Überwindung der Gnosis und Glaubensbekenntnis

Die Überwindung der Gnosis – Das älteste Glaubensbekenntnis

Die Gnosis (siehe den Beitrag: Die Irrlehre des Gnostizismus) war der schlimmste Gegner, der gegen das wahre Christentum der alten Zeit aufgestanden ist. Das Dämonische, das letzthin hinter der gnostischen Bewegung steckte, spricht Reinhold Seeberg in den Worten aus: „Der Erfolg Christi hatte Simon auf den Gedanken geführt, ihm Konkurrenz zu machen. Das wurde je länger, desto mehr unmöglich. Das sieghafte Vordringen Christi war nicht aufzuhalten; ging es nicht wider Christus, so versuchte man es nun mit Christus.“ (R. Seeberg, Lehrbuch der Dogmengeschichte I (1920), 286) Es ist derselbe Gedanke, den Irenäus in die Worte kleidet: „Christi Jesu Namen führen sie bloß betrügerisch im Munde. Simons Gottlosigkeit bringen sei auf mannigfache Weise vor und morden viele, indem sie unter guter Flagge falsche Lehre führen und unter dem süßen und holden Namen Jesu das böse und bittere Gift der Schlange den Menschen darreichen.“ (Ir., Adv. Haer. I, 27, 4) Beide nennen hier den in der Apostelgeschichte 8, 9ff erwähnten Simon Magus, den „Erzvater aller Häretiker“, des „Teufels Sprachrohr“, wie ihn Irenäus tituliert (Ib., I 27, 3), als den frühesten Vertreter der Gnosis. Beide betonen, daß es sich bei der Gnosis um heidnischen Irrwahn im christlichen Gewand handelte, daß von den Gnostikern der Name Christi missbraucht wurde, um der heidnischen Ideenwelt zum Siege zu verhelfen.

Tatsächlich finden sich im System des Simon Magus, des bereits um das Jahr 60 n. Chr. Auftretenden samaritanischen Pseudomessias, schon die wesentlichen Elemente, die in der im 2. Jahrhundert zu stärkster Bedeutung anwachsenden gnostischen Bewegung in den verschiedensten Abarten erscheinen: ein christlich-verbrämter, aus babylonisch-chaldäischer Astrologie und syrisch-phönizischen kosmogonischen Mythen entstandener orientalischer Synkretismus auf dualistischer, parsistisch-spätplatonischer Grundlage, verbunden mit Zauber- und Sühneriten aus Mysterienkulten und hellenistischer Spekulation über die als von der Gottheit ausgehend gedachten Aeonen. Das ganze gab sich als höhere Form des Christentums aus im Unterschied zu der schlichtgläubigen Form des einfachen Gemeinde-Christentums.

Was sich bei Simon Magus und dem von ihm beeinflußten Antiochener Menander, deren beider Wirken in die Zeit von 50-90 fiel, erst in den Anfängen zeigte, erhielt bei den eigentlichen Gnostikern des 2. Jahrhunderts: Satornil (um 110 in Antiochien), Menanders Schüler Basilides (120-145 in Alexandrien), dem Alexandriner Valentin, der zwischen 135-160 in Rom auftrat, dessen zahlreichen Schülern im Abendland und Orient, ferner bei den gnostischen Gruppen der Barbelognostiker, Ophiten, Kainiten, Sethianer, Karpokratianer u. a. immer ausgeprägtere Züge. Der Dualismus wurde in die Offenbarungs-Bücher getragen und das Alte Testament in scharfen Gegensatz zum Neuen Testament gestellt. Auch bei dem bedeutendsten und einflußreichsten Häretikern des 2. Jahrhunderts, dem um 85 zu Sinope im Pontus geborenen Marcion, der 139 als reicher Schiffsherr nach Rom kam, sich der dortigen katholischen Gemeinde anschloss, aber schon im Jahre 144 unter dem Einfluss des syrischen Gnostikers Kerdo seine eigene Sektenkirche auftat, zeigen sich gnostische Züge: die dualistische Grundtendenz, die Verwerfung des Alten Testamentes und der ethische Rigorismus. In der besonderen Form, die der um 215 in Babylonien geborene Perser Mani der gnostischen Ideenwelt gab, hat sich die Gnosis als Manichäismus bis nach China im Osten und bis Nordafrika in südlicher und westlicher Richtung hin ausgebreitet und ist noch in späteren mittelalterlichen Jahrhunderten Ausgangspunkt für eigene Häresien, wie der Paulizianer, Bogumilen und Katharer, geworden.

