Fünftes Tagewerk Wasser- und Lufttiere

Genesis Fünftes Tagewerk Wasser- und Lufttiere

(Gen. 1, 20-23)

Fünftes Tagewerk. (V. 20-23) „Gott sprach auch: Das Wasser bringe hervor ein Gewimmel lebendiger Wesen (1) und fliegende Tiere (2) (seien) unter dem Firmament des Himmels. Und Gott schuf die großen Wasserungeheuer und alle Wesen, die leben und sich regen, welche die Gewässer hervor brachten nach ihren Arten, auch alle fliegenden Tiere nach ihren Arten. Und Gott sah, daß es gut war. Und er segnete sie und sprach: Wachset und mehrte euch und erfüllet die Wasser des Meeres; und die Vögel sollen sich mehren auf der Erde. Und es ward Abend und Morgen, der fünfte Tag.“

Neue Wunder der göttlichen Allmacht offenbaren sich hier. (3) Der tote Stoff wird belebt, Myriaden lebender Wesen erfüllen die Wogen des Meeres und durcheilen die Räume der Luft. Mehr und mehr enthüllt sich der große liebreiche Plan Gottes mit dieser scheinbar so geringfügigen Erde. Nicht mehr tot ist diese sichtbare Natur. Lieblich geordnet und geschmückt sind ihre Reiche; wohltätig wirken nach bestimmten Gesetzen die Elemente; Land und Meer, Berge und Täler, Flüsse und Seen, grüne Auen und ernste Wüsten, weite Ebenen und Schnee bedeckte Bergeshöhen verleihen der Oberfläche de Erde eine reiche und wohltuende Abwechslung. Nun werden diese Räume auch belebt mit einer fast unerschöpflichen Mannigfaltigkeit lebender Wesen, von den großen Ungeheuern des Meeres bis herab zu den kleinen, dem Auge des Menschen nicht mehr sichtbaren Wesen (Infusorien), deren Hunderte von Millionen einen Wassertropfen bevölkern können; von dem König der Lüfte, dem stolzen Adler, bis herab zum kleinen Kolibri, ja zum kleinsten Käferlein und Insekt, das dem Menschenauge kaum noch sichtbar, sich in den Lüften wiegt.

Im Meere, welch ein Leben! Über 11000 Arten von Fischen (*) sind uns bekannt, Weichtiere über 30000 Arten (**), dazu die Schildkröten, Schlangen, Krebse, Stachelhäuter, Meernesseln, Strahlentiere, Würmer, Polypen, Polythalamien oder Foraminiferen, Polygastern und Korallen in Hunderten und Tausenden von Arten, in zahlloser Menge und Fülle und unerschöpflicher Fruchtbarkeit! Und doch ist unsere Kenntnis dieser Wesen noch überaus dürftig.

In den Lüften leben über 10000 Arten Vögel (***); die Insektenarten schätzt man auf 220000 (****), die der Käfer allein auf 80000 Arten (*****), wovon die meisten auch die Luft durchschwirren und beleben.

Alle diese Arten leben von Gottes Allmacht und Güte; keines ist, das nicht ihm Dasein, Leben und Gedeihen verdankte. (4) Ihr Körperbau, ihre Triebe, ihre Eigenschaften – wie wunderbar verschieden, eigentümlich, – jedes einem bestimmten Zweck, alle zusammen dem einen großen, gemeinsamen Ziele dienend, daß sie mithelfen, die Erde zu einem Wohnplatz für den Menschen zu machen, indem sie seinem körperlichen Leben in der mannigfachsten Weise dienen, seinen Geist auf das verschiedenartigste anregen und beschäftigen und namentlich, je in ihrer Weise ihm mit tausend und Millionen Stimmen die Größe, den Reichtum, die Weisheit und Liebe und alle Vollkommenheiten seines und ihres Schöpfers verkünden. (5) In ganz eigener herzerfreuender Weise für den Menschen tun dies die Singvögel mit ihrem lieblichen Gesang, aber nicht minder auch die andern durch ihren bau, ihre Lebensweise, ihre besonderen Vollkommenheiten; selbst die stummen Bewohner der Fluten werden so zu beredten Zeugen der Größe und Güte des Schöpfers.

