Savonarola kirchlich-politischer Agitator

Girolamo Savonarola – kirchlich-politischer Agitator von Florenz

Savonarola Ord. Pr., der große kirchlich-politische Agitator von Florenz, war geboren den 21. September 1452 zu Ferrara, wo sein Vater, ohne ein besonderes Amt zu bekleiden, in glücklichen, unabhängigen Verhältnissen lebte. Erschüttert durch die Bußpredigt eines AugustinerMönches, entschloss sich der Jüngling in seinem 22. Jahr, die Welt zu verlassen; ohne Vorwissen der Eltern begab er sich nach Bologna und trat dort als Novize in das Kloster der Dominikaner ein, zu denen ihn außer deren großem Ruf auch seine Liebe und Verehrung gegen den hl. Thomas von Aquino hinzog. Im Jahre 1482 kam Savonarola zum ersten Mal nach Florenz ins Kloster S. Marco, welches bald der Schauplatz seines öffentlichen Wirkens werden sollte. Hier hielt er die Fastenpredigten, fand aber keinen Beifall. Sein Vortrag, die heisere Stimme, die hastigen Gesten befriedigten so wenig, daß die geräumige Kirche bald leer stand.

Savonarola in seiner Zelle in Florenz: er sitzt an einem Schreibtisch und schaut auf das Kruzifix, das vor ihm auf dem Tisch steht, erhält eine Schreibfeder in der rechten Hand; hinter ihm steht sein Bett, vor ihm ist das Fenster; an der Wand hängt ein großes Bild eines Geistlichen

Seine ersten Erfolge

Seine Prophetien und Voraussagungen

Von seinen Ordensoberen abberufen, begab er sich 1485 nach Brescia, wo er die Apokalypse auslegte, eine Beschäftigung, die für die Geschichte seines ganzes inneren und äußeren Lebens von dem größten Einfluss geworden ist. In diesem Buch glaubte er vorzugsweise die Geschicke des Geschlechtes, unter dem er lebte, vorgezeichnet. Es war ein Gedanke, der ihn nicht verließ: noch niemals habe sich die Kirche in einem so schlimmen Zustand befunden als gerade damals. In solchen Zeiten und bei so betrübten Aussichten wendet man sich gerne an die apokalyptischen Weissagungen, um zu erforschen, ob nicht bald die Geschicke der Bösen sich erfüllen und die Strafgerichte herein brechen. Daß Savonarola ein baldiges Eintreten dieser Katastrophe zuversichtlich erwartete, zeigen seine ersten Voraussagungen – Prophetien nannten es seine Anhänger. Wie einst über Ägypten, so lauten sie, so werde über das jetzt lebende Geschlecht Gottes Strafe kommen. Es sei sehr wahrscheinlich, daß Gott sich endlich der Völker erbarmen werde, die noch in den Finsternissen des Heidentums sitzen; die Völker des Abendlandes dagegen werde er noch einmal mahnen, dann der Strafe übergeben. Solche Strafe aber riefen besonders Päpste, Bischöfe und weltliche Fürsten durch ihr ganz unordentliches Leben über sich herab. Von welcher Art diese sogenannten Weissagungen gewesen sind, braucht kaum gesagt werden. Tiefgehende Krisen im Leben ganzer Völker und auch der Menschheit werden wohl immer durch eine mehr oder minder starke Ahnung in der Seele ernster, tief fühlender Menschen sich ankündigen. Schon die Überzeugung, daß das allgemeine Verderben auf den Gipfel gestiegen, legt den Schluss auf eine bald eintretende Katastrophe als einen beinahe sicheren nahe.

Predigten über die Apokalypse

Aber Savonarola ließ sich von Schwärmerei und Selbstüberschätzung verleiten, solche natürliche, immerhin unsichere Vorausahnung für höhere Eingebung zu halten. Im Jahre 1489 kam er zum zweiten Mal nach Florenz, wo er von nun an seinen bleibenden Wohnsitz hatte. Seine Predigten über die Apokalypse erzielten jetzt einen gewaltigen Erfolg. Seine Rede war, wie von den Zeitgenossen berichtet wird, nicht gelehrt, nicht künstlich noch den Ohren schmeichelnd, wie man sie zur Mediceer-Zeit so gern hörte, sondern unmittelbarer Erguss des erregten Gefühls in biblische Ausdrücke gefasst. Wenn der Redner die apokalyptischen Bilder entrollte und daraus mit donnernder Stimme die kommenden Plagen verkündigte, so geschah es wohl, daß selbst hoch gebildete Männer wie Graf Pico von Mirandula erschauderten und ihnen die Haare sich sträubten. Oft brach die Menge in lautes Weinen aus, und die Nachschreiber seiner Predigten mussten die Feder nieder legen, weil sie vor der inneren Bewegung nicht mehr fortfahren konnten. Bald hatte die Familie der Mediceer (=Medici) erfahren, wessen sie sich zu versehen habe, wenn Savonarola`s Einfluss steige.

