Monophysitismus

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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Monophysitismus

Monophysitismus, Irrlehre, die eine einzige Natur in Christus annimmt. Anlass war das Streben, die Einheit in Christus zu wahren gegenüber der Tendenz, das Menschliche in ihm hervor zu heben und damit eine teils nur gedankliche, teils auch sachliche Trennung des Göttlichen und Menschlichen herbei zu führen. Die „Einheitstendenz“ veranlaßte schon Arius und Apollinaris der Jüngere, das Menschliche in Christus zu verkürzen, indem die Seele geleugnet wurde. Anhänger des Apollinaris vertraten die Anschauung, das Fleisch Christi sei dem Logos gleich wesentlich. Die Formel des Apollinaris (…) klingt stark an den Monophysitismus an. Sie wurde von Cyrillus v. Alexandria übernommen als Waffe gegen Nestorius, fand aber z. T. schroffe Zurückweisung. Weder das Konzil v. Ephesus 431 noch die Union v. 433 legten den Kampf bei, der nach Cyrills Tod (444) heftiger entbrannte. 448 wurde Eutyches von einer Synode in Konstantinopel unter Flavian verurteilt, weil er die Gleichwesentlichkeit des Fleisches Christi mit dem unsrigen leugnete. Der alexandrinische Patriarch Dioskur trat auf die Seite des Eutyches, Papst Leo I. auf die Flavians, der von Leo die berühmte Epistola dogmatica erhielt. Eine von Theodosius II. nach Ephesus 449 einberufen Synode sprach unter Vorsitz des Dioskur den Eutyches frei (Räubersynode). Aber eine römische Synode verwarf diesen Beschluss. Nach dem Tode des Theodosius (450) verhandelte Kaiser Marcian mit Rom über eine neue Synode, die am 8.10.451 in Chalcedon zusammentrat (4. allgemeine). Auf ihr wurden sowohl 2 Briefe Cyrills als auch Leos Brief an Flavian bestätigt und ein Symbol aufgestellt. Dieses sprach sich für die Lehre von 2 Naturen aus, die zu einer Hypostase und Person zusammen gehen. Es wandte sich ebenso gegen die Trennungs- wie gegen die Unifizierungs-Tendenz. Das Wie der hypostatischen Union ist negativ ausgedrückt: ohne Verwandlung und Zusammenfließen (…), ohne Zerreißung und Trennung (…). Das Symbol fand im Orient starken Widerstand.

In der Lehre ging der Monophysitismus bald auseinander, einig allein im Kampf gegen die sog. Dyophysiten. Nur wenige hielten an Eutyches fest und bildeten dessen Lehre weiter bis zu einem Versinken der Menschheit in die Gottheit oder einer Verwandlung der Gottheit in das Fleisch, das ungeschaffen sei (Aktisteten), Einzelne, Phantasiasten genannt, verirrten sich bis zum Doketismus. Andere nahmen eine Verwandlung beider Naturen an. Die Mehrheit verwarf Eutyches und berief sich auf die durch das Chalcedonense überholte Lehre Cyrills v. Alexandria. Diese Christologie war an sich rechtgläubig. Das Henotikon des Kaisers Zeno sollte ihr zum Siege verhelfen. Aber die strengere Richtung des Monophysitismus verwarf dieses und trug seitdem den Namen Akephaler. Der Hauptvertreter des gemäßigten Monophysitismus war neben Philoxenus v. Mabbug Severus v. Antiochia. Eine Streitfrage zwischen ihm und Julian v. Halikarnaß führte zur Abspaltung der Aphthartodoketen (Julianisten, Gajaniten). Sie lehrten ein leidensunfähiges Fleisch Christi und bezeichneten die Severianer (Theodosianer) als Phthartolatrai. Im Kampf gegen die Aphthartodoketen bildete sich die Sekte der Agnoeten (Themistianer), die der menschlichen Seele Christi Unwissenheit zuschrieben. Der Gegensatz zu diesen ließ die Niobiten entstehen, die sich der Lehre des Eutyches wieder näherten. In der Gotteslehre glitten Johannes Grammaticus in den Tritheismus und der dagegen kämpfende Damian v. Alexandria in den Modalismus (Damianiten, Tetraditen). Der bedeutendste literarische Gegner des Monophysitismus war im 6. Jahrhundert Leontius v. Byzanz.