In der Gnosis wurde der Sinn des Erlösungs-Gedankens verbogen. Nicht die Erlösung der Seele von der Sünde als Schuld und Beleidigung Gottes, sondern die Erlösung des Geistes aus dem Gebundensein an die sinnliche Materie mit ihren notwendig wirkenden Trieben und Begierden war das Anliegen der Gnosis. Diese Erlösung wurde erstrebt auf dem Wege der Erkenntnis der geheimnisvollen kosmischen Zusammenhänge in Verbindung mit reinigenden Sühne- und Zauberriten. Aber nicht nur der Erlösungs-Gedanke, sondern auch der Glaube an Christus, die Lehre von der Gnade und der übernatürlichen Seinsordnung erhielten in den rund dreißig verschiedenen gnostischen, in phantastischen Kosmogonien ausgebauten Systemen einen ganz anderen Inhalt.

Der Gottesbegriff wurde meist pantheistisch gefaßt. Aus der Entfaltung des lichten Urgottes entstand durch Emanation die Welt der Aeonen, der Geister, die umso unvollkommener waren, je weiter sie in ihrem Ursprung von einander sich vom göttlichen Urlicht entfernten, bis schließlich ein Teil der vom Urlicht weit entfernten Geisterwelt mit den aus dem Urbösen emanierten Elementen eine Verbindung einging und nunmehr ein Teil der göttlichen Lichterwelt gebunden ist in der sinnlichen Materie. Einer der niedersten Aeonen, der Gott des Alten Testamentes, der Demiurg, ist der Gestalter dieser sichtbaren Welt, in der die von der Gottheit ausgegangenen Lichtfunken an die wegen ihres Ursprungs böse Materie gefesselt sind. Christus, einer der höchsten Aeonen, stieg herab zur sichtbaren Welt, ging eine scheinbare Verbindung mit der bösen Materie ein und zeigte der in den Fesseln der Materie gebannten und seufzenden Geisterwelt den Weg, wie sie durch Erkenntnis dieser Weltzusammenhänge durch strengste Aszese, durch mystische Zauberformeln, Reinigungsriten und sakramentale Weihen zur Erlösung von der Materie kommt. Da die Sinnlichkeit als Auswirkung der Bindung an die Materie der Grund des Bösen im Menschen ist, kommen die Somatiker und Hyliker, die große Masse der Menschheit, in denen das sinnliche Element überwiegt, zu keiner Erlösung, sondern gehen zugrunde; die Psychiker, die einfachen Gläubigen, können erlöst werden; den Pneumatikern oder Gnostikern ist wegen des Überwiegens des göttlichen, pleromatischen Elementes das Durchdrungen werden vom Geist natürlich und die Erlösung sicher. (siehe auch den Beitrag: Die gnostische Bedeutung der Zahl 888)

Mit der alle Grundlagen des Christentums bedrohenden gnostischen Bewegung haben die anti-gnostischen Lehrer der Kirche, besonders Irenäus, Tertullian und Hippolyt, im ausgehenden 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts schwer gerungen. In diesem Ringen entfaltete sich der christliche Glaube, und wurde für manche Lehren eine wissenschaftlich schärfere Ausdrucksweise gefunden. (1) In diesem Ringen hat der große Irenäus, den Tertullian als den „unermüdlichen Erforscher aller Lehrsysteme“ bezeichnet, die erste bedeutende Gesamtdarstellung des katholischen Glaubens gegeben und ist damit zum Vater der katholischen Dogmatik geworden. Auf Vernunft und Schrift aufbauend, weist er die Unsinnigkeit und Schriftwidrigkeit der Irrlehren der Gnosis nach. Aber diese stützen sich ihrerseits auf ihre eigene Bibel, die besondere, angeblich von den Aposteln stammende Schriften enthielt, und in der andere, von den Lehren der Kirche anerkannte Bücher fehlten. (2) Sie stützten sich ferner auf ihre eigene allegorische Erklärung der Bibel. (3)

Der allegorischen Bibeldeutung der Gnostiker stellte der gelehrteste Lehrer der kirchlichen Katechetenschule in Alexandrien, der um 185 geborene Origenes, ein Mann von umfassendem Wissen und drängenden Forschergeist, seine eigene allegorische Bibelerklärung entgegen, geriet damit aber in eine subjektivistische Behandlung der wichtigsten Offenbarungs-Quelle und auf Glaubens-Irrungen. Der von ihm und seinem Lehrer, den geistig hervorragenden und auch profan-wissenschaftlich hoch gebildeten Klemens von Alexandrien, unternommene Versuch, durch Verschmelzung der griechischen Weltweisheit mit der christlichen Lehre zu einer Christianisierung des Hellenismus zu kommen und so durch eine Art christlicher Gnosis die Irrungen der falschen Gnosis zu überwinden, führte wohl zu einer spekulativen Begründung und wissenschaftlicheren Durchdringung des Glaubensinhaltes und förderte damit die dogmengeschichtliche Entwicklung, kam aber dem Geist der antiken Philosophie zum Nachteil des übernatürlichen Glaubensgehaltes in manchem allzu weit entgegen und geriet, trotz echt kirchlichen Strebens, auf mancherlei Irrungen.