Restauriertes Heidentum in Kunst und Wissenschaft

Man konnte es nicht leugnen, der reichen und Kunst liebenden Familie der Mediceer verdankte damals Florenz zum großen Teil seine Blüte. Ein Kreis berühmter Gelehrten und Künstler hatte sich um sie gesammelt, und so entwickelte sich ein reges wissenschaftliches und künstlerisches Leben in der Stadt. Aber es fehlte diesem glänzenden Leben das religiöse Fundament, die christliche und kirchliche Weihe; es waren nur zeitliche Interessen, welche die Gemüter beschäftigten und öffentlich zur Geltung kamen. Es war das restaurierte Heidentum, das in Kunst und Wissenschaft dominierte, das auch dem öffentlichen Leben seinen Stempel aufdrückte. Lorenzo von Medici, das Haupt der Familie, war immer ein besonderer Gönner von S. Marco gewesen, und die jeweiligen Vorsteher des Klosters hatten ihrem Wohltäter stets auch die geziemende Erkenntlichkeit erwiesen. Savonarola war der erste Prior, der sich dieser Höflichkeits-Pflicht entzog, ja nicht einmal zum Antritt seines Amtes dem Fürsten der Stadt seine Aufwartung machte. Lorenzo tat, als bemerkte er solche Unfügsamkeit nicht. Er spendete seine Wohltaten nach wie vor. Ja, um dem Prior zuvor zu kommen und ihn zu einer Unterredung zu veranlassen, kam Lorenzo eines Tages selbst ins Kloster und legte, um gesehen zu werden, ein bedeutendes Geschenk in den Opferkasten. Aber Savonarola verteilte kalt die geopferten Goldstücke, ohne sich um den in der Kirche weilenden Wohltäter weiter zu kümmern. Vielmehr predigte er jetzt heftiger als je gegen die Mediceer und gegen die unter ihrem Einfluss entstandenen florentinischen Zustände, besonders auch gegen den maßlosen Kult des antiken Heidentums. Wie sehr er dem Beherrscher von Florenz auch als Gegner Achtung einflößte, ergibt sich aus der Tatsache, daß, als im April 1492 Lorenzo dem Tod nahe war, er den geistlichen Beistand des strengen Sittenpredigers begehrte. (Über die Streitfrage, ob Savonarola die Absolution an die Bedingung geknüpft habe, daß Lorenzo der Stadt Florenz ihre alte republikanische Verfassung zurück gebe, was der Mediceer aber verweigert habe, vgl. u. A. Perrens, Hist. De Florence I, Paris 1888, 537s. Der Verfasser selbst nimmt an, Lorenzo habe Savonarola rufen lassen, nicht um zu beichten, sondern um seinem Sohn das Wohlwollen des einflußreichen Mannes zu verschaffen; er habe ihn auch nicht um die Absolution, sondern bloß um den Segen gebeten.)

Savonarola als Reformator und Agitator

Reform im eigenen Kloster

Für die Reinheit seines Eifers legte übrigens Savonarola dadurch Zeugnis ab, daß er die beabsichtigte Reform bei den Seinen begann. Er bewirkte, daß S. Marco und andere toskanische Klöster sich von der lombardischen Kongregation des Dominikaner-Ordens trennten und mit Bewilligung des Papstes in eine eigene Kongregation zusammen traten (1493), worin die ursprüngliche Regel mit aller Strenge beobachtet werden sollte. Es wurden demnach alle Besitzungen des Klosters zurück gegeben, die Laienbrüder mussten ein Handwerk treiben, damit jeder noch einen zweiten Ordensbruder ernähren könne, die Kleriker aber wurden ans Studium der Theologie verwiesen. Savonarola wurde der erste Generalvikar; leider beschränkte er sich aber auch fernerhin nicht auf das kirchliche Gebiet, sondern ließ ich immer mehr zu politischen Agitationen hinreißen.

