Luther legte sich Unfehlbarkeit bei

Der Erzketzer Luther legte sich Unfehlbarkeit bei

Luther erklärte seit seinem ersten Auftreten seine Sache für die Sache Gottes; alle seine Behauptungen wollte er als ausgemachte Wahrheiten angesehen wissen, von welchen er nie ablassen könne. (1)

Als er am 11. November 1517 die ersten Ablass-Thesen seinem Freund Johannes Lang überschickte, schrieb er: man werfe ihm Unbesonnenheit, Stolz und Verdammungs-Sucht vor, aber ‚ohne Stolz oder wenigstens einen Anschein von Stolz und Streitsucht könne nichts Neuer hervor gebracht werden‘. Hierfür berief er sich auf das Vorbild Christi und der Märtyrer. ‚Warum sind Christus und alle Märtyrer getötet worden, warum haben sich die Lehrer Neid zugezogen, wenn nicht etwa deshalb, weil sie als stolze Verächter der alten weit berühmten Weisheit oder Klugheit angesehen wurden, oder weil sie ohne Hinzuziehung derer, die des Alten kundig waren, jenes Neue vorbrachten?‘ (2) Er lehrte ‚die reinste Theologie‘, die freilich den heiligsten Juden ein Ärgernis und den weisesten Griechen ein Torheit sei: alles, was er besitze und was von den Gegnern bekämpft werde, habe er von Gott empfangen. (3)

Erklärte Luther so von Anfang an sein neues Evangelium von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, ohne gute Werke, und von der Unfreiheit des menschlichen Willens für vollkommen gleichbedeutend mit der christlichen Wahrheit, so faßte er offenbar seine während der ersten Jahre des Streites noch wiederholt ausgesprochene Erklärung, er wolle sich dem Papst und der Kirche unterwerfen, nur in dem Sinne auf, daß die Kirche seine persönlichen Ansichten als die richtigen anerkennen und sich zu seinem neuen Evangelium bekehren solle. Darum konnten auch weder die mit Luther gewechselten Streitschriften, noch die Unterhandlungen, welche Kardinal Cajetan im Auftrag des Papstes mit Luther im Oktober 1518 zu Augsburg pflog, noch die schwachmütigen Versuche des Unterhändlers Karl von Miltitz zu irgend einem Ziel führen. In der Erwartung, daß ihn der kirchliche Bann treffen werde, hatte Luther schon am 16. Mai 1518 eine Predigt über die Kraft des Bannes gehalten, worin er im Gegensatz zu der katholischen Lehre ein neues Kirchenprinzip aufstellte, nämlich daß die wesentliche Gemeinschaft der Kirche keine sichtbare, sondern eine unsichtbare sei, von der man nicht durch den Bann, sondern nur durch Sünde geschieden werden könne. (4)

Die vorgefaßte Meinung, daß er von Gott berufen sei, die seit den Tagen der Apostel verfälschte und verunstaltete wahre Hauptlehre des Christentums von neuem zu verkünden, führte Luther bald zu der Erklärung: ‚Ich will meine Lehre ungerichtet haben von Jedermann, auch von Engeln; wer meine Lehre nicht annimmt, mag nicht selig werden.‘ (5) Sie führte ihn zugleich zu dem bei den Husiten und andern Irrlehrern des 15. Jahrhunderts längst gebräuchlichen Satz (6), daß der Papst der Antichrist sei und die Kirche in einer babylonischen Gefangenschaft schmachte.
Die beiden Sätze, daß ihm seine Lehre von Gott in besonderer Berufung mitgeteilt worden und die allein seligmachende sei, und daß der Papst der Antichrist sei, wurden bei Luther fixe Ideen, welche fortan sein ganzes Leben und Wirken beherrschten. (7)

Am 11. Dezember 1518 überschickte Luther einem Nürnberger Freund seine mit dem Kardinal Cajetan in Augsburg gepflogenen Verhandlungen mit dem Bemerken: ‚Die Feder geht mir schon mit weit größeren Dingen um. Ich werde dir meine Kleinigkeit schicken, damit du sehen kannst, ob ich mit Recht vermute, daß der wahre Antichrist, nach Paulus, am römischen Hofe herrsche; daß dieser gegenwärtig noch schlimmer sei als der Türke, glaube ich beweisen zu können.‘ (8) ‚Der römische Hof‘, schrieb er am 21. Dezember 1518 an Spalatin, ‚kämpft mit so vielen Ungeheuren gegen Christus und seine Kirche, daß er die Tyrannei aller Türken übertrifft‘, und am 13. März 1519: ‚Ich sage dir im vertrauen, ich weiß nicht, ob der Papst der Antichrist selbst ist, oder dessen Apostel.‘ (9) Im Mai desselben Jahres versicherte er: nur des Kurfürsten von Sachsen und der Universität wegen unterdrücke er noch manches, was er, wäre er anderswo, ‚gegen Rom, besser Babylon, die Verwüsterin der heiligen Schrift und der Kirche, ausspeien‘ würde. (10)

So war schon seine Gesinnung, als er im Juni und Juli 1519 mit Johann Eck die bekannte Disputation in Leipzig abhielt.

