Photius und der Abfall von der Kirche

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Abfall des Morgenlandes von der Kirche

Wir werden die vollkommene Trennung des Morgenlandes von Rom erst im nächsten Zeitabschnitt behandeln, wenn wir von Michael Cerularius zu reden haben. Dennoch müssen wir schon hier dem Patriarchen Photius von Konstantinopel unsere Aufmerksamkeit schenken, weil dieser Ränke süchtige Grieche den Grund gelegt hat zur vollkommenen Trennung des Morgenlandes, die heute noch andauert.

Ein Jahr vor der Thronbesteigung des heiligen Papstes Nikolaus hatte in Konstantinopel ein fünfzehnjähriger Knabe die Regierung des römischen Reiches übernommen. Er hieß Michael III. und führt den nicht ehrenvollen Beinamen „der Trunkenbold“. Seine christliche Mutter Theodora hatte alle Mühe angewendet, den ungeratenen Sohn zu bessern. Aber was sie aufbaute, rissen ehrlose Schmeichler am kaiserlichen Hof wieder nieder. Nachdem Michael den kaiserlichen Schatz geleert, um seine tollen Ausschweifungen zu befriedigen, verkaufte er sogar die Kronedelsteine und den Schmuck der Kirchen.

Daß der heilige Ignatius, der nach dem Tode des heiligen Patriarchen Methodius den Patriarchenstuhl von Konstantinopel bestiegen hatte, ein solches Treiben am kaiserlichen Hof rügte, ist klar. Vor allem tadelte er Bardas, den besonderen Günstling des Kaisers, den geheimen Anstifter der unerträglichsten Ärgernisse. Dieser trotzte aber den Ermahnungen des frommen Patriarchen und erschien am Fest der heiligen drei Könige am Kommuniontisch, von dem ihn jedoch der heilige Kirchenfürst zurückwies. Wütend darüber drohte Bardas, den Patriarchen um das Leben zu bringen. Da die Drohungen nichts fruchteten, suchte der Günstling den Zorn des Kaisers gegen den unschuldigen Patriarchen aufzustacheln. Der verblendete Kaiser glaubte alles, was man ihm vorsagte, und ließ den heiligen Patriarchen im November des Jahres 857 als Empörer absetzen und nach der Insel Terebinthus verbannen.

Am Hofe des Kaisers lebte nun Photius, der mit Bardas im freundschaftlichen Verkehr stand. Seine großen Kenntnisse und eine hinreißende Beredsamkeit machten ihn im weiten Reich berühmt. Aber seiner Wissenschaft entsprach nicht sein Lebenswandel. Mit den Einrichtungen der Kirche ein heuchlerisches Spiel treiben, schlecht handeln und heilig reden, war seine Art, das Volk zu täuschen. Dieser Mann, ein Todfeind des heiligen Ingatius, sollte nun sein Nachfolger auf dem Patriarchenstuhl in Konstantinopel werden. Es fanden sich leider Bischöfe, die sich bereit erklärten, dem Eindringling Photius die heiligen Weihen zu erteilen. Am Weihnachtsfest des Jahres 857 empfing Photius wirklich die bischöfliche Weihe. Er verfolgte nun die Anhänger des vertriebenen Patriarchen Ignatius und alle rechtgläubigen Christen. Die Diener des heiligen Ignatius wurden so lange gefoltert, bis sie aussagten, was man von ihnen wollte. Auf dieses hin hielt der falsche Patriarch noch im Jahre 859 in Konstantinopel eine Versammlung und ließ den heiligen Ignatius absetzen.

Inzwischen erregten die Weihe und das unwürdige Betragen des Photius den allgemeinen Unwillen des Volkes. Um den vollen Sieg zu erringen, versuchte es Photius, auch die Anerkennung des heiligen Papstes Nikolaus zu erlangen. Es ist dieses wiederum das klarste Zeugnis für die Obergewalt des Heiligen Stuhles. Die göttliche Vorsehung nötigte sozusagen die Griechen noch vor ihrer Trennung zu bekennen, daß der römische Bischof das Haupt der Kirche ist, und nur derjenige sich rechtgläubig nennen kann, der mit Rom in Verbindung steht.

