Entstehung der Abgötterei

Entstehung und Entwicklung der Abgötterei

In der bisherigen Erzählung der Bibel ist vorausgesetzt, daß Gott sich von Anfang an den Menschen geoffenbart hat und daß trotz zeitweiligen sittlichen Verfalls die Erkenntnis und Verehrung des einen wahren Gottes vor und nach der Sündflut erhalten blieb. Erst der Turmbau zu Babel und die Zerstreuung der Völker bedeuten offenbar einen verhängnisvollen Wendepunkt in der religiösen Entwicklung der Menschheit. Im Buch der Weisheit (10,5) wird die Erwählung Abrahams, zu dessen Geschichte nunmehr die Genesis-Erzählung mit Kap. 12 übergeht, mit der „Übereinstimmung der Bosheit“ (beim Turmbau zu Babel), infolge deren die Völker verwirrt und zerstreut wurden, in Zusammenhang gebracht. Alle ferneren Äußerungen der Heiligen Schrift Alten und Neuen Bundes lassen die zur Zeit Abrahams schon weit verbreitete Abgötterei in allen ihren Formen als Abfall, Entartung, fluch- und strafwürdige Verderbnis unentschuldbarer Art erscheinen. Deshalb ist hier der Ort, einen Blick auf die Entstehung und Entwicklung des Heidentums zu werfen und die Ergebnisse und die Ergebnisse der historischen Religionsforschung in ihrem Verhältnis zu den Angaben der Heiligen Schrift zu prüfen.

Der erste Eindruck bei der Vergleichung von Bibel und Wissenschaft ist an diesem Punkt der eines klaffenden und unversöhnlichen Widerspruches. Die unter dem Bann der darwinistischen Entwicklungslehre stehende, leider in der Literatur zur Herrschaft der neueren Zeit hat sich nämlich darauf versteift, alle Religion durch eine allmähliche Entwicklung aus den unvollkommensten Anfängen des Naturdienstes, Seelen- und Ahnenglaubens zu erklären und die Entstehung des reinen Gottesglaubens (Monotheismus) auf dem Wege rein natürlicher geschichtlicher Entwicklung aus dem niedrigsten und krassesten Götzendienst (Polytheismus) abzuleiten.Darin liegt einer der weitest tragenden und verhängnisvollsten Irrtümer, auf dessen Ursachen und Konsequenzen wir bereits zu wiederholten Malen gestoßen sind und der aus theologischen und allgemein wissenschaftlichen Gründen nicht nachdrücklich genug zurückgewiesen werden kann.

Man darf sich nun die Entstehung der Abgötterei nicht so vorstellen, als ob der Abfall von Gott plötzlich, gleichsam mit einem Schlage und überall in gleicher Weise eingetreten sei und so gänzlich, daß keine von besserer Erkenntnis und edlerem Streben übrig geblieben sei. „Die Heilige Schrift bringt die Entstehung des ursprünglichen Gottesbewusstseins stets mit der Sünde in Verbindung. Weil die Menschen nicht Gott, sondern sich selbst gefallen wollten, wurde ihr törichter Sinn verdunkelt (Röm. 1, 21). Die Sünde schließt eine Hinwendung zu den Geschöpfen in sich, der Mensch verliert das einzige seiner würdige Ziel aus den Augen, das Ringen nach Höherem erlahmt, und die abwärts gehende Bewegung beginnt. Natürlich ist der Fall kein plötzlicher, vielmehr ein langsames, aber stetiges Sinken… Nirgendwo ging die Menschheit von der Verehrung des einen Gottes unmittelbar zur Verehrung der Naturkräfte und Natur-Erscheinungen über; nein, zuerst brachte der Mensch seinen Gott mit dem Größten und Schönsten, was die sichtbare Welt ihm bot, in eine so innige Beziehung, daß er bald selbst nicht mehr recht zwischen Gott und seinen Werken, zwischen Sinnbild und Versinnbildetem unterschied. Bei den Indogermanen ist es der lichte, alles umfassende Himmel, welcher zumeist die Gottheit versinnbildet, bei den Semiten ist es die Sonne. Es versteht sich nun ganz von selbst, daß nicht jede Veranschaulichung des Gottesbegriffs mit der Reinheit desselben streitet…

Abgötterei fängt erst da an, wo die Gottheit mit den Naturdingen verschmolzen, nicht als über denselben stehend, sondern als irgendwie mit denselben verwachsen gedacht wird. Nicht das ist Heidentum, daß der Mensch Gott in der Natur verherrlicht, sondern daß er anstatt Gott die Natur verherrlicht, anstatt den Schöpfer das Geschöpf als Gott anbetet. Die geistige Auffassung der Gottheit trat immer mehr zurück, die Herrlichkeit der Natur hielt den Blick des Sterblichen gefangen; durch die Schönheit verzückt, vergaßen sie an den Urheber der Schönheit zu denken und glaubten für das Sehnen und Streben ihres Herzens in der Natur selbst einen Ruhepunkt gefunden zu haben, und so hielten sie ‚Feuer oder Wind oder die schnelle Luft oder den Kreis der Gestirne oder gewaltiges Wasser oder Sonne oder Mond für weltbeherrschende Götter‘ (Weish. 13, 2).