Politische Agitationen

Im Jahre 1494 verkündete er, es werde ein Mann die Alpen übersteigen und nach Italien kommen, dem Cyrus ähnlich; Italien möge nicht auf seine Burgen und Festungen vertrauen, die ohne alle Schwierigkeit von ihm würden genommen werden. Außerdem sagte er den künftigen Umsturz der Florentiner Regierung voraus, die erfolgen werde, sobald der König der Franzosen nach Pisa komme. Gemeint war der sittenlose, abenteuerliche König Karl VIII., an dessen nur auf Eroberung berechneten Heereszug nach Italien der schwärmerische Mönch die Hoffnung einer Reformation von Kirche und Staat knüpfte. Das Heranziehen Karls VIII. gegen die florentinische Grenze gab das Signal zum Sturz gegen die Mediceer. Lorenzo`s Sohn, Pietro, wegen seiner Härte und seines unsittlichen Wandels längst verhaßt, wurde mit den Seinen aus Florenz vertrieben (1494). Unterdessen hatte sich eine von den Florentinern abgeschickte Gesandtschaft ins Lager Karls nach Pisa begeben. Savonarola machte den Sprecher. Er begrüßte den König als den Gesandten Gottes, der da in dem höheren Auftrag gekommen sei, die Laster zu unterdrücken, die Tugend zu ehren, was schief, gerade zu machen, und was veraltet, zu erneuern. Bald darauf zog Karl VIII. in Florenz ein, nicht als Reformator, wohl aber als Geißel; er wußte seine Soldaten nicht im Zaume zu halten, stand sogar im Begriff, ihnen die Plünderung zu erlauben. So musste jetzt Savonarola selbst bei dem Reformator um baldigen Abzug seiner Truppen flehen. Der König zog ab; nun musste man daran gehen, das Staatswesen zu ordnen.

Vision einer neuen Verfassung

Nach Savonarola`s Plan sollte Florenz eine Verfassung erhalten, die eine seltsame Mischung von Theokratie und Demokratie war. Christus sollte das Haupt der Republik werden und unter diesem Haupt das souveräne Volk die Verwaltung führen. Um das ganze Volk nicht bei jeder Gelegenheit zusammen berufen zu müssen, sollten aus der Mitte des Volkes Männer gewählt werden, welche als der große Rat die laufende Verwaltung besorgten. Gegen einen Usurpator soll der Staat einschreiten; würde er dennoch sich gegen den Willen des ganzen Volkes oder mit erzwungener Zustimmung desselben behaupten, so darf jeder aus dem Volk ihn wie einen Feind umbringen, denn das Volk hat gerechten Krieg gegen ihn. Das Volk also ist Herrscher, es ist Stellvertreter Christ des Königs, es soll über die Pflege der Gerechtigkeit wachen. Von Florenz soll dann die Erneuerung der Kirche ausgehen, die in Besserung der Menschen bestehen werde, nicht aber in Änderung des Glaubens, des evangelischen Gesetzes oder der Kirchengewalt.

Stiftung einer Bruderschaft

Um seine Grundsätze wenigstens im kleineren Kreis durchzuführen, stiftete Savonarola eine Bruderschaft. Aus jungen Leuten bestehend, die sich zum fleißigen Besuch des Gottesdienstes, zum öfteren Empfang der Sakramente, zur Meidung von Schauspielen, Maskeraden usw. verpflichteten. Einzelne besonders dazu aufgestellte Mitglieder der Kongregation, Inquisitori genannt, mussten jeden Sonntag nach der Vesper durch die Straßen wandern und – wo nötig mit Beihilfe der weltlichen Gewalt – alle Karten, Würfel etc. wegnehmen. Begegneten sie einer kostbar gekleideten Jungfrau, so ermahnten sie dieselbe im Namen Christi, des Königs dieser Stadt, diese kostbaren Gewänder abzulegen. Man klopfte dann an den Türen der Vornehmen: „Eure Karten, eure Spieltafeln, eure Partituren, eure Salben, eure Spiegel, eure Haarlocken – alle die fluchwürdigen Gegenstände gebt her im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau!“ Das Kloster S: Marco war bald ein großartiges Magazin voll solcher Luxusgegenstände. Während des Karnevals nun errichtete man auf dem Platz der Signorie ein großes Gerüst; da lagen ausländische Modegegenstände, Porträts schöner Florentinerinnen, Spielgerät, Schönheitsmittel, dann auch Werke erotischer Dichter: Tibull, Vatull, Properz, Petrarca, Boccaccio, jedes auf seiner besonderen Stufe; zu oberst saß die Figur des Karneval. Unter dem Gesang frommer Lieder wurde das Ganze verbrannt. Soweit war dem Reformator Alles gelungen.