Kaiserliche Gesandte und vier Bischöfe begaben sich nach Rom und brachten für den Papst die reichsten Geschenke mit. Dem heiligen Ignatius aber wurde es unmöglich gemacht, sich an den Vater der Christenheit zu wenden. Die Anträge, welche die griechische Gesandtschaft stellte, waren sehr verführerisch. Sie erbaten sich die Mitwirkung des heiligen Papstes, um die letzten Überreste der Irrlehre wegen der Bilderverehrung zu beseitigen. In einem Brief zeigte Photius dem heiligen Vater an, daß Ignatius wegen seines Alters und seiner geschwächten Gesundheit den Patriarchenstuhl verlassen habe, um sich in ein Kloster zurück zu ziehen. Hierauf berichtete er dem Papst, daß die Bischöfe ihn selbst zum Patriarchen wählten und der Kaiser ihn gezwungen habe, die Wahl anzunehmen. In heuchlerischen Worten erzählte Photius, wie er nach Abdankung seines Vorgängers wider Willen gedrängt worden sei, das Oberhirtenamt anzunehmen, und bat um die heiligen Gebete des Papstes, auf daß er die schwere Bürde zum Heil der Gläubigen zu tragen vermöge.

Trotzdem aber der Kaiser und sein Günstling Bardas alle Vorsichtsmaßregeln zur Täuschung des heiligen Vaters getroffen hatten, war schon eine Kunde von den Vorgängen in Konstantinopel nach Rom gedrungen; darum entschloss sich der heilige Papst Nikolaus, mit aller Umsicht vorzugehen. Ohne vorläufig eine Entscheidung zu treffen, schickte er im Jahre 860 zwei Gesandte nach der Hauptstadt des Morgenlandes, mit dem Auftrag, die Abdankung des heiligen Ignatius und Wahl des neuen Patriarchen zu untersuchen und dem Kaiser und dem Photius Briefe zu überbringen. In dem Brief an Photius lobte der heilige Papst das abgelegte Glaubensbekenntnis, tadelte aber die Unrechtmäßigkeit der Weihe: „Das ist der Grund, warum ich vor der Rückkehr meiner Gesandten zu deiner Wahl nicht zustimmen kann“, schrieb der Papst.

Diese Vorsicht des heiligen Papstes brachte aber den Heuchler nicht aus der Fassung. Sobald die römischen Gesandten nach Konstantinopel kamen, wurde ihnen jeder Verkehr mit andern als mit Personen von der Partei des Photius unmöglich gemacht. Umgeben von Anhängern des falschen Patriarchen, bedroht mit Tod oder Verbannung, beriefen die päpstlichen Gesandten endlich nach acht Monaten eine Versammlung von 318 Bischöfen, wo über den heiligen Ignatius noch einmal die Absetzung ausgesprochen wurde.

Photius aber war dadurch noch nicht beruhigt, da er fürchtete, seine Bosheit möchte dennoch offenbar werden. Er kannte das wachsame Auge des heiligen Papstes, des Rächers der Unterdrückten und Beschützers der Verfolgten.

Die päpstlichen Gesandten waren nach Rom zurück gekehrt in Begleitung eines Gesandten des Kaisers Michael, der Briefe vom Kaiser und von Photius zu überbringen hatte. Noch einmal schickte Photius ein ausführliches, wohl berechnetes Rechtfertigungs-Schreiben an den Papst, worin er mit heuchlerischer Demut die Vorwürfe des heiligen Papstes besprach und wiederholt erklärte, daß er zur Annahme des Oberhirtenamtes gezwungen worden sei. Doch der kluge Papst durchschaute das Gewebe von Trug und Gewalt und ließ sich durch das lügnerische Schreiben des Photius nicht täuschen.

Fast gleichzeitig mit den Gesandten kam in Rom der einfache aber mutige Mönch Theognostes an. Er gab über die Vorgänge in Konstantinopel dem heiligen Vater genauen Aufschluss und überbrachte einen Brief vom heiligen Ignatius, der von zehn Erzbischöfen, fünfzehn Bischöfen, vielen Priestern und Mönchen unterzeichnet war. Darin zählt der heilige Märtyrer alle seine Leiden auf und schließt mit den Worten: „Heiliger Vater! Öffne mir den Schoß deiner Barmherzigkeit, schaue auf die großen Männer, die dir im oberhirtlichen Amt voran gingen, auf Fabian, Julius, Leo und alle jene, welche als Helden für die Wahrheit gegen die Ungerechtigkeit gekämpft haben. Folge ihrem Beispiel und erhebe dich zu meiner Verteidigung.“

Der heilige Papst hielt nun in Rom im Jahre 863 eine Kirchenversammlung. Diese setzte feierlich die treulosen päpstlichen Gesandten und den Photius ab und schloß sie aus der katholischen Kirche aus. Die Versammlung in Konstantinopel aber wurde für nichtig erklärt.

