Geist und Wesen des Jesuitenordens

Der Geist des Jesuitenordens – Alles zur größeren Ehre Gottes

Das Wesen der Gesellschaft läßt sich kurz dahin zusammen fassen, daß sie die apostolische Lebensweise, welche zuerst Christus und seine Apostel geübt, nachzuahmen sucht, soweit das mit Gottes Gnade, entsprechend den veränderten Zeitumständen, möglich ist (Suarez, De relig. Soc. Jesu 1. 1, c. 6, n. 8). Darauf zielt Alles im Orden, seine Gründung, wie die ihm eigene aszetische Bildung, Führung, Gesetzgebung und Tätigkeit, darauf vor Allem die „Geistlichen Übungen“, von denen man recht eigentlich sagen kann, daß aus ihnen der Orden hervor gewachsen ist und sich beständig erhalten und erneuert hat. Die erste sogenannte „Woche“ derselben verhält sich lediglich vorbereitend und grundlegend, indem sie das Herz von der Sünde reinigt und von allem los schält, was zur Sünde führt. Die anderen drei „Wochen“, d. h. bei weitem der größere Teil der Exerzitien, ist darauf gerichtet, die Seele durch Betrachtung des Lebens, des Leidens und der Auferstehung Christi mit dem Geist des Erlösers auf`s innigste vertraut zu machen, sie durch Gebet, Selbstverleugnung und hochherzige Nachfolge auf`s innigste mit ihm zu vereinigen und so den Einzelnen zu befähigen, am Heil des Nächsten im Geist Christi und mit seiner Gnade zu wirken.

Am deutlichsten tritt diese Hinwendung des aszetischen Lebens auf das apostolische in den beiden Betrachtungen „Vom Reich Christi“ und „Von zwei Fahnen“ hervor, welche die Fundamental-Betrachtungen der zweiten „Woche“ bilden und die Wahl entscheiden, von der das ganze innere Leben bedingt ist. Die Geheimnisse der zwei übrigen Wochen verhalten sich dazu nur mehr bestätigend und bekräftigend. Aus diesen Übungen hat der hl. Ignatius, haben seine ersten Genossen, der sel. Faber, der hl. Franz Xaver, Laynez usw., ihren Geist geschöpft, d. h. vorab das glühende, heldenmütige Verlangen, die eigene Selbstheiligung mit einer möglichst weitgreifenden apostolischen Wirksamkeit für das Reich Jesu Christi zu verbinden. Aus diesen Übungen ist die gesamte Organisation und Tätigkeit des Ordens hervor gegangen, aus ihnen sollte sich der Geist der ersten Gründer in den folgenden Generationen beständig erneuern. Jedem Mitglied des Ordens liegt deshalb ob, die „Geistlichen Übungen“ ihrem ganzen Umfang nach wenigstens zweimal im Leben vollständig durchzumachen, einmal im Noviziat (Exam. Gen. c. 4, § 10; Const. p. 3, c. 1, § 20), und wieder nach vollendeten Studien (Ord. Gen. c. 3, tit. 2, §§ 2 et 6). In verkürzter Form aber (während acht bis zehn Tagen) muss jedes Ordensmitglied alljährlich diese „Geistlichen Übungen“ abhalten (Congr. 6, decr. 29). Die täglich vorgeschriebenen geistlichen Übungen endlich sollen dahin zielen, den aus den Exerzitien geschöpften Geist zu erhalten und zu nähren. Die ganze Einrichtung des Ordens zielt also auf nichts anderes als darauf, den apostolischen Geist Jesu Christi und seiner auserwählten Jünger, der Apostel, in allen seinen Mitgliedern zu entfachen, zu nähren, zur tätigen Entfaltung zu bringen: das ist der Geist dieses Ordens.

Hiermit stimmt der ausdrücklich im Institut betonte Ordenszweck, der sich kurz in dem Ausdruck formulieren läßt: „Förderung der größeren Ehre Gottes bei den einzelnen Ordensmitgliedern und bei möglichst vielen andern Menschen“ – oder noch kürzer in dem Wahlspruch des Ordens: „Alles zur größeren Ehre Gottes“. In diesem Wahlspruch sah der hl. Ignatius gewissermaßen das apostolische Wirken des Herrn selbst formuliert und trug deshalb kein Bedenken, in der Einrichtung der Gesellschaft von gewissen frommen Übungen abzusehen, welche bis dahin in sämtlichen Orden als höchst löblich beobachtet wurden. Nach dem angestrebten Zweck nämlich ist zu entscheiden, was unter dem vielen Erlaubten und an sich Guten nun im Einzelnen bei der Organisation eines Instituts anzunehmen oder abzulehnen ist. So hält die Gesellschaft denn kein gemeinsames Chorgebet (Const. p. 6, c. 3 § 4), ein Punkt, der ihr mannigfache Anfeindungen zuzog, aber u. A. durch Suarez (1. c. 1. 1, c. 8) als völlig berechtigt nachgewiesen wurde. Ferner schrieb der hl. Ignatius seinen Ordensgenossen keine bestimmten äußeren, allen gemeinsame Bußwerke vor, sondern überließ Art und Maß derselben der Diskretion der Einzelnen und ihrer Seelenführer (Exercit. Add. 10; Exam Gen. c. 1, § 6; Constit. p. 6, c. 3, § 1; p. 3, c. 2, § 5; Summ. Const. Reg. 4). Um endlich leichter am Seelenheil arbeiten zu können, verzichtete er auf einen bestimmten Ordenshabit und verstattete, die Kleidung den jeweiligen Ortsverhältnissen anzupassen (Const. p. 6, c. 2, § 15 et 16; Ribadeneira, De ratione Instituti, Romae 1864, c. 2 et 3); in den katholischen Ländern bürgerte sich indes von selbst die schlichte Tracht der spanischen Priester ein.

