Das Verhältnis Kaiser Joseph II. zu Pius VI.

Die Reise von Papst Pius VI. nach Wien zu Kaiser Joseph II.

Während der Kaiser mitten in seinem reformatorischen Eifer begriffen war, fehlte es nicht an Vorstellungen, welche ihn auf die bedenklichen Folgen seiner Unternehmungen aufmerksam machten. (Siehe den Beitrag: Folgen des Josephinismus für Kirche und Staat) Außer dem oben genannten Kardinal Migazzi, Erzbischof in Wien, und Kardinal Batthyanyi, Erzischof in Gran, deren Vorstellungen unbedingt zurück gewiesen wurden, hatte der Kurfürst und Erzbischof Clemens Wenzeslaus von Trier in einer besonderen Zuschrift ihn ernstlich gewarnt. Auf wahrhaft rücksichtslose Weise erhielt er dafür die Antwort: „Wenn es in der Ordnung sei, daß der Kurfürst, der das Brot der Kirche esse, gegen alle Neuerungen protestiere, so habe der Kaiser, der das Brot des Staates esse, die ursprünglichen Rechte des letzteren zu verteidigen und zu erneuern.“

Wem aber dieses rücksichtslose Verfahren des Kaisers am meisten Schmerz verursachte, das war der heilige Vater Pius VI. Auf eine Note, welche der päpstliche Nuntius Garampi am 12. Dezember 1781 an den Fürsten Kaunitz richtete, folgte von diesem eine höchst zweideutig gehaltene Widerlegung. Selbst ein eigenhändiger Briefwechsel zwischen Papst und Kaiser vermochte nichts zu ändern. Von einer persönlichen Zusammenkunft einen besseren Erfolg erwartend, machte der Papst dem Kaiser die briefliche Mitteilung, daß er eine mündliche Besprechung mit ihm wünsche und ihn deshalb an seinem Hof zu besuchen gedenke. Die vom 11. Januar 1782 hierauf erfolgte Antwort des Kaisers enthielt sowohl eine indirekte Ablehnung als auch die Versicherung von der Nutzlosigkeit des päpstlichen Entschlusses. Trotz dieser und trotz der Abmahnung mehrerer Kardinäle unternahm der Papst eine Reise nach Wien, welche einem wahren Triumphzug glich. Joseph selbst war ihm mit seinem Bruder, dem Erzherzog Maximilian, einige Meilen entgegen gefahren und führte ihn am 22. März zu Wien ein. Alles war daselbst für den hohen Gast begeistert, und während seiner vierwöchentlichen Anwesenheit war der Zudrang von Fremden so groß, daß man sogar Mangel an Lebensmitteln befürchtete. Die Feier der Karwoche und des Osterfestes bot dem Papst Gelegenheit, jene wunderbare Macht und Würde zu entfalten, mit welcher das Oberhaupt der Kirche unwiderstehlich zur Anerkennung seiner göttlichen Einsetzung nötigt.

Der Kaiser ließ es seinerseits an keiner Ehrenerweisung gegen seinen hohen Gast fehlen, lehnte aber jede Unterhandlung über kirchliche Angelegenheiten ab und erklärte dem Papst in einer Kabinettsberatung: er sei zu wenig Theologe und Kanonist, um mündlich unterhandeln zu können, er bitte deshalb um schriftliche Vorlage der Beschwerden, die er dann durch seinen Kanzler ausführlich beantworten und nötigenfalls zur Belehrung seiner Untertanen durch den Druck bekannt machen wolle. Das Einzige, was zu Stande kam, war die Aufnahme der früheren Unterhandlungen durch den Nuntius Garampi und im Namen des Kaisers durch den Kardinal Herzan. Bei dieser Gelegenheit erhielten die ungarischen Bischöfe vom Kaiser die Erlaubnis, verschiedene Gewissensfragen dem Papst vorzulegen. Sie betrafen hauptsächlich die Dispensation in Ehesachen und die Auflösung der Klostergelübde. In Betreff der ersteren erteilte ihnen nun der Papst die Fakultät zur Dispensation vom dritten und vierten Grad auf unbestimmte Zeit, erklärte aber, die Befugnis zur Auflösung der Ordensgelübde könne er nicht erteilen und gab ihnen über den letzteren Punkt passende Verhaltens-Maßregeln.

