Die heilige Makrina die Jüngere

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

19. Juli

Heilige Makrina die Jüngere

(Erlösung vom Tod)

Man kann oft bei Todesfällen ein Jammern und Klagen der Hinterbliebenen hören, welches nicht nur alles vernünftige Maß überschreitet, sondern bis zur Gotteslästerung sich versteigt. Die Kirchenväter äußern sich mannigfach darüber, wie unchristlich und sündhaft ein solches leidenschaftliche Gebaren sei. Es ist natürlich und erlaubt, daß man bei dem Tod geliebter Freunde oder Angehöriger großen Schmerz empfindet und klagt und weint: der wahre Christ wird aber hierbei sich selbst beherrschen und, indem er sich dem Willen Gottes unterwirft, seinen Schmerz und seine Klagen mäßigen; denn er weiß, daß der Tod durch Christus seinen Stachel verloren hat, und für diejenigen, welche im Herrn sterben, nur eine Abreise ist an jenen Ort, wo alle gute Christen einander wieder finden. Ein hohes Vorbild, wie eine geheiligte Seele den Tod der Angehörigen und den eigenen aufnimmt, ist die hl. Makrina.

Sie war die Schwester der beiden Kirchenväter Basilius und Gregor von Nyssa. Als sie gestorben war, schrieb der hl. Gregor ihre Lebensgeschichte für seinen Freund Olympius; sie ist noch vorhanden, und ich will nun daraus einen Auszug geben.

„Als ihre Geburt bevorstand, träumte ihre Mutter Emelia, sie habe das Kind schon in ihrer Hand und dabei stehe Jemand von erhabenem Aussehen, der das Mädchen dreimal Thekla nannte und dann verschwand. Als Emelia erwachte, hatte sie eine ganz leichte Geburt. Thekla war somit der geheime Name des Kindes; die Erscheinung wollte damit wohl nicht anzeigen, wie das Kind genannt werden solle, sondern daß es in Gesinnung und Richtung ähnlich werde der Jungfrau Thekla, der berühmten Schülerin des Apostels Paulus.“
„Als die Tochter heran wuchs, zeigte sie einen sehr gelehrigen Geist; was auch die Eltern für geeignet hielten zum Lernen, darin zeichnete sie sich aus. Die Mutter studierte selbst, um im Stande zu sein, der Tochter Unterricht zu geben. Sie suchte in der hl. Schrift das aus, was sie für geeignet und leicht verständlich fand, um es ihr Kind lernen zu lassen, vorzüglich dasjenige aus Salomons Weisheit, was sich auf Leben und Sitten bezieht; desgleichen ging sie in festgesetzten Zeiten einen Teil der Psalmen mit dem Mädchen durch. Überall, wenn Makrina vom Bettlein aufstand, oder zum Lernen ging, oder zu lernen aufhörte, oder Speise zu sich nahm, vom Tisch aufstand, schlafen ging oder zum Gebet sich anschickte, über all war ihr beständiger Begleiter der Psalmen-Gesang.“

„Als Makrina zwölf Jahre alt war, fing ihre Schönheit an wunderbar aufzublühen; dieselbe war so außerordentlich, daß kein Maler im Stande war ein Bild zu malen, welches ihre Schönheit erreicht hätte. Deshalb wurde bei ihren Eltern von einer großen Menge junger Männer um die Hand ihrer anmutigen Tochter angehalten. Der Vater gab einem Jüngling, edel von Geschlecht und Sitten, den Vorzug und versprach ihm das Mädchen, wenn sie das nötige alter erreicht hätte. Der Verlobte zeichnete sich unterdessen aus durch die große Beredsamkeit, womit er als Anwalt die Angeklagten verteidigte: plötzlich aber riß der Tod den hoffnungsvollen jungen Mann hinweg. Makrina erklärte nun auf das Bestimmteste, sie wolle keinem Andern ihre Hand geben, als wieder Viele sich darum bewarben; der Vater habe sie einem verlobt, man dürfe sich nicht zwingen, jetzt einen Andern zu ehelichen; denn es gebe von Natur nur eine einmalige Ehe, wie es auch nur einmalige Geburt und einmaligen Tod gibt. Der aber, welchem sie von den Eltern verlobt worden, sei nicht tot, sondern lebe vor Gott gemäß der Hoffnung der Auferstehung; er sei daher nur anzusehen, wie einer, der verreist ist, und es wäre Unrecht, dem verreisten Bräutigam die Treue nicht zu bewahren.“

„Mit solchen Erklärungen wies Makrina diejenigen ab, welche ihr eine Verehelichung einreden wollten, und entschloß sich dafür stets bei ihrer Mutter zu bleiben. Makrina unterstützte sie mit solcher Emsigkeit und Geschick im Hauswesen, daß sie gleichsam mehrere Mägde auf einmal ersetzte. Insbesondere beteiligte sich Makrina auch bei der Erziehung ihrer jüngeren Geschwister, da außer ihr die Mutter noch vier Söhne und fünf Töchter bekam. Als ihr Bruder Basilius sich in den Wissenschaften ausgebildet hatte und nach Hause zurück kehrte, glaubte Makrina, er werde bei seinem großen Talent nun sehr hochmütig auf seine Kenntnisse und Beredsamkeit sein; sie brachte ihm aber bald eine ganz andere Weisheit bei, nämlich daß er alles Ansehen vor der Welt verachtete, und in Armut und Strenge ein gottseliges Leben führte. Ihre Mutter aber beredete sie (der Vater war tot), eine vollkommenere Lebensordnung anzufangen, und mit ihren bisherigen Mägden zu einer religiösen klösterlichen Genossenschaft sich zu verbinden, so daß sie nicht mehr Mägde, sondern Schwestern wären.“

