Protestantismus ist die radikalste aller Häresien

Der Protestantismus ist die radikalste aller Häresien

Der Protestantismus hat das Band der Unterwerfung unter die Autorität der Kirche zerrissen, welche für Europa die Autorität der Wahrheit selbst war, und somit hat er die Wahrheit der Autorität in ihrem Prinzip angegriffen und in ihren sämtlichen bürgerlichen, politischen und sozialen Folgerungen und Anwendungen, und in all ihren Wechselbeziehungen zur Freiheit und zur Liebe, welche Beziehungen er vollständig verfälscht und verkehrt hat, um so vollständiger, je mehr er ihre Namen, sie für ihre Gegensätze mißbrauchend, zur Schau getragen hat.

Der Protestantismus ist insofern die radikalste und die tödlichste aller Häresien gewesen. Jede andere Häresie mochte diesen oder jenen Lehrsatz leugnen, die göttliche oder die menschliche Natur des fleischgewordenen Wortes, oder das Verhältnis des Wortes zu den anderen göttlichen Personen, oder die Gottheit selbst in ihrer schöpferischen Unabhängigkeit und in ihrer Beziehung zur Welt; aber ich sage es ohne Bedenken, wenn alle Häresien, zu einer einzigen Häresie zusammen gefaßt, so weit gingen, daß sie die sämtlichen Dogmen des katholischen Lehramtes leugneten, und zum Deismus herab sänken, ja zum Atheismus: sie wären nicht so traurig wie der Protestantismus; und der Protestantismus, wenn er alle Dogmen des katholischen Lehramtes bewahrt, dieses Lehramt selbst aber verworfen hätte: er würde um nichts weniger traurig und verderblich sein.

Warum das? Weil, wenn alle Dogmen des katholischen Lehramtes verfälscht und geleugnet wären, so lange die Lehr-Autorität selbst noch besteht und anerkannt ist, sie auch im Stande ist, den Irrtum zu rügen und zu brandmarken, und die Wahrheit zur Geltung zu bringen; das Prinzip, der Wurzelstock, wenn ich so sagen kann, steht noch fest im Boden, er kann noch anschlagen und von Neuem grünen. Aber wenn die Lehr-Autorität selbst verworfen, wenn die Wurzel des Baumes selbst gefällt ist, mag immerhin der Baum seine sämtlichen Äste bewahrt haben, dann ist das Übel unheilbar, es ist der Tod.

So hat der Protestantismus, indem er die sichtbare und lehrende Autorität des Christentums in ihrem Prinzip selbst angriff, und an die Stelle desselben das entgegen gesetzte Prinzip, die freie Forschung, erhob, mit einem einzigen Schlag die Autorität der christlichen Wahrheit selbst und der geoffenbarten übernatürlichen Ordnung getötet, welcher ohne ein gleich übernatürliches Lehramt nicht bestehen kann. Prinzipiell behaupten, es gebe für die Offenbarung keine Interpretations-Autorität von der nämlichen, d.h. Übernatürlichen, Art, und die bloße natürliche Vernunft müsse sich selbst die Wahrheiten der übernatürlichen Ordnung erklären, das heißt: die übernatürliche Ordnung verleugnen, das heißt: die Erde dieses himmlischen Erbgutes berauben. Jede Interpretation fordert eine adäquate Kenntnis ihres Gegenstandes; das Übernatürliche, welches das Wesen der Offenbarung bildet, fordert also das Übernatürliche in dem Organ seiner Interpretation, mit anderen Worten: die Offenbarung fordert sich selbst in dem Akt ihrer Erklärung.

Der göttliche Urheber der Offenbarung durfte also nicht der subjektiven Auffassung die Offenbarung preisgeben; sich selbst oder einer von ihm selbst ausgegangenen, von ihm selbst erleuchteten und gestützten Anstalt musste er die übernatürliche, zur Erklärung seiner Lehre notwendige Autorität und Erkenntnis vorbehalten. Er musste diese Anstalt in solcher Weise gründen, daß er ihr sagen konnte: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden; wie ich gesandt worden bin, so sende ich auch euch. Empfanget den heiligen Geist, unterweiset alle Völker; ich aber, ich werde bei euch sein alle Tage bis an das Ende der Welt.“ So musste der göttliche Urheber der Offenbarung handeln; so hat er gehandelt. Umso mehr musste er so handeln, als er selbst in seiner unmittelbaren Offenbarung nur eine ungeschriebene, unerklärte, gewissermaßen nur die Grundzüge enthaltende Lehre hinterlassen hatte, welche ihre ganze Entwicklung und symbolische Fassung von der durch ihre Anwendung herbeigeführten allmählichen Erklärung erwartete, wodurch er wohl uns noch deutlicher die Notwendigkeit der Kirche und das Wunder ihres Lehramtes zu erkennen geben wollte.

