Die doppelte Hirtengewalt der Kirche

Die Gabe des heiligen Pfingstfestes

Die Hirtengewalt der Kirche

Die Hirtengewalt der Kirche umfaßt (…) eine doppelte Vollmacht, nämlich die Kirche zu weiden und zu führen. Sie weidet die Gläubigen durch Verkündigung der Lehre, das ist die lehramtliche Tätigkeit der Kirche; sie führt die Gläubigen durch Gesetze und Verordnungen, und das ist die Hirtengewalt im engeren Sinne des Wortes.

Die Bischöfe sind ordentliche Nachfolger der Apostel, zu denen Christus gesprochen: „Alles, was ihr löset und bindet auf Erden, das soll gebunden und gelöst sein im Himmel.“ (Mt. 18,18) Als Inhaber dieser Gewalt haben sich die Apostel stets angesehen, und sie haben diese Gewalt auf die Bischöfe übertragen, welche sie wählten und aufstellten. (Tit. 1,5) Die bischöfliche Gewalt hat zwar nicht denselben Umfang wie die der Apostel. Wenn auch in Unterordnung unter Petrus, hatte doch jeder von ihnen die volle apostolische Gewalt von Christus erhalten, Kirchen zu gründen und sie zu regieren, weil ihre Aufgabe eine ausnahmsweise war und deshalb außerordentliche Befugnis im Lehr- und Hirtenamte erheischte. Diese apostolische Vollgewalt pflanzte sich nicht fort, sondern sie starb mit ihnen. Die Apostel erwählten und bestellten nicht Apostel, sondern Bischöfe. Als solche sind sie in steter Abhängigkeit vom Papst und unter den Beschränkungen, die er etwa auferlegt, als ordentliche Hirten auch Gesetzgeber in ihren Sprengeln. Sie sind wahre Nachfolger der Apostel im bischöflichen Amte, und dieses Amt kommt ihnen, wie der hl. Paulus sagt, vom Heiligen Geiste (Apg. 20, 2), von Gott selbst.

Wie beim Lehramt ist auch hier ein Konzil von Bischöfen, mit dem Papst vereinigt, wenn nicht ein anderer Träger doch wenigstens ein anderer Ausdruck der höchsten Hirtengewalt, und zwar der bedeutsamste und feierlichste. Die Konzilien werden nicht versammelt, weil die Mehrheit der Bischöfe zur Entscheidung der Wahrheit oder zur Aufstellung von Gesetzen für die ganze Kirche notwendig ist, dafür genügt die Macht des Papstes. Die Bischöfe vereinigen sich mit dem Papst, um den Gläubigen alle mögliche äußere Zuversicht und Beruhigung zu bieten, um den Gesetzen und Aussprüchen mehr Nachdruck und Ansehen zu verleihen und um der Welt das herrliche Beispiel der Einheit und der Katholizität der Kirche vor Augen zu stellen. In der Tat enthüllt ein allgemeines Konzil wie keine andere Betätigung des Hirtenamtes die ganze Majestät des Heiligen Geistes, der die Kirche leitet und regiert, wie dies das erste Konzil von Jerusalem so bedeutsam hervorhebt. (Apg. 15,28)