Es war offensichtlich, daß die gnostische Irrlehre, die erste große Häresie, mit der die Kirche zu kämpfen hatte, weder durch philosophische Wissenschaft noch durch theologische Gelehrsamkeit endgültig zu überwinden war. Der Häresie gegenüber musste die für die Glaubens-Reinheit letztlich allein und endgültig entscheidende Instanz aufgerufen werden, das mit dem Charisma der unfehlbaren Wahrheit ausgestattete Lehramt der Kirche, welches dem willkürlichen Bibelkanon den richtigen Kanon der Heiligen Schrift und der subjektiven, häretischen Bibeldeutung die wahre, apostolische Erklärung autoritativ gegenüber stellte.

Das vom Gesamtepiskopat, besonders dem Bischof von Rom, getragene und mit dem Charisma der Wahrheit ausgestattete kirchliche Lehramt war die entscheidende Glaubensinstanz. Wo dieses Lehramt ist, ist die Kirche Christi, dort der Geist Gottes, dort die sichere, göttliche Wahrheit. Dieses mit dem Charisma der Wahrheit ausgestattete Lehramt entscheidet gegenüber den Anmaßungen der Irrlehrer auf Grund der apostolischen Überlieferung, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören und welche nicht. Dieses Lehramt entscheidet gegenüber der willkürlichen Bibeldeutung der Sekte auf Grund der apostolischen Tradition den wahren Sinn der Heiligen Schrift. Dieses Lehramt stellt die Formel des Glaubens-Bekenntnisses auf, die den Prüfstein für das wirkliche Mitglied der Kirche bildet.

Das Glaubensbekenntnis

Dieses Bekenntnis war anfangs noch kurz. Es hatte folgenden Wortlaut:

„1. Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, 2. und an Jesus Christus,s. einen eingeborenen Sohn, unseren Herr, 3. der geboren wurde aus dem Heiligen Geist und Maria, der Jungfrau, 4. der unter Pontius Pilatus gekreuzigt und begraben wurde, 5. der auferstanden ist von den Toten, 6. aufgefahren in den Himmel, 7. sitzet zur Rechten des Vaters, 8. von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten; 9. und an den Heiligen Geist, 10. die heilige Kirche, 11. die Nachlassung der Sünden, 12. und die Auferstehung des Fleisches.“

Gegenüber der gnostischen Irrlehre, die in ihrer falschen Wertung der Materie die wahre Leiblichkeit und wirkliche Leidensfähigkeit des angeblich nur mit einem Scheinleib bekleideten Christus bestritt und damit das Erlösungswerk entwertete, betonte dieses Glaubens-Bekenntnis die entgegen stehende Wahrheit. Deshalb finden sich in ihm die Tatsachen aus dem irdischen Leben Christi so ausführlich im Verhältnis zu den übrigen Glaubens-Wahrheiten. „Pontius Pilatus ist nicht von ungefähr in das Credo gekommen.“ (A. Ehrhard, Das Christentum im römischen Reich (1932), 32)

Wir erkennen aus alledem die Bedeutung des kirchlichen Lehramtes schon für diese frühesten Zeiten der Kirchengeschichte und die außergewöhnliche Bedeutung der apostolischen Tradition im Lehramt der Kirche. Von der gelegten Grundlage aus hatte die Kirche alle Häresien der Folgezeit überwunden.
Es war notwendig, bei dieser ersten Epoche der geschichtlichen Entfaltung des Glaubens länger zu verweilen, weil hier die Grundlagen für die gesamte spätere Entwicklung liegen…

Anmerkungen:

(1) So hat Tertullian, von dessen Irrungen hier abgesehen wird, für das Trinitätsgeheimnis den Ausdruck „unitas in trinitate“ (Adv. Prax., 2) geprägt und in der Christologie die Begriffe von substantia und persona (Ib., 27) angewandt. Irenäus hat in fast allen dogmatischen Traktaten Vorbildliches geschaffen, besonders in der Durchführung seines Lieblings-Gedankens, der Wiederherstellung der gefallenen Menschheit in ihre Haupt Christus, der sogenannten recapitalatio.
(2) So bestand beispielsweise das Neue Testament Marcions nur aus dem Lukasevangelium, ohne die Kindheitsgeschichte Jesu und ohne die alt-testamentlichen Zitate, und aus den Paulusbriefen, ohne dessen Pastoralbriefe und den Hebräerbrief.
(3) Schon Basilides verfaßte eine Gnostische Evangelien-Erklärung in 24 Büchern. –
aus: Konrad Algermissen, Konfessionskunde, 1939, S. 216 – S. 221

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