Luther brach also, indem er mit der Kirche brach, mit der offenbarten übernatürlichen Ordnung. Indem er für das einzige Organ ihrer Interpretation die natürliche Vernunft sich die Dinge nur dadurch erklären kann, daß sie sich dieselben begreiflich, greiflich macht, d. h. in den Bereich der Natur hinein zieht, sie des Übernatürlichen entkleidet, sie naturalisiert. So hören wir denn auch den sterbenden Luther diesen Schrei aus seiner verödeten Seele ausstoßen: „Oh, ich habe früher Alles glauben können, was mir der Papst und die Mönche sagten, und jetzt sträubt meine Vernunft sich, das zu glauben, was mir Christus sagt.“ (Alzog, Kircheng. I, 80. – Menzel, N. Gesch. d. D. II, 427)

Aber indem er den Glauben an de offenbarte übernatürliche Ordnung unterdrückte, unterdrückte Luther den Glauben an alle übernatürliche Ordnung, weil wir eine wahrhafte Kenntnis von Gott nur durch Jesus Christus haben, und eine wahrhafte Kenntnis von Jesus Christus nur durch die Kirche.

Um Alles zu sagen, Luther unterdrückte das eigentliche Prinzip alles Glaubens, indem er das ausschließende Prinzip der freien Forschung aufstellte, und er führte die Welt auf einen Abhang, der sie notwendig in den Skeptizismus, in den Naturalismus, in den Materialismus, also in das Chaos zurück stürzen musste, aus welchem das Christentum sie hervor gezogen hatte.
Und dieses Chaos in der geistigen Ordnung musste sich notwendig n der zeitlichen Ordnung wieder erzeugen, da diese nur das äußere Abbild jener ist.

Der Mensch hat von Natur keine Autorität über den Menschen, die Autorität ist nur in Gott. Nur von daher kann sie in verschiedenen Stufen auf die Erde zu den Menschen nieder steigen, und bis dahin auch muss umgekehrt der Geist des Gehorsams emporsteigen. Der Mensch ist von Gott, sagt Tertullian mit gerechtem Stolz. Also ist die Unterwerfung unter die übernatürliche Ordnung die Seele alles Gehorsams. Und, wie Herr Guizot vortrefflich sagt, sobald der Mensch aufhört, an die übernatürliche Ordnung zu glauben und unter der Herrschaft dieses Glaubens zu leben, dringt sofort die Unordnung in den Menschen und in die menschlichen Gesellschaften. Die Grundlagen der moralischen und sozialen Ordnung sind in hohem Grade und in steigendem Verhältnis erschüttert, da der Mensch aufgehört hat, im Angesicht der einzigen Macht zu leben, die ihn wirklich überragt, und ihn zugleich befriedigen und in Ordnung halten kann.

Der Sturz der Autorität in der übernatürlichen Ordnung zieht in solcher Weise den Sturz der Autorität in der gesellschaftlichen Ordnung nach sich. Der Mensch hat nun kein Recht mehr über den Menschen, und wenn er ihn beherrscht, so kann das nur durch Gewalt geschehen. Diese wird dann notwendig tyrannisch und bedrückend, um eine Unterwerfung zu erlangen, die keinen sittlichen Gegenstand mehr hat, und aufhört, freiwillig zu sein. Die Freiheit ist von ihrer Seite, da sie nicht mehr in der willigen Unterwerfung unter die Autorität und in der Wirksamkeit innerhalb der durch diese begründeten Ordnung besteht, ein bloßer Widerstand gegen eine der Autorität entkleidete Gewalt, ist bloße Auflehnung und Empörung. Die Unterordnung, die Ungleichheit der Verhältnisse und der Reichtümer verliert, da sie nicht mehr durch die göttliche Ordnung geheiligt und gerechtfertigt ist, den vernünftigen Grund ihres Bestehens. Die Gleichheit der Natur, sich selbst überlassen, zieht die allgemeine Gleichheit der Rechte nach sich. Der Sozialismus, welcher die Befriedigung dieser Rechte nach den Fähigkeiten regeln will, ist selbst zu sozial, und der wildeste Kommunismus ist das konsequente Ergebnis, bei welchem die von der Autorität abgelöste Welt anlangen muss. Wenn noch dasjenige, was von Christentum in der Seele der heutigen Völker übrig ist, nachdem man ihr das Prinzip der Autorität entzogen hat, diese schrecklichen Konsequenzen zu mäßigen, im Stande wäre! Aber gerade umgekehrt, es dient nur dazu, diese Konsequenzen zu nähren durch das Gefühl der Größe, welches das Christentum unserer Natur tief eingegraben hat, (und welches den neueren Staaten das große Hilfsmittel der Sklaverei, in der das heidnische Altertum lebte, nicht gestattet), und durch die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und menschliche Brüderlichkeit, welche, seitdem der Glaube aufgehört hat, ihnen Maß und Richtung zu geben, eben so verderblich werden, wie sie wohltätig sein sollten, das Hilfsmittel zum Gift machen, und selbst die Macht des Himmels in die Hände der Hölle legen, um die Erde zu verwüsten.

Das sind die Früchte, welche das Prinzip des Protestantismus früh oder spät tragen musste; es war nur eine Frage der Zeit; und diese Früchte würde es augenblicklich getragen haben, wäre nicht der Protestantismus, um selbst zu leben, zur Inkonsequenz gezwungen gewesen. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 106 – S. 111

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