In ihm allein lebt die apostolische Gewalt fort, und zwar in ihrer Fülle, wie sie dem hl. Petrus zukam; denn Petrus war nicht bloß die apostolische Gewalt verliehen wie allen anderen Aposteln, sondern überdies auch die päpstliche, und zwar unabhängig von den übrigen Aposteln, wie die Worte der Verheißung und der Einsetzung des Primates deutlich genug hervorheben. (Mt. 16,19) Und so mußte es auch sein in der Hirtengewalt wie im Lehramt. Wie könnte sonst auch hier die Kirche die Natur eines vollkommenen Leibes, d.h. der Einheit und Vielfältigkeit der Glieder und des Lebens, darstellen? Wie könnte sie ein treues Abbild des wahren Leibes Christi sein, in dem der Heilige Geist persönlich und mit seiner ganzen Fülle wohnt, wenn nicht ein Glied der Kirche in einer besondern Beziehung zum Heiligen Geiste stünde wie kein anderes? Allerdings konnte er unmittelbar auch die übrigen Glieder der Hierarchie unfehlbar erleuchten und mit der Fülle der Hirtenmacht ausstatten. Aber dies wäre mehr eine äußere Verbindung und Einheit im Heiligen Geiste, jedenfalls keine organische, wie sie sich für eine menschliche Gesellschaft am besten eignet. Diese ist bloß möglich, wenn ein Glied der Hierarchie Mittelpunkt, lebendiger Quell aller Gewalt und alles Lebens der Kirche ist, wenn der Papst nicht bloß Spitze, sondern auch Wurzel des ganzen Baumes der Kirche ist, wenn alle Gläubigen und Oberhirten durch ihn leben und wirken und durch stete Abhängigkeit von ihm in lebendiger Verbindung mit ihm verbleiben. Der Papst stellt so keimartig die ganze Kirche dar. Er ist der lebendige Tempel, der Wahrmund und das Organ des Heiligen Geistes, der durch ihn alles trägt, belebt, segnet und kräftigt. Sinnreich hat deshalb die christliche Kunst in ihren Gebilden so oft den Heiligen Geist als Taube sitzend auf dem Lehrstuhl Petri angebracht.

Wieviel verdanken wir nicht dem Heiligen Geist durch die Wirksamkeit des Papstes! Nicht weniger als die ganze Kirche. Vor allem den Bestand der Kirche, weil der Papst das lebendige Fundament ist, aus dem alle andern Gewalten und Kräfte erwachsen und fließen. Ebenso die Eigenschaften der Kirche: er ist das sichtbare Wahrzeichen der Einheit und in der Ausdehnung durch Zeit und Raum der Hort und Wächter der Heiligkeit und der Bürge für die Fortdauer der apostolischen Verfassung der Kirche. Ihm endlich verdankt die Kirche ihre großartige Wirksamkeit nach innen und außen. Er ist es, der stets Sendboten ausschickt und ausrüstet zu neueren Eroberungen; er erneuert die Kirche im Innern und hält durch seine Hirtensorge das Leben wach. Wo das Papsttum verschwindet, stirbt alles Leben ab. Beweise dafür sind die schismatischen Kirchen, die sich von diesem Mittelpunkt der Einheit und des Lebens abgeschnitten. Die meisten Mittel der Kirche sind ihnen geblieben, doch wo ist das Volk, das sie seit ihrem Abfall bekehrt? Wo ist der Heilige, den sie hervorgebracht? Ihr Bestand ist nur der einer reich geschmückten Mumie.

Wir müssen also dem Heiligen Geist danken für die Einrichtung der kirchlichen Hirtengewalt und besonders für die Einsetzung des päpstlichen Primates. Was wären wir ohne das Papsttum? Ja was wäre die ganze Welt ohne dasselbe? Eine sittenlose, ungläubige und Gott entfremdete Welt, wohl viel schlimmer als das Heidentum und doppelter Strafe würdig… so steht das Papsttum in der Welt als Fels der Wahrheit und des Glaubens, als Träger aller übernatürlichen Güter und Beförderer der Zivilisation, als unüberwindliche Mauer gegen alle Sturmfluten menschlicher Leidenschaft und als Wahrzeichen für alle, die von dieser Erde den Weg nach dem ewigen Vaterland suchen. Wahrlich, wer das Papsttum nicht achtet und es nicht hört, der lästert nicht bloß den Heiligen Geist, sondern er versündigt sich auch durch Undankbarkeit gegen den größten Liebesbeweis, welchen der Heilige Geist der Kirche und der gesamten Welt in der Einrichtung des Primates gegeben. –
aus: Moritz Meschler SJ, Die Gabe des heiligen Pfingstfestes, Betrachtungen über den Heiligen Geist, 1905, S. 111 – S. 119

Verwandte Beiträge

Wesen und Subjekt der Unfehlbarkeit
Von den fremden Sünden (Canisius-Katechismus)
Menü