Statt abzudanken, wie der Papst es verlangte, verbreitete nun Photius im Morgenland die falsche Nachricht, daß ihn der heilige Papst als Patriarchen anerkannt hätte. Allein der Unwille des Volkes wurde endlich so groß und allgemein, daß der Kaiser und sein Günstling Bardas in die schwierigste Lage kamen.

Obwohl Photius vor aller Welt als Heuchler und Lügner entlarvt da stand, gab er doch noch nicht nach. Früher hatte er in dem Papst den Statthalter Jesu Christi gesehen, mit dem alle übereinstimmen müssen, die sich katholisch nennen wollen. Jetzt verurteilte er selbst den Papst als Irrlehrer. In einem Rundschreiben an die Erzbischöfe und Patriarchen des Morgenlandes beschuldigte er im Jahre 866 die Katholiken des Abendlandes mehrerer Irrtümer im Glauben und in der Sittenlehre. Seine Vorwürfe sollen hier einen Platz finden, weil sie uns ein Beweis sind, wie makellos die römische Kirche da stand. Gewiß wird Photius keine Mühe gescheut haben, alles zu sammeln, was man der Kirche nachsagen konnte…

So führte der Ehrgeiz den Photius zur Auflehnung gegen die kirchliche Ordnung, von da zum Ungehorsam gegen den heiligen Vater, zur Trennung von der wahren Kirche und endlich zur Irrlehre.

Wir dürfen diese Vorgänge nicht vergessen; denn es gibt Feinde der Kirche, welche heute noch sagen, daß die Griechen die beste Absicht hatten, daß aber die Anmaßung der Päpste sie zur Trennung genötigt habe. Wer dem Gang der Ereignisse, wie sie uns die Geschichte aufbewahrt hat, mit Aufmerksamkeit folgt, wird leicht entscheiden können, auf welcher Seite die schuld gesucht werden muss.

Einmal angelangt auf der schiefen Ebene, entfernte sich Photius immer weiter von der Wahrheit. Auf einer Versammlung zu Konstantinopel sprach er im Jahre 867 die Absetzung über den römischen Bischof aus. Dann verfaßte er falsche Akten mit nachgemachten Unterschriften und schickte sie an den deutschen Kaiser Ludwig.
Der heilige Nikolaus konnte für den Augenblick nichts tun, um das Morgenland dem Verderben zu entreißen…

… Doch nun veränderte ein Ereignis in Konstantinopel die ganz Lage der Dinge. Ein gewisser Basilius ermordete den Kaiser Michael im September des Jahres 867 und setzte sich selbst die kaiserliche Krone auf das Haupt. Er war ein Gegner des Photius und verjagte den unrechtmäßigen Patriarchen von seinem Thron. Der Fall des Heuchlers wurde allgemein mit großer Freude begrüßt. Noch größer aber war der Jubel bei der Rückkehr des heiligen Ignatius, die im November des Jahres 867 in feierlichster Weise stattfand, nachdem der heilige Dulder zehn Jahre in der Verbannung gelitten hatte.

Eine Gesandtschaft mit Briefen des neuen Kaisers und des heiligen Ignatius ging nach Rom ab, um dem Papst den Umschwung der Dinge in Konstantinopel zu melden und ihn zu einer allgemeinen Kirchenversammlung einzuladen. Wie der Kaiser den Papst in der ehrerbietigsten Weise verehrte, so stellte ihn der heilige Ignatius als den allgemeinen, für alle sorgenden Arzt dar, der als Nachfolger des heiligen Petrus allein die Leiden der Kirche zu heilen vermag. So erhielt der heilige Papst für das Jahre lang erlittene Unrecht nun volle Genugtuung. Der Sieg der gerechten Sache in Konstantinopel war auch für ihn ein glänzender Sieg. –
aus: Chrysostomus Stangl, kath. Weltpriester, Die Statthalter Jesu Christi auf Erden, 1907, S. 298 -S. 303

Bildquellen

  • Hattler Das Leiden Der Kirche: Bildrechte beim Autor

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