Der Geist des Pilatus der Liberalismus

In der Mitte steht der halb entblößte und schwer mißhandelte Jesus, mit Dornenkrone und einem Rohr in der Hand, die Hände gebunden, von einem Schergen am Seil geführt, links steht Pilatus und zeigt auf den Herrn, im Hintergrund sieht man römische Soldaten

Im ersten Stock eines Hauses steht Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupt und Rohr und dem Rohr in der Hand, die Arme als Gefangener über Kreuz gebunden, Pilatus zeigt auf ihn; unten stehen die Mitglieder des Hohen Rates der Juden und halten ihre Arme gegen Christus, den Kopf abgewendet von ihm, einer links zeigt auf ihn und scheint etwas zu Pilatus zu sagen

Der Geist des Pilatus – der Liberalismus

Nach gewöhnlicher Ansicht ist Mitternacht die Geisterstunde. Allein heut zu Tage sind auch die Geister liberal geworden, und halten sich nicht mehr so streng an ihre Regeln und spuken daher bei helllichtem Tage; nur die Freimaurer „tagen“ bei der Nacht im Geheimen. Dagegen treibt der Geist, dem allda die Rede ist, der Geist des Pontius Pilatus, der Liberalismus, sein Gewerbe bei helllichtem Tag in öffentlichen Schulen und Ämtern. Um so gefährlicher aber ist er und wirkt er. Erstlich ist der Pilatusgeist ein Muttermörder. Die katholische Kirche, unsere Mutter, hat uns zum Leben eines Kindes Gottes aus Wasser und dem heil. Geist wiedergeboren. Sie hat darum mehr als jede leibliche Mutter das Recht, von ihren Kindern alle Ehrfurcht und Achtung und Gehorsam und Liebe und Dank zu fordern. Und wir Katholiken alle haben die Pflicht, gegen sie, die katholische Kirche, unsere Mutter im Glauben, das vierte Gebot ebenso und noch mehr zu erfüllen, als gegen unsere leibliche Mutter. Und gehst du beichten, mußt du dich ebenso wohl erforschen, ob du den Eltern und weltlichen Obrigkeiten, als ob du der katholischen Kirche, als der geistlichen Obrigkeit gefolgt hast. Das steht in jedem Katechismus beim vierten Gebot.

Aber es steht auch in jedem Katechismus, was es für eine naturwidrige, abscheuliche Sünde sei, wenn ein Kind seiner Mutter sich schämt, über sie spottet, wie Cham über seinen Vater, und wenn es ihr durch Ungehorsam Kummer und Sorge macht…
Nun was sind denn diese liberalen zwitterhaften Halbkatholiken anders, als solche ungeratene Kinder ihrer Mutter, der katholischen Kirche? … Sie halten an Lehren und Grundsätzen fest, welche die Kirche ausdrücklich als Lügen brandmarkt und wovor sie alle ihre Kinder warnt… Der heil. Vater hat über den Franzosen, von dem oben … die Rede war, gesagt: „Ein solcher Mensch tut heute etwas und morgen das gerade Gegenteil. Ich habe es schon mehr als vierzigmal gesagt und sage es wieder: Was ich fürchte, ist diese unglückliche Politik, dieser katholische Liberalismus, ja dieses Schaukelspiel, das die Religion vernichten wird.“ –

Sodann hat der Pilatusgeist das Hinfallende. Schaut man so einem liberalen oder halben Katholiken auf den Grund, so verrinnt er dir fast vor lauter Weichheit. Es sind feige, entnervte Seelen, welche keine Kraft und keine Selbständigkeit haben, die zu faul sind, selber zu denken …; immer hat der Letzte, der mit ihnen redet, recht…

…der Pilatusgeist fährt zum Teufel. Christus hat gesagt: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.“ – Demgemäß steht jeder Mensch entweder im Feldlager Christi oder im Feldlager des Teufels und seines Anhanges. Einen Mittelort gibt es nicht. Die Unschuldigen und Büßer, also die Leute, die entweder nie schwer gesündigt haben, oder wenn sie gesündigt haben, ernste Buße üben und Besserung suchen, die stehen auf Christi Seite. Alles andere ihm gegenüber. Jetzt läuft so ein halbseitiger Katholik daher und sucht auch einen Ort. Er möchte nicht Jud und Türk und Heid sein; aber es ganz und ernst mit Christus und der Kirche halten, will er auch nicht. So meint er in der goldenen Mitte bleiben zu können. Aber die gibt es nicht: „Mit mir oder gegen mich“, so hat Christus gesagt. Der Teufel freilich, der nimmt auch mit einer halben Seele vorlieb; weiß er ja, er bekommt sie ohnehin einmal ganz. So sitzt der liberale Katholik zwischen zwei Stühlen auf dem Boden und wird von jeder Seite verlacht, verspottet, gequält und schließlich als unbrauchbares faules Holz ins ewige Feuer geworfen zu Pontius Pilatus.

Hast du Lust, Freund Leser! mitzugehen? – Ja oder nein? – Wenn nicht, dann musst du ein ganzer Katholik werden, und sein und bleiben, bis man dir das Zügenglöcklein läutet. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit, II. Band, Dritter Teil. Warnungstafeln, 1884, S. 85 – S. 89

Bildquellen

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  • Hattler Pilatus Ecce Homo: Bildrechte beim Autor

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