Als man einmal angefangen hatte, die Symbole der Götter zu verehren, war es natürlich, daß man diesen Kult auf alles ausdehnte, was irgendwie mit der Gottheit in Verbindung zu stehen, eine göttliche Kraft in sich zu bergen schien. Vom Himmel gefallene Steine schienen schon durch ihre Herkunft auf etwas Göttliches hinzudeuten. Die gewaltige Kraft und andere Eigenschaften, durch welche die Tiere den Menschen überlegen sind, ließen vermuten, daß denselben etwas Höheres innewohne. So erblickte der Mensch in den Bäumen, in den Gewässern, unheimlichen Orten und tausend anderen Dingen Äußerungen einer Macht, der gegenüber er seine Abhängigkeit fühlte und die er sich geneigt zu machen suchte. Man fand oder glaubte zu finden, daß auch gewisse Menschen den Göttern näher ständen… Traumerscheinungen, mannigfache Erfahrungen des Seelenlebens, das Nachdenken über Leben und Tod, das dankbare Andenken an große Männer der Vorzeit – kurz alles, was man verkehrterweise angeführt hat, um den ersten Ursprung der Religion zu erklären, hat seinerseits dazu beigetragen, die Götter- und Geisterwelt, Mythen und Aberglauben zu vermehren. Auf diese Weise wurde die ganze Natur mit Göttern und götterartigen Wesen bevölkert, herab von den Himmels- und Sonnengöttern bis zu den Feen, Nixen, Kobolden und Gespenstern, und alle diese Wesen wirbeln oft im wunderlichsten Synkretismus durcheinander.“ (Pesch, Gott und Götter)

Somit erweise sich die Vielgötterei schon dadurch als Abfall von reinerer Erkenntnis Gottes, daß sie immer tiefer in den Sterndienst, in die Naturverehrung, in die Menschen-Vergötterung, den rohen Tier- und Götzendienst hineinführt. Schon der hl. Athanasius charakterisiert im Anschluss an das Buch der Weisheit den allmählichen Niedergang mit der Reihenfolge: Stern, Äther, Luft, Elemente, Temperatur, Menschen; Steine, Holz, Tiere; unnatürliche Figuren; Begierden, Lüste. Als Verfall kennzeichnet sich die Abgötterei ebenso dadurch, daß mit ihr eine sittliche Verderbnis nicht bloß tatsächlich, sondern ursächlich verbunden ist, wie dies der hl. Paulus, dem man Kenntnis des Heidentums nicht absprechen kann, nachdrücklich hervorhebt (Röm. 1, 20ff).

Auf die Torheit und Verderbnis des Heidentums zielt die anschauliche Schilderung ab, welche der mit den Zuständen in der Weltstadt Alexandrien wohl vertraute Verfasser des Buches der Weisheit (13,11ff) entwirft. Ähnliche Schilderungen finden sich in de Büchern Moses (Ex. 20, 3ff; Dt. 4, 15-23; 13, 6f), in den Psalmen (113, 4-7) und bei den Propheten (Is. 44, 9-20; 46, 6ff; Ir. 10, 2ff; Bar. 6, 3-72). Sie können keineswegs als billiger und unberechtigter Spott abgetan werden. (1) Denn auch die Geschichte bestätigt, daß die Abgötterei nicht das Ursprüngliche, sondern Abfall, Degeneration ist. „Soweit wir in den sog. Buchreligionen (deren Lehren durch Schriften bezeugt sind) die Entwicklung des Gottesbewusstseins verfolgen können, ist überall ein absteigender Gang zu beobachten, von der Verehrung eines Gottes zur Vielgötterei; ja die Rückerinnerung an den früheren Zustand macht sich auch zur Zeit der größten Verkommenheit immer noch als ein gewisser monotheistischer Zug bemerkbar. Bei jenen Völkern aber, die keine Religionsbücher besitzen, finden sich fast ausnahmslos Sagen, welchen zufolge Gott selbst ehedem mit den Menschen verkehrte, bis er sich, durch ihre Bosheit bewogen, zurückzog und die Regierung der Welt den niederen Göttern oder Geistern überließ. Daher haben die bedeutendsten Sprachforscher und Ethnologen unbedingt anerkannt, daß die religiöse Entwicklung der Völker auf einen ursprünglichen Monotheismus hindeutet…“

(1) Delitzsch, Bibel und Babel II 29f. Wenn z.B. die Babylonier sich im Gebet auch an „die jenseits alles Irdischen thronende Gottheit“ wandten, so galten ihnen doch die Bilder nicht bloß als Darstellungen der äußeren Erscheinung ihrer Götter, sondern vielmehr als Hypostasen der Götter, als „beseelte Steine“, als wirkliche Götter und Göttinnen, denen man Gefühle und Willen zuschrieb, und von denen man Orakel erwartete. Daher betrachtete man die Bilder als größten Schatz des Landes oder der Stadt, und strebten die Eroberer danach, die „Götter“ der eroberten Städte an sich zu reißen und fortzuführen, in der Meinung, dadurch deren Schutzbefohlene im innersten Mark zu treffen und dem Verderben zu weihen. „Das Bild der Gottheit ist die Gottheit in körperlicher Form; mit dem Bild kann man sich der Gottheit bemächtigen; sie folgt dem Eroberer in sein Land. In das Bild eines Menschen oder eines Lebewesens kann man ebenso mittels des dazu gehörigen Wissens, der Zauberformel, das Leben und Wesen des betreffenden Menschen bannen, so daß man Macht über dasselbe gewinnt.“ (Winckler, Der Alte Orient und die Geschichtsforschung 92) Wie weit sich „denkende Babylonier“ von diesem Wahn frei machten, ist schwer zu beurteilen, ändert aber an der Hauptsache nichts. Vgl. Grimme, Unbewiesenes 17; Scholz, Götzendienst 45ff. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 251 – S. 254

Category: Altertum, Schuster
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