Makrina`s Sterben und Tod

„Als ich nun wieder zu ihr kam, erzählte sie Alles, was sie von ihrer Kindheit an noch wußte, und von den Eltern und von mir; sie tat dieses um sich und mich zum Dank gegen den Geber alles Guten zu erwecken. Den andern Tag war deutlich zu sehen, daß das Fieber den Rest ihrer Kraft aufgezehrt habe und es zu Ende gehen werde. Sie aber schaute mit erhabener Ruhe auf ihr vergangenes Leben und den herannahenden Tod und redete in einer Weise, daß sie mir nicht mehr wie ein Mensch vorkam, sondern wie ein Engel, der durch Gottes Anordnung menschliche Gestalt angenommen habe. Wie sie im Leben nach dem, was angenehm ist, niemals ihre Augen gerichtet hatte, so konnte auch jetzt die Todesnot des Leibes ihre Seele nicht in Unruhe oder Verwirrung herab ziehen, sondern es offenbarte sich die darin verborgene Liebe und Herzens-Sehnsucht zu ihrem göttlichen Bräutigam.“

„Schon neigte sich die Sonne dem Untergang zu, aber sie verlor die Heiterkeit des Geistes nicht. Je näher es dem Ende zuging, desto heller schien sie die Schönheit des geliebten Herrn zu erschauen; sie redete nicht mehr mit uns, sondern mit ihm; die Hände gefaltet sprach sie halblaut, so daß wir Mühe hatten sie ganz zu verstehen, Folgendes: „Du, o Herr, hast des Todes Furcht uns abgestreift; du hast gemacht, daß dieses Lebens Ende uns der Anfang des wahren Lebens sei. Du übergibst unsere Körper auf eine Zeit dem Schlaf, und weckst sie wieder aus dem Schlaf durch den letzten Posaunenschall. Du hinterlegst unser Erdhaftes, das du mit deinen Händen gebildet, wie ein Pfand in die Erde, und was du ihr gegeben hast, nimmst du später wieder zurück; was in uns sterblich und unschön ist, schmückst du mit Unsterblichkeit und Anmut. Du hast uns frei gemacht vom Fluch und von der Sünde, indem du selbst beides für uns geworden bist. Du hast die Pforten der Unterwelt zerbrochen, den besiegt, der die Herrschaft des Todes hatte, und uns zur Auferstehung das Tor geöffnet. Du hast zu des Feindes Verderben und zum Schutz unseres Lebens denen, die dich fürchten, ein Zeichen gegeben, das Zeichen des hl. Kreuzes. Ewiger Gott, dem ich zugesprochen bin vom Mutterleib an, den aus allen Kräften liebt meine Seele, dem ich Leib und Seele von meiner Jugend an bis zu dieser Stunde geweiht habe, gib du mir den Engel des Lichtes, der mich führe an den Ort der Kühlung, wo das Wasser der Ruhe ist, in den Schoß der heiligen Väter. Du, der du zerbrochen hast das Flammenschwert, und den Menschen, der mit dir ans Kreuz geheftet war und sich zu deiner Barmherzigkeit geflüchtet hat, dem Paradies zurück gegeben hast, gedenke auch meiner in deinem Reich. Denn auch ich bin mit dir gekreuzigt, indem ich mein Fleisch mit deiner Furcht durchstochen habe. Mögen meine Sünden vor deinen Augen getilgt sein; wenn ich wegen der Schwäche menschlicher Natur gefallen bin und gesündigt habe, durch Wort oder Werk oder Gedanken, so verzeihe mir es, der du Gewalt hast auf Erden Sünden zu vergeben, damit meine Seele nach Auskleidung des Leibes vor deinem Angesicht fleckenlos befunden und wie Weihrauch von dir angenommen werde.“

„Indem sie dieses sprach, machte sie das Kreuzzeichen auf Augen, Mund und Herz. Die Zunge aber, allmählich vom Fieber ausgetrocknet, konnte keine Worte mehr hervor bringen. Nur an der Bewegung ihrer Lippen und Hände bemerkte man, daß sie ihr Gebet fortsetze. Als es vollends dunkel geworden und ein Licht herein gebracht wurde, richtete sie ihren Blick darauf und bemühte sich alsbald in gewöhnter Weise ihr abendliches Dankgebet zu verrichten, was sie aber nur innerlich tun konnte. Als sie dasselbe geendigt und die Hand zum Bekreuzen des Gesichts bewegte, holte sie noch einmal tief Atem und endigte mit einander das Gebet und das Leben.“ –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 3 Juli bis September, 1872, S. 109 – S. 116

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