Savonarola`s Ungehorsam gegen Rom

Jetzt aber wandte sich sein Glück. Der offiziell protegierte Rigorismus, das unerträgliche Eingreifen in häusliche und elterliche Rechte, musste ihm viele Feinde machen; den Mediceern war er ohnehin verhaßt, und jetzt trat der Papst noch gegen ihn auf, weniger weil Savonarola Alexanders VI. lasterhaftes Leben rücksichtslos auf der Kanzel angriff, als vielmehr deshalb, weil der exaltierte Mönch unter Berufung auf sein Prophetenamt für die dem Papst feindliche französische Politik eintrat. Zunächst verfuhr man von Rom aus mit aller Rücksicht gegen Savonarola; in einem recht freundlich gehaltenen Breve vom 25. Juli 1495 wurde er aufgefordert, nach Rom zu kommen, damit dort die göttlichen Offenbarungen, deren er sich rühme, untersucht würden. Savonarola antwortete ausweichend, indem er sich mit seiner schwächlichen Gesundheit entschuldigte und auch auf die Nachstellungen seiner Feinde hinwies. Der Papst befahl ihm nun, sich des Predigens zu enthalten. Der Mönch gehorchte eine Zeitlang; als aber im Februar 1496 die Signoria ihn dringend aufforderte, die Kanzel wieder zu besteigen, entsprach er ihrem Verlangen, und von nun an richteten sich seine Predigten vorzugsweise gegen die Sünden Roms. Diesem Ungehorsam und den fortgesetzten Schmähungen gegenüber zeigte Alexander VI. große Geduld. Erst im November 1496 erließ er ein Breve, worin Savonarola bei Strafe der ipso facto eintretenden Exkommunikation befohlen wurde, das Kloster von San Marco mit der jüngst vom heiligen Stuhl geschaffenen toskanisch-römischen Kongregation zu vereinigen; auf diese Weise suchte der Papst dem Unfug in Florenz zu steuern. Aber Savonarola verweigerte auch dieser Anordnung den Gehorsam und donnerte immer heftiger gegen das „verruchte“ Rom. Da befahl Alexander VI. endlich in einem vom 12. Mai 1497 datierten Breve, welches an die einzelnen Klöster in Florenz gerichtet war, die Exkommunikation gegen Fra Girolamo zu verkünden. Der überspannte Prophet erklärte sofort in einem an alle Christen gerichteten „Brief“ die Exkommunikation für „ungültig, sowohl vor Gott wie vor den Menschen“, doch enthielt er sich vorläufig der geistlichen Funktionen; indes nahm er unter dem Schutz der Signoria dieselben Weihnachten 1497 wieder auf, auch wandte er sich jetzt behufs Abhaltung eines allgemeinen Konzils an die christlichen Herrscher, um Alexander VI. als Simonisten, Ketzer und Ungläubigen absetzen zu lassen. Da der Stadt durch den Konflikt mit dem Papst große Nachteile erwuchsen, wurden allmählich auch in den Kreisen der Regierung die Sympathien für den ungehorsamen Mönch immer geringer.

