Turmbau zu Babel und Zerstreuung der Völker

Der Turmbau zu Babel – Geburtsstunde des Heidentums

(Gn. Kap. 10 und 11)

Bevor in der Erzählung die Geschichte der Offenbarung weiter verfolgt wird, um darzustellen, wie es kam, daß Gott die bei weitem größere Mehrheit der Menschen scheinbar ihrem Schicksal überließ und nur einen kleinen Teil fernerhin der besonderen göttlichen Führung würdigte, gibt das 10. Kapitel eine Übersicht über die von den Söhnen Noes abstammenden Völker, ein nach den drei Stammvätern in der Reihenfolge: Japhet, Cham, Sem geordnetes Verzeichnis von 70 Namen (teils Stammväter teils Völker- und Städtenamen), gewöhnlich die Völkertafel genannt. Diesem Verzeichnis liegt eine (wohl auf Überlieferung beruhende) genaue Kenntnis der dem frühesten Altertum bekannten wichtigsten Zweige der Völkerfamilie zu Grunde, die weder die Handelsverzeichnisse der Ägypter noch die Eroberungs-Listen der Babylonier und Assyrer erreichen. Der die mosaische Völkertafel beherrschende Hauptgedanke von der ursprünglichen Einheit, der Zusammengehörigkeit und der gleichen Bestimmung der Menschen als einer großen Familie ist dem Heidentum überhaupt fremd. Ihre früher vielfach rätselhaften Angaben haben der wissenschaftlichen Forschung in alter und neuer Zeit oft als Anhaltspunkte und Wegweiser gedient. Jetzt sind sie größtenteils durch die Ereignisse der Völker- und Sprachenkunde sowie durch die Ägyptologie und Assyriologie aufgeklärt und bestätigt, so daß die Völkertafel zum mindesten „als ein vorzügliches historisch-geographisches Denkmal für eine Zeit, aus der wir andere umfassende Urkunden nicht mehr haben“, anerkannt werden muss.

Ein Schema der Völkertafel von Japhet, Cham und Sem

In das trockene Namenverzeichnis ist nur bei den Nachkommen des Cham eine geschichtliche Bemerkung eingeflochten über Nimrod (1), von dem gesagt wird: „Dieser fing an, mächtig zu sein auf Erden; und er war ein starker Jäger vor dem Herrn. Darum ging das Sprichwort aus: ‚Ein starker Jäger vor dem Herrn wie Nimrod‘. Der Anfang seines Reiches aber war Babylon und Arach und Achad und Chalanne im Lande Sennaar. Von diesem Land ging er nach Assur (2) aus und baute Ninive (3) und die Straßen-Stadt (4) und Chale (5), auch Resen (6) zwischen Ninive und Chale; das ist die große Stadt.“ (7) – Das Völkerverzeichnis schließt mit den Worten: „Das sind die Geschlechter Noes nach ihren Völkern und Nationen. Von diesen verteilten sich die Völker auf Erden nach der Flut.“ (8)

So steht auch am Beginn der Geschichte der Menschheit nach der Sündflut diese göttliche Urkunde der Einheit des Menschengeschlechtes, der Blutsverwandtschaft der Völker und besonders der Berechtigung aller, dereinst am messianischen Heil teil zu nehmen; es ist damit den Völkern, bevor sie das Vaterhaus der besonderen göttlichen Führung verlassen, gewissermaßen ihr Heimatschein (9) von Gott selbst ausgestellt; und nun erst teilt uns das 11. Kapitel jenes Ereignis mit, welches den neuen Abfall der Menschheit von Gott bewies und so den Anstoss zur Trennung und Zerstreuung der Völker gab:

„Es war aber auf Erden nur eine Sprache und einerlei Rede. (10) Und als sie vom Aufgang (Osten) herzogen (11), fanden sie eine Ebene im Lande Sennaar und wohnten daselbst. Und sie sprachen zueinander: Kommt, lasset uns Ziegel machen und sie im Feuer brennen! Und sie gebrauchten Ziegel für Steine und Erdpech für Mörtel. (12) Und sie sprachen: Kommt, laßt uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze in den Himmel rage, und unsern Namen berühmt machen, ehe wir zerstreut werden in alle Lande.“ (13)