Darum wird auch der Mensch so oft in der Heiligen Schrift auf diese lebende Schöpfung hingewiesen. Die kleine Ameise wird als Bild der Weisheit gepriesen, und der Faule wird zu ihr geschickt, um Weisheit zu lernen (6), die unscheinbare Biene, die den süßen Honig bereitet, soll den Menschen lehren, nicht nach dem äußeren Schein zu urteilen (7); Hornisse und Heuschrecken erscheinen als winzige und doch furchtbare Werkzeuge der strafenden Allmacht Gottes. (8) Mit besonderer Vorliebe aber weist die Heilige Schrift den Menschen auf die Vögel hin. Bald redet sie von der Sorgfalt und Kunstfertigkeit, womit dieselben ihre Nester bauen, bald von der wunderbaren Abreise und Rückkehr der Zugvögel (ohne Wegweiser, Landkarte und Kompass); bald wird auch in abschreckender Weise auf einzelne Beispiele scheinbarer Lieblosigkeit hingedeutet. Vornehmlich aber dienen sie als Bilder und Beispiele der Sorgfalt und Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen: „Frage die Vögel des Himmels, und sie zeigen es dir an; frage die Fische des Meeres, und sie erzählen es dir.“ (9) – „Der Reiher am Himmel weiß seine Zeit, die Turteltaube, die Schwalbe und der Storch halten die Zeit ihrer Wiederkunft ein.“ (10) – „Der Sperling findet für sich ein Haus und die Turteltaube ein Nest, worin sie ihre Jungen lege; (ich finde) deinen Altar, Herr der Heerscharen, mein König und mein Gott.“ (11) – „Die Tochter meines Volkes ist grausam wie der Strauß in der Wüste“ (12), der seine Brut verläßt und sich nicht darum kümmert. – „Sehet die Vögel des Himmels an, wie sie nicht säen und nicht ernten und nicht in Scheunen sammeln; und euer himmlischer Vater nähret sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie!“ (13) – Wie rührend ist der Ausdruck der Liebe und der Klage des Herrn: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt“ (14); und wie schön die Vergleichung der liebenden Sorge Gottes für sein Volk mit dem Adler, der seine Jungen zum Fluge ausführt und über ihnen schwebt! (15)

(*) inzwischen über 30000 Fischarten bekannt
(**) inzwischen etwa 55000 Arten bekannt
(***) inzwischen mehr als 18000 Arten bekannt
(****) zwischen 4 und 6 Millionen Arten
(*****) über 350000 Arten bekannt

Anmerkungen:

(1) Im Hebräischen: „Es sollen wimmeln die Gewässer von lebendigem Gewimmel“; – sehr bezeichnend für das überaus reiche und mannigfaltige Leben, das im Meere sich regt.
(2) Nach dieser Satzverbindung könnte man meine, auch die fliegenden Tiere sollten im Wasser entstehen; allein schon der Beisatz: „unter dem Firmament des Himmels“ schließt diese Auffassung aus, und im 2. Kap. V. 19 wird ausdrücklich gesagt, daß Gott „alle Tiere des Feldes und alles Geflügel des Himmels aus Erde bildete“. Im Hebräischen heißt es: „Und Geflügel fliege über der Erde unter dem Firmament des Himmels“ Daß Gott gar die Wassertiere und fliegenden Tiere aus dem Stoff des Wassers gebildet, und daß sie als verwandte Arten eigentlich zusammen gehörten, sagt offenbar die Heilige Schrift nicht. Wohl aber stellt sie dieselbe deswegen zusammen, weil sie zur Ausschmückung und Belebung der am zweiten Tage geschaffenen Bereich der irdischen und himmlischen Gewässer, d. h. des Wassers (Meeres) und der Luft, dienen.
(3) S. Chrysost., In Gen. hom. 7, n. 3.
(4) Ps. 103, 25-30.
(5) Auch hier ist es gerade das Kleinste und Unscheinbarste, was durch Schönheit und Zweckmäßigkeit des Baues den Menschen mit besonderer Bewunderung erfüllt.
(6) Spr. 30, 24f; 6, 6ff.
(7) Sir. 11, 3.
(8) Dt. 7, 20; Joel 1, 4.
(9) Jb. 12, 7f.
(10) Ir. 8, 7.
(11) Ps. 83, 4; vgl. Jb. 39, 27.
(12) Klgl. 4, 3; Jb. 39, 14ff.
(13) Mt. 6, 26; vgl. 10, 29 31.
(14) Mt. 23, 37.
(15) Dt. 32, 11. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 129 – S. 131

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