Anmerkungen:

(1) Walther, Für Luther wider Rom 64ff u. 78ff polemisiert zu dieser Stelle gegen die Anschauung katholischer Schriftsteller, daß Luther sich Unfehlbarkeit beilege und daß er sich auf eine besondere Offenbarung berufe. Aber die Sache läßt sich doch einmal nicht abstreiten. Auch der wissenschaftlich begabteste Schüler Luthers, Melanchthon, hat den Meister so verstanden, wenn er in einer Schrift von 1521, die als seine ‚erste reformatorische Schrift‘ gefeiert wird, mit voller Überlegung die Unfehlbarkeit Luthers proklamiert; vgl. Lauchert 190 194.
(2) Bei de Wette 1, 72-73. ** Enders 1, 125-126.
(3) Am 21. August 1518 an Spalatin. Bei de Wette 1, 129 (vgl. 6, 537 Anm.5) und 132, ** Enders 1, 211 und 218-219.
(4) Bei de Wette 1, 130. ** Weimarer Ausgabe 1, 638ff. Über den in Rom 1518 gegen Luther eingeleiteten kanonischen Prozess vgl. K. Müller, Luthers römischer Prozess, in der Zeitschrift für Kirchengeschichte 24 (1903), 46-85. … Es wird wohl dabei bleiben, daß Miltitz nur beauftrag war, die Gesinnungen des Kurfürsten von Sachsen auszuforschen und von ihm die Auslieferung Luthers zu erlangen zu suchen, daß er aber die Vermittlungs-Verhandlungen mit Luther eigenmächtig aus Wichtigtuerei ins Szene setzte, ohne irgendwie dazu ermächtigt zu sein; nach Kalkoff a. a. O. 15 wurde er von dem Kurfürsten ‚auf die schiefe Ebene der Vollmachts-Überschreitung gelockt‘. Miltitz ertrank 1529 bei Groß-Steinheim und ward im Kreuzgang des Mainzer Domes begraben.
(5) Sämtl. Werke 28, 144.
(6) Vgl. unsere Angaben Bd. 1 (1913) S. 792: „Die ‚Böhmischen Brüder‘, welche mehrere ihrer acht voneinander abweichenden ‚Glaubensbekenntnisse‘ in Nürnberg und Leipzig drucken ließen und für eine weite Verbreitung ihrer Lehren in Deutschland tätig waren, verwarfen allen unterschied zwischen Priestern und Laien, bezeichneten den Papst als den Antichrist, die römische und somit die katholische Kirche als eine Vereinigung von Lotterbuben und Lügnern, welche unablässig vom Teufel beeinflußt würden.“
(7) Über Luthers Anschauung vom Papst als Antichrist in ihrer Entwicklung und Vollendung vgl. H. Preuß, Die Vorstellungen vom Antichrist (Leipzig 1906) 83-182. Der selbst auf dem Standpunkt des altprotestantischen Fanatismus stehende Verfasser bietet eine vollständige Zusammenfassung des Materials für die Entwicklung von Luthers Anschauungen… Angesichts der im Text gleich anzuführenden Äußerungen Luthers schon aus dem Dezember 1518 betont Paulus, Luthers Stellung zum Papsttum in den ersten Monaten des Jahres 1519, im Katholik 1899, 1, 476-480, gegenüber Brieger mit Recht, ‚daß Luther schon Mitte 1518 auf demselben Punkt stand, und daß also bei ihm bezüglich seiner Stellung zum Papsttum in den ersten Monaten des Jahres 1519 eine fortschreitende innere Entwicklung nicht stattgefunden hat‘. ‚Ecks Auftreten war bloß für ihn ein Anlass, die papstfeindliche Gesinnung, die er schon längst im Innern des Herzens hegte, offener als bisher auszusprechen‘ (S. 479).
(8) Bei de Wette, 1, 192 ** Enders 1, 316. Vgl. Preuß 103f.
(9) Bei de Wette 1, 200 239. ** Enders 1, 333 u. 450. Vgl. Preuß 105. Zehn Tage vorher hätte er, wie man früher im vertrauen auf die Überlieferung annahm, noch an den Papst geschrieben: er bezeuge ‚vor Gott und allen Kreaturen‘, daß er ’niemals den Willen gehabt, die römische Kirche anzurühren‘, daß er ’nichts ihr vorziehe im Himmel und auf Erden‘. Von diesem in den Drucken vom 3. März 1519 datierten Schreiben Luthers an Leo X. (bei de Wette 1, 233-235. Enders 1, 442 bis 445) hat aber Brieger in der Zeitschrift für Kirchengeschichte 15 (1895), 208ff nachgewiesen, daß dasselbe vielmehr Anfang Januar 1519 abgefaßt, aber allem nach Entwurf geblieben und nie abgesandt worden ist. Vgl. dazu Paulus im Katholik 1899, 1, 476ff. Merkle 49ff. Pastor Gesch. der Päpste 4, 1, 262f.
(10) Bei de Wette 1, 260. –
aus: Johannes Janssen, Zustände des deutschen Volkes, Bd. 2, Die Revolutionspartei und ihre Erfolge bis zum Wormser Reichstage von 1521, besorgt von Ludwig von Pastor 1915, S. 108 -S. 111

Category: Irrlehren, Janssen
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