An der Spitze seiner Konstitutionen (Prooem. Const. Summ. Const. Reg. 1), wie auch an anderen Stellen derselben (p. 3, c. 1, § 26) dringt der hl. Ignatius darauf, daß reine Liebe zu Gott das Grundgesetz, die Haupttriebkraft und das leitende Prinzip des Ordens und seiner Mitglieder sein soll. Nur deshalb sollen sie sich von aller geschöpflichen Liebe frei machen, „um ihre ganze Liebe de Schöpfer zuzuwenden, ihn in allen Geschöpfen zu lieben und alle in ihm“. Nur in diesem Sinne soll die pflichtschuldige Liebe zu Eltern und Verwandten gemäßigt, geordnet und übernatürlich geheiligt werden (Summ. Const. Reg. 8; Ex. Gen. c. 4, § 7; Der Jesuitenorden und seine Gesetze etc., Regensburg 1872, 63ff). Aus jener Gottesliebe soll eine glühende, opferwillige Nächstenliebe, ein alle Menschen umfassender Seeleneifer (Const. p. 1, c. 1. 2, § 8), eine innige Vereinigung mit Gott durch das Gebet (Const. p. 9, c. 2, § 1; p. 10, § 2; Summ. Reg. 16), eine stete Übung der Abtötung und Selbstverleugnung (Exam. Gen. c. 4, § 28 et 46; Summ. Reg. 28. 29. 12. 13; Constit. p. 6, c. 1, § 1; p. 3, c. 1. § 4), das innige Verlangen, der Welt, ihren Gütern und Ehren völlig abzusterben und in Leiden und Schmach Christus ähnlicher zu werden, hervor gehen.

Kaum etwas wird den Jesuiten von ihrem Stifter so sehr ans Herz gelegt, als diese heldenmütige Teilnahme am Kreuz Jesu Christi (Ex. Gen. c. 4 § 26. 44. 45; Summ. Reg. 11), ja nichts ist dem Geist des Ordens fremder, als ehrgeizige Bestrebungen. Daher die besonderen Gelübde der Professen, in keiner Weise nach kirchlichen oder weltlichen Würden zu streben und diejenigen den Oberen anzuzeigen, welche sich durch derartiges Streben verfehlten (Const. p. 6, c. 2, § 1; p. 10, § 6).

Als charakteristische Ordenstugend aber will der hl. Ignatius besonders den Gehorsam betont wissen, sowohl um seiner innern Vortrefflichkeit und um des Beispiels Christi willen, als wegen der Einheit, Zweckmäßigkeit, Harmonie und Nachhaltigkeit des Wirkens, die nur der Gehorsam einem aus so verschiedenartigen Elementen bestehenden, über alle Länder verbreiteten, apostolischen Orden zu verleihen im Stande ist (Epist. De virtute obed. § 2. 3; Const. p. 3, c. 1, § 23). Gerade an diese Forderung des Gehorsams haben sich viele Vorurteile, Entstellungen und Angriffe geheftet. Nur Unverstand oder böser Wille konnte indes aus einer ganz unverfänglichen Stelle der Konstitutionen (p. 6, c. 5) heraus lesen, daß der Obere seinen Untergebenen zu dem, was Sünde ist, verpflichten könne. Denn fordern die Konstitutionen auch einen „blinden Gehorsam“, den man in gewissem Sinn, soweit derselbe bei edelster Lebenstätigkeit der Vernunft und des Glaubens ein Ersterben der verderbten natürlichen Neigungen in sich schließt, einen „Kadavergehorsam“ nennen könnte, so schärfen sie doch ausdrücklich die für alle Menschen bestehende Pflicht ein, in sündigen Forderungen dem Obern nicht zu gehorchen (Const. p. 3. c. 1, § 23; p. 6, c. 1, § 1), ja sie gestatten den Untergebenen überhaupt, dem Obern Vorstellungen zu machen, wenn über die Zweckmäßigkeit des Befohlenen gegründeter Zweifel besteht und die Sache selbst der Mühe wert ist (Ex. Gen. c. 8; Const. p. 3, c. 2, § 1; p. 5, c. 4). –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 6, 1889, Sp. 1382 – Sp. 1385

Verwandte Beiträge

Auffindung der Gebeine des hl. Stephanus
Hl. Alphons und Klemens XIV.
Menü