Ein vereiteltes „Gottesurteil“

Die Entscheidung brachte endlich ein vereiteltes „Gottesurteil“. Savonarola hatte in seinen Predigten sich bereit erklärt, zum Beweis für den übernatürlichen Charakter seines Prophetentums durch`s Feuer zu gehen; das veranlaßte den Minoriten Francesco von Apulien zu dem Anerbieten, die Feuerprobe gegen den Gebannten zu bestehen. Savonarola such sich derselben zu entziehen; dagegen viele seiner Anhänger, namentlich der Dominikaner da Pescia, waren zu der Feuerprobe bereit. Trotzdem Alexander VI. die Sache zu verhindern suchte, gab die Regierung zum Gottesurteil ihre Zustimmung, indem sie hoffte, durch dasselbe von dem ihr unbequem gewordenen Propheten befreit zu werden. Am Morgen des 7. April 1498 war ganz Florenz auf den Beinen, das merkwürdige Schauspiel zu sehen, das unter Leitung der Signoria vor sich gehen sollte. Gegen Mittag zogen die Prediger-Brüder in feierlicher Prozession auf den Platz; ihren Zug schloß Savonarola, die heilige Eucharistie in einem Gefäß mittragend. Die Minoriten waren bereits zur Stelle; von ihrer Seite hatte sich Giuliano Rondinelli erboten, mit Domenico da Pescia die Feuerprobe zu bestehen. Das Schauspiel sollte beginnen. Aber der Dominikaner wollte das Kruzifix mit sich in das Feuer nehmen. Dieses wollten die Minoriten nicht zugeben. Die Dominikaner dagegen erklärten, darauf zu bestehen, es sei denn, daß man ihrem Ordensbruder gestatte, das heiligste Sakrament mit in die Flammen zu tragen, und Savonarola unterstützte hierin die Seinigen, indem er die Erklärung beifügte, im schlimmsten Fall würden ja nur die Akzidentien verbrennen. Darin aber wollte man natürlich nicht nachgeben. Über dem Streit war es Abend geworden, und die Signoria befahl beiden Parteien, den Platz zu verlassen.

Der Prozess gegen Savonarola

Savonarola`s und seiner Anhänger Verhalten hatte bei der großen Mehrheit der Zuschauer den schlechtesten Eindruck gemacht; das benutzten seine Gegner, die Volksmassen den Dominikanern abwendig zu machen, ja zum Angriff auf letztere vorzugehen. Es kam zu Unruhen, in deren Verlauf das Kloster S. Marco gestürmt wurde; um der Bewegung ein Ende zu machen, ließ die Regierung Savonarola nebst zwei anderen Dominikanern (Fra Domenico und den Somnambulen Fra Silvester) verhaften und den Papst um die Vollmacht bitten, dieselben richten zu dürfen. Obwohl Alexander VI. sich bemühte, die Sache nach Rom zu ziehen, ward der Prozess doch zu Florenz begonnen; zwei päpstliche Delegierte nahmen an demselben Teil. Die Geständnisse, welche Savonarola im Laufe des Prozesses angeblich ablegte, sind völlig wertlos, da sie durch die Folter erpreßt und überdies zum Teil noch gefälscht wurden. Nach den Prozessakten hat er u.A. bekannt, daß er kein Prophet sei und seine Weissagungen nicht von Gott stammten.

Die Hinrichtung des Savonarola in Florenz auf dem großen Hauptplatz: man sieht Gebäude der Stadt Florenz rechts und links und im Hintergrund; im Vordergrund sieht man eine Menge Leute die der Hinrichtung zusehen wollen; in der Mitte ist die Hinrichtungsstätte aufgebaut

Das Todesurteil

Am 22. Mai wurde den Brüdern das Urteil verkündigt, dahin lautend, daß sie zuerst erhängt, dann ihre Leichname verbrannt werden sollten. Sie hörten es gefaßt und ergeben. Am nämlichen Abend noch legten sie ihre Beichte ab und empfingen am folgenden Morgen das Sakrament, wobei Savonarola noch einmal feierlich seinen Glauben an die wesentliche Gegenwart Christi beteuerte und den unter Brotsgestalt gegenwärtigen Heiland bat, seinen Tod als eine Genugtuung für alle Sünden anzunehmen, womit er von seinen kindlichen tagen an ihn beleidigt. Auf dem letzten Gang wurde ihnen noch durch den päpstlichen Kommissar der vollkommene Ablass in articulo mortis angeboten; sie nahmen ihn demütig und dankbar an. Die letzten Worte Savonarola`s, bevor er die Leiter bestieg, waren eine Mahnung an seine Anhänger, sie möchten an der Art seines Todes kein Ärgernis nehmen, sondern bei der Lebensregel verharren, die er ihnen vorgezeichnet, und im Frieden mit einander leben. So ging der Mann unter (23. Mai 1498), der so lange mit der Macht seines Wortes Florenz, ja Italien bewegt; die große und edle Kraft, die unstreitig von Anfang an in ihm gewohnt und ihn zu einem wahren Reformator befähigte, war schon früher in ihm untergegangen, damals nämlich, da er es vorzog, den Weg der Geduld und des Gehorsams auch gegen unwürdige Vorsteher zu verlassen und lieber den Weg der Gewalttätigkeit und Auflehnung einzuschlagen.

