Mitwirkung mit der Gnade Ein Vergleich

Von der Mitwirkung mit der Gnade

Hier ist ein besonders geeigneter Anlass, dich allen Ernstes an die Worte des heiligen Paulus zu erinnern: „Wir ermahnen euch, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget.“ (2. Kor. 6) „Wirket mit Furcht und Zittern euer Heil.“ (Phil. 2) Stelle einen aufmerksamen Vergleich an zwischen dem ewig unseligen Judas und seinem ewig seligen Amtsnachfolger, dem hl. Matthias:

1. Ihr gleicher Anfang. Beide waren geborene Juden; Beide waren Apostel, von Jesus Christus selbst zu diesem erhabenen Stand, zu dieser höchsten Würde berufen; Beide waren über jedes Bedenken und jeden Zweifel sicher und gewiß, daß ihr Beruf der rechte, ihnen von Gott bestimmte sei – eine sehr trostvolle Beruhigung. – Beide waren Augen- und Ohrenzeugen des ganzen öffentlichen Lebens Jesu von Anfang an, seiner wunderbaren Tugenden, seiner evangelischen Predigten und göttlichen Wundertaten und genossen die beste Schule und Ausbildung für ihre apostolische Mission: Beide erhielten die gleiche sakramentale Weihe und bischöfliche Vollmacht, als Stellvertreter Christi und Ausspender der Geheimnisse Gottes und erfreuten sich der ausdrücklichen Verheißung Jesu: „Ihr, die ihr Mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wann der Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ (Matth. 19) Beide waren also reich an Gnaden, an göttlicher Unterstützung, ihre erhabene Bestimmung für dieses Erdenleben und ihr glorreiches Ziel in der Ewigkeit zu erreichen. – Auch dir werden Zeichen und Beweise nicht fehlen, daß du dich im rechten, dir von Gott vorher bestimmten Stand befindest; noch weniger wirst du mit Grund und Recht dich beklagen dürfen, daß Gott dir seine Gnade nicht in reichlichstem Maße zuteile, daß dir der Katechismus nicht erklärt, daß Evangelium nicht gepredigt, das Gebet nicht gestattet oder der oftmalige Zutritt zu den heiligen Sakramenten verweigert werde; auch du kennst den großen Lohn in der Ewigkeit, über welchen du schon bei der heiligen Taufe mit dem Vater, Sohn und heiligen Geist einig geworden bist. Aber wie steht es um die Mitwirkung mit dieser Gnadenfülle?

2. Ihr ungleiches Erbe. Du kennst es von Beiden: Judas ging hin, verriet Jesum und – erhängte sich; Matthias ging hin, predigte Jesum und – starb für ihn den Märtyrertod. Judas wirkte mit der empfangenen Gnade nicht mit, sondern folgte seiner Begierde nach Geld und Besitz; er hörte nicht auf die Warnungen Jesu, sondern auf den Klang der Silberlinge; er trennte sich von Jesus, verriet Ihn und verzweifelte an seiner Barmherzigkeit; er vereinigte sich mit den Feinden des Erlösers, leistete ihnen mühsame Dienste in der Nacht und wurde dann von ihnen mit Hohn und Verachtung abgewiesen. Gemartert vom eigenen Gewissen, verlassen von der Gnade, verworfen von den Menschen, starb er an einem Strick, und seine Leichenrede war: „Besser wäre es, wenn dieser Mensch nie geboren worden.“ (Matth. 26) Matthias wirkte mit der Gnade treu mit, harrte aus in dem an Tröstungen und Freuden so reichen Dienst Jesu, rettete Tausende von Mitmenschen aus Sünde und Elend für den Himmel, wurde innig verehrt von der ganzen Christenheit und starb voll süßer Sehnsucht nach der seligen Ewigkeit auf dem Kampfplatz unsterblichen Ruhmes; seine Leichenrede hat der Evangelist Matthäus aufbewahrt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen und alles Böse mit Unwahrheit wider euch reden um meinetwillen. Freuet euch und frohlocket; denn euer Lohn ist groß im Himmel.“ (Matth. 5) Für dieses ungleiche Ende wirst du keinen anderen Grund auffinden, als die ungleiche Benützung der Gnade. Wünschest du immer und ewig glücklich zu sein wie der hl. Apostel Matthias, so darfst du nicht die Gnade mißbrauchen wie Judas, das sagt dir ganz klar deine eigene Vernunft und dein Rechtsgefühl, sondern du mußt mit der Gnade mitwirken, wie Matthias getan; die Entscheidung über deine Ewigkeit liegt somit in deiner Hand! –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 142 – S. 143

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