Von den fremden Sünden (Canisius-Katechismus)

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

 Von den fremden Sünden

aus dem Großen Katechismus von Petrus Canisius SJ

144 Welche Sünden heißen fremde Sünden ?

Die (Sünden), die durch die Hände anderer ausgeführt werden und mit Recht uns angerechnet werden und die unsere Gewissen vor Gott verurteilen. Deshalb muss über sie beachtet werden, was die Schrift anordnet: Mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden (1. Tim. 5,22); und was der königliche Prophet erbittet: Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist, behüte deinen Knecht vor vermessenen Menschen. (Ps. 19, 13f) Auf dieselbe Weise spricht auch Basilius der Grosse aus, was Paulus bereits den Ephesern geschrieben hat: Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf! (Eph. 5,11) Und dieses Wort vom selben Apostel: Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt und sich nicht an die Überlieferung hält, die ihr von uns empfangen habt. (2. Thess. 3,6)

145 Wie viele derartige fremde Sünden können aufgezählt werden ?

Neun, so wie sie in der Regel auf neunfache Weise begangen werden können, nämlich durch einen Ratschlag, durch einen Befehl, durch Zustimmung, durch Verwirrung, durch Lob oder durch Heuchelei, durch das Verschweigen einer anderen Schuld, durch Übersehen oder Nachsicht, durch Teilnahme an einem Verbrechen oder durch ungerechtfertigte Verteidigung.

146 Wann wird eine fremde Sünde durch einen Ratschlag vollzogen ?

Wenn wir selbst Urheber oder Mitwirkende eines schlechten Rates sind, den andere einhalten oder befolgen könnten. Als Beispiel diene Kaiphas, der den jüdischen Senat durch seinen Rat zum Tode Christi mit angestiftet und bewogen hat…

147 Wann ist ein Befehl eine fremde Sünde ?

Wenn eine Ungerechtigkeit durch einen Beschluss, einen Auftrag oder unseren Befehl gegenüber dem Nächsten ergeht, wie der König David den unschuldigen Urija nicht durch seine Hände oder die der Seinen tötete, sondern indem er einen Brief schrieb und einen Befehl gab, dass jener im Kampf getötet werde. Auch der Statthalter Pilatus ist des Todes Christi angeklagt, weil er ihn aus Gunsterweis gegenüber den Juden kreuzigte, auch wenn er es aufgrund seiner Autorität ungern gestattete und ihn auslieferte.

148 Wann ist die Zustimmung als fremde Sünde gegeben ?

Wenn etwas von anderen leichtfertig geschieht, von uns aber gleichsam die Zustimmung erhält oder still gebilligt wird. So sündigte Saulus, als er dem Mord am ersten Märtyrer Stephanus zustimmte. So sündigten auch die Juden durch ihre Obrigkeiten, als sie zustimmten, dass Christus zu Grunde gerichtet wird, so dass Petrus jenen deshalb vorwurfsvoll sagte: Den Urheber des Lebens habt ihr getötet (Apg. 3,15) Deshalb muss man auch das Wort des Paulus bewahren: Nicht nur jene, die Böses tun, verdienen den Tod, sondern auch jene, die den Ausführenden zustimmen. (Röm. 1, 32b)

149 Wann werden wir durch Anstachelung zu einer fremden Sünde verleitet ?

Wenn wir jemand bewusst zum Zorn reizen, zur Rache, zur Blasphemie, zur Grausamkeit oder zu ähnlichen Untaten, sei es durch Worte oder Taten oder aus irgendeinen anderen Grund. Nicht weit von diesem Laster entfernt war die Frau Hiobs, als sie ihrem äußerst geduldigen Mann leichtfertig und verhöhnend sogar riet, Gott zu lästern. Hierher gehört, was der Prediger mahnt: Bleibe fern dem Streit, dann verringerst du die Zahl der Sünden; denn ein jähzorniger Mensch entfacht Streit. Ein sündiger Mensch bringt Freunde durcheinander, zwischen friedliche Leute schleudert er Zwietracht. (Sir. 28,8f)

150 Wann werden wir durch unser Lob und Schmeicheln mit fremder Sünde befleckt ?

Wenn du jemanden in schlechten Dingen oder in seiner Unredlichkeit bestärkst oder in einer guten Sache einem, der ins Verderben rennt, den Ansporn gibst, seinen schlechten Plan fortzusetzen. Weh aber den Frauen, die Zauberbinden für alle Handgelenke nähen und Zaubermützen für Leute jeder Größe anfertigen, um damit auf Menschenjagd zu gehen (Ez. 13, 18), wie es beim Propheten heißt. In diesen Fehler fallen manchmal die kirchlichen Prediger, vor allem jene, die Jesaja mit folgenden Worten kennzeichnet: Mein Volk, jene die dich glücklich nennen, sie selber hintergehen dich und lenken deine Schritte vom Wege ab. (Jes. 3, 12b) – Denn der Frevler rühmt sich nach Herzenslust, er raubt, er lästert und verachtet den Herrn (Ps. 10,3), wie dies auch ein anderer Prophet bezeugt.