„Aber der Herr kam herab, um die Stadt und den Turm zu sehen (14), den die Söhne Adams bauten, und sprach: Siehe, es ist ein Volk und eine Sprache unter allen; und das haben sie begonnen zu tun und werden von ihren Gedanken nicht ablassen, bis sie dieselben im Werk vollbracht haben. Daher kommt, laßt uns (15) nieder steigen und daselbst ihre Sprache verwirren, daß einer des andern Rede nicht verstehe. Und also zerstreute sie der Herr von da in alle Länder, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Und darum heißt man ihren Namen Babel (16), weil daselbst die Sprache der ganzen Erde verwirrt worden; und von da zerstreute sie der Herr über alle Gegenden.“ (17)

So der einfache, in seiner Darstellung für ein kindliches Volk berechnete, aber durchaus tatsächliche Bericht der Heiligen Schrift. Die Geschichte und Sprachforschung bestätigen denselben, soweit sie überhaupt ein Urteil ermöglichen. Die Geschichte zeigt uns die ersten Versuche eines Weltreiches durch Kuschiten, also Nachkommen Chams, in Babel und ist in unsern Tagen durch Aufdeckung der Ruinen des alten Babylon und Ninive, die zum Teil in die ältesten Zeiten hinauf ragen, und durch die dort gefundenen keilschriftlichen Denkmäler instand gesetzt worden, das, was uns die Bibel hier und anderwärts davon erzählt, auf das bestimmteste zu erhärten. Zwar hat sich bis jetzt in den Denkmälern und Urkunden kein Zeugnis gefunden, das dem biblischen Bericht über die Sprachverwirrung entspräche. Die gegenteilige Annahme mancher Gelehrten hat sich als irrig erwiesen. Wohl aber hat sich die Überlieferung von einer frevelhaften Empörung der Menschen gegen Gott und von der Verwirrung ihrer Sprache sich auch außerhalb des Judentums erhalten und an die Ruinen eines mächtigen Baudenkmals in Babylon angeknüpft.

Anmerkungen:

(1) Name, Geschichte und Zeit Nimrods ist noch ganz in Dunkel gehüllt; die babylonisch-assyrischen Denkmäler und Urkunden haben zur Aufhellung direkt noch nichts beigetragen. Am meisten hat die Vermutung für sich, Nimrod sei mit dem mythischen Gilgamesch identisch. Wohl aber bestätigen die babylonischen Denkmäler den Inhalt der Angaben, welche die Heilige Schrift an den Namen Nimrods knüpft. Die älteste Kultur- und Weltherrschaft, die der babylonischen voraus ging, war chamitischen Ursprungs. Die assyrische Kultur und Religion ist nachweisbar von Babylonien ausgegangen und durchaus von letzterem abhängig. Jagd (auf reißende Tiere: Löwen, Tiger) und Krieg gehört zu den Lieblings-Beschäftigungen der babylonisch-assyrischen Herrscher seit ältester Zeit. Nichts findet sich häufiger auf den Wanddarstellungen der Paläste als Jagd- und Kriegsszenen; in Reliefbildern vor den assyrischen Palästen, desgleichen auf Siegelzylindern ist häufig die Gestalt eines Helden /Riesen, Königs) zu sehen, der einen Löwen spielend erwürgt, wahrscheinlich Gilgamesch (Nimrod), der auch im Heldengedicht als gewaltiger Krieger und Jäger (dies auch der Sinn des Ausdruckes: „vor dem Herrn“) geschildert wird. Die aufgeführten Städte sind uralt und mit der Geschichte und dem Leben der ältesten Zeit eng verwachsen. Daß Nimrod Babylon gegründet habe, wird nicht gesagt; aber es war der Anfang und Mittelpunkt seines Reiches. Babylon gelangte schon in sehr alter Zeit zu hervorragender, ja zentraler Bedeutung. Das Land Sennaar wird im Alten Testament öfter erwähnt und bezeichnet die Ebene zu beiden Seiten des mittleren und unteren Euphrat. Ob der Name „Sumir“, der zusammen mit „Akkad“ in altbabylonischen Urkunden oft ein altes Volk und Reich in dortiger Gegend bezeichnet, damit zusammen hängt, ist zweifelhaft, aber nicht unmöglich. Jedenfalls wird die ganze oben angeführte Stelle „heutzutage besser als durch alle Kommentare illustriert durch die gewaltigen Trümmerhügel, die sich dem Spaten geöffnet und durch ihre Inschriften-Funde die unzweifelhafte Identität der darauf genannten Örtlichkeiten mit den biblischen ergeben haben: Erech, die umfangreichen Ruinen von Warka am linken Euphratufer, das inschriftliche Uruk, die Stadt mit dem Haupttempel der Göttin Ischtar oder Nanai, der Göttin des Planeten Venus als Abendstern; Akkad, die Stadthälfte der uralten Doppelstadt Sippar-Akkad, des anderwärts in der Bibel sog. Sepharwajim, gleichfalls am linken Euophratufer, woselbst eine ursprünglich unter dem Namen Anunitu verehrte Lokalgöttin später gleichfalls mit Ischtar, und zwar mit dem Planeten Venus als Morgenstern identifiziert wurde“ (Bezold a.a.O. 21). Nur Chalanne ist noch nicht mit Sicherheit festgestellt; vielleicht ist es das von Hilprecht wieder ausgegrabene Nuppur.
(2) Name des Landes und der alten Hauptstadt Assyriens, deren weite Trümmerhaufen man bei dem heutigen Kalah-Schergat, über 50 km südlich von Mosul oder dem diesem gegenüber liegenden Ninive im eigentlichen Sinn, am rechten Ufer des Tigris entdeckt hat.
(3) Ninive, assyrisch Ninua. Der Name erscheint schon um das 18. Jahrhundert v. Chr. auf ägyptischen Inschriften; er bedeutet „Wohnung“, etwa unser „Haufen“; man erklärt ihn auch mit „Ninus- oder Ninib-Stadt.
(4) Hebräisch Rechoboth-Ir, wahrscheinlich das rêbit Ninâ der Keilinschriften und wohl an Stelle des heutigen Mosul, Ninive gegenüber, zu suchen.
(5) Chale vermutet man in dem heutigen Nimrud, 44 km südlich vom eigentlichen Ninive.
(6) Resen bis jetzt nicht sicher identifiziert und wohl unter einem Trümmerhügel zwischen Ninive und Nimrud zu suchen. Der Beisatz, „das ist die große Stadt“, bezieht sich wohl auf die vier genannten Städte, die, wenn auch nicht, wie man früher annahm, durch ein großes Befestigungssystem verbunden, doch unter einem gemeinsamen Namen („Groß-Ninive“) zusammen gefaßt werden konnten. Ist auch das Ninive des Geschichtsschreibers Diodor (Zur Zeit Christi; 480 Stadien = 90 km Umfang, 30 m hohe und breite Mauern, 1500 Türme) ein Phantasiestück und der Beisatz „das ist die große Stadt“ aller Wahrscheinlichkeit nach eine spätere Glosse, so bleibt doch wahr, daß Ninive für die spätere Geschichte der Mittelpunkt eines ungeheuren Stadtgebietes war, das in der volkstümlichen Auffassungs- und Ausdrucksweise als eine große Stadt betrachtet wurde.
(7) Gn. 10, 8-12.
(8) Gn. 10, 32.
(9) Darum wird auch später bei dem ersten Schritt zur Auserwählung eines besonderen Volkes ausdrücklich diese Berechtigung aller Völker am dereinstigen messianischen Heil hervor gehoben: „In dir (Abraham) werden gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (Gn. 12, 3)
(10) „Auf Erden“ steht für: „unter den Bewohnern der Erde“. In welchem Umfang Erde (oder Land) hier zu nehmen ist, hängt von der Auslegung des gleichen Ausdruckes in 6, 11; 9, 19 und 10, 25 32 ab. – Die Ausdrücke „eine Sprache und eine Rede“ sind von der Denk- und Redeweise, vom Sprachgeist und der Sprachform zu verstehen. Nach dem hebräischen Text, der die beiden Ausrücke (Lippe und Wort) genau unterscheidet, ist nur das erstere von der Verwirrung betroffen: die Denkweise, der Sprachgeist: die Folge davon ist, „daß sie einander nicht mehr verstanden“ und auch die äußere Sprachform sich änderte.
