Ach wie undankbar bin ich Elender gegen Dich gewesen! Ich erkenne das Unrecht, das ich Dir zugefügt; Du bist vom Himmel herab gekommen, um mich hier auf Erden zu begleiten, und ich habe Dich durch meine vielen Beleidigungen so oft voll Undank verlassen. Wenn ich bedenke, o mein Gott, wie oft ich, um meiner verwünschten irdischen Lüste willen, mich von Dir getrennt und Deiner Freundschaft entsagt habe, so möchte ich vor Schmerz sterben. Aber Du bist gekommen, um mir zu verzeihen, verzeihe mir also, denn siehe, ich bereue es von ganzem Herzen, mich so oft von Dir abgewandt und Dich verlassen zu haben. Ich nehme mir fest vor, und ich hoffe mit Deiner Gnade, daß ich Dich nicht wieder verlassen, daß ich mich nie wieder von Dir trennen werde, o meine einzige Liebe! o mein liebenswürdiges, mein göttliches Kind! siehe, meine Seele ist ganz in Dich verliebt. Ich liebe Dich, o mein süßer Heiland, und weil Du auf die Erde gekommen bist, um mich zu erlösen, und mir Deine Gnade mitzuteilen, so bitte ich Dich allein um die Gnade, daß ich mich nie wieder von Dir trennen möge. Vereinige mich mit Dir, feßle mich an Dich durch die süßen Bande Deiner heiligen Liebe. Ach mein Heiland und mein Gott, wer könnte es auch nur wagen, Dich zu verlassen, Deiner Gnade beraubt, ohne Dich zu leben? O allerheiligste Jungfrau Maria! Ich komme, um Dich auf dieser Reise zu begleiten. Stehe Du mir denn auch bei auf meiner Reise in die Ewigkeit. Stehe mir immer bei, aber besonders in der letzten Stunde meines Lebens, wenn ich jenem Augenblick nahe sein werde, von dem es abhängt, ob ich mit Dir Jesus Christus im Himmel lieben, oder ob ich, auf immer von Dir entfernt, Jesus in der Hölle die ganze Ewigkeit hindurch hassen werde.

O meine Königin, errette Du mich durch Deine Fürbitte, mache, daß alle meine Seligkeit darin bestehe, Dich und Jesus immer zu lieben, sowohl in der Zeit, als in der Ewigkeit. Du bist meine Hoffnung, o Maria, von Dir hoffe ich Alles. –
aus: Alphons Maria von Liguori, Die Menschwerdung und die Kindheit unsers Herrn Jesu Christi, Ein Gebets- und Betrachtungsbuch für die heilige Adventszeit, 1842, S. 85 – S. 88

Der hl. Alphons Maria von Liguori empfiehlt das folgende

Gebet, das man vor einer jeden Betrachtung zum Kindlein Jesu verrichten kann.

Man kann täglich, wenn man dieses Gebet verrichtet, einen Ablass von 300 Tagen gewinnen.

Weitere Beiträge von Alfons Maria von Liguori

Der hochheilige Weihnachtstag im Kirchenjahr
Unterricht für den Vierten Advent
Menü