Die äußere Geschichte des Monophysitismus ist bedingt durch seine große Anhängerschaft und ist die Folge der wechselnden Politik des oströmischen Hofes, der zur Erzwingung der religiösen Einheit den Monophysitismus bald begünstigte, bald bekämpfte. Ein Aufstand in Palästina, wo Juvenal v. Jerusalem durch Theodosius vertrieben wurde, konnte 453 nur mit Mühe unterdrückt werden. In Ägypten wurde Proterius nach dem Tode Marcians 457 ermordet und Timotheus Älurus erhoben, der viele Bischöfe durch Anhänger des Monophysitismus ersetzte auf einer Synode das Chalcedonense verwarf. Er wurde 460 von Kaiser Leo I. verbannt und erhielt Timotheus Salophakialus zum Nachfolger. In Antiochia führten die Wühlereien des Petrus Fullo zur Amtsniederlegung des Gennadius, worauf Petrus den Bischofsstuhl bestieg. Er weihte nur dem Monophysitismus ergebene Bischöfe und führte in das Trishagion den Zusatz ein: „Der für uns gekreuzigt wurde“. Auch ihn setzte Kaiser Leo I. ab (470). Nach dessen Tod setzte der Usurpator Basiliskus die abgesetzten Bischöfe wieder ein und forderte in einem Enkyklion 475 die Verdammung des Chalcedonense, was 500 orientalische Bischöfe taten. Der Widerstand, den er in Konstantinopel fand, bewog ihn aber, durch ein Anti-Enkyklion den früheren Erlass aufzuheben. Zeno, der Basiliskus stürzte, bekämpfte anfangs den Monophysitismus, setzte in Antiochia Petrus wieder ab und in Alexandria Salophakialus wieder ein, dem aber die starke Partei des Monophysitismus den Petrus Mongus entgegen stellte. Dies führte zu neuen Wirren in beiden Städten. Petrus Mongus gelang es bald, mit Akazius v. Konstantinopel in Verbindung zu kommen. Auf des Akazius Rat erließ Zeno 482 das Henotikon, das den Eutyches zwar verwarf, aber dem Monophysitismus weit entgegen kam, da es die Christologie v. 431 als maßgebend vorschrieb und die Definition der beiden Naturen überging. Die meisten orientalischen Bischöfe fügten sich, während in Rom Felix II. den Akazius absetzte. Dies hatte das Akazianische Schisma zur Folge. Anastasius I. (491-518) begünstigte den Monophysitismus, der damals seine höchste Blüte erreichte (512 Severus Patriarch v. Antiochia). Mit Justin I. (518-27) erfolgte ein Umschwung der Politik des Hofes. Die dem Monophysitismus anhangenden Bischöfe wurden abgesetzt und die Verbindung mit Rom durch die Annahme der Formel des Hormisdas 519 wieder hergestellt. Verwirrung brachte jetzt der Theopaschiten-Streit. Justinian I. (527-65) war gegen den Monophysitismus versöhnlich. Durch Schriften und Religions-Gespräche hoffte er ihn zu gewinnen. Als er aber den Monophysiten Anthimus zum Bischof der Hauptstadt erhob, setzte Papst Agapet die Wahl des Menas durch. Auch die von Justinians Gemahlin Theodora betriebene Wahl des Vigilius zum Gegenpapst war für den Monophysitismus kein Erfolg; denn Vigilius bekannte sich zum Chalcedonense. Die Verurteilung der dem Monophysitismus verhaßten sog. Drei Kapitel 544 (543?) hatte den Dreikapitelstreit zur Folge. Zu dessen Beilegung wurde 553 ein Konzil nach Konstantinopel einberufen, das an der Verurteilung festhielt und die Formeln Cyrills im Sinne der späteren Lehre deutete (5. allg. Synode). 563 nahm sich Justinian der Aphthartodoketen an und geriet dadurch in Streit mit Eutychius v. Konstantinopel. Trotz allen Entgegenkommens wurde unter Justinian der Bruch endgültig. In Syrien begründete Jakob Baradai eine Hierarchie des Monophysitismus (Jakobiten). Auch Armenien und zeitweise Georgien traten dem Monophysitismus bei. In Ägypten behielt der Monophysitismus (Kopten) die Oberhand, wodurch auch Abessinien in den Monophysitismus hinein gezogen wurde. Die Erlasse Justins II. nahmen in Syrien und Ägypten nur die Melchiten an. Eine letzte Auswirkung des Monophysitismus war der Monotheletismus.

Die große Ausbreitung des Monophysitismus erklärt sich aus seinem religiösen Ernst. Die Vergöttlichung des ganzen Christus im Sinne des Monophysitismus erschien als Vorbedingung der eigenen Vergöttlichung. Die Bedeutung des Monophysitismus für die Dogmengeschichte besteht darin, daß er die Theologen nötigte, den Zusammenhang der Christologie Cyrills v. Alexandria und Leos aufzuweisen und den Unterschied von Natur und Hypostase in der Christologie heraus zu arbeiten. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 283 – Sp. 286

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