Ein Zeichen von zu großer Gutmütigkeit des Papstes war die vor seiner Abreise in einem öffentlichen Konsistorium gehaltene Lobrede auf den Kaiser, welche dieser zum Beweis seiner Rechtgläubigkeit alsbald unter dem Volk verbreiten ließ. Ebenso unvorsichtig war von ihm die beifällige Beantwortung der Frage des Kaisers, ob er in seinen Verordnungen irgend etwas die Glaubenslehre Verletzendes gefunden, und ob dieselben nicht vielmehr sämtlich nur die Kirchendisziplin beträfen; hierfür musste er sich die verletzende Bemerkung gefallen lassen: „So bin ich also doch kein Ketzer, wie man in Rom behauptet hat!“

Die Abreise des Papstes erfolgte den 22. April 1782, und Joseph begleitete ihn eine Meile weit bis zur Kirche von Mariabrunn. Vor und während der Anwesenheit des Papstes zu Wien wurde die Presse auf eine schamlose Weise dazu benutzt, den heiligen Vater zu kränken und in den Augen des Volkes verächtlich zu machen. Rautenstrauch, Eybel und Konsorten sprachen in Flugschriften auf die verletzendste Weise über den Primat, sowie über Kirchen-Zeremonien, Ablässe, geistliche Orden u. dgl. Wahrhaft misshandelt wurde aber der Papst vom Minister Kaunitz, der sich bübische Ausgelassenheiten gegen den heiligen Vater erlaubte.

Fünf Wochen nach der Abreise des Papstes (30. Mai 1782) wurde durch ein kaiserliches Edikt das Ergebnis der Unterhandlung zwischen Garampi und Herzan bekannt gemacht. Nach demselben sollte es bei den früheren Verordnungen verbleiben; nur hinsichtlich des Placets wurde die Erklärung gegeben, daß es auf Bullen dogmatischer Inhaltes bloß insoweit in Anwendung komme, als notwendig sei, sich zu vergewissern, daß nicht noch andere als dogmatische Artikel darin enthalten seien. Die vom Papst den Bischöfen erteilte Fakultät für Ehedispensen wurde genehmigt und den neu erwählten Ordens-Provinzialen erlaubt, durch den kaiserlichen Minister in Rom dem Ordensgeneral ihre Wahl einfach anzuzeigen. Zudem musste der Papst noch erfahren, wie der Kaiser in Aufhebung der Klöster und Einziehung ihrer Güter fortfahre. Er machte ihm deshalb darüber in einem Brief vom 3. August bittere Vorwürfe. Joseph stellte in seinem Antwortschreiben die Wahrheit der Gerüchte, durch die sich der Papst beunruhigen lasse, in Abrede und gab ihm unzweideutig zu verstehen, daß er sich an seine Vorstellungen nicht kehre.

Des ungeachtet schien Pius den Schmerz über das Betragen des Kaisers in sich verbergen zu wollen, denn am 23. September 1782 berichtete er in einem Konsistorium über seine Reise und überhäufte dabei den Kaiser mit den schmeichelhaftesten Lobsprüchen. Dafür musste er bald hören, wie der Kaiser das erledigte Bistum Mailand eigenmächtig besetzt habe, obwohl das Besetzungsrecht dem heiligen Stuhl zustand. Der Papst protestierte gegen diese Gewalttat in einem Breve; dasselbe aber sandte man ihm mit dem höhnischen Beisatz zurück, dieser angebliche Brief Sr. Heiligkeit müsse von jemandem herrühren, der die zwischen beiden Höfen bestehende Eintracht zu stören beabsichtige. In den wegwerfendsten Äußerungen über „den Bischof von Rom“ drohte Kaunitz mit einem förmlichen Bruch.

Der Hass des Kaisers gegen Rom ward noch gemehrt durch die Breven, welche Pius an die belgischen Bischöfe auf ihre Anfragen über das Verfahren bei gemischten Ehe richtete. Ganz unerwartet erschien er (23. Dezember 1783) in Rom vor dem Papst, vorgeblich zu dem in Wien versprochenen Gegenbesuch; allein in einer vertraulichen Unterredung mit dem spanischen Geschäftsträger, Ritter Azara, teilte er diesem seinen bereits festen Entschluss mit, die Kirche seiner Staaten von Rom los zu reißen und eine österreichische Landeskirche nach Art der englischen Hochkirche zu gründen; bereits hätten ihm 36 Bischöfe ihre Zustimmung dazu gegeben. Aber der spanische Geschäftsträger dachte in dieser Sache anders als der Kaiser und unterließ es nicht, ihn auf die Schwierigkeiten sowie auf die gefährlichen Folgen seines Unternehmens aufmerksam zu machen. Nach dieser Unterredung gab daher der Kaiser den Gedanken an einen gewaltsamen Bruch mit Rom auf, und in persönlicher Unterhandlung mit dem Papst und dem Kardinal Bernis wurde der Streit über das Ernennungsrecht zu den lombardischen Bistümern und Pfründen dahin geschlichtet, daß ihm dasselbe in Form eines päpstlichen Indults eingeräumt wurde. Seit dieser zweiten Reise nach Rom wurde seine Handlungsweise gegen den Papst etwas schonender und rücksichtsvoller als früher. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 6, 1889, Sp. 1856 – Sp. 1859

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