Kein Vorläufer Luthers

In unserem Jahrhundert hat man ihn der Geschichte zum Trotz auf dem Luther-Denkmal zu Worms zu den Füßen Martin Luthers gesetzt. Wie unberechtigt das war, geht schon aus obiger Darstellung hervor und ist ausführlich in der Schrift: Kirche oder Protestantismus? 3. Aufl., Mainz 1883, 69ff. dargetan worden; …) Savonarola`s Hauptwerk Triumphus crucis, das er herausgab, (Florenz 1497), als er schon von Alexander VI. exkommuniziert war, spricht seinen Glauben an die göttliche Einsetzung des Primates und das unfehlbare Lehramt des Papstes in der entschiedensten weise aus. Freilich wurde er als „Häretiker, Schismatiker und Verächter des heiligen Stuhles“ verurteilt; als Häretiker indes nur wegen des Verbrechens der Insordeszens und wegen der angemaßten Prophetenrolle (vgl. Zeitschrift f. Kath. Theol. IV (1880), 398). Von seinen Schriften sind später auf den Index gekommen (mit dem Zusatz donec corrigantur) der Dialogo della verità (propehtica, 1497 gedruckt) und 15 Predigten aus den Jahren 1496 – 1498 (Reusch, Index I, 369) –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 10, 1897, Sp. 1738 – Sp. 1745

Zusammenfassung

Savonarola ist kein Häretiker, kein Vorläufer der Reformation Luthers, kein religiöser Subjektivist, vielmehr durch und durch vom mittelalterlich katholischen Frömmigkeits-Ideal erfüllt. Für das mönchisch-aszetische Lebensziel wirkte er mit der Glut seiner religiösen Leidenschaft. Sein öffentliches Wirken für die Reform sowohl seines Ordens als auch des Staates und der Kirche, seine Tätigkeit als Bußprediger sowie sein ganzes Verhalten gegenüber seinen Gegnern auch an der Kurie muss von seinem unverrückbaren Glauben an seine prophetische Sendung verstanden werden. Über die Objektivität seiner angeblichen Stimmen und Visionen läßt sich naturgemäß kein sicheres Urteil abgeben. Wahrscheinlich handelt es sich um den sog. „Mono-Ideismus“, der ganz unbewußt und gutgläubig innere Erlebnisse in die äußeren Sinne projiziert und das Produkt der eigenen Seelenkräfte von außen her verursacht sein läßt. Savonarola`s bona fides ist unbestreitbar. Zu Unrecht wurde er einer düsteren Lebensauffassung beschuldigt, wenn auch zuzugeben ist, daß er in den Anforderungen zu weit ging und seine im übrigen klugen staatspolitischen Anordnungen öfters mehr Idealismus als Wirklichkeitssinn verraten. Die Übertreibungen in seinen Predigten über die kirchlichen Schäden seiner Zeit, sein angeblich „fanatisches“ Gebaren auf der Kanzel findet sich ähnlich auch bei andern Bußpredigern. Seine Weigerung, mit seinem Kloster der lombardischen bzw. römisch-toskanischen Kongregation beizutreten, bestand kanonisch zu Recht. Savonarola`s tatsächliches Verhalten gegenüber der allerdings kirchlichen Zensur läßt sich aber kaum mit seiner subjektiven Überzeugung einer unmittelbaren göttlichen Sendung entschuldigen; eher mit dem Hinweis, daß er Alexander wegen seiner simonistischen Wahl (siehe: Simonie) nicht als rechtmäßigen Papst anerkannte, und mit dem damaligen Notstand der Kirche, der wie in den Tagen des Konstanzer Konzils das positive Recht außer Acht zu lassen gebot. Dasselbe ist zu sagen betreffs der Bemühungen, ein Konzil zur Reform der Kirche und zur etwaigen Absetzung Alexanders VI. zustande zu bringen, ein an sich erwünschtes Bestreben, wobei aber Savonarola die Mittel zur Verwirklichung fehlten. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IX, 1937, Sp. 203

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