(11) Wer zog aus? Die in V. 1 bezeichnete „Erde“, d. h. ihre Bewohner sind nach dem Zusammenhang die 10, 32 und 25 genannten Geschlechter Noes. Andere Menschen existieren für die Erzählung überhaupt nicht, weil ihr Horizont durch die Stammtafeln in Kap. 4, 5, 10 und 11 umgrenzt ist. Unter den Geschlechtern Noes kommt für den Auszug von vorne herein wohl nur ein Teil in Betracht. Von Noe und Sem, die möglicher Weise noch lebten, haben ältere Ausleger angenommen, sie seien wenigstens an dem frevelhaften Beginnen (Bau der Stadt) nicht beteiligt gewesen. – Vom Anfang her, d. h. von Armenien, wo die Arche stehen blieb. Bei weiterer Ausbreitung zogen sie, wohl dem Lauf des Tigris folgend, erst südlich, dann über den Tigris westwärts in das Land Sennaar. Einen bestimmten Anhaltspunkt für die zeit dieses Baues bietet wohl 10, 25: „Der Name des einen Sohnes des Heber (des Urenkels von Sem) war Phalag“ (d. i. Teilung), „deshalb, weil in seinen tagen die Erde (Bevölkerung) sich teilte“ (zerstreute). Nach 11, 10-17 wurde Phalag im Jahre 101 nach der Flut geboren, weshalb viele das Ereignis in dieses Jahr setzen: Die Worte „in seinen tagen“ lassen jedoch auch an eines der späteren Lebensjahre Phalegs, deren im ganzen 239 waren, denken. Nach der griechischen Übersetzung fiele das Ereignis zwischen 531 und 870 nach der Flut.
(12) Diese Materialien finden sich denn auch bei den noch vorhandenen Überresten Babylons. Die ganze Gegend um Babylon ist mit gebrannten Backsteinen besät; sie war auch immer sehr reich an Asphaltquellen. Asphalt diente, mit Rohr und Sand vermischt, als Mörtel und verband die Steine so fest, daß sie nur mit großer Gewalt auseinander gebrochen werden können; getrocknet diente der Asphalt zur Feuerung.
(13) Gn. 11, 1-4. Sache und Ausdrucksweise entsprechen vollkommen dem babylonischen Altertum, wie wir dasselbe jetzt aus den Ausgrabungen kennen. Jede Stadt hat zum Mittelpunkt einen Tempelturm (Ziggurat), dessen Spitze an den Himmel reichen soll; er hat 3-7 Etagen (entsprechend den Planeten, deren Bahn über dem Tierkreis er abbildet), trägt im obersten Geschoss ein Heiligtum, das religiösen (astrologischen) Zwecken diente. Ein Vorhaben, das frevelhaftem Übermut und Trotz entsprungen, ähnlich wie die griechische Sage von den Himmel stürmenden Titanen meldet, hat die biblische Erzählung jedenfalls im Auge. Es bezeichnet die Geburtsstunde des Heidentums. – Nach dem hebräischen Text wollen die Turmbauer die Zerstreuung geradezu verhindern, ihr vorbeugen, während sie nach dem Willen Gottes sich über die Erde zerstreuen sollen.
(14) Menschliche Ausdrucksweise, die besagen will, daß der im Himmel thronende Herr und Richter der Menschen von dem Tatbestand der Überhebung Kenntnis genommen hat.
(15) Die Ausdrucksweise wie oben, S. 114, A. 2
(16) Vom hebräischen balal, verwirren. Die Form „Babel“ entspricht durchaus den Sprachgesetzen (das Babylonisch-Assyrische kennt ähnliche Bildungen) und ist unserem „Wirrwarr“ zu vergleichen. In den assyrisch-babylonischen Keilschriften liest man den Namen Bab-Ilu, d. i. Tor oder Heiligtum des Ilu (Hebr. = El, Gott), den die Babylonier neben Bel und andern als besondere Gottheit verehrten. Dieses Bab-Ilu kann spätere Umdeutung des ursprünglichen Babel = Verwirrung sein, wie auch die biblische Ableitung des Namens nicht auf streng grammatischen Regeln zu beruhen braucht.
(17) Gn. 11, 5-9. Die Heilige Schrift hebt mehr die Zerstreuung der Menschen hervor als die Verwirrung der Sprache; diese ist aber die Voraussetzung und Ursache der ersteren. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Heilige Schrift ein (wunderbares) Eingreifen Gottes und eine Katastrophe schildern will, und daß Nachdruck auf das „Einander-nicht-mehr-verstehen“ gelegt wird. Über die Einzelheiten sagt aber der biblische Bericht nichts, außer daß er andeutet, die Verwirrung habe zunächst den Geist, die innere Sprachform betroffen; diese Verwirrung muss den Menschen zum Bewusstsein gekommen sein und das Aufgeben ihres Planes sowie die Zerstreuung veranlaßt haben. Die Verwirrung (Veränderung) der äußeren Sprachform konnte sich dann allmählich vollziehen, da die Möglichkeit einer Veränderung und Verzweigung der Sprache schon in ihrem Wesen begründet und durch den Sündenfall begünstigt war. „Das erstmalige plötzliche Auftreten (der Sonderung der Menschen) war von Gott gewollt; den natürlichen Entwicklungsgang hatte Gott beschleunigt, aber er schuf zu Babel nichts Neues, sondern brachte schon längst Vorhandenes den Menschen zum Bewusstsein. Die volle Ausbildung desselben gehört der späteren Geschichte an.“ Hoberg, Genesis 129. 
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 239 – S. 245

Category: Genesis, Schuster
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