151 Wann begehen wir eine fremde Sünde aufgrund unseres Schweigens?

Wenn unser Schweigen einem Untergebenen oder einem anderen Schaden bringt. Zum Beispiel: Wenn wir die Pflicht haben, einen Bruder oder das Volk zu belehren, zu ermahnen oder zurechtzuweisen und wir stattdessen schuldhaft aufhören, während wir nützen könnten. Deshalb bezeugt nach Jesaja der Herr jedem, der verkündigt: Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Lass deine Stimme ertönen wie eine Posaune! Halte meinem Volk seine Vergehen vor und dem Hause Jakob seine Sünden! (Jes. 58, 1) Höre wieder die Gefahr, die in diesen Worten ausgedrückt wird: Es sind lauter stumme Hunde; sie können nicht bellen (Jes. 56, 10); und der Herr sagt: Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du ihn nicht warnst und nicht redest, um den Schuldigen von seinem schuldhaften Weg abzubringen, damit er am Leben bleibt, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben; von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. (Ez. 3,18) Deshalb ist es wichtig zu beobachten, was Paulus nicht ohne Nachdruck fordert: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne in unermüdlicher geduldiger Belehrung. (2.Tim. 4, 2) Zur selben Sache heißt es anderswo: Wenn sich einer verfehlt, so weise ihn in Gegenwart aller zurecht, damit auch die anderen sich fürchten. (1. Tim. 5,20)

152 Wann werden wir durch unser Wegschauen in fremde Vergehen verwickelt ?

Sooft wir zulassen, dass das, was mit unserer Erlaubnis oder Autorität von Schuld befreit werden und wieder gut gemacht werden könnte und müsste, ungestraft bleibt und sich verschlimmert… Hier kann auch die Sünde angeführt werden, die eine Unterlassung der brüderlichen Zurechtweisung, des Ermahnens oder des Tadels genannt wird, weil Christus ermahnte, den Bruder einmal, zweimal, ja dreimal zurecht zu weisen, damit wir jenem Sünder Gewinn bringen…

154 Wie ziehen wir uns eine fremde Sünde durch unsere Verteidigung zu?

Wenn wir entweder Übeltäter decken oder eine verkehrte und gottlose Lehre irgendeines Menschen schützen und verbreiten, wenn wir uns anstrengen, durch unsere Sorge oder unser Werk zu fördern und zu verteidigen, was gegen das göttliche Recht eingerichtet ist. Gegenüber diesem (Verhalten) stimmt die göttliche Weissagung an: Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen. (Jes. 5,20) Und wiederum: Weh denen, die unheilvolle Gesetze erlassen und unerträgliche Vorschriften machen. (Jes. 10, 1)

Damit ist genug über die Sünden gesagt, die fremde Sünden heißen, die nun in der Tat weit und breit bekannt sind und die mit höchster Willkür täglich begangen werden, besonders von den Großen. Sie werden allgemein deshalb nicht gefürchtet, weil viele sie nicht für Sünden, sondern sogar für unbedeutend erachten, selbst wenn sie ihr Gewissen durch diese schmutzigen Vergehen beflecken und so ihre Seele der Verdammnis preisgeben. Alle genannten Arten können in etwa drei zusammengefasst und verstanden werden, wie es Basilius der Grosse aufzeigt. Wenn wir nämlich an einem Irrtum oder einer Sünde beteiligt sind, geschieht dies entweder durch die Tat selbst oder durch den Willen oder nur aus Vorsatz des Geistes oder durch Nachlässigkeit, wenn andere um unsere Pflicht zu ermahnen und zu bessern betrogen werden. Von allen aber bei weitem die schlimmste Art der Sünde ist die Sünde gegen den Heiligen Geist.

(Petrus Canisius, Der Große Katechismus, Schnell u. Steiner 2003)

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