Raub von Christen durch Barbaresken

Der Raub von Christen durch Barbaresken

Im Mittelalter bildeten sich, während in Europa durch den christlichen Geist die Sklaverei aufgehoben wurde, im nördlichen Afrika Barbaresken oder Raubstaaten, welche die christlichen Küsten plünderten, Schiffe der Christen kaperten und die Gefangenen zu Sklaven machten. Großartige Privatbemühungen zur Loskaufung dieser unglücklichen Christen, Aufopferungen frommer Bischöfe, Verwendung von Kirchengüter als Lösegeld etc. hatten nur partielle wohltätige Folgen.

Universellere Hilfe schaffte der um‘ s Jahr 1200 entstandene Orden der Mathuriner oder Trinitarier, der bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Einen ganz ähnlichen Orden wie den der Mathuriner gründete 1223 der hl. Petrus Nolascus für Spanien unter dem Namen „der hl. Jungfrau von der Gnade (Maria de mercede)“ für Loskaufung christlicher Gefangenen aus mohammedanischer Sklaverei, und dieser höchst wohltätige Orden blühte bis im Jahr 1835, wo die spanische Regierung unter der Königin Christine seine Besitzungen einzog. Seitdem hat er nur mehr wenige Häuser in Italien, Sizilien und Amerika.

Endlich gedachten auch die weltlichen Gewalten der Sklaverei der Christen in Afrika ein Ende zu machen, und schon im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich hierzu eine heilige Allianz, nicht ohne Erfolg. Ebenso wurden hundert Jahre später (1389) die Barbaresken von den vereinigten Engländern, Franzosen, Genuesen und Venetianern gezüchtigt, noch mehr zwischen 1506 bis 1509 durch Ferdinand den Katholischen; doch hörten die Räubereien, von der Türkei unterstützt, nicht auf.

Der mächtige Kaiser Karl V. hätte vielleicht dem Unwesen ein Ende gemacht, aber zuerst hemmte ihn die Eifersucht der Franzosen, und nachmals zerstörte ein Orkan 1541 seine Flotte. Seit dieser Zeit schämten sich die christlichen Staaten Europa‘ s nicht, Verträge mit den Raubstaaten abzuschließen, um dadurch ihre Untertanen vor Sklaverei zu sichern, und sogar Tribut zu zahlen. Aber wiederholt mussten sie auch erleben, daß solche Verträge von den Räubern wieder gebrochen wurden, worauf dann nicht selten englische Flotten durch einen Kanonenregen Haltung der Versprechen zeitweilig erzwangen, so besonders im Jahre 1816. Noch mehr wirkt die Eroberung eines der Hauptraubstaaten, nämlich Algiers, durch die Franzosen seit 1829; aber noch neuestens kommen vereinzelt Fälle vor, wo „Riffpiraten“ europäische Schiffe kapern und die Gefangenen festhalten, um für sich Vorteile zu erzwingen.

An der langen Fortdauer der weißen Sklaverei waren die christlichen Staaten selbst schuld, da sie mit den Raubstaaten nicht bloß Verträge abschlossen, sondern auch Menschenhandel trieben und dadurch die Sklaverei begünstigten. Es wurde Gleiches mit Gleichem vergolten. Die Christen hielten es nicht für unerlaubt, Türken und Araber, Neger und Indianer als Sklaven zu gebrauchen. In Spanien und Portugal, Genua und Neapel, ja selbst in Rom, wenn die Angaben Bertolottis in der Rassegna settimanale (1879) richtig sind, gab es noch Sklaven bis ins 17., vereinzelt bis ins 18. Jahrhundert, und die Engländer vermittelten bis in die neueste Zeit den Negerhandel (Assiento) zwischen Afrika und Amerika.

Moraltheologisch wurde die Sklaverei als persönliche Dienstbarkeit unter den Begriff des Eigentums gestellt; als Rechtstitel galten Gefangenschaft in einem gerechten Krieg, Verkauf der eigenen Freiheit, Geburt in der Sklaverei und Verlust der Freiheit infolge eines Verbrechens. Ehe man diese Rechtfertigung als ein „Zeichen des unchristlichen und unhumanen Geistes der römischen Kirche“ verurteilt, sollte man bedenken, daß die servi der angeführten Art tatsächlich nichts Anderes waren als lebenslängliche Dienstboten, die um Kost und Kleidung dienten (vgl. Bonacossa, De servis, Venet. 1575), und daß manche moderne Arbeitsordnungen die Menschen nicht besser stellen als die Sklaverei, daß namentlich auf norddeutschen Gütern noch heute eine Hörigkeit blüht, die schlimmer ist als die mittelalterliche, und daß nur mit Hilfe des Zentrums in dem neuen bürgerlichen Gesetzbuch eine Bestimmung fortblieb, die es gestattete, sich auf Lebenszeit zu verdingen. Sich für die ganze Lebenszeit zu verdingen, war seither in Norddeutschland möglich; was ist aber das der Sache, wenn auch nicht dem Namen nach Anderes als Sklaverei? –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 11, 1899, Sp. 412 – Sp. 414

Fortsetzung: Unchristlicher Sklavenhandel nach Amerika

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